Ansichten eines Informatikers

Fortran ist schuld am Covid-19-Lockdown

Hadmut
25.5.2020 12:24

Jetzt drehen die Leute völlig durch. [Update: Huahahahahaaaa! 😀 ]

Bisher hatte „Tichys Einblick” bei mir eher einen positiven Eindruck hinterlassen, aber das wäre dann wirklich zu absurd: War der Lockdown überzogen? Weltweit immer mehr Kritik Von einem gewissen Maximilian Tichy, mir bisher völlig unbekannt. Könnte dem Aussehen nach der Sohn von Roland Tichy sein.

Und der schreibt (da ab, versteht’s aber nicht):

Wer kennt Fortran? Es ist eine ursprünglich aus 1956 stammende Programmiersprache, die Fehler generiert haben soll, die zum Absturz der Raumsonde Mariner 1 führten. In Großbritannien nutzt die Regierung zur Entscheidungsfindung ein Modell des Imperial College London, das mit einem alten, Fortran-basierten Modell berechnet wurde und damit möglicherweise die Folgen des Virus weit überschätzt hat – jedenfalls behaupten das die zwei Software-Größen David Richards und Konstantin ‘Cos’ Boudnik; mit der Programmiersprache wären systematisch Dimensionierungsfehler verbunden, die Folgen der Infektion wäre damit weit überhöht berechnet worden. Die möglicherweise falschen Prognose-Zahlen des Modells haben in Großbritannien mit dem Lockdown die größte Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit ausgelöst.

Damit wäre er schon der Zweite in der Sippe, der mit Softwaretechnik überfordert ist.

Er meint, dass die uralte Sprache Fortran von 1956 die Programmiersprache wäre, die 1962 einen Bug erzeugt haben soll, der zum Absturz von Mariner 1 geführt habe. Und deshalb seither alles fehlerhaft und fragwürdig ist, was in Fortran geschrieben wäre. (Ach, das ist die Sprache, in der es mal einen Programmierfehler gegeben hat?) Und wenn die 1962 schon nicht funktionierte, wie sollte sie dann heute funktionieren?

Man hat 1956 einen Programmiersprache erfunden, in der ein Programm 1962 einen Fehler hatte, womit der Verdacht begründet wird, dass der ganze Covid-19-Lockdown ein Fehler war, weil eine Simulation dazu in Fortran geschrieben sei.

Ich bin mir nicht hunderprozentig sicher, ob das wirklich das allerdämlichste ist, was ich zu Softwaretechnik je gehört habe, Quotenfrauen und Genderstudies sind da auch vorne mit dabei, der Onkel ist auch nicht schlecht im Rennen, aber er ist damit zumindest in der Spitzengruppe gelandet. Mit dem Schwachsinn bekäme er an jeder Uni einen Doktor in Gender Studies (weil Fortran von einem weißen Mann und nicht von Grace Hopper erfunden wurde und damit belegt wäre, dass Mariner 1 abgestürzt ist, weil sich da Männer in die Flugbahnberechnung eingemischt haben, was natürlich nur Frauen können) und in Karlsruhe einen Doktor in Informatik.

Abgesehen natürlich von dem Umstand, dass der Vorgang an sich schon fraglich ist, laut der (amerikanischen, deutlich besserer als unserer) Wikipedia zu Mariner 1 steht nämlich, dass die Ursache nicht ganz klar ist. Eine Version ist, dass eine Formel beim handschriftlichen Übertragen falsch abgeschrieben wurde. Und streiten sie sich schon, ob ein Strich über einem Symbol (das für eine geglättete Zahlenreihe stehen sollte) oder ein Minus-Zeichen fehlte. Es gibt auch eine Darstellung, in der es ein Zusammenspiel aus Funktechnik und fehlendem Vorzeichen war, was dazu geführt habe, dass der Rechner in Sendepausen irgendwas falsch berechnet und deshalb überflüssige Kurskorrekturen durchgeführt habe.

