Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Digitalisierung ohne die Deutschen

Hadmut
9.3.2020 21:19

Wieder mal galoppierende deutsche Rückständigkeit.

Irgendwo hatte ich mal die Frage gestellt, warum wir eigentlich keinen Muster-Schulunterricht auf Video haben, den sich Kinder, die, aus welchen Gründen auch immer, gerade nicht in die Schule können, sich dann per Streaming anschauen können, um die wichtigen Sachen nicht zu verpassen. Also ich noch Schüler war, kam im Dritten Programm noch „Telekolleg”, zwar trocken und dröge, aber mit den damaligen technischen und finanziell knappen Mitteln sehr gut gemacht. Mathematik und sowas. Der hat dann da Kurvendiskussion und Ähnliches vorgeführt. Sehr trocken, aber sehr gut gemacht.

Warum gibt es das hier bei uns nicht für den normalen Schulunterricht?

Wäre ja nicht nur für Schüler was, auch für Lehrer, die sich noch nicht so sicher sind, oder für Eltern. Und wenn man migrantische Kinder integrieren will, ist das sicher auch kein Fehler, wenn die sich nochmal ansehen können, was sie morgens nicht richtig verstanden haben.

Warum haben wir das nicht?

Warum gab es in Australien schon seit der Frühzeit der Funkgeräte die Funkschule, bei der Kinder hunderte Kilometer entfernt auf den Farmen an den Schulbüchern sitzen und die Lehrerin per Funkgerät unterrichtet?

Nun, in Frankreich haben sie sowas: Fernunterricht in Frankreich : Virenfrei im virtuellen Klassenzimmer

Die können jetzt auch bei Krankheit, Quarantäne und Schulschließungen weiter lernen, weil es alles auch online als Konserve gibt.

Auf die Coronavirus-Epidemie hat der französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer eine Antwort parat: Virtuelle Klassenzimmer, die von der staatlichen Webschule CNED (Centre national de l’Enseigenement à distance) betrieben werden. Im Fernsehsender BFM-TV sagte Blanquer am Donnerstag, von dem Angebot profitierten bereits annähernd 30.000 Schüler in Quarantäne, vor allem in der Bretagne und im Département Oise im Nordosten von Paris.

„Ma classe à la maison“ heißt wörtlich übersetzt „Meine Klasse zu Hause“ und hält das Unterrichtsprogramm von der Vorschule bis zum Abitur für alle Jahrgänge parat. Bis zu sechs Millionen Schüler können sich täglich in ihre virtuelle Klasse über ihren heimischen Computer zuschalten. „Wir sind gut vorbereitet, sollte sich die Epidemie noch stärker ausweiten“, betonte der Bildungsminister.

Nicht nur das komplette Unterrichtsprogramm können die Schüler von zu Hause abrufen. Das nationale Fernschulzentrum CNED hält auch virtuelle Klassenzimmer parat, in die sich die Schüler nach Absprache mit ihren Klassenlehrern zu bestimmten, vorher angemeldeten Zeiten zuschalten können.

Virtuelle Klassenzimmer. Ich habe vor fast 20 Jahren mal einen Schüler dabei „erwischt” (und dafür dann gelobt), dass der zuhause bei den Schulaufgaben per Notebook mit seinen Klassenkameraden in der Chatgruppe war und die ihre Hausaufgaben per Konferenzschaltung kooperativ gemacht haben. Warum aber haben wir im Großen sowas heute noch nicht?

Die Antwort ist einfach: Weil wir zu doof sind.

Und weil es hier wichtiger ist, die Kinder auf Gender und 897 Geschlechter abzurichten. Lehren ist nicht mehr wichtig.

120.000 Schüler lernen mit dem Online-Unterrichtsangebot, entweder weil sie chronisch krank sind, an weit von Schulen entfernten Orten leben oder weil sie aufgrund sportlicher oder künstlerischer Aktivitäten keine Zeit für einen Regelschulbesuch haben. Der französische Zentralismus kommt ihnen in diesem Fall zugute: Das Unterrichtsprogramm ist im ganzen Land identisch, ob auf der Karibikinsel Martinique oder in einem Alpendorf in den Savoyen. Deshalb kann die Webschule die Kinder auch auf das Zentralabitur vorbereiten.

Aber unser politisches Mitschwätzssystem braucht neben der Bundes- noch 16 Landesregierungen, weil man viele wichtige Parteigünstlinge haben will. Deshalb 16 verschiedene Lehrpläne. Und Prüfungsanforderungen. Und Abiture. Das bekommt man nicht unter einen Hut.

Zeigt mal wieder, wie man in Deutschland von Dummen kaputtregiert wird, weil es in den Parteien so viele Dumme gibt und die alle wichtig sein wollen.

Gleichzeitig jammern bei uns die Lehrer über Überlastung, die Schulen brechen zusammen.

Und dann kommt ja noch die große Revolution dazu, wir wollen ja das Land umbauen, also nicht nur 16 verschiedene Lehrpläne haben, sondern die auch noch jedes Jahr ändern.

Dieses Land wird in 10 bis 20 Jahren komplett durchverblödet sein.

Kennt Ihr den Film Idiocracy? Genau auf der Schiene sind wir.

Übrigens: Wenn man für die Videokamera spricht und nicht direkt zu Kindern, die rumhampeln, muss man zwar didaktisch gut sein, muss sich aber weniger um Pädagogik und Durchsetzung und sowas kümmern. Ich könnte mir deshalb sehr gut vorstellen, dass man Physik-, Chemie- und Biologieunterricht eben nicht mehr aus dem drögen Unterrichtsraum sendet, sondern das an den Universitäten von den Professoren und Mitarbeitern gemacht wird, die das gleich richtig professionell vorführen können. Und einen Geographie- oder Geschichtsunterricht könnte man wunderbar vor Ort aufnehmen. Weil die Videokamera ganz andere Möglichkeiten bietet, sogar virtual reality und 360°-Panoramen. Ich habe neulich bei Terra-X im ZDF einen hochspannenden Beitrag über Pompeji gesehen, richtig gut. Das wäre doch mal was. Oder Vulkanismus.

Ich könnte mir gerade in den Naturwissenschaften so richtig tolle Unterrichtsfilme vorstellen. Gerade die Experimente, oder Blick durchs Mikroskop.

Natürlich kann das einen richtigen Unterricht nicht ersetzen, in dem man selbst das Mikroskop bedient oder es dann eben mal richtig knallt und stinkt, man muss das schon mal anfassen. Aber ich fände es dann toll, wenn man nach dem Experiment oder dem Ding im Reagenzglas auch mal einen kurzen Blick in die große Chemiefabrik werfen kann. Ich war in Neuseeland in den Besuchsräumen einer Raffinerie. Die haben da ein Modell aufgebaut und Schautafeln gemacht, und draußen steht es in echt. Da versteht man dann so richtig, was die da eigentlich machen. Und so weiter.

Warum also machen wir das nicht?

Weil wir zu doof sind.

Und weil wir keinen Schulunterricht mehr haben, sondern einen Krisenzustand.