Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Reklamationen

Hadmut
3.12.2019 17:28

Es wird immer schlimmer.

Den Eindruck habe nicht nur ich. In den letzten Jahren habe ich von den Lesern immer mehr Feedback in die Richtung bekommen, dass die Produktqualität – nicht nur bei Schuhen, wo mir das viele besonders bestätigt haben – sondern generell immer weiter sinkt und immer mehr … naja, ich würde nicht sagen, Schrott, aber unausgereiftes, ungeprüftes oder nachlässig hergestelltes Zeug auf den Markt geworfen wird. Irgendwer hat mir das mal vorgerechnet, dass es günstiger ist, eine Reklamationsquote einzupreisen und das Zeug halt per Ersatz zu verschicken, als es von vornherein ordentlich zu produzieren. Schon die Zahl der Schuhe, die ich nach kurzer Zeit wegen irgendwelchen Defekten zurückgeben musste, ist bei mir ja hochgegangen, und das bei teuren Markenschuhen. Schon vor einiger Zeit ist mir das auch bei Elektronik aufgefallen, als ich ein kleines elektronisches Gerät chinesischer Herkunft bestellt hatte, nicht sehr teuer, und etwas nicht funktionierte. Ja, käme vor, war deren Antwort. Ich soll’s einfach wegschmeißen, sie schicken ein neues.

Ich habe die letzten vier Tage einen großen Teil meiner Zeit damit verbracht, Zeugs, was ich teils über das Jahr schon gekauft, jetzt aber (nicht wegen Weihnachten, sondern wegen Steuerjahr) auch gekauft hatte, zu reklamieren, mit den Herstellern Kontakt aufzunehmen. Kommerzielle Software, die abstürzt. Ein Switch, der sich nicht firmwareupgrade lässt, weil sie bis zu meiner Mail noch gar nicht gemerkt hatten, dass es hängen bleibt, es aber im Labor verblüfft bestätigen konnten und seit 3 Wochen erfolglos nach einer Lösung suchen. Zwei Kameras, eine neu, eine von letztem Jahr, die sich partout nicht ordentlich mit der App steuern lassen, eine davon lässt sich nicht mal aktualisieren, obwohl es neuere Firmware gibt. Eine Fernbedienung, die ich zerlegen musste, weil sie laut Aufkleber zwar erst vor 6 Wochen hergestellt und qualitätsgeprüft wurde, die Knopfzelle aber schon bei Lieferung tot war, und eigentlich gar nicht für den Austausch vorgesehen war, die sollte auf Lebensdauer des Geräts halten. Deshalb konnte man die Batterie auch nicht einfach so austauschen, 8 Schrauben waren zu lösen. Jetzt geht die Fernbedienung, aber es hilft einem nicht wirklich viel, weil die Software Macken hat, die sie noch gar nicht verstanden haben, und man auch nicht sehen kann, ob das Gerät jetzt eigentlich arbeitet oder nicht. Dafür gibt es zwar extra eine LED auf der Rückseite, man sieht es also nur von hinten, aber die Montagehalterung verdeckt die LED, man sieht es dann gar nicht mehr.

Bei einem vornehmen Markenhersteller tat eine Funktion nicht. Also Fehlerbeschreibung an die Kontaktadresse in Japan. Kam eine automatische Mail zurück, sie bedankten sich sehr für den Hinweis, aber da hört keiner. Ich möge mich doch bitte an die Niederlassung meines jeweiligen Kontinents wenden und da mein Glück versuchen.

Selbst beim Nichtelektronischen habe ich Pech. Ich hatte eine Jacke bestellt. Passt, prima verarbeitet, eigentlich genau, was ich haben wollte. Europäisches Produkt. Aber stinkt so erbärmlich nach irgendeiner Chemie, vermutlich Schädlingsschutz für die Lagerung, dass einem auch nach einer Woche Lüften die Augen noch gereizt protestieren und hinterher der Pullover stinkt.

Ich habe gerade den Überblick darüber verloren, mit wievielen Firmen und Händlern der Welt ich gerade in Kommunikation darüber bin, wie man deren Produkte in Funktion setzt, aber ich habe den stark ansteigenden Eindruck, dass da immer mehr Zeugs verkauft wird, was jetzt nicht Schrott im eigentlichen Sinne ist, das sind eigentlich alles hochwertige Sachen, manches sogar Markenprodukte, aber alles irgendwie unfertig, alles eigentlich noch nicht marktfertig. Es ist unglaublich, wieviel Entwicklungs- und Produktionsarbeit man damit durch die Hintertür an den Kunden auslagert. Ich stehe in multipler Korrespondenz mit USA, China, Japan, Polen, Deutschland.

