Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Merkel, die künstliche Intelligenz und die Methode Honecker

Hadmut
8.4.2019 21:04

Bin ich eigentlich der Einzige, dem das historisch bekannt vorkommt? Schweinezyklus?

Wisst Ihr, an was mich das Theater der Bundesregierung im Allgemeinen und Angela Merkels im Besonderen erinnert?

Leute meines Alters und meines Berufs erinnert sich noch an den Megabit-Speicherchip der DDR, mit dem Erich Honecker zeigen wollte, dass die DDR technologisch zur Weltspitze gehöre. War natürlich faul, längst veraltet und nicht konkurrenzfähig oder massentauglich.

Schauen wir mal etwas in die historische Presse. MDR:

Am 12. September 1988 wurde in Berlin mit großem Pomp eine vermeintliche technologische Sensation präsentiert: der Ein-Megabit-Chip, made in GDR. Aber der Volksmund spottete schon bald, es handle sich um den “ersten begehbaren Chip der Welt”. Tatsächlich war die Entwicklung des Chips eine große Leistung für die DDR-Wissenschaftler, allerdings wäre eine Massenproduktion niemals möglich gewesen. […]

Der knapp sieben Millimeter große Chip sollte demonstrieren, dass die DDR auch auf dem Feld der Mikroelektronik durchaus zur Weltspitze gehöre. […]

Der Rückstand der DDR zur internationalen Spitze der Mikroelektronik, die damals vor allem Japan verkörperte, betrug Mitte der 1980er-Jahre, wie das ZK der SED betrübt konstatieren musste, wenigstens vier Jahre. Das solle sich, so forderte die Staatspartei, aber nun schleunigst ändern. Eine verzweifelte Aufholjagd begann, denn die SED sah in der Mikroelektronik die einzige Hoffnung auf eine Zukunft der DDR als Industrienation. Rund eine Milliarde DDR-Mark wurden in den Aufbau des “Zentrum Mikroelektronik Dresden” (ZMD) gepumpt. […]

Im Februar 1986 beschloss die Führung der SED, dass die DDR binnen drei Jahre das Weltniveau im Bereich Mikroelektronik erreicht haben müsse. Das Hauptaugenmerk sollte dabei auf die Entwicklung eines Ein-Megabit-Speicherchips gelegt werden. Ein Chip also, der eine Million Dateneinheiten speichern kann. Die Computerfirma IBM hatte einen solchen Chip allerdings bereits im Mai 1984 vorgestellt.

Oder Heise:

Knobloch erinnert sich später, wie er dem Politbüro die Kapazität des Speichermoduls erläuterte: “Auf einen solchen Chip passt der Text von rund 60 DIN A4-Seiten mit jeweils etwa vierzig Zeilen zu sechzig Zeichen. Meine Zuhörer machten große Augen, vermutlich begriff keiner so recht, worum es ging.” […]

Honecker wollte, dass der Chip Gorbatschow vorgestellt wird. „Das war als politisches Signal an den Perestroika-Erfinder gedacht, der in den Augen der SED-Führung den Sozialismus vernichtete und dem man beweisen wollte, das unser Weg der bessere war“, schreibt Karl Nendel, der “General der Mikroelektronik“ der DDR, in seinen Erinnerungen.

MZ-Web:

Das Bauteil, mit Milliardeninvestitionen im VEB Kombinat Mikroelektronik „Karl Marx” Erfurt zur Funktionsfähigkeit gebracht, sollte schließlich feierlich übergeben werden. DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker, in diesem Sommer 1989 schon ein schwerkranker Mann, lässt es sich nicht nehmen, ein Jahr nach dem ersten Funktionsmuster eines DDR-eigenen Ein-Megabit-Chips auch den ersten High-Tech-Prozessor aus eigenem Anbau selbst entgegenzunehmen.

In einem von Neonröhren beleuchteten Raum hat der Initiator des DDR-Mikroelektronik-Programms seinen letzten großen Auftritt. „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf”, sagt Honecker. […]

Der echte Stolz der DDR-Mikroelektronik, gerade mal 84 Quadratmillimetern klein, ist kurz zuvor von Mitarbeitern des VEB Mikroelektronik gegen ein ähnlich aussehendes Bauteil ausgetauscht worden. „Wir dachten, dass es sowieso egal ist, was der da überreicht bekommt”, erzählt der Mann, der das Original bis heute aufbewahrt, „dann haben wir gelost, wer ihn mit nach Hause nimmt”. Keine politische Aktion, auch wenn alle Beteiligten kritisch über die DDR denken. „Wir wollten nur nicht, dass der das echte Ding bekommt.”

