Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Theorie: Was wäre gewesen, wenn Leipzig in der DDR gelegen hätte?

Hadmut
9.9.2020 11:57

Diese hypothetischen was-wäre-wenn-Fragen sind sehr interessant.

Was wäre also gewesen, wenn das Leipzig von heute in der DDR von damals gelegen hätte?

Eine Leserin schreibt mir zu dem Artikel über den Lügen-Sozialisten:

Ich bin in der DDR aufgewachsen, habe also eine gewisse “Selbst-Erfahrung” mit dem real existierenden Sozialismus. Es ist keinesfalls so, dass man dort asozialen Lebenswandel in dem Maße, wie er heute in der Bundesrepublik üblich und von den Linken verteidigt wird, förderte und akzeptierte. Das wäre aufgrund der geringen Produktivität auch gar nicht möglich gewesen – der Sozialismus hätte sich vermutlich unter solchen Umständen nicht einmal 10 Jahre halten können. In der DDR ( und meines Wissens nach in allen sozialistischen Ländern) war Arbeiten Pflicht und wurde sogar per Gesetz bestraft. Siehe hierzu § 249 StGB der DDR , welcher die “Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten” unter Strafe stellte. Es wurden immerhin zwei Jahre Haft, im Wiederholungsfalle sogar fünf Jahre Haft angedroht und ich kann Ihnen versichern, dass dieser Paragraph recht rigoros durchgesetzt wurde. Zusätzlich konnten Aufenthaltsbeschränkungen verhängt werden, was bedeutete, dass der Verurteilte bestimmte Orte nicht besuchen oder dort wohnen konnte. Lesen Sie sich mal den Paragraphen durch, falls sie ihn nicht schon längst kennen . In der Sowjetunion unter Stalin endete Arbeitsscheu mit Arbeitslager bzw.gleich mit der Todesstrafe. (Arbeitslager wurde im Gesetz bis 1979 auch in der DDR angedroht; dies wurde dann aber aus dem Gesetz gestrichen).
Ich kann mich erinnern, dass selbst übermässig lange Krankschreibungen nicht gern gesehen waren und diese streng kontrolliert wurden. Zunächst durch die Arbeitskollektive, welche recht bald zum Krankenbesuch nach Hause kamen. Die Ärzte in den Polikliniken nahmen nur in ganz seltenen Fällen unbegründete lange Krankschreibungen vor,mussten sie doch damit rechnen, dass auch sie diese rechtfertigen mussten.
Zwar stand es mit der Arbeitsmoral in den Betrieben nicht immer zum Besten ( lesen Sie mal das erste Kapitel von Klonovsky “Land der Wunder”) , aber zumindest musste man pünktlich früh auf Arbeit sein – wenn nicht, kam auch manchmal ein Vertreter des Kollektivs vorbei, um den Säumigen persönlich abzuholen.

Wenn heute die vermeintlichen Befürworter des Sozialismus davon schwärmen, dass gerade diese Gesellschaftsordnung den Armen auf Kosten der Reichen ein gutes Leben bietet, dann ist das einfach eine sozialromatische Schwärmerei, welche mit den realen Gegebenheiten einer sozialistischen Gesellschaft nichts zu tun hat. Dort gibt es keine Reichen und Armen und auch keine Menschen, welche mit ihrer Arbeit irgendwelche faulen arbeitsscheuen Elemente ernähren. Dort mussten alle, welche arbeitsfähig waren, arbeiten und gemäss der Ideologie sollten sie das auch gern tun. “Kostenfrei” auf Kosten anderer zu leben, das gab es nicht und sollte es auch nicht geben.

