Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die Müllpresse und das Ende der gedruckten Zeitung

Hadmut
13.8.2018 21:02

Ich nenne die Presse ja gerne Müll- oder Schrottpresse.

Dass das aber so wörtlich zutrifft… [Nachtrag]

Es ging heute in der Presse rum, etwa ZEIT, Heise, und inzwischen sogar in der Originalquelle Mitgliederinfo:

Die TAZ wird (es stand nicht so direkt dabei, wann, die Überschrift deutet auf 2022 hin) ihre gedruckte Zeitung einstellen und nur noch im Internet auftreten, verkündet mit der Schlagzeile

„Das Zeitalter der gedruckten Zeitung ist zu Ende, der Journalismus lebt im Netz weiter.“

Prophezeit war das ja schon oft. Irgendwer hatte das „für in 10 Jahren” prophezeit, ich weiß aber nicht mehr, wer und wann das war. Vermutlich werden sie aber bis 2022 nicht mehr durchhalten, und sie schreiben da selbst:

So steht nun eine ganz neue Frage im Raum: Was tun, wenn es mit dem Papiergeschäft gar nicht mehr weitergeht? Mitte Juni gab der österreichische Pressevertrieb Morawa bekannt, dass er den Vertrieb von Tageszeitungen zum Ende des Jahres 2018 einstellt. Nach 140 Jahren im Pressevertrieb rechnet es sich für Morawa nicht mehr. „Die Kosten, die der Vertrieb verursacht, sind so hoch, dass die Verkaufserträge diese à la longue nicht mehr decken würden“, so Morawa in einer Pressemitteilung. „Den meisten Verlagen fehlt es an einer Strategie für die Nach-Print-Zeit“ mahnte der „Journalist“, das Verbandorgan der Journalisten-Gewerkschaft DJV in seiner Juni-Ausgabe.

Was sich so profan liest, ist gleich eine ganze Sammlung von Todesnachrichten:

  • Die Zeitung auf Papier
  • Die Zeitung im festen 24-Stunden- oder Wochenrhythmus
  • Das Prinzip der Langspielplatte oder Musik-CD, zu ein oder zwei Stücken, die sich verkaufen, auch gleich noch den ganzen Ramsch mitzuverkloppen.

Es ist aber nicht einfach nur so, dass sich das modernisiert und digitalisiert, denn digital läuft’s ja nicht ordentlich.

Ich habe eher den Eindruck, dass das ganze Prinzip der Belehrungsschwätzer gegen die Wand gefahren ist. So in meiner Jugend war man, was Nachrichten angeht, noch völlig von der Tageszeitung und ARD und ZDF abhängig, und die wurden erst um 17.00 an- und um Mitternacht wieder abgeschaltet (das können sich Leute von heute gar nicht mehr vorstellen, dass man nur 3 Fernsehsender reinbekam, das Erste, das Zweite und das Dritte, und die nur etwa 7 Stunden am Tag sendeten). Für ein Foto war man schon froh, Filmberichte im Fernsehen waren rar, auch im Fernsehen wurde oft nur eine Papptafel mit einem Foto gezeigt (und stand hinter dem Nachrichtensprecher oder wurde auf einem der rustikalen Fernsehmonitore der Frühzeit mit den Drehknöpfen unter dem Bild gezeigt). Informationen aus dem Ausland waren praktisch gar nicht zu bekommen, außer in großen Städten, in denen es eine „internationale Bahnhofsbuchhandlung” gab, in der man ausländische Zeitungen mit Verspätung zwischen einem Tag und einer Woche bekam – zum Mondpreis.

Als ich in der Oberstufe Leistungskurs Englisch hatte, hat noch die ganze Kursbesatzung für ein Jahr die Newsweek im Schülerabo abonniert, damit wir überhaupt mal irgendwie an Informationen aus Übersee kommen konnten. Da ging’s nicht nur um Englisch, da ding es auch darum, überhaupt mal mitzukriegen, was da drüben eigentlich läuft. Als ich Kind war, hat man internationale Telefonate noch einen Tag vorher anmelden müssen, und die haben einem dann eine Uhrzeit gesagt, wann am nächsten Tag der Techniker die Leitung ins Land X von Hand vermitteln und durchschalten wird. Dann hat das Telefon geklingelt und man musste abnehmen. Dann meldete sich einer und sagte einem, dass sie die Leitung jetzt haben und hoffen, dass sie stehen bleibt. Man möge bitte abschätzen, wie lange man zu telefonieren gedenke. Nach der angegebenen Zeit schalteten die sich dann immer wieder mal kurz rein um zu hören, ob man noch spricht oder das Gespräch zu Ende ist. An Fernsehen war gar nicht zu denken, das war wegen der unterschiedlichen Normen auch kaum zu konvertieren. Tragbar waren nur Filmkameras, und deren Filme waren kurz, teuer und mussten entwickelt werden. Der Brüller war die Kindersendung „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt”, von der es damals hieß, dass es die erste Sendung sei, die komplett elektronisch, ohne Film, aufgenommen worden sei. Vorsichtshalber hatte man es erst mal mit einer Kindersendung probiert. (Kam nicht neulich die aufgegenderte Neuauflage im Kino? Davon hat man auch nichts mehr gehört.)

