Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Blog-Belehrungen und Freiheiten

Hadmut
23.2.2019 21:28

Es gibt so einen Punkt, über den ich mich immer wieder aufs Neue wundere.

Immer wieder mal, so gefühlt alle ein bis zwei Monate, kommt einer mit der Argumentation daher, dass mein Blog zwar irgendwie gut aber doch schlecht sei, weil ich vom Stil, von der Sprache, von der Vorgehensweise oder worin auch immer, irgendwas nicht gut mache. Dass ich unter meinen Möglichkeiten bliebe oder irgendeine Erwartung nicht erfülle.

Das mag ja durchaus sein. Ich halte mich nicht für den Allerschlauesten im Lande, und ich bin auch kein Schriftsteller oder Journalist, jedenfalls nicht erlernt und von Beruf. Ich bin Informatiker und mache das hier als Laie, als Hobby, zur Wahrnehmung meiner Meinungsfreiheit. Der für mich tragende Aspekt ist, dass es meine Meinung ist, und zwar selbst dann, wenn sie mal falsch, oberflächlich oder dumm ist. Weil ich verfassungsrechtlich der Meinung bin, dass Meinungsfreiheit jedem und nicht nur einer Intellektuellenkaste oder einer Berufsgruppe mit Kooptationsrecht zusteht. An Meinungsfreiheit können keine intellektuellen Mindestanforderungen gestellt werden, weil sie jedem zustehen muss. Inhaltliche Anforderungen sicherlich, nicht alles ist Meinung.

Zwar nehme ich für mich gelegentlich auch in Anspruch, hier wissenschaftlich, vornehmlich wissenschaftskritisch, und damit unter dem Schutz der Wissenschaftsfreiheit zu schreiben, und damit auch höheren Qualitätsansprüchen zu genügen, aber ich halte es für äußerst wichtig, dass Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit nicht denselben Anforderungen unterliegen. Außerdem hat man die Meinungsfreiheit immer und automatisch, während die Wissenschaftsfreiheit den Willen und wenigstens den Versuch voraussetzt, wissenschaftlich tätig zu sein (was ich übrigens vielen, die ich an der Universität gesehen habe, übrigens abspreche). Denn Wissenschaftsfreiheit ist nicht räumlich oder fiskalisch daran gebunden, dass man für die Forschung bestimmtes Geld oder Geld auf dem Campus verbraucht. Es ist auch nicht an eine Dienststellung gebunden, man kann nicht zum Wissenschaftler ernannt oder verbeamtet werden. Wissenschaftlich ist man tätig, wenn man den ernstlichen und planvollen Versuch unternimmt und Willen hat, wissenschaftlich tätig zu sein. (Woran es vielen Professoren einfach fehlt.) Demgegenüber sind an die Meinungsfreiheit keine Anforderungen gestellt. Es muss lediglich inhaltlich eine Meinung sein, also nicht etwa nur Schmähung oder bloße Tatsachenbehauptung. Die Verfassungsrechtsprechung stellt ausdrücklich auch derbe Ausdrucksweise unter den Schutz der Meinungsfreiheit, wenn sie mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung einhergeht.

Deshalb nutze ich diesen Spielraum auch aus. Ich nutze ihn bewusst aus, damit er sich nicht verkürzt, wie ein Muskel, den man nur auf einem Teil seiner Strecke verwendet. Um mir nicht selbst den Weg abzuschneiden, indem ich mir die nur teilweise Nutzung zum eigenen Maßstab mache. Man muss aufpassen, dass man sich nicht einengt, indem man sich zum Maßstab seiner selbst macht.

Meinungsfreiheit will wahrgenommen werden.

Die Autorin Carolin Emcke, von der ich nicht viel halte, wird ab und zu mal mit dem Ausspruch aus einer Rede in der Paulskirche mit der Aussage

Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.

zitiert. Ich finde es erstaunlich, mit wie wenig man zu einer Rede in der Paulskirche und zu einem Friedenspreis kommt. Es ist zwar nicht falsch, aber viel zu kurz gegriffen. Oder um es in Informatikersprache zu sagen: Sie verwechselt notwendig mit hinreichend, symptomatisch mit konstituierend, vorher mit nachher. Aber wenn das Publikum intellektuell genügsam ist, mag das reichen. Freiheit ist eben nicht nur das, was man tut. Sondern auch die Freiheit, es bleiben zu lassen. So unterscheidet man bei der Religionsfreiheit zwischen der positiven und der negativen Religionsfreiheit. Negative Religionsfreiheit ist auch Freiheit, aber nichts, was man tut. Sie ist das, was man bleiben lässt.

Zutiefst betrüblich, dass sich ausgerechnet in der Paulskirche, in der unser Rechtegebäude entworfen wurde, Leute versammeln, um sich mit einer so oberflächlichen Auffassung von Rechten und so billigen pseudointellektuellen Sprüchen nicht nur zufriedenzugeben, sondern sie auch noch auszuzeichnen.

