Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Coronöse Zeiten für Kamerahersteller

Hadmut
16.5.2020 0:49

Es ist schrecklich.

Vor Corona war’s ja schon schlimm und zum Fürchten, aber seit der Corona-Krise geht es mit dem Kameramarkt noch weiter bergab, weil die Leuten zuhause sitzen und deshalb keine neue Kamera brauchen, die Läden geschlossen sind und vielen Leuten einfach das Geld knapp wird.

Dazu kommt, dass die Kamerabranche ihre große revolutionäre innovative Phase gehabt hat und da erst mal nicht mehr viel passiert, nur Evolution und Modellpflege. Es ist schwer, den Leuten klarzumachen, warum sie jetzt eine neue Kamera brauchen sollten. Und wofür.

Bei Sony sah es schon vor der Krise so aus (Quartalszahlen):

Eine Kuriosität aus der Krise ist dieser Kameratest der neuen Nikon D6. D6 ist die neueste aus der Top-Profi-Reihe für Berufsfotografen, mit der dann so die Superfotos bei Olympischen Spielen und sowas gemacht werden, und genau dafür hatte man ja das neue Modell herausgebracht, damit die sich für die Spiele alle die schönste, beste, neueste Kamera kaufen.

Ist jetzt blöd ohne Spiele.

Dummerweise hat natürlich auch sonst jetzt niemand Verwendung für diesen Monsterbrocken, weil die fast alle Fotografen gerade mangels Einnahmen kein Geld für sowas haben (das Ding kostet vierstellig im oberen Drittel, und dann hat man noch kein Objektiv), und auch nicht die Aufträge. Denn solche Kameras amortisieren sich erst, wenn man sie wirklich ständig verwendet. Mir erzählte mal jemand aus der Branche, dass die bei Sportverstaltungen problemlos mal 5000 Fotos am Tag pro Kamera hinkriegen, und die Kamera dann nach einem halben Jahr auch durch ist und ersetzt wird. Was aber auch heißt, dass man jeden Tag mehrere Fotos verkaufen muss, nur um die Kamera selbst zu finanzieren, und dann hat man sonst noch nichts bezahlt (Reise, Eintritt, Objektive, usw.) und nichts verdient. So eine Kamera kann für Profis gerade im Allgemeinen nicht wirtschaftlich funktionieren.

Nun ist das bei Kameratests inzwischen ständige Praxis und allgemein üblich, die Pros und die Cons aufzulisten, also die Punkte, worin die Kamera gut und wo sie schlecht ist. Da stehen dann normalerweise so Sachen wie „Bildrate nicht schnell genug für Sportfotografie” oder „Akkulaufzeit zu kurz”. Hier nun stehen als Cons (naja, beim Topmodell von Nikon wird es schwer sein, fototechnische Mängel zu entdecken und irgendwas müssen sie ja hinschreiben, aber früher haben sie das auch normal hinbekommen)

  • price. Difficult to justify today, for a mature technology but already at sunset (heutzutage zu teuer für ausgereift, daher nicht mehr neue Technik)
  • comes out in the worst market moment in history since 1946. Schlechtester Zeitpunkt, eine Kamera auf den Markt zu bringen, seit 1946.
  • Profis können sie gerade nicht hereinverdienen, sie amortisiert sich nicht. Amateure können nicht bei Verstand sein, sich so ein Ding zu kaufen.
  • weight, volume, size, object that certainly does not go unnoticed in … hostile environments

Das sind alles Argumente, die ich so noch nicht gesehen habe, die neu sind.

Bemerkenswert ist aber das letzte. Gewicht, Größe und Aussehen sorgten dafür, dass das Ding in „feindlichen Umgebungen” nicht unbemerkt bleiben könnten.

Es liest sich, als gehe man davon aus, dass es zunehmend Umgebungen gebe, in denen es einfach zu gefährlich sei, mit einer sichtbar teuren Kamera rumzulaufen.

Es liest sich wie Weltuntergang, als ob man sich von der ganzen Situation, eine teure, schwere Kamera zu haben, verabschiedet habe.

Bedenkt man nun, dass damit – was darin auch angesprochen wird – gerade doch wieder eine kleine technische Revolution stattfindet, nämlich zu den Spiegellosen Kameras, die kleiner, leichter (aber nur in manchen Hinsichten besser) sind, und dass das „nächste große Ding” – falls es überhaupt noch stattfindet, ich würde nicht drauf wetten – die Spiele 2021 sind, könnte es durchaus sein, dass die Corona-Krise Kamera-Modelle, eine Kamera-Generation, und vermutlich auch noch Kamerahersteller mit erledigt.

Welt-Rezession eben.

Es ist aber eine interessante Frage, ob das zum Einsturz des Marktes oder zu einer Bereinigung führt.

Denn wenn ein Hersteller es schafft, bis, sagen wir mal, 2022 zu überleben, dann trifft er mit bis dahin weiterentwickelten und neueren Kameras auf einen Nutzermarkt, dessen Kameras dann doch mindestens drei, vier Jahre im Amateurbereich auf dem Buckel haben und einen abgenutzten Profi-Bereich. Vielleicht wird es wieder zu Käufen führen.

Falls es dann noch jemanden gibt, der Verwendung für Kameras oberhalb eines Handys hat und sie sich auch noch leisten kann.