Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Root of trust: Wie soll man als junger Mensch noch wissen, was man glauben kann?

Hadmut
24.9.2020 13:55

Leser fragen – Danisch antwortet.

Zu meinem Blogartikel mit den beiden singenden Deep-Fakes (es ist erstaunlich, wie gut manche der Deep Fakes sind, die man auf youtube findet, in denen sie – das ist so eine Standard-Übung – in Filmausschnitten die Schauspieler austauschen, und das oft so gut, dass es nicht auffallen würde, wenn nicht Deep Fake dranstünde und man die Originalversion so gut kennen würde) schreibt mir ein Leser über ein Gespräch mit seiner Tochter:

Hallo Hadmut,

wie soll man eigentlich noch wissen was man glauben kann? Gerade als junger Mensch, der in der Kakophonie verschiedenster Medienkanäle aufwächst. Was ist seriös und was nicht – und wer von den beiden lügt mehr? Es fehlt ein Root of trust.

Ich hatte diese Diskussion gerade mit meiner Tochter (20) und keine gute Antwort.

Die zentrale Frage: Wie soll man als junger Mensch noch wissen, was man glauben kann? Wenn man in der Kakophonie verschiedenster Medienkanäle aufgewachsen ist?

Ich will es mal so sagen:

Sich diese Frage zu stellen, damit also das Problem zu erkennen, ist schon ein ziemlich guter Anfang.

Der zweite wichtige Punkt darin ist, zu erkennen, dass es etwas mit „jung” zu tun hat. Das Erkennen, was man noch glauben kann, hat, auch wenn sich das jetzt platt anhört, ein signifikant quantitatives Fundament. Herkömmlich ausgedrückt: Lebenserfahrung.

Es hat einfach damit zu tun, dass man mit einem gewissen Lebensalter auch schon verschiedene Moden und Strömungen miterlebt und deren Scheitern und Selbstwidersprüchlichkeit erkannt hat. Bei uns nannte man das früher „Altersweisheit” (heute: „Alte weiße Männer”). In Asien heißt es, dass die Weisheit in den Ohrläppchen sitzt. Weil alte Menschen weise sind und lange Ohrläppchen bekommen (Korrelation=Kausalität). Deshalb haben Buddha- und ähnliche Statuen von alten Männern dort fast immer riesige, sackartige Ohrläppchen. Es hat damit zu tun, all den Lügnern einfach mal eine Weile zuzuhören, weil die Lüge nicht konsistent ist, und die sich irgendwann immer widersprechen oder die Richtung wechseln (Ozeanien war nie im Krieg mit Eurasien).

Deshalb sollte man sich einfach mal mit dem Geschwätz zurückhalten, dass die Jugend (Klima und so) alles besser weiß und mit 16 schon wählen will. Nach meiner Lebenserfahrung setzt das Erwachsen werden erst so Richtung 30 ein, und nicht umsonst hieß es bei den linken 68ern „Trau keinem über 30” – weil sie die nicht mehr hinters Licht führen konnten.

Kein schlechter Ansatz ist in diesem Zusammenhang, das Gespräch – wie es der Leser ja beschrieben hat – mit den eigenen Eltern zu suchen.

Eines der wichtigsten Gespräche, die ich in dieser Hinsicht überhaupt je geführt habe, war das hier im Blog schon unzählige Male angeführte – so im Nachhinein betrachtet viel zu kurze – Gespräch mit meiner Großmutter über die Frage, wie man das denn glauben soll, was im dritten Reich passiert ist und man es nicht gewusst haben will und so weiter. Die authentische, ehrliche und glaubwürdige Antwort meiner Großmutter als Zeitzeugin war die vermutlich wertvollste Quelle. Als ich das wiedergab, was sie gesagt hatte, schrieben mir eine ganze Menge Leute, das könne gar nicht sein, sie müsse gelogen haben, nur zur Wehrmacht sei man zwangseingezogen worden und die Wehrmacht könnte gar nicht involviert gewesen sein. Dann aber schrieben mir zwei Historiker, die sich hauptberuflich und jahrelang mit dem Thema befasst hatten, dass sie wissen und gute Belege dafür haben, dass das genau so stimmte, was sie mir gesagt hatte. Man hatte es gewusst, und sie hatte mir das nicht nur bestätigt, sondern auch gesagt, wann und woher man es gewusst hatte. Aber auch, warum es da dann zu spät war, um noch zu reagieren. Ich kann mich nicht erinnern, das je in irgendeiner 3.-Reich- oder Holocaust-Ausstellung so erklärt bekommen zu haben. Müsste ich mich bei dem, wem ich glaube, entscheiden, ob ich meiner Großmutter oder den unzähligen Ausstellungen und Filmen und Lehr- und Gedenkveranstaltungen glaube, was die etwas abweichenden Details angeht, so würde ich ganz klar meiner Großmutter glauben. Nicht, weil sie meine Großmutter war. Sondern weil es konsistenter, logischer, nachvollziehbarer, einfach näher an der Lebenswirklichkeit war, was sie sagte.