Freiheit ist nicht erst, es zu tun. Den vor dem Tun steht der Entschluss. Freiheit ist das, was man schon vor dem Entschluss hat. Freiheit ist, nicht durch von außen vorgegebene Nachteile vom Entschluss zugunsten einer Handlungsalternative durch Abwägung abgehalten zu werden.

Wenn man es tun muss, um frei zu sein, dann ist es eben keine Freiheit. Wer Freiheit damit definiert, dass sie das ist, was man tut, der hat Freiheit nicht verstanden. Freiheit ist durchaus die konvexe Hülle über das, was man tut. Aber eben nicht nur. Auch über all das, was man nicht tut, und über das, was man tun könnte, was einem also in der Auswahlerwägung zur Verfügung steht.

Deshalb ist es schlicht falsch zu sagen, dass Freiheit etwas ist, was man tut. Denn etwas zu tun sagt noch lange nichts über die Freiheit in ihrer Breite aus. Etwas nicht tun zu können ist der Nachweis fehlender Freiheit. Aussagenlogisch folgt daraus, dass aus Freiheit folgt, etwas tun zu können, aber nicht, dass aus dem Tun die Freiheit folgt oder mit ihr identisch ist.

Deshalb ist Freiheit nicht das, was man tut, sondern die gesamte Bandbreite dessen, was man tut, was man lässt und was man bei der Entscheidungswahl zur Verfügung hat.

Deshalb liegt Freiheit nicht in dem, was man tut, sondern darin, es heute so und morgen anders und übermorgen gar nicht zu tun. Die Varianz, die Breite des Entscheidungsraumes, das ist es, was Freiheit ausmacht. Und damit will sie erprobt und vermessen werden.

Und genau deshalb schreibe ich hier nicht nur philophisch weise, technisch-wissenschaftliche oder sprachlich elaborierte Texte. Manchmal, wenn ich Lust habe, schon. Aber ich schreibe auch mal derbe, grobe Texte.

Denn meine Meinungsfreiheit liegt nicht darin, das eine oder das andere zu tun, sondern es mir jedesmal, in jedem einzelnen Blog-Artikel, immer wieder aufs Neue frei aussuchen zu können.

Und um mir diesen Spielraum zu erhalten, um ihne zu trainieren und fit zu halten wie einen Muskel, nutze ich ihn und mache Dehnungsübungen in alle Richtungen. Um mir nicht meine Meinungsfreiheit selbst zu verkürzen.

Freilich könnte ich immer vornehm und elaboriert einherschreiten. Würde ich mich aber zu sehr auf diesen Stil festlegen, würde ich mir selbst die Freiheit einschränken, es auch anders zu tun. Dann würde der Leser fragen „was ist denn heute mit ihm los?” wenn ich mal zur großen Kelle greife. Oder der Richter würde sagen „Sie kommen ja sonst auch ohne aus.”

Das ist der Grund, warum ich manchmal aus geradeheraus schreibe, wen ich für dumm und wen ich für einen Idioten halte, und warum. Und das dann manchmal auch in einfacher und gerader Sprache. Auch wenn das manchen gar nicht passt, oder gefällt, oder sie es für schade halten. Nämlich genau deshalb. Um gar nicht erst solche Erwartungshaltungen erwachsen zu lassen, die mich in meiner Rede- und Meinungsfreiheit einengen könnten. Denn Meinungsfreiheit ist gerade auch sagen zu können, was anderen eben gerade nicht gefällt. Den Wünschen des Publikums zu folgen ist keine Freiheit.

Und meine Freiheit ist, so zu schreiben, wie ich in dem Augenblick gerade ungehindert Lust und Laune habe.

Und dazu gehört für mich dann auch, es direkt, deutlich und wörtlich zu benennen, wen und was ich für dumm halte.

Manch einer ist überzeugt, dass mich das Leser, Ansehen, Wert kostet. Mag sein. Aber es verschafft mir als Echolot das Wissen, wieviel Freiheit ich wo habe. Freiheit ist nicht, was man tut. Aber manchmal muss man es tun um zu wissen, ob die Freiheit es noch ermöglicht, ob die Grenzen es noch als Freiheit erscheinen lassen.

Und wenn es den einen stört und der andere deshalb geht, weil ich hier und da mal einen dumm heiße, dann ist das eben so. Ich habe gar nicht vor, jedem zu gefallen. In dem Moment, in dem mein Blog keinen mehr stört und jedem gefällt, kann ich es zumachen, dann ist es überflüssig. Und dann wäre es auch keine Freiheit mehr, könnte also den einzigen Zweck, nämlich meiner Meinungsfreiheit zu dienen, nicht mehr erfüllen.

Deshalb stellt sich für mich immer dann, wenn einer mir sagen will, wie ich es besser zu tun hätte, die Frage, warum er dann von mir erwartet, mich an seine Qualitätsvorstellungen anzupassen (und wieso er glaubt, dass ich das überhaupt könnte, wenn er sich doch für schlauer hält als mich, ich kann mich ja nicht dauerhaft schlauer verhalten, als ich selbst bin), und nicht einfach selbst ein Blog eröffnet und die Texte so schreibt, wie er es für besser und richtig hält.