Manchmal kommt es mir so vor, als wäre diese sozialistische Romantik erst hier in der Bundesrepublik (mit Harzt IV und all den Segnungen der sozialen Marktwirtschaft) verwirklicht worden. Der reale Sozialismus war wirtschaftlich überhaupt nicht in der Lage, Hunderttausende ohne Arbeit durchtzufüttern und er wollte das aufgrund seiner Ideologie auch gar nicht. Das höchste Ziel des DDR Bürgers sollte es sein, eine fleißige sozialistische Persönlichkeit zu sein. Die sogenannten “Gammler und Asozialen” wurden rigoros bekämpft und eine Hausbesetzung , egal aus welchen Gründen, wäre schlichtweg undenkbar gewesen.(Und die Wohnungsnot war in der DDR unvergleichlich höher als derzeit )

Auch eine Randale wie in Connewitz hätte für die Beteiligten solche drastische Konsequenzen gehabt, dass es eine Wiederholung niemals gegeben hätte. Vielleicht sollten all jene, welche sich einen Sozialismus herbeiträumen, dies einfach zur Kennntnis nehmen. Insofern ist Ihre Überschrift “Vom Lügen der Sozialisten” sehr treffend. Sie lügen, wie sie es gerade brauchen und Realitäten interessieren in diesem Zusammenhang nicht.

Ein überaus beachtlicher Aspekt, dass nur der Westen/Kapitalismus/wie-auch-immer-man-es-nennen-mag, also das, was man so hasst und mit allen Mitteln bekämpft, wegen der Arbeitseffizienz überhaupt erst die parasitären Lebensweisen ermöglicht, die Linke für sozialistisch halten.

Über die Jahre haben mir schon viele Ex-DDR-Bürger geschrieben, dass der Sozialismus die Sorte von Leuten, die sich heute Sozialisten nennen, niemals geduldet hätte.

Die heutigen Sozialisten hätten solche Paradies-Romantik-Vorstellungen, dass man nicht mehr arbeiten müsste, bedingungsloses Grundeinkommen, alle bewegen sich nur noch klimaneutral und essen vegetarisch, die es im Sozialismus niemals geben würde und geben könnte.

Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Leute ihr Kapitalismus-Parasitentum mit Sozialismus verwechseln, für Sozialismus halten, und der Kapitalismus-Hass nur die moralische Rechtfertigung für parasitäre Lebensweisen ist, die gesamte Lebensweise aber in vollem Umfang vom Kapitalismus abhängig ist (wobei ich wieder mal anmerken möchte, dass mir ein Leser immer wieder schreibt, und das zu Recht, dass es den Kapitalismus gar nicht gibt, sondern das nur ein Schimpfwort für den zwingenden Normalzustand ist, das man braucht, um Utopie über Realität zu stellen.)

Oder wie es einer auf Twitter ausdrückte:

Ich bin in der DDR aufgewachsen und aus meiner Sicht war das A) sehr wohl real existierender und nicht ‘kein richtiger’ Sozialismus und B) hat das da GAR nicht funktioniert. Und ohne die Milliardenkredite vom bösen Westen hätten wir ’89 wohl auch schon lange Fensterkitt gefressen

Erstaunlich. Mein Wissensstand war, dass Fensterkitt in der DDR nur schwer zu kriegen war.

Mir erzählte mal jemand in Dresden, dass jemand richtig heftig Ärger bekommen hatte, weil er sich im Laden einen Sack Zement gekauft und bezahlt hatte, um an einem maroden Privathaus wenigstens die schlimmsten Schäden zuzuspachteln, damit es nicht mehr so durchzieht, und er dann wegen Vergeudung von sozialistischem Eigentum angeklagt wurde, weil der Umstand, es gekauft und bezahlt zu haben, noch lange nicht dazu führe, dass man volkseigenen Zement in einem privaten Haus verwenden dürfe.

Ein anderer schreibt:

ich frage mich, ob dieser junge Mann (mglw. (Dauer-)Student) in der DDR allzu glücklich geworden wäre (vermutlich erkennt er deren Sozialismus nicht als solchen an).

Denn damals gab es nicht nur ein Arbeitsrecht, sondern damit verbunden auch eine Arbeitspflicht. Und deren Einhaltung wurde durchaus kontrolliert.

Wer ein paar Tage unentschuldigt fehlte (das ging meist recht schnell, da mögliche “Republikflucht” im Raum stand), konnte sich darauf einstellen von ein paar netten Volkspolizisten früh abgeholt und zur Arbeitsstelle geleitet zu werden. (Damals kamen die allerdings nicht mit dem SEK, sondern einfach nur zu zweit in Standarduniform, das reichte den meisten Besuchten.)

