Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Meine Großmutter ist tot

Hadmut
2.2.2019 0:20

Tut mir leid, aber so ist es.

Diverse Leser haben sich beschwert, dass das Gespräch mit meiner Großmutter, das ich schon mehrfach erwähnt habe, nicht stimmen könne.

Tatsächlich ist das Gespräch schon lange her, und einen Erinnerungsfehler habe ich schon selbst entdeckt: Ich hatte das so in Erinnerung, dass ich Jugendlicher war. Das war ich nicht mehr so ganz, denn das Gespräch fand in der Küche ihres Hauses in der Pfalz statt. Beim Kochen. Sie hat immer gekocht, wenn die Enkel kamen. Dahin sind sie von Karlsruhe gezogen, aber im ersten Semester hatte ich sie noch in ihrem Haus in Karlsruhe besucht und mal deren Waschmaschine benutzt. Ich war also schon im Studium.

Das Gespräch muss irgendwann so um das dritte, vierte Semester gewesen sein, denn damals war mein Auto zusammengebrochen und sie hatten mir was für ein neues altes Auto zugegeben. Ich war mal bei ihnen, um ihnen das Auto zu zeigen, das ich mir gekauft hatte, und mal, um ihnen etwas zu helfen und etwas zu übersetzen. So Anfang der Neunziger wurde mein Großvater dann schwer krank und starb. Das Gespräch muss also so irgendwann um 1987 oder 1988 stattgefunden haben. Da kam ich mir noch sehr jugendlich vor.

Das ist aber nun auch 30 Jahre her. Und ich habe es nicht auf Band aufgenommen oder niedergeschrieben.

Ich will nicht ausschließen, dass ich irgendetwas davon unpräzise wiedergegeben habe.

Und meine Großmutter war, wie schon erwähnt, eine eher einfache Frau. Die kannte die Wehrmacht, weil mein Großvater zwangsweise als Soldat in den Krieg musste, es nach der Methode Schwejk überlebt hatte, wohl kurz in Kriegsgefangenschaft war, und mit durchschossenem und zeitlebens steifem Arm und einem geklauten Fahrrad irgendwann wieder zurück kam. Ich will nicht ausschließen, dass für sie einfach alles Wehrmacht war, was Uniform trug, oder ich das vielleicht nicht präzise wiedergegeben habe, aber vielleicht hat es auch einfach so gestimmt. Man sollte aber auch bedenken, dass auch für meine Großmutter damit etwa 45 Jahre zwischen den damaligen Vorgängen und dem Gespräch mit mir lagen, und dass das Gespräch ja „komprimiert” war, weil ich mich nur so ungefähr eine Viertelstunde in der Küche mit ihr unterhalten hatte, sie darin aber die Erfahrungen mehrerer Kriegsjahre zusammenpackte. Sie sagte ja, dass es häufig passierte und sprach nicht nur von einem einzelnen Gespräch. Sie sagte „jeder wusste Bescheid”, weil es eben doch so viele gegeben hatte, die berichtet haben, dass es sich flächendeckend herumgesprochen hatte.

Einige Leser halten mir nun vor, dass die Wehrmacht niemals Konzentrationslager bewacht habe, das sei nur die SS oder irgendwelche anderen Sondereinheiten gewesen.

Ich halte einen solchen Einwand für weit überzogen, weil einfach die Genauigkeitsanforderungen viel zu überdreht sind. Es geht ja nicht darum, ein Wachbuch auf Echtheit zu prüfen. Man wird wohl nicht von ihr oder von mir verlangen, Gespräche wie ein Roboter im Science Fiction wortwörtlich zu rezitieren. Und ob sie die Details der Uniformen unterscheiden konnte und das noch in Erinnerung hat, glaube ich auch nicht.

Ich halte aber auch die Aussage, dass die Wehrmacht da niemals involviert gewesen war, für sehr gewagt. Nach Aussagen meiner Großeltern herrschte damals gewaltiges Chaos, vieles war schon im Zusammenbruch. Ich halte unter diesen Umständen das Gespräch mit meiner Großmutter trotz der der zweimaligen langen Erinnerungszeit und der Kompression von mehreren Kriegsjahren auf eine Viertelstunde für authentischer als wenn heute jemand behauptet, es sei im damaligen Kriegschaos irgendetwas ausgeschlossen gewesen. Woher will man denn das so genau wissen, dass man etwas völlig ausschließen könne?

Und wie glaubwürdig ist es? Immerhin ist bekannt, dass viele auch versuchen, Wehrmacht und Naziverbrechen zu trennen. Meinem Großvater zufolge bestand die Wehrmacht aus zwangsverfplichteten armen Schweinen, fast alle eigentlich nette junge Leute. Die man gleich erschossen hatte, wenn sie sich weigerten oder dessertierten. Aber eben auch nicht nur. Ich halte eine so absolute Trennung, aus der man folgere, dass so eine Aussage per se falsch sein muss, weil das niemals habe stattfinden können, für nicht haltbar. Damals war gar nichts ausgeschlossen.

Ich wiederhole das noch einmal: Meine Großeltern hatten mir den Zeitraum vor der Wahl Hitlers und dann ab dem Krieg als ziemliches Chaos beschrieben, in dem es keine Regeln mehr gab und jeder nur noch zu überleben versuchte. Dazwischen habe es eine Zeit der Ruhe gegeben, die mal als sehr positiv empfunden habe, Arbeitsplätze, Autobahnbau, Ordnung, Sicherheit. Übrigens lebten sie in Oberschlesien, dem heutigen Polen. Das ist die Sicht, aus der sie das sahen. Man wird es vielleicht nicht unbedingt mit dem späteren Westdeutschland vergleichen können. Aber dazu irgendetwas kategorisch auszuschließen halte ich für sehr gewagt.

Davon ganz abgesehen: Viele behaupte(te)n, sie hätten nichts gewusst. Warum hätte meine Großmutter es erfinden sollen, dass sie es gewusst hatten? Oder woher sie es gewusst hatte? Sie war Hausfrau und so etwas wie Bäuerin und hatte vier Kinder zu versorgen.

Ich habe eher den Eindruck, dass der Umstand an sich, nämlich dass man es gewusst hat, und das aus direkter Quelle, es also keine Alliierten-Propaganda gewesen sein kann, manchen so gar nicht passt. Und man daran irgendein Unrichtigkeitsbeweisdetail sucht.

Fragen kann ich sie nicht mehr, sie ist schon lange tot.

Was für mich daran aber besonders wichtig ist: Einige Leser schrieben mir, dass sie von ihren Großeltern das im Prinzip gleiche oder sehr ähnliches gehört hatten wie ich von meiner Großmutter, und sie es deshalb bestätigten. Das ist keine singuläre Auffassung meiner Großmutter. Es wurde von vielen so beschrieben, nur leben die eben inzwischen fast alle nicht mehr.

Es war damals weithin, und wenn sie Recht hatte, flächendeckend bekannt. Aber es ist überheblich, selbstgerecht und vermessen, wenn man aus heutiger Friedens- und Luxusgesellschaft heraus behauptet, dass man damals etwas unternommen hätte und der große Nazibekämpfer gewesen wäre. Wer sich heute schon vermummt oder anonymisiert, der hätte damals ganz sicher keinen Mut gehabt.