Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Wo bleibt das „Lessons Learned”?

Hadmut
3.5.2020 11:55

Wisst Ihr, was mir an der ganzen Sache gerade völlig fehlt?

Ich bin bekanntlich Informatiker und arbeite im IT-Bereich.

Dort ist es seit Jahren gängige Praxis (kommt angeblich aus den USA, bin aber nicht sicher), während und nach Fehler-, Versagens- und Krisensituationen Palaver der Kategorie „Lessons Learned” abzuhalten und zu dokumentieren.

  • Was ist schiefgelaufen?
  • Warum?
  • Was haben wir falsch gemacht? Wo waren wir schlecht?
  • Worauf waren wir nicht vorbereitet?
  • Warum nicht?
  • Welche Erkenntnisse haben wir während der Krisensituation gewonnen?
  • Was kann/muss/soll man künftig anders machen?
  • Wie können wir besser werden?
  • Wie können wir das künftig verhindern?
  • Wie werden wir in Bezug darauf besser als die Konkurrenz?
  • Was hat uns die Krise gebracht? Welche Vorteile können wir daraus ziehen?
  • usw.

Das Ziel ist, nach der Krise nie wieder zu sein wie vorher, damit sich Fehler, Versagen und Krise nicht wiederholen können und man sogar neue Leistungsmerkmale dazugewinnt (es sei denn, man entscheidet sich bewusst, künftige Wiederholungen der Krise bewusst in Kauf zu nehmen, weil die Krise billiger als die Gegenmaßnahmen ist).

Schaue ich mir aber gerade Politik und Medien an, dann finde ich da nur zwei Strömungen:

  • Es ist hart, aber wir müssen leiden und entbehren, bis es zu Ende ist.
  • Uääääh! Ich will, dass es wieder ist, wie früher.

Kein konstruktiver Ansatz.

Ich merke das auch an den Leserzuschriften: Es gibt die, die den Verlauf der Epidemie vorhersagen (das Schlimme haben wir noch vor uns) und die, die mit „Alles Schwindel und Grundrechtszerstörung” daherkommen.

Der Ansatz, sich mal zu überlegen, was man vorher falsch gemacht hat, und welche Erkenntnisse man aus der Krise ziehen kann, denn immerhin leisten wir gerade Improvisations- und Veränderungsdenkarbeit in enormem Umfang, kommt darin nicht vor. Oder nur in Ansätzen. Ich habe gestern während einer Arbeit nebenbei so den Fernseher laufen und es kam ein Bericht über Unternehmen, darunter ein Hersteller von Einkaufswägen, die gerade ihre Arbeitsabläufe und Fabrikstandorte angepasst haben. Da steckt Erkenntnisarbeit drin.

Aber irgendwie ist gerade alles, was man liest, hört, sieht, negativ, deprimiert, depressiv, die Rezession im Geiste.

Aber sowas wie die Frage, wie wir uns besser auf künftige ähnliche Fälle vorbereiten, oder wie wir solche Fälle sogar zu unseren Gunsten lenken können, indem wir dann die leistungsstärkste weil widerstandsfähigste Industrienation sein könnten, kommt darin nicht vor.

Man müsste doch jetzt einfach mal systematisch, konstruktiv, positiv Erkenntnisse ziehen.

Beispielsweise könnte man mal unter Betrachtung gerade gängiger Anwendungen eine Norm machen, wieviel Netzbandbreite jemand zuhause pro arbeitendem Haushaltsmitglied haben muss, um Home-Office-fähig zu sein, also VPN, Videokonferenz usw. machen zu können. Was braucht es, damit jeder Mitarbeiter ein Notfall-Notebook zuhause hat, mit dem er sich im Krisenfall sicher, zuverlässig, wirksam aus dem Home-Office verbinden kann.

Dasselbe für Schüler.

Kommt ja auch mal vor, dass jemand nur dreiviertelkrank ist. Mir beispielsweise passiert das öfters, dass ich mir irgendeine Erkältung, irgendeinen grippalen Infekt einfange, nach außen hin huste und schniefe und krank aussehe, mich subjektiv aber kaum krank fühle und normal arbeiten gehe, und mir die Kolleginnen dann sagen, ich solle mich doch krank melden, um niemanden anzustecken. Dann mache ich halt krank, bearbeite aber Mails usw. von zuhause aus. Dafür sind dann die Kolleginnen ab und zu mal weg, weil deren Kinder krank sind.

Und so weiter und so fort.

Man könnte aus den zwei Monaten Krise bisher so viele so gute und so nützliche Erkenntnisse ziehen. Da könnte man echt was draus machen.

Beispielsweise hörte man ja von den Supermarktketten, dass sie genug Waren im Lager haben, aber Probleme, Fahrer zu finden, die das Zeug in die Läden fahren. Das schreit doch geradezu nach selbstfahrenden LKW, vielleicht sogar selbstfahrenden Gabelstaplern, die im Krisenmodus nachts die Stadt befüllen, und am Supermarkt vielleicht noch ein oder zwei Leute vor Ort anwesend sind, die das steuern, überwachen usw. Oder vielleicht auch nicht, vielleicht könnte ja ein Lagerist oder eben jener LKW-Fahrer, der die Route sonst fährt (und sie kennt) aus seinem Homeoffice heraus per Videokamera usw. das Fahren und Ausladen der LKW fernsteuern und überwachen. Denn viel mehr, als dem Personal vor Ort nachts die Paletten mit der Ware reinzustellen, machen die sonst ja auch nicht.

Den Schulunterricht könnte man dringend verbessern.

Behördengänge könnte man viel intensiver und effektiver digitalisieren.

Eigentlich bietet die Situation einen riesigen Fundus an Ideen, Innovationsquellen, Neuerungen.

Aber alles, was man dazu liest, was man dazu bekommt, ist Gejammer und Gemaule. Manchmal auch an mich selbst. Uäääh, Dein Blog ist so muffig, da ist wohl die Luft raus, geh mal an die Luft.

Irgendwie sind wir innovationstaub und -blind geworden. Muss wohl daran liegen, dass wir „progressiv” geworden sind und da gar nichts mehr nach vorne geht.

Uns ist die Fähigkeit abhanden gekommen, einer Situation Ideen, Neuerungen, Verbesserungen abzulesen.