War wohl „Neuland” für Honecker.

Es ist die letzte Hoffnung der DDR auf eine Zukunft als Industrieland. Rund 30 Milliarden Mark hat die SED bereits in die Aufholjagd im Mikroelektronikbereich gepumpt.

Oder der SPIEGEL von 1990, da sahen die Sozialismus noch kritisch:

Eine Studie von DDR-Wissenschaftlern belegt: Die „Elektronisierung der Volkswirtschaft“ ist weitgehend gescheitert. […]

Gerührt nahm Staatsratsvorsitzender Erich Honecker dann das Gastgeschenk entgegen: erste Muster eines leistungsfähigen 32-bit-Mikroprozessors aus DDR-eigener Produktion. Dann gab der greise SED-Generalsekretär der Delegation aus Erfurt das Lob zurück: Ihre Arbeit entspreche “höchsten international bekannten Maßstäben”.
Das war im August letzten Jahres in Berlin. In den Schubladen der Akademie der Wissenschaften der DDR schlummerte da schon eine Studie zum Stand der Mikroelektronik im SED-Staat, die den wahren Gehalt auch dieses realsozialistischen Rituals offenbart: alles Lüge.
Denn die Untersuchung des Zentralinstituts für Wirtschaftswissenschaften an der Prenzlauer Promenade, noch im November letzten Jahres als geheime “Dienstsache” eingestuft, belegt nicht nur einen “gravierenden ökonomischen Rückstand” in der Schaltkreisproduktion der DDR.
Nicht einmal der technologische Abstand zum Westen habe verringert werden können, lautet die bittere Bilanz der Arbeitsgruppe unter Leitung von Akademieprofessor Wolfgang Marschall. Zwar sei die “Schaffung einer eigenen mikroelektronischen Basis” richtig gewesen; der Milliardenaufwand für die Bauelemente-Fertigung in der DDR hat jedoch nach den Ergebnissen der Studie nicht gelohnt und darüber hinaus, so Marschall, den Ausbau der Mikroelektronik beim ostdeutschen Nachbarn sogar “ökonomisch gehemmt”.

Oder das DDR-Museum:

1977 erfährt das ZK: Der „Rückstand zur internationalen Spitze“ beträgt in der Mikroelektronik „bis zu neun Jahre“. Der Bericht löst Alarm aus. Man versucht es mit Industriespionage und versenkt Milliarden in der Forschung. 1988 wird der 1-Megabit-Mikrochip („U61000“) präsentiert, der ca. 35 eng beschriebene Schreibmaschinenseiten speichern konnte.

Das „Forschungszentrum für Mikroelektronik“ in Dresden stellt den Speicherchip nur in geringer Stückzahl her. Pro Stück wäre er 100-mal so teuer gewesen wie sein westlicher Zwillingsbruder, der schon zwei Jahre in Massen laufen konnte und der von dem japanischen Toshiba-Konzern stammt. Der 4-Megabit-Chip ist dort bereits in Entwicklung.

Die Wirtschaftsordnung der DDR hier mit dem Begriff des Scheiterns zu unterlegen ist sicher nicht aus der Luft gegriffen, obwohl gerade in der Mikroelektronik die DDR-Führung alles daran setzte, den Anschluss nicht völlig zu verlieren. Der exportorientierte Maschinenbau der DDR bekam aufgrund hoffnungslos veralteter elektronischer Komponenten im beginnenden CAD/ CAM-Zeitalter immer mehr Absatzschwierigkeiten bzw. sanken die Gewinnmargen, da im Westen zugekauft werden musste.

Und?

Ist das nicht exakt deckungsgleich mit der Situtation in Deutschland und auf EU-Ebene, was etwa die Künstliche Intelligenz angeht?

Ist man da nicht auch Jahre hinterher und schon quasi hoffnungslos abgehängt, weil man sozialistische Misswirtschaft betrieben hat, buttert jetzt Milliarden rein und verkündet, zur Weltspitze aufschließen zu wollen, während das, was man feierlich präsentiert, im Wesentlichen Fake ist?

Aber Merkel in ihrem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. Obwohl wir von beiden sogar ziemlich viele in der Politik haben.