Und vor allem: Weil sie keinerlei politisches Interesse damit verfolgte. Und mir das auch nicht aufgedrängt hatte. Ich hatte gefragt, und ich hatte eine Antwort bekommen.

Auch das ist sicherlich ein Ansatzpunkt: Jedem zu misstrauen, der eine politische Agenda verfolgt, vor allem einen zu einem Handeln oder Unterlassen drängen will, und einen ungefragt und unbestellt belehren will.

Ein prägendes Aha-Erlebnis hatte ich dazu im Lateinunterricht. Das Verb persuadere. Ein und dasselbe Wort kann je nach Grammatik außenherum zwei verschiedene, geradezu gegensätzliche Bedeutungen haben. Mit ACI (Accusativus cum Infinitivo, im Deutschen „dass …ist”) heißt es überzeugen. Überzeugen steht grammatikalisch damit, dass etwas so und so ist. Steht es aber mit ut und Konjunktiv, dann heißt es überreden, etwas zu tun.

Die alten Römer waren also schon so schlau, dass sie die Überzeugung auf einen Sachverhalt und das Überreden auf eine künftige Handlung bezogen.

Deshalb sollte man jedem misstrauen, dessen Auftreten nicht auf Wissen, sondern auf ein Handeln hinauslaufen will. Immer dann, wenn jemand nicht Wissen teilt, sondern das vorrangige Ziel verfolgt, jemanden zu einem Handeln (oder Unterlassen) zu bewegen, sollte man überaus misstrauisch und vorsichtig sein.

Befassen sollte man sich unbedingt mit Marxismus, Kommunismus, Sozialismus, Frankfurter Schule, Poststrukturalismus, Soziologie. Dieser Sekte, die die Biologie und Natur verleugnet, ablehnt, und stattdessen behauptet, dass alles nur auf Sozialisierung und Diskursen beruht und es eine Wahrheit gar nicht gibt, alles immer nur Ergebnis von Machtverhältnissen sei. Diese Leute kennen keine Wahrheit, die Beliebigkeit es Lügens ist Teil ihrer Ideologie der Beliebigkeit und Austauschbarbkeit von Behauptungen. Dass sie die Welt nicht beschrieben, wie sie ist, sondern darauf fixiert sind, die von ihnen gewünschte Welt zu erschaffen, indem die „Diskurse” die Welt immer nur so darstellen, wie sie sie haben wollen, weil sie glauben, dass sie dann so wird. Man muss verstanden haben, dass diese Ideologie und ihre Anhänger notorisch, krankhaft, permanent lügen, weil das Lügen elementarer Bestandteil ihrer Ideologie ist, sie die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge ablehnen, sie aber die derzeit vorherrschende Gesellschaftsströmung und für die Medien maßgeblich sind. Sie haben die Medien übernommen.

Man muss sich klar machen, dass genau dieser beschriebene Zustand der Orientierungslosigkeit, des nicht mehr wissens, was man noch glauben kann, genau das ist, was diese Leute ideologisch bezwecken, der Zustand, der hergestellt werden soll, um die Leute ideologisch empfänglich zu machen. Orwell beschrieb es mit Zimmer 101, in dem man lernen soll, nicht mal mehr den eigenen Augen zu trauen, ob man vier oder fünf Finger gezeigt bekommt. An den Universitäten wird Wissenschaft als willkürliche Behauptung des weißen Mannes abgelehnt, 2+2=4 nur als willkürliche Machtsetzung hingestellt, Geschlecht sei nur eine Erfindung böser weißer Männer. Judith Butler, Gender Trouble, die Genderistenbibel. Da geht es nur darum, die Leute zu verunsichern, einfach nur Durcheinander zu veranstalten.

