Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Mehr zu den Mini-Atombomben

Hadmut
13.11.2020 10:35

Erstaunlich, was man so alles erfährt.[Nachtrag]

Ich hatte doch erzählt, dass ich in dieser Spezialsperrkompanie war, die zusammen mit den Amerikanern so ganz kleine Atombömbchen legen sollte, die da lokal irgendwas kaputt machen und radioaktiven Dreck verteilen.

Ein Leser hat sich bei mir gemeldet und erläutert, dass es da nur um die Zerstörung von Infrastruktur ging, nicht den radioaktiven Dreck ging. Von dem bisschen Leicht-Strahlung hätten sich die Russen nicht aufhalten lassen. Das dazu passt, dass wir uns damals mit Straßensprengschachtanlagen, dem Zerstören von Brücken und sowas beschäftigt haben. Wir waren die, die alles kaputt kriegen. Unser Auftrag war, die Russen am Übertritt zu hindern, und es wurde auch gesagt, dass wir das dies und das kaputt machen, aber weil in der Zeitung gleichzeitig was über diese „schmutzigen Bomben” stand, war uns natürlich klar (oder schlussfolgerten wir mehr oder weniger richtig), dass es um radioaktiven Dreck ging. Ich hatte da vielleicht noch Glück, im Fernmeldezug zu landen, der das aus der Entfernung koordinierte, aber der Zimmerkumpel war Kradmelder für den Zug, der die Dinger legen sollte, und die waren sich schon im Klaren, dass sie im Zweifelsfall da auch nicht mehr wegkämen, und zusammen mit dem Ding hochgingen. Das würde man wegen ein paar Pappnasen von Gefreiten, Unteroffizieren und nem Feldwebel nicht riskieren, solcher Dinger unbeaufsichtigt da rumstehen zu lassen, bis die Leute alle weg sind, um die Russen aufzuhalten.

Der Brüller daran: Er ist Ossi und war in einer Einheit der NVA (!), in der auch Leute dafür ausgebildet wurden, um in die Gebiete „einzusickern” und genau diese Bomben, die wir da legen sollten, zu entschärfen.

Was es nicht alles gibt.

Wenn ich überlege, wie fahrlässig die damals mit den technischen Unterlagen umgegangen sind… Die haben mir damals als kleinem Grundwehrdienst-Gefreiten (allerdings mit Sicherheitsüberprüfung, weil ich mal versucht hatte, den Heli-Pilotenschein zu bekommen, für die entsprechende Laufbahn aber bei der Aufnahmeprüfung nicht schnell genug ein Seil hochklettern konnte) bei Beendigung des Kompanieauftrages ein paar Kisten mit Akten gegeben und gesagt, dass ich die mit dem VW-Bus alleine mal in die XY-Kaserne fahren soll, weil die dort einen großen Aktenvernichter haben, damit das vernichtet werde. Ich dachte, ich gebe die Kartons dort nur ab. So lautete der Auftrag. Nöh, meinten die dort, das machste mal schön selbst, für sowas hätten sie keine Zeit. Haben mir den Raum mit dem Aktenvernichter aufgeschlossen, gezeigt, wie das Ding geht, und mich dann alleine gelassen. Das Ding hatte so ein Gummifließband, das die Akten in ein abgedecktes Shredderwerk gezogen hat, auf dem man die Akten dünn verteilen musste. Also nicht einfach einen Stapel reinschmeißen, sondern sondern dafür sorgen, dass das Band so nacheinander die Blätter mehr oder weniger einzeln oder nur wenige zusammen in das Ding reinzieht. Ich musste also die ganzen Kartons aufmachen und die Stapel da in Einzelblätter zerlegen. Das hat nicht nur gedauert, ich war damit ziemlich lange beschäftigt, sondern habe damit auch im Prinzip fast jede Seite gesehen. Und habe dabei gesehen, dass das auch die technischen Handbücher der Bomben waren. Man kommt sich komisch vor, wenn man als Grundwehrdienstsoldat eingezogen wird und dann die Bedienungsanleitung für eine Atombombe in den Shredder steckt. Hätte ich problemlos auch abfotografieren können, ich war ja für längere Zeit (weiß nicht mehr, so ein oder zwei Stunden mindestens) ganz alleine da drin. Mein Feldwebel bekam so eine tarngrüne Gesichtsfarbe, als ich das hinterher erzählt habe, weil er fragte, warum ich so lange weg war.

Wenn man so mit den Bedienungsanleitungen umgeht, muss man sich auch nicht wundern, dass die NVA Leute ausbilden konnte, die die Dinger wieder abschalten.

Als ich noch in Dresden wohnte, erzählte mir mal einer, ihnen hätten sie bei der NVA im Grundwehrdienst gesagt, es sei völlig einfach und gefahrlos, in die Bundesrepublik einzumarschieren, man müsse es nur im Wochenende machen, weil die bei der Bundeswehr übers Wochenende alle nach Hause fahren, da sei da einfach keiner da.

Nachtrag: Wenn ich die Anleitungen hätte beseite schaffen wollen, hätte ich die nicht mal abzufotografieren gebraucht. Ich hätte sie einfach behalten können. Es hat ja kein Mensch nachgeprüft, was ich da in den Aktenvernichter stecke und was nicht. Ich hätte das völlig unbemerkt einfach zurück in den VW-Bus legen oder erst gar nicht rausnehmen können. Das hätte niemand gemerkt, wenn ich da unterwegs ein paar Kisten woanders ausgeladen oder im großen Ladefach unter der Ladefläche (VW-Busse mit Ladefläche hatten ein ziemlich großes, quer durchgehendes Fach unter der Ladefläche) weggepackt hätte. Im Gegenteil: Dann hätten sie nicht mal gefragt, wo ich so lange gewesen sei.