Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Noch eine Neiddebatte

Hadmut
29.1.2018 17:12

Neues vom Mann mit der Suppenhuhnfrisur.

Der SPIEGEL sinkt immer mehr, und er tut alles dafür, sich das auch voll zu verdienen. Deshalb haben sie Sascha Lobo als Kolumnisten, den – angeblich hochbezahlten – Medien- und Parteienberater (der nicht nur seinen Beitrag zum Niedergang des SPIEGELS, sondern mit seiner unsagbar dämlichen Digitalcharta für Martin Schulz seinen Beitrag zum Siechtum der SPD geleistet hat, also eigentlich vollumfänglich in meinem Sinne arbeitet), der für SPD und Grüne tätig ist oder zumindest war, während sie alle so gerne behaupten, die Presse wäre keinesfalls politikgesteuert.

Und wie überall, wo gerade ein Thema Publizität verspricht, rennt er auch hier hinterher. Der Lauer hatte ja gerade schon für den Tagesspiegel einen auf Generationenkonflikt gemacht, jetzt der Lobo für den SPIEGEL, und tatsächlich schwappt diese Nummer Baby-Boomer gegen Millennials gerade – woher auch sonst – aus den USA zu uns herüber. Und immer dann, wenn so eine Welle zu uns rüberschwappt und man dann merkt, dass die Zeitschriften hier ihre Leute mit „Schreib mal ganz schnell was dazu oder noch schneller, mach ein Selfievideo mit dem Handy, egal, wo Du gerade bist” auffordern, und die dann irgendwas blubbern, obwohl ihnen nun wirklich gar nichts einfällt, dann merkt man, dass unsere Presse doch sehr US-gehorsam ist. Von da werden die Themen vorgegeben und hier doof aber artig befolgt.

Und so plärrt der Lobo: Warum die Alten neidisch auf die Jugend sind

Scheint aber auch gar niemanden zu interessieren, denn es ist schon vom 24.1., also schon 5 Tage alt, und nur ein einziger Leser hat mich darauf hingewiesen. Gestern. Nur zum Vergleich: Im Saarland hat eine von den Grünen vorgeschlagen, ein Dorf, in das nach 18.30 keine Busse mehr fahren, per Esel-Karren an die Außenwelt anzubinden, und darauf haben mich etwa ein Dutzend Leser hingewiesen. Nur mal so zur Gewichtung: Esel-Karren im Saarland schlägt Lobo im SPIEGEL haushoch. Aber Esel haben ja auch die bessere Frisur.

Jedenfalls versucht es der Lobo gerade mit der Neiddebatte.

Womit wir wieder bei einem Esel..pardon… Steckenpferd meines Blog wären, Doppelsprech. Für alles, was politisch angesprochen wird, muss es immer zwei Begriffe geben, einen positiven und einen negativen, damit man das immer schön getrennt bezeichnen kann. Braucht man Durchmischung gerade positiv, nennt man sie Diversität. Wenn Frauen, Ausländer, Schwule integriert werden müssen und so. Geht’s aber schief, etwa weil die Noten und Leistungen einer Schulklasse jedes Maß unterschreiten, dann lag das natürlich nie an der Diversität, sondern stets nur an der bedauerlichen Heterogenität. Wissen schon, Hetero so schlecht wie in Heterosexuell. Diversität kommt von lateinisch diversitas, Vielfalt, während Heterogenität von griechisch heteros, andersartig, und Genesis, Erzeugung, Geburt kommt, also unterschiedlich erzeugt bedeutet. Einmal meint man, dass Diversität, bunt, vielfältig, ohne Regel, ganz toll sei, und einmal beklagt man, dass so eine heterogene Schülerschaft nicht unterrichtbar ist, dass man da nicht richtig umgerührt hat, es nicht gleichmäßig genug ist.

Solche Beispiele gibt es viele. Mal ist man Freiheitskämpfer, mal nur Guerilla oder Terrorist.

Und eines der Lieblingswortpaare der linken Politik ist: Gerechtigkeitslücke – Neiddebatte.

