Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Der nächste ist fällig

Hadmut
14.8.2019 23:48

Die Beschuldigungsmaschine läuft wieder.

Jetzt gehen sie auf Placido Domingo los.

Was hat er gemacht?

Über Jahrzehnte hinweg, habe Domingo Frauen versucht, in sexuelle Beziehungen zu zwingen, indem er ihnen Jobs versprach. Und er habe ihnen beruflich geschadet, wenn sie sich verweigerten, berichten die Frauen übereinstimmend.

Jemanden zu zwingen, indem er Jobs versprach.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sind die Damen so gierig, dass sie dem Versprechen von Vorteilen so wenig widerstehen können, dass sie das als „Zwang” empfinden?

Der zweite Satz ist problematischer, aber den hat man so oft in anderen Fällen gehört und da ist nie was von den Vorwürfen übrig geblieben.

Die ersten Reaktion kamen prompt. Die Oper von San Francisco strich ein für Oktober geplantes Konzert mit Domingo. Das Haus teilte mit, obwohl das unangemessene Verhalten in San Francisco stattgefunden haben soll, sei das Unternehmen seiner „strengen Regeln gegen sexuelle Belästigung verpflichtet und verlangt von allen Mitglieder, die höchsten Standards professionellen Verhaltens einzuhalten“. […]

Das wichtige Philadelphia Orchestra gab bekannt, Domingo sei nicht länger eingeladen, bei einem Eröffnungskonzert Mitte September zu erscheinen. Man fühle sich verpflichtet, dass es dort ein „sicheres, unterstützendes, respektvolles und angemessenes Umfeld“ gebe.

Schuldig durch Beschuldigung.

Es gab mal so etwas wie eine Unschuldsvermutung. Anscheinend denken noch manche daran:

Die Oper in Los Angeles, wo Domingo seit 2003 Generaldirektor ist, hat eine Untersuchung der Belästigungsvorwürfe veranlasst. Die „beunruhigenden“ Anschuldigungen würden mit Hilfe externer Berater geprüft, hieß es in einer Erklärung der Oper. Die Metropolitan Oper in New York die Untersuchung in Los Angeles abwarten.

Die Frage ist natürlich, was das für eine Untersuchung sein soll, ob da jetzt Privatjustiz geübt wird. Muss sich ein Beschuldigter dann gegenüber jeder Privatperson verteidigen?

Wer zahlt eigentlich den Schaden, wenn auch diese Anschuldigungen wieder platzen?

Immer wieder, auch im Zuge der bisherigen #MeToo-Debatte, fiel hinter vorgehaltener Hand sein Name (wie hinter vorgehaltener Hand die Namen anderer alter, weißer Männern des Klassikbetriebs fallen).

Hinter vorgehaltener Hand fiel sein Name, auch die Namen anderer alter weißer Männer.

Schuldig durch Tratsch, Verleumdung und Scheißhausparolen? Was glaubt Ihr, was in der Szene hinter „vorgehaltener Hand” alles für ein Blödsinn behauptet wird.

Und? Lässt man denn mal die Gegenseite zu Wort kommen? Ja, auf seltsame Weise:

Domingo glaubte, schreibt er, „dass alle meine Interaktionen und Beziehungen immer gut aufgenommen wurden und einvernehmlich waren. Menschen, die mich kennen oder mit mir gearbeitet haben, wissen, dass ich jemand bin, der niemals absichtlich jemanden verletzen, beleidigen oder in Verlegenheit bringen würde.“

Wenn man weiß, dass es in der feministischen Szene üblich ist, es sich hinterher anders zu überlegen, und wenn man diese Scientology-artigen Manipulationstechniken kennt, denen ich auch schon beigewohnt habe, dann gruselt es einem. Dazu passt, dass ich neulich irgendwo las, dass die Hirnforschung herausgefunden habe, dass as Abrufen des Gehirns im Prinzip wie bei Ringkernspeichern funktioniert: Mit jeder Erinnerung, jedem Abrufen, geht die Information verloren und wird wieder neu gespeichert. Und jedesmal verändert sie sich etwas. Und wenn es da um Sachen geht, die bis zu dreißig Jahre zurückreichen, dann ist das in hohem Maße bedenklich.

