Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Alarmfax am Alarmtag

Hadmut
10.9.2020 19:13

Eieieiei, ist das schlimm. [Nachtrag]

Heute war doch Alarmtesttag.

Eigentlich wollten sie ja auf Sirenen und sowas setzen.

Kenne ich noch aus meiner Kindheit. Als ich Kind war, liefen – wenn ich mich richtig erinnere – einmal im Monat die Luftschutzsirenen an. War das nicht immer der erste Dienstag im Monat um 11:00 Uhr? Dreimal. Langer Ton. Auf-ab-auf-ab-Geheul. Langer Ton. Fand ich immer sehr beeindruckend, wir hatten nämlich die Sirene direkt auf der Grundschule obendrauf.

Und woran ich mich auch noch erinnern konnte: Der Hausmeister der Grundschule hatte für den Notfall mit Stromausfall noch eine Luftschutzhandsirene mit einer Kurbel. Die hat er uns nämlich mal vorgeführt, auf die war er sehr stolz. Hatte so einen Ständer mit einem Blechwinkel auf dem Boden, auf den man sich draufstellen musste, damit die nicht umfallen kann. Und dann hat man nach Kräften gekurbelt, drinnen irgendwie eine rotierende Blechscheibe mit Löchern (genau habe ich es nicht verstanden), und der Hausmeister hatte einen Riesen-Spaß. Am Gymnasium hatten wir nur eine Taschensirene, gleiches Prinzip, nur kleiner, die man irgendwo ans Geländer oder sowas hängte und dann unten an einem Riemen ziehen musste.

Das lag daran, dass man den Krieg noch kannte, den kalten Krieg noch hatte, dafür aber kein anderes schnelles Kommunikationsmedium hatte, mit dem man alle Leute schnell erreichen konnte, auch wenn sie gerade nicht Radio hörten.

Anfangs war das noch klar, was die Signale bedeuteten. Auf-ab heißt Katastrophenfall. Auf-ab mit Unterbrechungen bedeutet ABC/Luftalarm. Langer Ton heißt Entwarnung. Hatte sich halt im 2. Weltkrieg so ergeben.

Später änderte man das auf Auf-ab bedeutet „Schalte das Radio ein und höre hin, was sie Dir sagen!” Das war, als man genug Transistorradios hatte und nicht mehr erst warten musste, bis die Röhrenradios warm sind. Und es die auch mit Batteriebetrieb gab. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir unser erstes Transistorradio hatten. Ein unfassbar neuer Gedanke, dass man ein Radio mit ins Freibad nehmen konnte. Bis dahin waren das so große Möbel, die viel Strom brauchten. Wobei ich als kleines Kind sogar schon ein früheres China-Dings hatte, aber das konnte nur Mittelwelle. Weiß noch irgendwer, was ein Transistorradio ist? Oder ein Transistor?

Irgendwann war der Alarm nur noch da, um die freiwillige Feuerwehr nachts aus dem Bett zu holen.

Nun sollte also heute Alarmtag sein. Nach Jahrzehnten mal wieder testen. Wobei sie gleich sagten, dass in Berlin nichts heulen wird, weil Berlin gar keine Sirenen mehr hat. Man setze eher auf Smartphones, NINA. Mir wäre aber nicht aufgefallen, dass sich NINA bei mir gemuckst hätte, und auch jetzt ist zumindest keine Meldung mehr da.

Von vielen Orten hieß es, da hätten die Sirenen gar nicht funktioniert. Oder sich wie ein Schwan mit kaputtem Auspuff und Liebeskummer angehört:

Das wäre dann doch eher ein Fall für den Veterinär und den Gnadenschuss.

Vielleicht sollte man mal bei den Moscheen vorsprechen, ob man sich nicht noch auf deren Muezzin-Lautsprecher aufschalten darf, die funktionieren wenigstens, neulich sogar in Berlin.

Nun schreibt mir einer:

Gerade habe ich mich mit einem Bekannten unterhalten, der für das THW arbeitet. Er hat mal erzählt was das für ein Durcheinander war. Eigentlich kann man sich das nicht vorstellen, denn der Termin war ja allen seit Monaten kommuniziert worden. Die haben also alle da gesessen und jeder wusste, dass es heute um 11 Uhr einen Alarm gibt – und trotzdem ist das in die Hose gegangen: Wie soll das erst sein wenn es wirklich mal einen unerwarteten Vorfall gibt.

Laut seinem Bericht gab es Versagen auf mehreren Ebenen. Zu allererst war die Hierarchie nicht klar. Im Ernstfall muss genau klar sein wer für was zuständig ist – deshalb gibt es ja auch beim Militär einenklare hierarchische Struktur. Wenn es schnell gehen muss kann nicht erst noch Kompetenzgerangel ausdiskutiert werden. HIer gab es wohl zwischen Bund und den Länderfürsten ungeklärte Zuständigkeiten.