Jedenfalls hatten Journalisten damals noch eine gewisse Qualität, und man war investigativ, Beispiel „Watergate-Skandal” in den USA. Mit Ausnahme der BILD, des Playboy, der Fernseh-, Frauen- und Schmuddelzeitungen hatte alles zumindest ein gewisses Niveau, und man kaufte und las es, weil einem einfach gar nichts anderes übrig blieb. Es gab ja sonst nichts, woraus man sich hätte informieren können. Im Studentenwohnheim hatten wir den Spiegel abonniert, und als ich als Student mal eine Zeit im Krankenhaus lag, und ich dankbar die Hilfe der „grünen Damen” in Anspruch nahm, die da ehrenamtlich für Bettlägerige Einkäufe beim Kiosk erledigten, stellten sie amüsiert fest, dass sie normalerweise für diesen Flügel des Krankenhauses 70 Mal (Zahl weiß ich nicht mehr genau, irgendwas großes Zweistelliges) die BILD anschleppten, und wenn ich da war, noch einen SPIEGEL. Selbst in den bildungsfernen Schichten war es selbstverständlich, wenigstens die BILD zu kaufen (und sei es wegen des damals üblichen Oben-Ohne-Mädels). Man hatte einfach die Zeitung, und man galt in der Wohngegend als asozial, wenn man nicht jeden Morgen mindestens eine der wesentlichen Tageszeitungen im Briefkasten stecken hatte. Wer keine Zeitung hatte, war wahrscheinlich dumm, jedenfalls galt er als dumm.

Heute sind die Zeitungen dumm.

Der technische Fortschritt – jedes Popel-Handy macht heute Videoaufnahmen, vor denen sich die Profis vom Fernsehen vor 20 oder noch 10 Jahren auf den Knien verneigt hätten – und die massive Informationsflut haben die Presse längst überholt, aber nicht nur das: Die „Crowd” hat die Presse längst abgehängt. Man schimpft zwar immer auf die Social Media und nennt sie alle Amateure, Fake-Newser, Faktenschänder, aber die Realität ist einfach, dass außerhalb der Redaktionen viel mehr Hirn existiert, als innerhalb.

Und in dieser schon schwierigen Situation hat die Presse auch noch Selbstmord begangen, indem sie sich selbst mit Dummen, Bekloppten und Ideologen angereichert hat, die eigenen Leser und Kunden beschimpft, vor den Kopf gestoßen, beleidigt, beschimpft und wie Kleinkinder zu erziehen versucht hat, und sich in einer Situation höchster Konkurrenz und miserabler eigener Position selbst zum Kotzbrocken gemacht hat. Und dann jammern sie, dass Journalisten so wenig verdienen. Leute, die einen nur noch belästigen, einem nachstellen, die „pain in the ass” sind, und die wollen auch noch Geld dafür. Der Kunde sah das anders.

Und der eigentliche Brüller, der Grund dafür, dass ich hier „Müllpresse” getitelt habe, ist diese Aussage aus dem TAZ-Infoblatt:

Sie sehen es in der U-Bahn, am Bushäuschen oder in der Straßenbahn – überall dort, wo sich die lesenden Menschen die Zeit nicht mehr mit einer Zeitung, sondern mit dem Smartphone vertreiben. Die Verlage registrieren es an den Rückläufen vom Kiosk, die aus dem Zeitungsvertrieb eine aufwändige Art von Papier-Recycling gemacht haben: die Zeitungen werden am frühen Morgen an die Kioske ausgeliefert, um am Abend zu neunzig Prozent wieder als Altpapier dort eingesammelt zu werden. Die Zusteller der Zeitungsabonnements erdulden es mit extrem mageren Löhnen: Weil die Gewinnmargen in ihrem Niedriglohnsektor so gering sind, wurde die Einführung des Mindestlohns für Zusteller auf einen Zeitraum von drei Jahren gestreckt.

Nochmal: Die bedrucken Tonnen von Papier, fahren das morgens an die Kiosks, sammeln abends 90% davon wieder ein und werfen es in den Papiermüll. Jeden Tag.

Und da schimpfen die immer von wegen Umweltverschmutzung, Plastikmüll, Diesel, Klimaerwärmung. Auf andere.

Wenn ich sowas lese, dann frage ich mich, warum man Zeitungen nicht schon längst verboten hat. Schon aus Umweltgründen.