Genau das war übrigens der Grund, warum ich damals angefangen habe, Adele und die Fledermaus zu schreiben. Das war ursprünglich nicht als Publikation gedacht. Ich habe damals gemerkt, dass die enorme Fülle von Informationen, Details, Zusammenhängen das Gehirn schlicht überlastet und man anfängt, sich falsch zu erinnern oder sich so kleine Ergänzungen zu bilden, damit etwas einen Kausalzusammenhang bildet. Deshalb habe ich mich beeilt, das alles zeitnah aufzuschreiben und so viel wie möglich aus Akteneinsichten und sonstigen Verfahrensakten schriftlich niederzulegen. Ich habe noch weit mehr aufgeschrieben, nur nicht alles veröffentlicht. Die Sache liegt nun 20 Jahre zurück und ich könnte das heute unmöglich in allen Details erzählen, wenn ich das nicht damals aufgeschrieben und zusätzlich alles archiviert hätte (sogar versioniert, denn ich hatte das erst in CVS geschrieben, irgendwann nach Subversion und dann nach Git konvertiert, weshalb ich heute noch nachverfolgen kann, wann ich was geschrieben habe, die Logs gehen zurück bis zum 1.1.1999. Daran habe ich gemerkt, wie wichtig das ist.) Und das, wohlgemerkt, obwohl ich mich damit jahrelang intensiv beschäftigt hatte und nicht nur, wie die Damen da behaupten, nur mal begrapscht oder geküsst worden bin, also ein Vorgang von vielleicht 10 Sekunden.

Ich hege daher gegenüber solchen nach 30 Jahren erhobenen Beschuldigungen größtes Misstrauen.

Oft habe ich den Eindruck, dass viele Feministinnen sich sogar ganz bewusst da reinsteigern, sich eine erfundene oder stark manipulierte Erinnerung einzureden, was ja aus oben genannten Gründen sogar funktionieren kann. Lustvolles Lügen als Prinzip, weil es die Erleichterung bringt, Opfer zu sein. Oft habe ich den Eindruck, dass die Willkürlichkeit der Behauptung, vor allem dann, wenn man sie für nicht nachprüfbar oder widerlegbar hält, zentrales Element feministischer Weltsicht ist. Deshalb bricht für diese Leute auch eine Welt zusammen, wenn man es ihnen dann doch widerlegt oder sie als Lügnerinnen überführt.

Der Knackpunkt ist natürlich, dass es dann, wenn diese Fälle schon so lange zurückliegen und verjährt sind (der Mann ist immerhin auch schon um die 80), kein Strafverfahren mehr geben wird, der Fall also womöglich nie offiziell geklärt werden wird, der also auch keine Möglichkeit hat, sich gegen solche Anwürfe zu wehren.

Eine Sängerin, sagt, Domingo sei der Grund gewesen, dass sie überhaupt Sängerin geworden sei. Wie er sich dann aber ihr gegenüber verhalten habe, als sie wirklich neben ihm auf der Bühne stand, habe sie zutiefst verletzt. Weiter wollte sie nicht ins Detail gehen. Sie sagte nur zu AP: „Ich will, dass ihm klar wird, für welche Schäden er – emotional, psychologisch, beruflich oder anderweitig – verantwortlich ist.“

Schuldig, weil er nicht ihrem phantasierten Ideal entsprach? Weil er ein Mensch war? Oder was hat er getan? Solche Andeutungen halte ich für unverantwortlich.

Und in Salzburg will man – beide Auftritte sind natürlich ausverkauft – auf jeden Fall an dem Star festhalten.

Die Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler ließ mitteilen, für sie als ausgebildete Juristin gelte „in dubio pro reo“, also im Zweifel für den Beschuldigten. Es wäre unverantwortlich, zum derzeitigen Zeitpunkt Urteile zu fällen. Sie kenne Plácido Domingo seit über 25 Jahren, schreibt Rabl-Stadler. […]

Die „New York Times“ zitiert zudem Joseph Volpe, von 1990 bis 2006 Intendant der New Yorker Metropolitan Opera: „Ich kenne Plácido seit seinem Met-Debüt 1968, und es gab im Haus niemals einen Vorwurf gegen ihn wegen sexuellen Missverhaltens.