Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Gewaltvideos – Gewaltkult

Hadmut
2.11.2020 19:43

Gewaltige Zeiten werden auf uns zukommen. Gewalttätige Zeiten.

Ich war ja immer der Meinung, dass ich mit der Wahl meines Geburtsjahres trotz allem noch Glück gehabt habe. Der zweite Weltkrieg lag lange genug zurück, dass in meiner Kindheit nur noch wenige Ruinen standen (obwohl ich meine ersten Lebensjahre auch in einem Haus verbracht habe, dessen Dachstuhl vom Einschlag einer Weltkriegsbombe beschädigt und mittelprächtig repariert war, von außen sah man es nicht mehr, von innen schon), und im Prinzip alles Wichtige wieder aufgebaut war und wir eine funktionierende Gesellschaft hatten.

Hunger musste ich nie leiden, nie frieren, hatte medizinische Versorgung (wenn mitunter auch mit monatelangen Wartezeiten), keine ernstliche Bedrohung durch Gewalt, kein Bürgerkrieg, keine Unruhen, keine schweren Naturkatastrophen. Nur zweimal echte Mängelerscheinungen, in den Siebzigern die Ölkrise und das Sonntagsfahrverbot und 2020 die Klopapierkrise. Der kalte Krieg war vergleichsweise angenehm und beschaulich und rückwirkend betrachtet ein wohltuender Garant gewisser Stabilität. Dafür die Digitalisierung, Computer- und Internetära, Online-Einkauf, Billigflüge und Synthetiksocken miterlebt.

Man wird in der Menschheitsgeschichte schon suchen müssen um einen Ort und Zeitraum von 50 Jahren finden zu können, in dem man so bedrohungsfrei leben konnte.

Ich halte gelegentlich Vorträge zur Sicherheitssensibilisierung und darin – obwohl es nicht mein Fach ist, aber wenn man die Leute schon beisammen hat – auch immer ein paar Worte zur Arbeitssicherheit, Fluchtwege und sowas. Und weise dabei immer darauf hin, dass wir in unseren Kulturkreisen das „Problem” haben, dass die Leute Gewalt nur noch aus dem Fernsehen kennen und (erinnert sich noch jemand an Tugce?) nicht von der Gefahr weg, sondern zur Gefahr hinlaufen, und mit dem Handy nicht Hilfe rufen, sondern Youtube-Videos drehen. Symptome einer Gesellschaft, die Gefahr nicht kannte.

Die Tage schickte mir jemand einen Link auf ein Video aus dem Kongo, wo man einen – angeblichen – Dieb einfach vor versammelter Dorfgemeinschaft bei lebendigem Leibe verbrannt. Er sitzt da mittem im Feuer, bewegt sich noch, und sie stehen jubelnd außenrum und schauen zu und nehmen das mit den Handys auf Video auf. Kann man hier nicht wiedergeben, wäre womöglich strafbar oder zumindest macht man sich Ärger.

Es gibt zumindest einen Eindruck davon, dass es da gewisse kulturelle (genetische?) Unterschiede im Verhältnis zur Gewalt gibt. Man kann im Prinzip live und in Farbe sehen, wie das bei Hexenverbrennungen so abgelaufen sein muss. Die gelegentlich zu findende Behauptung, dass die das selbst nicht mehr mitbekommen haben, weil sie durch Rauch und Gase schon bewusstlos oder tot waren, dürfte nicht zutreffen. Berichte einer johlenden Meute wohl schon.

Der tote Feuerwehrmann von Augsburg

Könnt Ihr Euch noch erinnern, dass im Dezember 2019 in Augsburg ein Feuerwehrmann zum Spaß erschlagen wurde?

