Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Das ZDF jagt Twitter-Accounts

Hadmut
3.5.2018 22:58

Immer wenn man hofft, der öffentlich-rechtliche Rundfunk würde nicht tiefer sinken, gibt es den nächsten Absturz.

Könnt Ihr Euch noch an das Ziegenficker-Gedicht von Jan Böhmermann erinnern? Für sich selbst nimmt er sich ziemliche Freiheiten heraus. Bei anderen ist er da wohl nicht so tolerant. Zu den seltsamen Aktionen, mit denen er da aus seinem Nachtprogrammssendeplatz heraus versucht, Publizität zu erzwingen, gehört jetzt wohl, Menschenjagden zu veranstalten. Verschiedene Webseiten berichten – mit Videoausschnitt aus Neo Magazin Royale, es ist also keine Privataktion Böhmermanns, sondern steht in Verbindung mit dem ZDF – dass der nun versucht, irgendwelchen Leuten, die nach seiner persönlichen Rechtsprechung für Rechts erklärt werden, die Accounts wegzuschießen. Siehe etwa Bento oder diese Webseite. Und Böhmermann fordert nun dazu auf, die zu trollen und zu melden, um sie mundtot zu machen.

Beachtlicherweise passt die Beschreibung der Handlungen, mit der Böhmermann seine Aktion rechtfertigen will, exakt auf das Verhalten von Feministinnen, etwa bei #Aufschrei. Und dafür gab es damals – auch vom ZDF – den Grimme-Preis.

Und eben die öffentlich-rechtlichen Medien heucheln heute zum Tag der Pressefreiheit, aber ein paar der Namen sind ja als Journalisten bekannt, etwa Roland Tichy, und die genießen eben Pressefreiheit. Gleichzeitig geht man auf Meinungen los, die nicht der Doktrin der Staatssender entsprechen.

Auf der re:publica, dem Stelldichein der Politschwätzer, die auf digital machen, heuchelt man gerade:

Ist Neutralität in den Nachrichten angesichts erhitzter Debatten in Online-Foren zum Relikt geworden? Jein, meinen ZDF-Moderatorin Dunja Hayali und ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke. Bei persönlichen Kommentaren im Netz bewege man sich auf einem schmalen Grat.

Macht es in der digitalen Medienwelt, in der sich Nachrichten, Kommentare, Bewertungen und Aktivismus in Blogs oder Beiträgen in sozialen Netzen oft vermischen, noch Sinn zu versuchen, “neutral” zu berichten? “Wir bemühen uns um Objektivität”, erklärte Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, am Mittwoch zu diesem Thema auf der re:publica in Berlin. Das Wort “Professionalität” sei aber vielleicht der bessere Begriff. Ein Journalist verhalte sich in seinem Beruf nicht anders als etwa ein Architekt, der bei der FDP sei und trotzdem ein Haus genauso gut für ein SPD-Mitglied baue wie für einen anderen Liberalen.

Kein Aktivismus

“Wir sind nicht dafür da, die Themen großräumig zu umfahren, die uns nicht gefallen”, führte Gniffke aus. Es gehe vielmehr darum, “den Diskurs, den es in der Gesellschaft gibt, abzubilden” und den Rohstoff für weitere gesellschaftliche Debatten zu liefern. Aktivismus habe in der Tagesschau nichts verloren; die ARD könne ihn auch “nicht zum Grundprinzip von Journalismus erklären”. Andererseits sollten Nachrichtenmacher den Leuten auch nicht sagen, “was sie zu denken haben oder welche Meinung wir für richtig halten”.

Immer könnten aber auch die Tagesschau-Produzenten dieses Prinzip nicht einhalten, räumte der Fernsehmann ein. So habe sich bei seinem Team nach den ersten großen Erfolgen von Pegida und der AfD ein gewisser belehrender Unterton in die Berichterstattung eingeschlichen mit dem Tenor: “Ihr sollt die bitte doof finden.”

Gut, das war jetzt ARD (und ZDF nur durch Hayali), und Böhmermann ist ZDF.

Aber da die die Zwangsgebühren, aus denen man auch Leute wie Böhmermann finanzieren muss, zusammen einziehen, kann man sie auch zusammen verachten.