Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Schlimmer Fall von Doppelsprech

Hadmut
3.7.2018 21:43

Ein Leser will von mir wissen,

was es denn mit „Linksnationalismus” auf sich habe, in Mexiko habe ein Linksnationalist die Wahl gewonnen.

Keine Ahnung. Von dem Typ und dem Begriff habe ich noch nie gehört.

Er beißt mich aber in die Nase. (Der Begriff, nicht der Typ.) Ich habe doch im Frühjahr die Artikel darüber geschrieben, was „Faschismus” und was „Nationalsozialismus” ist. Geht nämlich beides auf Musollini und seine Kampfgruppen zurück, und beschreibt Linke, die in einem Detail abtrünnig geworden sind, sich nämlich nicht an der Auflösung der Staaten in eine große Einheitssuppe beteiligen (damals nämlich gerade aktuell: Bolschewisten und Sowjetunion) und lieber ihren Staat behalten wollten (Mussolini in Italien), und deshalb zwar Sozialisten waren, aber von der Sorte Nationalsozialisten. Weil der Kampfbegriff so schön fetzte und funktionierte, hat man denn dann auch gegen Hitlerdeutschland eingesetzt, um keinen neuen aufbauen zu müssen, was ja auch passte, weil die „Nazis” sich ihr Gehabe, ihre Symbolik, ihre Ideologie rundherum zusammenplagiierten, besonders eben bei Mussolini.

Der Begriff „linksnational” hört sich identisch an, dieselben Bestandteile, nur herumgedreht.

Was sagt denn die allwissende Müllhalde dazu?

Der Linksnationalismus umschreibt eine Form des inklusiven Nationalismus, der auf Gleichheit, Volkssouveränität (Souveränismus) und der nationalen Selbstbestimmung basiert.

Er hat seine Wurzeln im Jakobinismus der Französischen Revolution von 1789. Der Linksnationalismus umfasst typischerweise auch den Antiimperialismus und steht im Gegensatz zu rechtem exklusiven Nationalismus, obwohl in der Vergangenheit marginale Auswüchse des Linksnationalismus teilweise auch Intoleranz und rassische Vorurteile beinhalteten.

Bekannte linksnationalistische Bewegungen in der Geschichte sind der Indische Nationalkongress (INK), der unter Mahatma Gandhi die Unabhängigkeit Indiens anstrebte, die von Mustafa Kemal Atatürk gegründete, türkische Republikanische Volkspartei unter Kemal Kılıçdaroğlu, die Ulusalcılık- oder Aydınlık-Bewegung unter der Führung der Vaterlandspartei Doğu Perinçeks, die Sinn Féin während des Irischen Unabhängigkeitskrieges und während des Nordirlandkonflikts, sowie der Afrikanische Nationalkongress (ANC) in Südafrika unter Nelson Mandela, der gegen die damalige Apartheid kämpfte.

Der Linksnationalismus erschien aber auch in autoritäreren Formen: Die Arabisch-Sozialistischen Baath-Parteien in Syrien und dem Irak unterstützen den Panarabismus und den Staatssozialismus. Der Nasserismus stellte ebenfalls eine panarabische Spielart des linken Nationalismus dar. Der Staatschef Josip Broz Tito als Führer von Jugoslawien und der Liga der Kommunisten Jugoslawiens unterstützte einen linksnationalistischen Pan-Südslawismus.

Ach, guck an.

Das ist im Prinzip das gleiche, was damals Mussolini vorhatte. Sozialismus, aber unter Beibehaltung von Staat und Selbstbestimmung. Und was schreiben die da? Intoleranz und rassistische Vorurteile seien auch drin? Das hört sich doch sogar ziemlich bedeutungsgleich an.

Aber dann: Mahatma Gandhi. Mustafa Kemal Atatürk. Sinn Féin während des Irischen Unabhängigkeitskrieges und während des Nordirlandkonflikts, sowie der Afrikanische Nationalkongress (ANC) in Südafrika unter Nelson Mandela, der gegen die damalige Apartheid kämpfte.

Die kann man natürlich nicht aus der linken Ecke beschimpfen. Schon gar nicht als „Nationalsozialisten”. Das würde Fragen und Streitigkeiten aufwerfen. Also macht man flugs ein „Linksnationalisten” draus.

Ich hatte es doch gerade gestern vom Doppelsprech, bei dem es für alles zwei Bezeichnungen gibt, eine positiv und eine negativ konnotierte.

Beachtlich ist dabei, dass das inhaltlich führende Wort das hintere, das psychologisch-emotional führende und wertende aber das vordere ist. Das hintere bildet das Substantiv, das vordere wird, selbst wenn es eine andere Wortart, sogar selbst ein Substantiv ist, adjektivisch-charakterisierend verwendet. Ein Crashpilot ist zwar inhaltlich ein Pilot, die Wertung liegt aber im Crash. Ein Wunderkind ist eben ein Kind, führend ist aber das Wunder. Und ein Ausnahmeathlet zwar immer noch ein Sportler, aber klar ist, dass es hier um die Ausnahme geht. Und so weiter.

Ein Nationalsozialist mag zwar auch ein Sozialist sein und damit aus linker Sicht eigentlich etwas gutes, aber es führt das „National” und das ist eben schon ohne den historischen Kontext feindlich und böse. Da hilft der Sozialist dann auch nichts mehr.

Ist einer jedoch ein Linksnationalist, dann mag er zwar ein feindlicher Nationalist sein, führend ist aber das „Links”, und damit wird alles gut und unkritisierbar.

So wird dann auf verbaler Ebene der eigentlich gleiche, zusammengesetzte Begriff, der eigentlich widersprüchlich ist, weil eine aus linker Sicht gute und eine schlechte Eigenschaft zu einem Wort zusammengesetzt werden, mal positiv und mal negativ verwendet, indem einmal die positive und einmal die negative Eigenschaft nach vorne gezogen werden.

Beachtlicher Fall von Doppelsprech, um den gleichen Vorgang mal positiv und mal negativ zu bezeichnen, und Freund und Feind begrifflich zu trennen.