Wiederholungstäter/Renitente durften sich darauf einstellen früher oder später als Asoziale mit unsozialistischem Verhalten im Gefängnis etwas Zwangsarbeit
abzuleisten, um ihnen ihre Flausen auszutreiben. Oder, falls sie ihren Wehrdienst noch nicht abgeleistet hatten, wurde der dann kurzfristig mal anberaumt. Und wer sich dort renitent zeigte, ging recht schnell nach “Schwedt” (verschärfte Armee mit Knast kombiniert), was keineswegs ein Zuckerschlecken war. (Von den Leuten, die mal dort waren,
sehnte sich keiner danach zurück, ganz im Gegenteil.)

Eine Ausnahme gab es nur für Frauen, die wurden zwar gelegentlich etwas scheel angesehen, konnten sich aber zumindest als Mütter auf Hausarbeit rausreden.

Für Männer gab es da lediglich die Möglichkeit, sich einen Abkeimposten wie Dauer-FDJler, Parteisekretär oder dgl. zu suchen (oder bei einigen der noch
verbliebenen Kleinbetriebe/Krauter wenigstens tageweise abduckend was zu arbeiten, wenn man den Chef gut kannte). Doch selbst die konnten nicht einfach zu Hause bleiben, sondern mussten jeden Tag irgendwo antanzen und dort ihre Zeit absitzen (43.75h – Woche im Normfall in den 80ern).

Dies war m.W. in den meisten “sozialistischen Bruder- und Freundesstaaten” grundsätzlich ähnlich geregelt. (Wobei einige wie Polen sich leichter in den
Westen verdrücken konnten.) Verweigerung der eigenen Arbeitskraft am “Aufbau des Sozialismus” war ein Verbrechen und wurde entsprechend geahndet.

Ist übrigens auch ein Grund warum Republikflucht streng verfolgt wurde, denn dort erfolgte eine ebensolche Verweigerung.

Sozialisten von heute wissen in der Regel nicht, was Sozialismus ist, sonst würden sie ihn nicht wollen, weil er das Gegenteil von dem ist, was sie sich ausmalen.

Sozialisten glauben immer, das wäre so eine Art Paradieszustand, in dem alles gut ist, man nicht arbeiten muss und – woher auch immer – man mit allem kostenlos versorgt wird. Tropft irgendwie alles so von den Bäumen.

Das merkte man ja auch gestern bei dem Twitter-Idioten: Die DDR sei ja kein Sozialismus gewesen. Im Sozialismus gäbe es ja auch gar keine Partei oder sowas. Das ist einfach ein nicht näher definierter Gesellschaftszustand, in dem man nicht arbeiten und kein Einkommen haben muss, weil es alles, was man braucht, einfach irgendwie so kostenlos gibt. Kein Kapitalist, der einen dadurch ausbeutete, dass er einen zur Arbeit zwänge. Arbeit ist nicht Voraussetzung des Konsums, sondern nur dazu da, um Kapitalisten zu befriedigen, während der Konsum damit gar nichts zu tun hat, weil das ja alles von selbst entsteht und die Hebamme und der Notarzt auch nur aus purem Spaß und Idealismus kommen. Und die Leute seien ja auch nicht vor dem Sozialismus aus der DDR geflohen, sondern nur, weil die Rote Armee sich dort nicht gut benommen habe.

Es ist ein hochinteressantes Gedankenexperiment, wie die Stasi und die Volkspolizei der DDR mit Linken wie in der Rigaer Straße in Berlin oder in Leipzig Connewitz von heute umgegangen wären.

Alle, die mir dazu schreiben und DDR-Erfahrung haben, sind sich einig: Es hätte zumindest nicht lange gedauert, das wäre sehr schnell und sehr einmalig vonstatten gegangen, und danach wären die Wohnungen dort einfach frei für den nächsten gewesen. Dieses Affentheater, dass man denen heute durchgehen lässt, hätte es in der DDR niemals gegeben. Die Leute hätte man so weggeschlossen, dass man sie nicht mehr findet. Ein paar vielleicht gleich erschossen.

Den Sozialismus, von dem viele träumen, gibt es nur in den Parasitentaschen des Kapitalismus.