Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Schuld ist nicht der Lügner, sondern der, der ihm glaubt

Hadmut
6.8.2019 0:36

Wieder mal das linke Prinzip, dass an der Tat jeder schuld ist, nur nie der Täter selbst.

Und wieder der links neben der Straße fahrende Augstein:

Muss man sich mal klarmachen: Kümmert Euch nicht um lügende Journalisten, das Problem sind die Leser, die auf sie reinfallen.

(Das Problem ließe sich leicht durch Abschaffung der Presse beheben.)

Zwar hatte er ja in einem vorangegangenen Tweet schon eingeräumt, dass man über den Fall der Marie Sophie Hingst, die sich unwahr als Jüdin und Nachfahrin von Holocaust-Opfern ausgegeben hatte, um zeitgeistig mitzuopfern, opferzusurfen, berichten müsse, aber wohl eher mit der Perspektive auf die dummen Leser, die sowas geglaubt haben.

Kurios ist ja, dass der linkswendende Augstein jetzt die Gesellschaft anprangert, die so bereitwillig auf erfundene Opfer-Geschichten reinfällt. Bei der Frauendiskriminierung und dem Gender Pay Gap war er noch voll dahinter und bediente sich dessen, dass die Gesellschaft auf erfundene Opfer-Geschichten reinfällt. Nur wenn es dann mal gar so peinlich platzt, dann kommt so ein bisschen Distanzierungsrhetorik.

Und wenn’s widerlich links stinkt, ist schon wieder mal Carolin Emcke nicht weit und blubbert in der süddeutschen linken Postille:

Der Tod der Bloggerin Marie Sophie Hingst geht alle Medienschaffenden an – und fordert alle heraus.

Ach. Der Tod fordert alle heraus. Nicht das, was vorher lief?

Über den Freitod eines Menschen zu schreiben oder nicht zu schreiben, ist eine solche Aporie. Man fühlt sich elend, ganz gleich, was man tut.

Wenn man sich elend fühlt, egal, was man tut, dann liegt’s vielleicht gar nicht am Vorgang, sondern an einem selbst. Dann sind vielleicht einfach nicht alle Schrauben fest oder nicht alle Saiten gestimmt.

Alles in mir widerstrebt, über eine Person zu schreiben, der ich nie begegnet bin, deren Leben ich so wenig beurteilen möchte wie deren Sterben.

Und warum lässt sie es dann nicht bleiben? Sprechdurchfall? Oder der Drang, den Ansehensbrand löschen zu wollen?

Aber: nicht über den Tod der jungen Historikerin und Bloggerin Marie Sophie Hingst zu schreiben, deren Texte kurz zuvor durch einen Bericht des Spiegel entlarvt worden waren als Collagen aus Fiktion und (Selbst-)Täuschung, ist auch undenkbar.

Das ist übrigens schon mittendrin statt nur dabei, und zwar mittendrin im Problem: Sie war eine Lügnerin. Aber überall ist die Rede von „Historikerin” und „Bloggerin”.

Es ist immer so, vor allem bei Frauen: Immer werden sie als „Bloggerin” bezeichnet, auch wenn sie nie viel oder seit Jahren nichts mehr geschrieben haben. Sascha Lobo oder Katharina Nocun werden immer als Blogger vorgestellt, weil man das dann positiv konottiert.

Ist Euch schon mal aufgefallen, dass ich – zumindest wüsste ich nicht davon – noch nie von einem Mainstream-Journalisten oder aus dem linken Spektrum als „Blogger” bezeichnet wurde, obwoh ich eines der ältesten und zugriffsstärksten Einzelpersonen-Blogs in Deutschland habe?

Dafür sind sie immer schnell dabei, alle, die ihnen nicht passen, als Lügner oder Fake-Newser zu bezeichnen. Nur dann, wenn bei ihnen einer so richtig mit Lügen auffliegt, etwa Relotius oder Hingst, dann ist es ihnen schier unmöglich, sie als das zu bezeichnen, was sie sind: Lügner und Fake-Newser.

Warum also ist Marie Sophie Hingst bei Carolin Emcke eine „Historikerin und Bloggerin” und keine Lügnerin?

Oder anders gefragt: Ist Emcke eine Lügnerin, wenn sie Hingst als „Historikerin und Bloggerin” und nicht als Lügnerin hinstellt? Bei politisch anderes denkenden Personen ist man da ja auch nicht so zimperlich. (Es sind nicht die Maßstäbe, die mich so besonders ankotzen. Es sind die doppelten Maßstäbe.)