Die Frage, wem man noch glauben kann, wird etwas einfacher, weil geringvolumiger, wenn man die sicheren, weil ideologisch motivierten Lügner schon mal von vornherein rausstreichen kann. Das heißt nicht, dass man ihnen nicht mehr zuhören sollte. Was sie treiben, sollte man schon wissen. Es heißt, dass man ihnen nichts glauben sollte.

Es ist Ziel heutiger Politik und Medien, Leute zutiefst zu verunsichert und zu desorientieren, weil man der marxistischen Auffassung ist, dass jeglicher gesellschaftlicher Orientierungspunkt zu „Nazi” wird, weil jegliche Orientierung zu einer Unterscheidung in sich und andere führt. Deshalb versucht man mit allen Mitteln, jeden Anhaltspunkt, alles, was man für sicheres Wissen halten könnte, jedes Identitätskriterium, ob Geschlecht, Hautfarbe oder auch einfach nur 2+2=4 zu zertrümmern. Um den völlig willenlosen, eigenschaftslosen Menschen zu schaffen. Es geht dabei nicht um Diversität. Es geht um die Schaffung der Eigenschaftsblindheit. Mal will gar keine diverse Gesellschaft, sondern eine, die trotz aller Unterschiede völlig homogen ist, weil wir nicht mehr befähigt sind, irgendetwas wahrzunehmen. Und das führt über die völlige Orientierungslosigkeit. Vier Finger? Fünf Finger?

Ich entstamme einer Generation – die Baby Boomer – die dagegen noch ziemlich resistent war, weil wir mit Naturwissenschaften und der Kategorie C64 aufgewachsen sind, den ersten Computern. Wir haben gelernt (Physik, Mathematik), empirisch-naturwissenschaftlich zu überprüfen und nichts per se zu glauben, knallhart zu beweisen und zu widerlegen. Und wir sind die erste Computer-Generation, die Pioniere, wir waren auf uns selbst gestellt, keiner vor uns, der uns da was erzählen konnte. Deshalb will man uns, die wir heute die „alten weißen Männer” sind, unbedingt loswerden.

Das ist der Grund, warum man Physik und Mathematik in den Schulen zurückfährt und das alles ins Soziale zieht, in die Willkürlichkeit des Geschwätzes.

Das ist jetzt kein Patentrezept, keine Lösung des Problems.

Kann es auch nicht, weil das unlogisch wäre. Dann hätte man ja wieder jemandem (mir) geglaubt.

Die junge Generation muss sich das (wie wir damals auch) selbst erarbeiten.

Aber erkannt zu haben, dass man den Medien und der Politik und einfach niemandem da noch trauen kann, ist schon mal ein super Anfang. Darauf lässt sich bauen.

Und dann kann ich eben mit meinem Hintergrund nur raten: Naturwissenschaften. Mathematik. Experimente. Physik. Weil man dabei einfach lernt, gar nicht mehr an irgendwas zu „glauben”, sondern rigoros zu prüfen, zu verifizieren, zu falsifizieren, in Theorie, Postulat, Hypothese, Wissen zu unterscheiden. Es schult ungemein. Man sollte gar nicht glauben, dass eine Torsionsdrehwaage zu den Lebensweisheiten gehören könnte – und doch: Wie oft habe ich den Gedankengang, der dahintersteckt, nämlich Messfehler durch Drehen der Messung in die andere Richtung zu kompensieren, schon hier im Blog verwendet?

Freilich hatten wir damals noch den Vorteil, dass wir das noch in der Schule gelernt haben.

Bei uns wusste noch jeder, was ein Bunsenbrenner ist und wie man ihn benutzt, weil wir Chemieunterricht hatten, in dem noch jeder selbst irgendwas produziert hat, was heiß wird und stinkt.

Wehrt Euch.

Übt zu denken.

Hört auf, zu „glauben” oder „nicht zu glauben”. Lernt das empirische Prüfen, das logische Denken, die Systematik des Beweisens, das Häckseln des Geschwätzes.

Ihr müsst dann irgendwann begreifen, dass die Frage, wem man „glauben soll”, eigentlich fundamental falsch ist, weil „glauben” die von vornherein falsche Herangehensweise ist.

Gruß an das Fräulein Tochter. Die Frage zu stellen ist schon ein sehr guter Weg.