Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Vom Einkaufen unter Weltuntergangsbedingungen

Hadmut
17.3.2020 13:06

Ich habe es gewagt. Ich habe mich rausgewagt und war einkaufen.

Nach mehreren Tagen Home-Office und Wochenende, ohne die Wohnung zu mehr als dem Gang zum Briefkasten zu verlassen, stand mir der Bedarf nach Ergänzung meiner Bestände, solange noch etwas zu haben ist. Auf zum Supermarkt.

Fühlt sich seltsam an.

Was zieht man da so an? Schutzanzug? Gasmaske? Oder doch eher die alten Klamotten, die man dann vor der Rückkehr in die Wohnung vor dem Haus verbrennt?

Wieviel überhaupt? Wenn man mehrere Tage in der Wohnung war, verliert man irgendwie die Verbindung nach außen. Wie warm könnte es draußen wohl sein? Ich schaue auf dem Handy nach, als ob ich die Stärke radioaktiver Strahlung abfragen wollte. 6°C sagt das Handy. Das Auge sagt jedoch, dass draußen die Sonne scheint und Sonnenschein Mitte März nach mehr als 6°C aussieht. Ich hadere, zweifle, überlege, ob ich das eine Risiko eingehe, zu dünn angezogen zu sein, um auf dem Weg 300 Meter zum Supermarkt jämmerlich zu erfrieren, oder zu warm, und die Klimaerwärmung ausgerechnet heute nicht zu überleben. Ich erinnere mich aber gerade noch rechtzeitig auf eine uralte archaische Kulturtechnik, die in meiner Jugend verbreitet war, öffne das Fenster und strecke den Arm raus. Einfach so. Nein, nicht einfach so, natürlich nicht ohne ihn sorgfältig zu desinfizieren, nachdem ich ihn wieder eingeholt habe. Der Arm sagt, die Temperaturen seien so angenehm, dass es völlig egal ist, was ich anziehe. Banause!

Das Betreten der Außenwelt fühlt sich an wie der erste Blick aus dem Schutzbunker nach dem Atomkrieg.

Die Infrastruktur steht zumindest in den Grundzügen noch, soweit ich auf den ersten Blick erkennen kann.

Es gibt weitere Überlebende.

Aber sie sind schrecklich entstellt.

(Gut, das waren sie auch vorher schon, die Berliner sind nicht so schön anzusehen. Aber man nimmt beim Bloggen an Dramatik mit, was man kriegen kann.)

Ich kämpfe mich zum Supermarkt durch. Gleich im Eingangsbereich eine Palette Küchentuchrollen, gleich nebendran, da wo sonst die Getränke stehen, direkt am Eingang, eine abgefressene Palette, ehemals reich an Klopapier. Reste noch zu erahnen.

Erst hier wird mir die Apokalypse bewusst. Leere Regale. Habe ich noch nie erlebt, weil ich erst nach dem Krieg geboren bin. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg.

Wobei: Ganz leer sind sie nicht. In den Regalen, in denen sonst Gemüse und Krautkonserven stehen, stehen nur noch die Gläser mit sauren Gurken. Aber davon viel. Anscheinend mag keiner saure Gurken, oder aber sie haben gerade eine LKW-Ladung bekommen. Sauerkraut ist komplett weg. Saure Gurken haben sie noch jede Menge.

Nudeln. Es ist nicht so, als ob es sie nicht mehr gäbe. Die teuren Bio-Nudeln haben sie noch. Und sogar die billigen Supermarktnudeln zu 40 Cent, aber nur Penne und Fusilli, kurze Röhrchen und kurze Spiralen. Nichts mehr mit Spaghetti. Seltsam. Glauben die Leute, dass man den Weltuntergang nur mit Spaghetti überlebt? Nee, es liegt wohl daran, dass die sich besser stapeln lassen, weil die Röhrchen und Spiralen viel Luft und Hohlraum enthalten, die Spaghetti dagegen nicht. Spaghetti sind kompakter in der Aufbewahrung und belastbarer. Die zerbröseln nicht so schnell.

Auch sonst macht der Laden einen recht abgefressenen Eindruck.

Nur die Kassenschlangen, die sind prall.

Vor mir jede Menge Türkinnen und Araberinnen, die unfassbare Mengen an Klopapier und Küchenpapier aufgetürmt haben, auf den Bändern stapelt es sich, türmt es sich. Unter vier Großpackungen machen sie’s nicht. Eine Frau kommt angestürzt und fragt die Türkinnen, wo es denn das Klopapier gäbe und ob sie noch etwas übrig gelassen hätten. Sie zeigen auf die Palette am Eingang, auf der es noch zwei Packungen gab. Die Frau stürzt hin und schnappt sich beide.

Ich zahle mit Karte, aber das kontaktlose Zahlen funktioniert schon wieder nicht. (Muss mal checken, ob ich das nicht aus Misstrauen selbst im Bankkonto deaktiviert hatte.) Ich muss unterschreiben, wie eben schon in der Drogerie. Und dringend daran denken, mir einen eigenen Kugelschreiber einzustecken, denn beide Male musste ich deren versifften Kundenkuli in die Hand nehmen. Beide Male gefragt, wie oft sie ihn desinfizieren. Beide Male die Antwort: Nie.

Früher hatte ich mal stets Kugelschreiber und einen kleinen Notizblock in der Tasche. Habe ich mir aber abgewöhnt, denn ich habe ja ein Handy. Ich muss nichts mehr abschreiben, ich fotografiere es einfach. Ich muss nichts mehr aufschreiben, ich diktiere es einfach. Und nun stehe ich da und habe keinen eigenen Kuli. Schwerer Fehler. Werden sie mir dann auf den Grabstein schreiben: Er starb, weil er keinen Kugelschreiber dabei hatte.

Supermärkte treiben gerade erstaunlichen Aufwand. Unglaublichen Aufwand. Aber einfach mal jede Stunde einen frischen Kugelschreiber hinzulegen, einen von der Sorte, die sie im Sonderangebot selbst zu 10 Cent anbieten, auf die Idee kommen sie nicht.

Als ich raus komme, muss ich um einen gewaltig langen LKW außenrum gehen. Sie werden gerade beliefert. Der Fahrer fährt gerade mit dem Hubwagen eine 2 Meter hoch beladene Palette Klopapier raus.

Alles irgendwie so unwirklich.