Der Bayerische Rundfunk berichtet über den Täter:

“Kö-Prozess”: “Widerwärtige” Gewaltvideos auf Angeklagten-Handy

Als Zeuge trat unter anderem auch ein Ermittler und Technikexperte auf, der die Handys der Angeklagten untersucht hatte. Der Zeuge erklärte, dass darauf explizite Gewaltdarstellungen zu sehen seien. Auf dem Telefon des Hauptangeklagten wurden “sehr widerwärtige” Videos gefunden, etwa wie ein Mann festgehalten und ihm von einem Hund der Penis weggebissen wird. Oder ein Video, auf dem eine dunkelhäutige Frau bei vollem Bewusstsein geköpft wird.

Es sind laut Ermittler auch Videos aus Augsburg gefunden worden, etwa vor der Augsburger Citygalerie, wo sich Jugendliche geprügelt haben sollen. Die zeitliche Zuordnung der Daten sei aber nicht einfach, zumal das Handy zuvor (bis Mitte Oktober 2019) im Besitz des Bruders der 17-jährigen Hauptangeklagten gewesen sei.

Insgesamt seien über 2.500 Videos auf dem Handy gewesen. Gesichtet worden seien von der Polizei nur Clips von einer gewissen Dateigröße. Gefunden worden sei auch ein Suizidvideo, das zeigt, wie ein Mann “sich mit einer Schrotflinte den Hinterkopf wegschießt, auf den Boden fällt und ausblutet”, so zitiert Staatsanwalt Michael Nißl bei der Zeugenbefragung aus den Akten.

und in einem anderen Artikel

Am fünften Prozess-Tag um den in Augsburg getöteten Feuerwehrmann wurden vor Gericht brutale Gewaltvideos vom Handy des Angeklagten gezeigt. Für Prozessbeobachter waren die grausamen Szenen kaum auszuhalten. Viele Zuschauer reagierten fassungslos.

Kaum auszuhalten waren die Videos für die Prozessbeobachter, die die Kammer am Donnerstag im Augsburger Prozess um den getöteten Feuerwehrmann vorgespielt hat. Es handelt sich um explizite Gewaltvideos, auf denen Menschen bestialisch gequält oder getötet werden oder sich selbst mit einer Schrotflinte erschießen. Sie sind auf dem Handy des 17-jährigen Hauptangeklagten sicher gestellt worden.

Viele Zuschauer im Gerichtssaal wandten sich ab und schüttelten fassungslos den Kopf. Zwei der Angeklagten hielten die Köpfe gesenkt, der Hauptangeklagte schaute immer wieder hin. Gestern hatte ein Zeuge der Kripo bereits die Inhalte geschildert. Die zeitliche Zuordnung der Videos sei aber schwierig. Hinzu komme, dass der Angeklagte das Handy von seinem älteren Bruder übernommen habe.

Hauptangeklagter in U-Haft sehr aggressiv

Vor Gericht hatte am Dienstag der Leiter der JVA Neuburg/Donau ausgesagt – dort sitzt der 17 Jahre alte Hauptangeklagte in U-Haft. Der Regierungsdirektor machte deutlich, dass das Verhalten des Jugendlichen in der U-Haft “ungebührlich, aggressiv, und verbal sehr forsch” gewesen sei. […]

Auch zur Tat selber habe er sich geäußert: Der Anstaltsleiter schildert, dass der Jugendliche Mithäftlingen gegenüber gesagt haben soll: “Ihr seid kleine Wichtigtuer, ich habe schon einen tot geschlagen!” Während der Zeuge diese Aussage machte, drehte sich der Angeklagte zu seinem Anwalt um und schüttelte den Kopf.

und

“Er muss auch aufhören zu glauben, dass er immer der ist, der benachteiligt wird”, so der Gefängnisleiter.

Wir haben in enormem Umfang Gewalt und Gewaltsucht importiert.

Ich glaube, das wird noch zu starken Veränderungen im Zusammenleben führen. Ich kann mir gerade nicht vorstellen, dass unsere Zukunft so gewaltarm sein wird, wie ich das bisher erlebt habe.

Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und Katrin Göring-Eckardt freut sich darauf.