Kuriosum:

Ich hatte mir noch ein günstiges Gerät eines chinesischen Herstellers in der Größenordnung um 50 Euro gekauft.

Das Ding war völlig in Ordnung, tat auch was es sollte, keine Macke, kein Fehler, aber irgendwie nicht für diesen speziellen Einsatzzweck optimiert, den ich vorhatte, sondern für das gebaut, wofür es die allermeisten Menschen einsetzen. Keinerlei Vorwurf. Keine Reklamation. Ich habe nur als Produktrezension geschrieben, dass das Ding ordentlich funktioniert, aber etwas nach billigem Plastik aussieht und nicht so für meinen Zweck geeignet ist, wie ich mir das vorgestellt hatte, es aber für die meisten Einsätze völlig in Ordnung wäre. (Und habe mir dann doch noch ein teures Markenprodukt eines japanischen Herstellers für 280 Euro gekauft; der Volksmund sagt ja gerne, wer billig kauft, kauft zweimal. Der Danisch sagt, dass wer erst billig kauft, nicht nur die Chance hat, dass es billig schon reicht, sondern auch preisgünstiges Lehrgeld dafür gezahlt, dass er dann weiß, worauf er achten muss. Denn wer teuer kauft, kauft oft auch zweimal, gibt dafür aber mehr aus. Ich neige deshalb dazu, mir durchaus erst mal billig zu kaufen und auszuprobieren, und darauf dann erst meine Wahl zu stützen, falls ich damit nicht schon zufrieden bin. Dann weiß ich nämlich, wo es zwackt.)

Und obwohl ich mich da nicht beschwert hatte, nicht reklamiert, nicht zurückgeschickt, nur im Kommentar geschrieben, dass das Ding zwar ordentlich und tadellos sei, aber nicht ganz für meinen Einsatzzweck geeignet, meldete sich der Hersteller/Importeur von sich aus bei mir und teilte mit, dass es ihr Unternehmensziel sei, nur den besten Kundenservice zu leisten. Es sei für sie als Firma dieser Zielrichtung schlicht nicht hinnehmbar, dass ein Kunde Geringeres als voll glücklich sein könnte, deshalb schenkten sie mir noch ihr bestes Modell, auf das sie besonders stolz sind, und das tatsächlich auch sehr gut verarbeitet ist (und etwa 100 Euro im Laden kostet) hinterher und obendrauf, auf dass es mich so glücklich mache, wie sie nur könnten. Nun habe ich also drei, ein Gerät für 50, eines für 100 und eines für 280. Eins ist nur gut, zwei machen mich glücklich. Ich sage jetzt aber nicht, welches davon mir am glücklichsten macht. (Und nein, es war kein Vibrator.)

Wie dem auch sei: Die Produktqualität lässt deutlich und immer mehr zu wünschen übrig. Wir haben eine Marktdegeneration. Quantität zulasten von Qualität.

Wohlgemerkt: Es war da kein echtes Billigprodukt dabei (oder vielleicht das mit der leeren Batterie in der Fernbedienung.) Kein Billigmist. Sogar führende Markenhersteller.

Man könnte auch sagen, dass gerade Wachstum durch Nutzungsverkürzung betrieben wird. Ich hatte das ja neulich mal erzählt, dass der Kameramarkt gerade kollabiert und sie Kameras deshalb nicht mehr so entwerfen wie früher für den europäischen Markt, wo eine Kamera in der Regel wie ein Wertgegenstand gehegt und gepflegt und durchschnittlich 5 Jahre verwendet wird, sondern sie ihr Überleben im asiatischen Markt suchen. Für Asiaten ist so eine Kamera meist kein Wertgegenstand, sondern auch nur irgendein Elektronikgadget, das als höchste Aufgabe hat, keine Langeweile aufkommen zu lassen, aber trotzdem bald langweilig und deshalb nach spätestens 2 Jahren ersetzt wird.

Das geht so nicht weiter und überhitzt gerade.

Ich prophezeie einen erheblichen Einbruch am Konsumgütermarkt und halte das Zusammenfallen des Kameramarktes für ein erstes Symptom davon. Wenn dann noch die Klima- und Plastikpolitik dazu kommt, dürfte da einiges absterben.