Und eine der Versionen und Legenden, die irgendwo mal behauptet wurden (urban legends):

In other accounts, the bug consisted of:

  • a period typed in place of a comma, causing a FORTRAN DO loop statement to be misinterpreted (although there is no evidence that FORTRAN was used in the mission), of the form “DO 5 K=1. 3” interpreted as assignment “DO5K = 1.3”. There are anecdotal reports that there was, in fact, such a bug in a NASA orbit computation program at about this time, but it was a program for Project Mercury, not Mariner, and the claim was that the bug was noticed and fixed before any serious consequences resulted.
  • a missing comma
  • an extraneous semicolon

Verschiedene Versionen des angeblichen Fehlers, oder auch die Aussage, dass es Mercury und nicht Mariner war, rechtzeitig behoben wurde, und vor allem: Kein Fehler der Programmiersprache selbst, sondern des Programms ist. Wenn man das Programm falsch hinschreibt, kann die Programmiersprache nichts dafür. Hier gibt’s übrigens noch eine Variante.

Beachtlich ist vor allem, dass es auch Aussagen gibt, dass es keinerlei Beleg dafür gäbe, dass bei Mariner Fortran überhaupt eingesetzt worden sei, oder dass Fortran in der Bodenkontrolle erst ab 1978 eingesetzt wurde.

Alles egal, FORTRAN ist die Programmiersprache, in der es 1962 mal einen folgenreichen Programmierfehler gegeben habe, und deshalb sind heute, rund 60 Jahre später, die Lockdownmaßnahmen falsch, weil da irgendwas in FORTRAN berechnet wurde.

Ich habe keine Ahnung, wie man auf so einen Schwachsinn kommen kann, aber ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass das einfach in der Sippe liegt.

Zumal der Originalartikel, soweit ich das bis zur Paywall-Grenze sehen kann, eine solche Aussage nicht trifft. Die sagen eher, dass wenn hier ein Fehler vorlag, es den bisher größten in FORTRAN geschriebenen Fehler der Geschichte (Mariner) ablösen würde. Was eine völlig andere Aussage ist, denn sie schiebt die Schuld an Fehlern nicht auf FORTRAN. Als ob FORTRAN die einzige Sprache wäre, in der man Fehler machen könnte oder die – Donnerwetter – Fehler sogar selbst generiert.

Einer Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich (ETH) zufolge verlangsamte sich die Ausbreitung des Virus schon vor Verkündung des Lockdowns – der damit übertrieben war und der Schweiz ebenfalls einen Fast-Ruin wie Großbritannien beschert hat. Während auf der Insel die Gelehrten noch über Fortran streiten mussten die Schweizer Wissenschaftler auf Druck von oben ihre Aussagen relativieren. Dabei kommt auch das Robert Koch-Institut in Deutschland zu ähnlichen Ergebnissen – auch diese Nachricht ging unter. Sie passte nicht in die Regierungs-Strategie.

Und warum sollte sich die Ausbreitung vor dem Lockdown verlangsamt haben? Sagte das Virus „So, das reicht, ich bin zufrieden”? Oder „Puh, das war aber anstrengend, ich brauch’ mal ne Pause”?

Man merkt, dass der Mann von Beruf Journalist ist. Irgendwo sieht irgendwer irgendwelche Zahlen, macht daraus irgendeine Korrelation – und *schwups* ist die Wahrheit fertig. Erst mal die Kausalität zu erforschen kennen die nicht, Journalisten gehören zu den Geisteswissenschaftlern.

In den Vereinigten Staaten argumentiert der Stanford-Professor John Ioannidis, der zu den 200 meistzitierten Wissenschaftlern weltweit zählt, dass die Gefahr des Corona-Virus deutlich überschätzt würde und Lockdowns unnötig seien.