De mortuis nihil nisi bene?

Hat man sich den vor ihrem Tod anders geäußert? Und kann man damit die unterschiedlichen Maßstäbe rechtfertigen? Hat das jemand überhaupt verdient, der den Tod anderer (Holocaust) für sich ausnutzte, um das auszuschlachten?

In Wahrheit sind dies Fragen, die wir uns dauernd stellen müssen, nicht nur im Fall einer mutmaßlich psychisch fragilen Person. Sondern immer. Die Entscheidung, was relevant ist, was nicht, wie scharf kritisiert werden darf oder muss, was unerwähnt bleiben darf oder muss, welcher Blick aufklärerisch, welcher bloß obszön ist, welche Urteile sich noch auf die Handlungen einer Person (oder Institution) beziehen und welche allein ihre Persönlichkeit, ihren Körper, ihr Äußeres denunzieren?

Boah, ist das verlogen.

Beim politischen Gegner immer fest drauf, aber im eigenen Lager die Leute anfassen wie rohe Eier. Sie hat gelogen? Ach, ist nicht schlimm, bloß nicht erwähnen.

Alle, die ihre Aufgabe ernst nehmen, wissen um die ethische Last dieser Fragen. Es geht nicht so sehr um die Fehler, die jedem von uns dabei unterlaufen können: dass wir jemandem glauben, dem oder der wir nicht glauben sollten oder, womöglich schlimmer, jemandem nicht glauben, dem oder der wir hätten glauben müssen. Es geht nicht so sehr um die Irrtümer, die uns allen widerfahren: dass wir etwas anders erinnern, als es geschehen ist. Sondern darum: was das, was wir schreiben oder nicht schreiben, auslöst. Bei denen, die wir in den Fokus stellen und ins Licht zerren oder bei denen, die wir permanent übersehen, als ob es sie nicht gäbe und die im Dunkeln bleiben.

Ist das verlogen.

Als ob man jemals solche Hemmungen gehabt hätte, wenn man über Leute mit anderer Meinung schreibt. Wie das Schreiben, Handeln, Vorgehen auf andere wirkt, hat sie nicht nur nicht interessiert, sondern im Gegenteil: Größtmögliche Schadens- und Trefferwirkung wird angestrebt.

Der Kollege der Irish Times, Derek Scully, der eine anscheinend so verwirrte wie verwirrende Marie Sophie Hingst nach der Spiegel-Veröffentlichung in Berlin zum Gespräch traf, entschied sich, nicht über sie zu schreiben. Sein einfühlsames Nachdenken über diese junge Frau, die mehrere Figuren und Lebensgeschichten in sich zu bergen schien, sein Bemühen, mit Angehörigen und Psychologen über sie zu sprechen, sind beeindruckend. Aber zu diesem Zeitpunkt nicht über sie zu schreiben, war keine schwere Entscheidung. Da waren ihre Erfindungen schon enttarnt. Die eigentliche Schwelle ist die, ob diese Enttarnung zwingend war oder ob auf sie hätte verzichtet werden müssen, weil hier ein Mensch als womöglich krank hätte erkannt werden können.

Was sagt die da?

Lügende Autoren – natürlich nur die guten, linken, weiblichen – nicht enttarnen, weil sie ja krank sein könnten?

So furchtbar es ist, es lässt sich beides denken: Auch ich hätte geschrieben über die Täuschungen, weil wir das den Angehörigen der Opfer der Schoah schuldig sind. Und gleichzeitig wünschte ich wie alle anderen, es hätte verhindert werden können, dass ein junger Mensch aus dem Leben geht.

Hätte man solches Bedauern, solche Traurigkeit jemals über jemanden gehört, der nicht der linken Einheitsmeinungsmainstream-Sekte angehört?

Würde man etwa trauern um einen konservativen Lügner und Selbstmörder, oder würde man jubeln und sich darüber auslassen, dass der ja sowieso nur krank sein konnte, um diese Meinung zu haben, und es gut ist, dass er weg ist?

Schon in ihrem Bedauern lügen diese Leute so entsetzlich, so triefend, so widerlich, dass man eigentlich nur feststellen kann, dass die Lügenindustrie den Verlust einer Lügnerin als eine der ihren betrauert.