Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Michael und die Gerechtigkeit

Hadmut
19.5.2020 23:38

Noch ein Eintrag für die Doppelbegriffe.

Ich habe viele Leserzuschriften zu Doppelbegriffen oder Doppelmoral bekommen, viele Beispiele, die ich noch im Blog aufarbeiten werde.

Aber einer ist mir gerade selbst noch eingefallen: Michael Kohlhaas

Ich hatte ja schon geschrieben, dass man von „Gerechtigkeit” und „Gerechtigkeitslücke schließen” spricht, wenn man es als gut hinstellen will, wenn jemand was für sich fordert, was andere haben, es aber als „Neiddebatte” hinstellt, wenn es gerade nicht passt, man also seine eigenen Vorteile nicht aufgeben will.

Wie ich gerade wieder so lese, wer gerade mal wieder alles Gerechtigkeit fordert, besonders „Geschlechtergerechtigkeit”, die man mit allen Mittel und Gewalt und Gesetz und Erpressung durchsetzen müsse, weil Frauen unbedingt „gleichgestellt” werden müsse, ging mir so durch den Kopf, wieviele unzählige Male mir schon vorgehalten wurde, ich das aber auch über andere schon gehört habe, ein „Michael Kohlhaas” zu sein. Damals gleich vom Dekan der Fakultät.

Michael Kohlhaas war im Recht und er wollte nicht mehr und nicht weniger, als Gerechtigkeit. Und er kämpfte für sein Recht, weil er sich dem absolutistischen, sein eigenes Recht brechenden und die Willkür und Korruption darüber setzenden Staat nicht unterwerfen wollte. Auch da hatte er Recht.

Das Problem an Kohlhaas war, dass er darüber zum Verbrecher wurde. Man hat den echten Kohlhaas deshalb in Berlin hingerichtet. Trotzdem ist er (abgesehen von Martin Luther mit seinem Cameoauftritt in der Novelle, ich weiß nicht, ob der echte Kohlhaas auch etwas mit Luther zu tun hatte) von allen Beteiligten der heute noch Bekannteste.

Erstaunlicherweise hatte ich bei keinem der Leute, die mich Kohlhaas nannten, jemals das Gefühl, die Novelle gelesen zu haben. Ich damals auch nicht, aber ich hatte sie mir nach dem Gespräch mit dem Dekan damals gekauft und gelesen, um zu verstehen, was er gemeint hatte – aber zu dem Ergebnis zu kommen, dass er nicht verstanden hatte, wovon er redete. Es ist bei mir nun allerdings auch schon wieder 22 Jahre her, es gelesen zu haben.

Der Aspekt, dass sich Kohlhaas mit seinen Anhängern zu einer staatsbedrohenden Kampftruppe hoher Schlagkraft gesteigert hatte, gegen die man erhebliche militärische Mittel einsetzen musste, und er da – soweit ich mich erinnere – viele Häuser, einen ganzen Stadtteil niederbrannte, fällt völlig unter den Tisch, ist den wenigsten bekannt, die von Kohlhaas reden. Deshalb schlägt der Vorwurf, ein Michael Kohlhaas zu sein, auch fast immer fehl.

Nicht selten wird es einfach dafür gebraucht zu sagen, dass jemand sein vermeintliches Recht durchsetzen will. Kohlhaas war aber als Figur in der Novelle, und soweit ich weiß, auch der echte Kohlhaas, wirklich im Recht, man hat es ihm nur durch Rechtsbeugung und Korruption vorenthalten und ihn grob ungerecht behandelt.

Meistens wird der Vorwurf, ein Michael Kohlhaas zu sein, aber dafür gebraucht, dass jemand sein Recht – das im Prinzip nicht bestritten wird – tatsächlich haben will und er sich nicht einfach dem Willen anderer unterwirft und stillschweigend und zugunsten anderer verzichtet.

Und das ist auch eine Art der Doppelbegrifflichkeit.

Fordert jemand sein Recht (selbst wenn es das geforderte Recht nicht gibt oder er keinen Rechtsanspruch hat), und es ist politisch/rhetorisch gewünscht, dann redet man von „Gerechtigkeit”. Eine Jeanne d’Arc. Dann zieht man vor das Bundesverfassungsgericht und so weiter. Passt es nicht, dann nennt man jemanden einen Michael Kohlhaas.

Ich hatte das Phänomen schon an der Gegenüberstellung Künast/Höcke beschrieben. Als man einem Gericht vorwarf, geurteilt zu haben, dass man Künast als Fotze bezeichnen dürfe (was sie nicht hatten), da nannte man den Richter unfähig und verrückt, und feierte sie dafür, sich dem ungerechten und rechtswidrigen „Urteil” nicht beuge. Bei Höcke meinte man, ein Gericht habe geurteilt, dass man ihn als Faschisten bezeichnen dürfe (was genauso wenig stimmte, so ein Urteil gab es auch nicht), meinte jeder, ja, wenn ein Gericht das so entschieden habe, dann sei es so, dann könne das keiner mehr anzweifeln.

Manche Leser hatten geschrieben, dass man solche Doppelbegrifflichkeiten und Doppelmaßstäbe in den Kontext des professionellen Framings stellen müsse.

Ich halte es für eine Technik des Lügens.