Jedem anderen, der so eine Sauerei abliefern würde, hätte man schon längst den Hahn abgedreht. Dabei ist das nicht mal neu. Als ich noch in München gewohnt habe, sind mir dort an vielen Ecken diese Zeitungsverkaufsboxen aufgefallen, Automat wäre zuviel gesagt. Man wirft Geld in einen Schlitz nach dem Sparscheinprinzip, macht die Abdeckung auf (die mit dem Geldeinwurf nicht verbunden und ohne jede Verriegelung ist), und nimmt sich eine Zeitung. Als ich mich wunderte, dass man denen nicht alle Zeitungen klaut, erklärte mir ein Insider, dass dort erstes kaum Zeitungen geklaut werden, obwohl man sie einfach nehmen könnte, und es zweitens den Verlagen lieber wäre, wenn man sie klaut. Denn erstens sparen sie sich dann abends die Entsorgung, und zweitens gelten geklaute Zeitungen als Auflage, vernichtete jedoch nicht.

Seltsamerweise kann ich mich auch nicht erinnern, von Grünen oder SPD schon mal irgendwas dazugehört zu haben, was für eine ökologische Sauerei Zeitungen sind. Zumal die Druckerfarbe angeblich ziemlich giftig und schwermetallhaltig ist (ist das heute noch so?). Da stört das dann aber niemanden, wenn so vieles davon im Hausmüll landet.

Der Vergleich von CO2 und anderen Emissionen, Energie- und Wasserverbrauch zwischen digitalen Medien und Zeitungen würde mich mal interessieren. Ich weiß zwar, dass Computer und Internet auch eine ziemliche Sauerei sind, aber ich vermag da nicht fundiert abzuschätzen, was von beidem schlimmer ist. Wieviele Zeitungen entsprechen ökologisch einem Tablet-Computer?

Vermutlich wird es aber zu einem lawinenartigen Einsturz des Zeitungssystems kommen. Fängt der erste an, machen die anderen sofort mit, weil die alle auf defizitären Bereichen sitzen und ihnen finanziell der Kittel brennt. Das Ende ist eröffnet.

Wisst Ihr, was mich jetzt interessiert?

Das Verwaltungsgericht Berlin.

Genauer gesagt, dessen Pressekammer.

Ich habe bei denen ja mal auf Presseauskunft gegen die Humbodlt-Universität geklagt. Die sagten mir damals, dass ich als Blogger keine Auskunftsrechte aus der Pressefreiheit hätte, weil sie – ohne nähere Begründung und unter Missachtung meines ausführlichen Vortrages unter Berücksichtigung der Verfassungsrechtsprechung dazu – den Standpunkt vertraten, dass Presse ihrer Auffassung nach an körperliche Vertriebsstücke gebunden sei.

Für mich sei das unproblematisch, weil sie mir die Auskunftsansprüche trotzdem gewährten, nämlich erstens als Buchautor, was unter Presse fiele, und zweitens weil ich als Blogger ein Telemedium betriebe, und mir damit nach dem Rundfunkstaatsvertrag Auskunftsrechte zustünden, die im wesentlichen auf’s gleiche hinausliefen (jetzt aus dem Gedächtnis, ich müsste das im Detail nochmal nachlesen), aber sie würden trotzdem Wert darauf legen, dass das, was ich hier mache, in ihrem Sinne keine Presse sei, weil’s elektronisch ist.

Ich habe da damals nicht weiter gebohrt, weil sie mir die Rechte ja trotzdem gewährt haben, sie das nur aus Prinzip so festhalten wollten, aber wenn die an ihrer Auffassung festhalten, dann gibt es demnächst außer Buchautoren keine Presse mehr und niemanden, der da noch Presserechte in Anspruch nehmen könnte.

Ich werde da mal fragen, ob sie an dieser Auffassung festhalten.

Nachtrag:

Meedia schreibt dazu:

Die Printausgabe der taz kommt aus den Auflage-Verlusten nicht heraus. Und die Online-Angebote der Zeitung können die Verluste kaum ausgleichen. taz-Mitbegründer Karl-Heinz Ruch denkt daher laut über das Ende der gedruckten Ausgabe nach. In einer Mitgliederinfo bereitet er seine Genossen auf einen anstehenden Umschwung vor. […]

Es war eines der spannendsten Dokumente im Journalismus der vergangenen Jahre: der taz-Innovationsreport 2021. Eine schonungslose Abrechnung mit der schwierigen Lage der Branche im Allgemeinen und den Problemen der taz im Speziellen. Der Tenor: Wenn die taz nichts tut, um sich in Zukunft finanzieren zu können, gehen dem links-alternativen Blatt bis 2021 die finanziellen Mittel aus, um den Betrieb im bisherigen Maß aufrecht zu erhalten. Der Grund sind wegbrechende Einnahmen durch sinkende Zahlen bei den Print-Abos, die durch Wochenend- und E-Paper-Abos nicht kompensiert werden können.

Ach, stimmt ja, das hatte ich ja auch im Blog.

Wie schon damals gesagt: Auf die Idee, mal was sinnvolles zu schreiben, für das Leser bereit wären, Geld zu zahlen, kommen die nicht.