Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Noch mehr Fake-Stories vom SPIEGEL?

Hadmut
19.12.2019 22:50

Oha!

Das Konkurrenzblatt FOCUS feuert gerade gegen den SPIEGEL: Hier und Hier.

Es geht um einen Vorgang von 1993, an den sich viele der Leser nicht mehr erinnern werden oder von dem sie noch nie hörten: Es geht um den Einsatz des Anti-Terrorkommandos GSG9 am 27. Juni 1993 in Bad Kleinen. Als Ergebnis des Einsatzes lag der RAF-Terrorist Wofgang Grams erschossen auf den Gleisen, und es heißt dazu, ich entnehme das mal dem Wikipedia-Artikel zu Grams:

In dem Schusswechsel traf Grams den 26-jährigen GSG-9-Beamten Michael Newrzella tödlich und verletzte einen weiteren schwer. Grams wurde dabei fünfmal getroffen, stürzte auf die Gleise und erhielt einen an der Schläfe aufgesetzten Kopfschuss.

Die Medien stellten das so dar, und voraus anscheinend (ich kann mich jetzt auch nicht mehr erinnern, wer das damals zuerst gemeldet hatte) der SPIEGEL mit einem Artikel von Star-Journalist Hans Leyendecker (ich weiß nicht mehr, ob er damals schon der Star war oder erst später wurde, ich habe den mal in Hamburg auf der Konferenz erlebt), wonach ein Informant mitgeteilt habe, dass Grams von der GSG9 exekutiert worden war. Gewissermaßen naheliegend, nachdem der einen GSG9-Mann erschossen hatte.

Später stellte sich durch Untersuchungen heraus, dass Grams sich selbst erschossen hatte.

Trotzdem hatte das damals erst mal Folgen: Bundesinnenminister Rudolf Seiters trat am 4. Juli 1993 zurück, Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde zwei Tage später entlassen.

Nachdem man jetzt aber in Folge der Relotius-Affäre auf Transparenz macht, kommen Stahl und Seiters aus der Versenkung und werfen laut FOCUS dem SPIEGEL eine bewusst erlogene Story vor: Dieser Informant sei frei erfunden gewesen, den habe es gar nicht gegeben.

Man kann sich jetzt natürlich überlegen, ob die die Gelegenheit nutzen, noch herauszufinden, wer der Informant als Maulwurf war, aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die die Sache allein deshalb nach fast 30 Jahren noch aufkochen würden, zumal ja geklärt ist, dass die Story nicht stimmte, es also kein Geheimnisverrat im eigentlichen Sinne gewesen sein könnte (es sei denn, es war wirklich eine Exekution, aber dann müsste die Untersuchung gefälscht sein).

Die Frage ist also durchaus, ob der SPIEGEL damals die Gelegenheit genutzt hat, durch gezielte Lügenstory einen CDU-Politiker abzusägen.

Und wenn man jetzt an die Causa Maaßen-Tagesschau denkt, erscheinen die Fälle durchaus sehr ähnlich.

Man wird sich durchaus die Frage stellen müssen, wieviel der Geschichte und Pressemeldungen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (und der DDR sowieso) aus politischen Gründen frei erfunden und erlogen, oder zumindest verfälscht waren.

Ich habe so den Eindruck, dass man gerne reale, nicht vorhersehbare, abrupte, dramatische Ereignisse als Gelegenheit nutzt, um durch Huckepack-Lüge politische Attentate zu begehen.

Ich habe da so eine Assoziation zu einer Erkenntnis, die ich mal über das Verkaufen gelernt habe. Verkäufer beim Herrenausstatter lernen, dass sie dem Kunden zuerst den teuren, aber nicht unbedingt überteuerten, auch durchaus angemessenen Anzug verkaufen. Ist der Kunde erst einmal auf den hohen dreistelligen oder sogar vierstelligen Preis geistig eingestellt, kann man ihm auch den 50-Euro-Gürtel oder die 40-Euro-Socken zum Anzug verkaufen, obwohl er die sonst nie kaufen würde und man auch für 10 Euro prima Gürtel bekommt, weil er zum teuren Anzug keinen billigen Gürtel haben will und sowieso auf höhere Beträge eingestellt ist, die 50 Euro also nicht mehr richtig bewerten kann.

Mir ist das dann eingefallen, dass mir das auch mal passiert ist. Ich musste (durfte, je nach Sichtweise) als Student mal den Trauzeugen machen, wollte mich natürlich dazu gut in Schale schmeißen und haben mir vom Ersparten ausnahmsweise mal einen teuren Anzug gegönnt. So einen vornehmen Zweireiher mit Nadelstreifen. Und der war auch deshalb nicht billig, weil die Sache kurzfristig war und die mir die nötigen Änderungen rechtzeitig zum Morgen der Trauung zusagen (hat auch funktioniert). Edles Stöffchen. Habe ich noch, passe nur nicht mehr rein. Und danach haben die mir tatsächlich noch ein paar – farblich wunderbar passende – sauteure Yves-Saint-Laurent-Socken angedreht. Der letzte Mist. Haben überhaupt nichts ausgehalten, nach zweimal Tragen waren vorne meine – wohlgemerkt gut geschnittenen, runden und nicht über den Zehn hinausstehende, auch stumpfen – Zehnägel durch die Socken durch. Billige Socken halten bei mir locker mehrere Jahre lang. Aber ich habe mir den Mist damals ohne nachzudenken für teuer Geld noch andrehen lassen, weil ich sowieso am Geldausgeben war, genau so wie ich das später darüber gelesen haben, wie die das Verkaufen lernen. Seither achte ich stärker darauf, dass mir das nicht passiert. Dass mir nicht jemand im Windschatten des großen Dings den kleinen Schwindel unterjubelt. Gibt es nämlich im Fotogeschäft auch: Erst die dicke Kamera, und dann den ganzen Zubehörkram gleich hinterher. Oder Kleiderschränke und Küchen bei IKEA: Erst den großen Korpus, viel Geld aber doch vergleichsweise günstig, und dann hinterher den ganzen Einbaukleinkram wie Schubladen, Lampen, Griffe, die dann richtig ins Geld gehen.

Und ich frage mich, ob Lügenpresse nicht oft nach demselben Schema funktioniert.

Wenn da irgendwo das große Ding abläuft, das ohnehin auf allen Kanälen läuft und einen, weil so unerwartet, voll in Anspruch nimmt und bannt, und man daran auch keinen Zweifel hat, weil es ja schon passiert ist, ob nun nun GSG9 in Bad Kleinen oder Tohuwabohu in Chemnitz, die einem da noch wie schlechte Socken oder überteuerte Gürtel solche Lügeninfos mit draufpacken, die man ihnen sonst, in Ruhe und isoliert nicht abkaufen würde, die man aber mitfrisst, weil Aufmerksamkeit und Maßstäbe gerade ganz woanders sind.