Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Packt die Modems wieder aus…

Hadmut
17.8.2019 18:43

Deutschland im technischen Retro-Trend.

Ich soll über die Telekom erschüttert sein, bin es aber über das ZDF.

Die heute-Nachrichten schreiben, dass die Telekom ISDN abschalten will (erstens bekannt und zweitens zwar gut, aber halt doch sehr veraltet), weil sie alles auf IP (=Internet Protocol) umstellen will, dabei aber nicht bedacht habe, dass es in ländlichen Gebieten dann nur noch analoge Anschlüsse gäbe, über die man keine E-Mail übertragen könne. (Komisch, ich habe das jahrelang gemacht, indem ich ein wundersames Gerät namens Modem verwendet habe…)

Was mir an diesem heute-Artikel weiterhin seltsam erscheint, dass das schon logisch nicht stimmen kann. Denn es liest sich, als würde die Telekom das ISDN-Netz abschalten und den ganzen ISDN-Kram rauswerfen (was sie ja tut), und dann alle die, die nicht am IP sind, auf das gute alte Analog-Netz der 60er und 70er Jahren schalten. So mit Hebdrehwähler und Wählscheibe.

Nur: Das gibt es nicht mehr.

Die Telekom hat im Zuge des ISDN-Ausbaus den analogen Kram schon rausgeworfen. Das ergibt deshalb keinen Sinn, was heute da schreibt. Im Gegenteil: Wenn die Telekom ISDN durch IP ersetzt, dann heißt das, dass es in den normalen Vermittlungen Internet geben muss, und damit hat auch jeder Endanschluss zwingend die Möglichkeit, Internet zu nutzen, denn wenn da vorher ISDN war, dann heißt das, das es ein gewöhnliches Telefonkabel von der Vermittlungsstelle (genauer: Kabelverzweiger und Anschlussstelle) zur Wohnung gibt. Das braucht ISDN. Dieselben Kabel können aber für DSL verwendet werden, denn DSL ist ja dafür gebaut, über normale Telefonkabel zu laufen. Wenn also die Telekom von ISDN auf IP umstellt, heißt das letztlich, dass auch Kunden, die bisher nur ISDN hatten, nun DSL bekommen können. Wenn da nicht gerade die Leitung zu dünn ausgelegt ist.

Dazu nun:

Dabei hat die Deutsche Telekom AG in einigen Fällen im Kündigungsschreiben einen neuen Tarif angeboten, der bei den ISDN-Anschlussinhabern Hoffnung weckte. Ihnen wurde ein VDSL-Anschluss mit dem Tarif “Magenta Zuhause M” angeboten. “Genießen Sie dabei Highspeed-Internet mit bis zu 50 Mbit/s im Download und mit bis zu 10 Mbit/s im Upload”, warb die Telekom für die Tarifumstellung.

Doch Langzeitmessungen an einem eigens geführten Referenzanschluss im ostfriesischen Landkreis Leer beispielsweise, der auch auf IP-Vermittlung umgestellt werden soll, ergaben, dass der angebotene Tarif aus technischen Gründen gar nicht realisiert werden kann. Die dort vorhandenen Kupferleitungen für den ISDN-Anschluss gaben nur Uploadgeschwindigkeiten von bis zu sechs Kilobit pro Sekunde und Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 40 Kilobit pro Sekunde her.

So? Wenn die Leitungen nur Uploadgeschwindigkeiten von bis zu sechs Kilobit pro Sekunde und Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 40 Kilobit pro Sekunde hergeben, also ziemlich lange oder lausige Kabel sind (was möglich ist), wie konnte denn dann ISDN mit 64kBit up+down drauf laufen? Zwar ist DSL eine andere Technik, aber eine, die durch mehrere Frequenzen das Kabel viel besser ausnutzt als ISDN. Ich habe oft gehört, dass die DSL-Übertragung lausig war, wenn die Endgeräte beim Ausmessen zu schlechten Ergebnissen kamen, aber nie davon, dass die Ergebnisse unter ISDN waren.

Aber warum nicht einfach mal das Angebot der Telekom annehmen und das Problem denen überlassen? Womöglich wissen die ja, woran es liegt, und können das mit austauschen.

Und dann wird’s heftig:

Wie IP-Telefonie funktioniert

Sprache und Steuerinformationen werden bei der IP-Telefonie über Datennetze mit Hilfe der Internet-Protokolle übertragen. Die Internet-Protokolladresse kann dabei aber die gute alte Telefonnummer nicht ersetzen, weil viele Anwender lediglich eine temporäre Internet-Protokolladresse haben, die sich regelmäßig ändert. Deshalb melden sich IP-Telefone mit ihrer sogenannten SIP-Adresse, einer Identitätsnummer für IP-Telefonie, beim Vermittlungsserver an. Die aktuelle IP-Adresse des Telefons wird dabei mit übermittelt. Schon der Verbindungsaufbau erfordert eine Mindestgeschwindigkeit bei der Datenübertragung. Die Sprachqualität ist dann ebenfalls von der zur Verfügung stehenden Bandbreite abhängig. Die Uploadrate sollte dauerhaft bei mindestens 120 Kilobit pro Sekunde liegen, damit IP-Telefonie funktioniert.

Das ist hanebüchen.

Der erste Satz geht noch.

Der zweite ist schon blödsinn, denn die IP-Adresse soll die Telefonnummer gar nicht ersetzen. Es ist nämlich in der normalen Nutzungssituation nicht so, dass das Telefon da rumsteht und wartet, dass es angerufen wird, sondern es verbindet sich mit dem Provider und wartet, dass da auf der Verbindung was kommt. Und das geht auch mit dynamischen IP-Adressen (und mit Einschränkungen sogar hinter NAT). Verwende ich hier zum Beispiel in mehreren Varianten.

Der Brüller ist aber: Es gibt auch die (nur wenigen Leuten bekannte) Methode, dass Telefone direkt miteinander telefonieren, ohne Provider. Ich weiß nicht, ob’s noch geht, aber zumindest früher konnte das sogar die Fritzbox. Das Adress-Schema war name@hostname (also wie eine Mailadresse) und man konnte das in der Fritzbox als Schnellwahleintrag anlegen, dann hat die direkt das Ziel angerufen. End-zu-End-Telefonie ohne Provider. Und wie finden die sich? Da gibt es einen total geheimen Wundermechanismus, den die heute-Redaktion nicht kennt und an dem schon Ursula von der Leyen mit der Kinderpornosperre gescheitert ist: DNS. In diesem Fall: DynDNS. Das, womit wir auch beim Websurfen ständig die Webserver finden, obwohl wir deren IP-Adresse nicht wissen. Und es ist eben nicht so wie beim ordinären Telefon, bei dem man über Jahre dieselbe Telefonnumer hat, dass man zum Telefonieren auch immer dieselbe IP hätte. Geht man über Telefonnummern, dann registriert sich das Telefon immer mit der aktuellen IP-Adresse, auch wenn sie ständig wechselt, beim Provider, der von Telefonnummer auf IP umsetzt, und selbst wenn man direkt anrufen will (was kaum jemand macht, aber eben geht), dann geht man über DynDNS.

Heißt: heute redet Unsinn daher und hat nicht verstanden, wie das mit der Technik so funktioniert.