Noch beachtlicher finde ich aber, dass die Informationsübermittlung nicht geklappt hat. Da werden echt im Jahre 2020 noch Sachen über Fax geschickt – und dann ist natürlich irgendwo das Papier alle oder der Toner ausgetrocknet (weil seit Jahren kein Fax mehr kam). Oder das Fax geht als Datei in irgendeinen Ordner, aber keiner weiß mehr so genau was da irgendwann irgendjemand eingerichtet hat. Wenn das an einer Endstelle passiert, dann ist es nicht so schlimm, aber wenn ein Verteilerknoten versagt, dann sind ganze Landstriche ohne Information.

So kam es dann, dass in manchen Orten nichts ankam. Wenn man dann in Bonn nachgefragt hat, herrschte dort totales Chaos. Daraufhin haben manche dann einfach gemacht, was sie für richtig hielten, also der eine hat die Sirene ohne Auftrag angestellt, der andere hat gewartet. Auch war es dann nicht klar wann der Alarm vorbei war usw.

Auch bei der Verteilung an die Bevölkerung gab es wohl Verzögerungen weil das System unter der Last zusammengebrochen ist. Du bist Informatiker und weißt vielleicht besser wie man so was macht – ich hätte mir vorgestellt, dass man irgendwo eine Lastmessung einbaut und dahinter eine Drosselung. Oder die Nachrichten in Pakete aufteilt und die nach und nach abschickt.

Positiv ist zu vermerken, dass der Test überhaupt durchgeführt wurde. Nur so findet man raus was nicht funktioniert. Allerdings ist herausgekommen, dass fast nichts funktioniert – obwohl der Termin seit Monaten vorbereitet wurde.

Machen musste ich, dass als ‚lessons learned‘ jetzt noch mal die Listen mit den Faxnummern auf den neuesten Stand gebracht werden sollen. Das Katastrophenzentrum macht seinem Namen alle Ehre – eine einzige Katastrophe…

Alarm per Fax, und das Fax ist eingetrocknet und keiner weiß, wo es hinläuft. Und das mit Wochen Vorankündigung.

Na wunderbar.

Wobei ich jetzt auch nicht so auf das Fax zu schimpfen wage, das ist für eine gewisse Kategorie von Leuten und Service-Leveln vielleicht immer noch das beste. Wenn man sich ansieht, wie die bei der Berliner Justiz mit Windows10 hadern und da auch nichts mehr geht. Ich war ja damals bei einem Informatikprofessor, der E-Mail nicht kapierte und der Meinung war, echte Informatiker kommunizieren per Handgekritzel auf Papier und Fax. Gäb’s schließlich an jeder Hotelrezeption. Umsetzung von handschriftlich auf regulären Brief dann durch die Sekretärin. Seit ich damals mit deutschen Informatikprofessoren zu tun hatte, weiß ich, dass manche Leute einfach nicht mehr als Fax können. Wenn sie in der Nähe einer Hotelrezeption sind.

Aber selbst das funktioniert ja auch nicht mehr so, wenn das Papier alle ist oder das Faxmodem die Sendung in irgendeiner Mailbox ablegt und keiner weiß wo.

Gaaanz toll.

Ich wüsste ja eine unserem technischen Niveau angemessene, verständliche und robuste Lösung: Berittene Kuriere. Dann muss halt einer auf dem Pferd die Kunde vom Notfall bringen. Hat ja beim Alten Fritz so funktionert wie im alten Rom, dann kann’s ja so schlecht nicht sein. Und rennt auch bei Dieselfahrverboten.

Was machen die eigentlich, wenn der Strom ausfällt?

Als ich aber nochmal drüber nachgedacht habe, dachte ich mir, das hätte in Berlin mit den Sirenen sowieso nicht funktioniert, weil mindestens 67% der Berliner nicht kapiert hätten, dass das ein Test ist und wahrscheinlich auch viele Flüchtlinge durchgedreht hätten, weil sie dachten, dass es hier jetzt auch Luftangriffe gibt.

Dann müssen sie jetzt eben die Faxnummern auf den neuesten Stand bringen.

Immerhin gut, dass wir es überhaupt mal getestet haben.

Epilog

Eines meiner Steckenpferde ist ja, Sicherheits- und Notfallroutinen darauf abzuklappern, ob man nicht nur irgendwas prüft oder alarmiert, sondern dann auch weiß, was man dann eigentlich tun soll. An der Supermarktkasse meinte mal eine, meine (nachlässige) Unterschrift stimme nicht mit meiner Kreditkarte überein. Ich: Und nu? Sie: man habe ihr nur gesagt, dass sie sie prüfen soll, aber nicht, was sie dann machen soll, wenn es nicht stimmt. Sie hat sie dann doch akzeptiert, einfach weil ihr keiner gesagt hatte, dass sie sie nicht akzeptieren soll. Sie hat sie geprüft, für falsch befunden und sonst war nichts. In den USA hatten sie irgendwo mal Terrorwarnstufe Orange. Aber keiner wusste, was es bedeutet oder was man dann machen muss.

Nehmen wir mal an, der Alarmtest hätte heute funktioniert: Na, und? Hätte ja sowieso keiner gewusst, was es bedeutet und er zu tun hat.

Nachtrag: Sowas

Restaurierte Sirene aus dem zweiten Weltkrieg – damals konnten die das noch.