Geisteswissenschaftler. Was oft zitiert wird, muss zwingend stimmen. Und wer viel zitiert wird, hat immer Recht. Der der Diskurs die Realität erschafft. Die zentrale Quelle des geisteswissenschaftlichen Universalschwachsinns. Der Genderkrampf beruhte ja auch auf der Überzeugung, dass es so sein müsse, weil Simone Beauvoir das mal gesagt habe. Und weil alle sie damit zitieren, müsse es eben stimmen. Weil’s der Diskurs sei und der Diskurs die Wirklichkeit erschaffe (Poststrukturalismus).

Erstaunlicherweise hat aber noch nie ein Journalist unter Anwendung dieser Denkweise aus den sinkenden Auflagenzahlen der Presse geschlossen, dass die Aussagen in den Zeitungen bereits deshalb immer unwahrer werden, weil sie immer weniger den Diskurs bestimmen, und damit durch sinkende Auflagen zwangsläufig zu Lügenpresse werden, weil der Diskurs durch seine Abwanderung andere Wahrheiten erschafft. Schade eigentlich.

Gucken wir uns nochmal die Aussage von oben aus dem Tichy-Artikel an:

In Großbritannien nutzt die Regierung zur Entscheidungsfindung ein Modell des Imperial College London, das mit einem alten, Fortran-basierten Modell berechnet wurde und damit möglicherweise die Folgen des Virus weit überschätzt hat – jedenfalls behaupten das die zwei Software-Größen David Richards und Konstantin ‘Cos’ Boudnik; mit der Programmiersprache wären systematisch Dimensionierungsfehler verbunden, die Folgen der Infektion wäre damit weit überhöht berechnet worden.

Aha.

Die Programmierspache FORTRAN (erst in Großbuchstaben, später umbenannt in Fortran), deren Name von FORmula TRANslation kommt, die für wissenschaftliche Berechnungen gemacht wurde, soll also so einen grundsätzlichen Rechenfehler haben, sie soll systematisch „Dimensionierungsfehler” begehen. Und deshalb seien Modelle schon deshalb falsch, weil sie auf Fortran basierten, und Fortran halt alles falsch rechnet, das liegt so in der Sprache an sich. Bewiesen durch den Absturz der Mariner-Sonde 1962.

Toll.

Und das nennen sie dann Presse, Journalismus und sowas, und fühlen sich anderen überlegen.

Mir fällt gerade auf, dass ich gar keine adäquat-ausreichend schlimmen Schimpfwörter für Presse mehr auf Lager habe. Ich muss mir echt mal die Zeit nehmen, zeitgemäße Beschimpfungen und Beleidigungen zu entwickeln und zu erarbeiten.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Geisteswissenschaftler nicht mag?

Update: Huahahahahaaaaa!

Ein Leser, der aus völlig ungeklärten Gründen den Artikel bei Telegraph ganz und ohne Paywall sieht (er meint, es liege vielleicht daran, dass er in seinem Browser JavaScript abgeschaltet hat, und tatsächlich, wenn man beim Laden genau hinschaut, erscheint der Text für einen Sekundenbruchteil ganz und verschwindet dann sofort, während er bei einem Browser ohne JavaScript eben nicht verschwindet, muss wohl irgendein Bug sein, vermutlich haben sie ihre Webseite in Fortran geschrieben), also keine Ahnung, warum ich eine Paywall sehen und der nicht, der schreibt mir, dass da nun am Ende des Textes eine Klarstellung aufgetaucht wäre:

“Clarification: Imperial College has asked us to make clear that its Covid modelling code is not written in Fortran but in C and that it has been applied in a way that is both deterministic and reproducible. It says it is only one of many pieces of evidence/advice on which the Government relies.”

Huahahahahaaa. Das Covid-Modell war nicht in Fortran, sondern in C geschrieben.

Damit ist der Beweis erbracht: Der Mann ist mit seinem Onkel verwandt. Huahahahahaaa.