Beide sagen das gleiche: Einer ist unzufrieden, weil ein anderer was hat und er nicht, und er das nicht gerecht findet. Aber wenn es einem gerade in den Kram passt, besonders wenn’s um Frauen geht, dann nennt man das „die Gerechtigkeitslücke schließen”. Oder noch größer „Die Partei der Gerechtigkeit”. Vor allem immer dann, wenn es marxistisch gerade passt und man Gleichheit fordert. Vor allem immer dann, wenn man der eigenen Klientel etwas zuschustern will.

Läuft es andersherum, klagen also andere, dass die auch was wollen, was die SPD-Klientel hat, oder passt es einem gerade politisch nicht in den Kram, weil’s vielleicht mal weiße Männer betrifft, dann nennt man denselben Vorgang „Neiddebatte”. Halt’s Maul und finde Dich damit ab, dass andere etwas bekommen und Du nicht.

Und diese Generationendebatte kommt gerade aus den USA, und weil die Presse da wohl nicht schnell genug war, schickt die SPD dann Leute wie Lauer und Lobo vor, damit in der Presse auch das steht, was die SPD da gerne sehen möchte.

Und so kommt der Lobo mit der bedeutungsschweren Feststellung daher

Die grassierende Generationenverächtlichkeit halte ich nicht für Zufall.

Sack Zement.

Das haut einen aus den Latschen.

Er meint tatsächlich, das hätte einen Grund.

Deshalb beauftragen ihn die Medienhäuser auch als Berater. Für die Blinden ist der Einäugige König. Meine Güte, müssen die alle dicke Socken anhaben.

Dass der Kampf junger Menschen für eine bessere – ihre – Welt ignoriert oder belächelt oder diskreditiert wird, gerade von erfolgreichen, lange etablierten Leuten. Denn in einer Zeit des radikalen Wandels wird jede laute, aufstrebende, junge Person zum Symbol für die schwindende Macht der alten Kräfte.

Nee.

Er wird nicht belächelt. Er wird ausgelacht. Weil erstens der Kampf und zweitens das, was die sich unter einer besseren Welt vorstellen, so unsagbar dämlich ist. Weil die Jusos seit Jahren dafür berüchtigt sind, mit nichts als dem allerletzten Schwachsinn daherzukommen, völlig links durchgeknallt und für wirklich alles zu doof zu sein, nicht mal zu merken, wie dämlich sie drauf sind, und sich dann anzumaßen, der SPD die Politik aufzudrücken, und zwar erklärt und absichtlich auch undemokratisch.

Und junge Menschen kämpfen ja auch nicht für eine bessere Welt. Sie kämpfen völlig blind und blödsinnig für etwas, was andere ihnen als Ziel vorgeben. Und sie kämpfen für eine marxistische Welt. Die für besser zu halten aber enormste Dummheit voraussetzt, denn das hat in den letzten 150 Jahren ja noch nie funktioniert.

Und junge Menschen geben vor, sie seien gegen Faschismus, um die Welt zu verbessern, um dann aber einer Ideologie hinterherzurennen, die – noch weit vor dem Nationalsozialismus, übrigens auch ein Sozialismus – den ersten, den zweiten und noch den dritten oder vierten Platz der meisten Toten des 20. Jahrhunderts belegt. Man muss schon sehr dumm sein, um das für eine bessere Welt zu halten.

Und ich bin der Auffassung, dass solche Leute zu belächeln doch eine sehr milde, sehr höfliche, sehr nachsichtige Form des Umgangs ist. Gefängnis wäre für manche dieser jungen Weltverbesserer weitaus angemessener. Vor allem, wenn die Weltverbesserung mit Anzünden einher geht.

Jede silberrückige Abwertung von Kevin Kühnert oder Annika Klose, auch die schnuffelige Anerkennung der Sorte “Nicht schlecht für dein Alter”, ist zugleich auch eine Selbstversicherung: Noch haben wir das Sagen. Wir Erwachsenen.

Nein. Es ist Welpenschutz. „Nicht schlecht für dein Alter” heißt vor allem mal, dass es für einen Erwachsenen schlecht wäre, ein Erwachsener dafür kein Lob zu erwarten hätte. So wie man Kindern selbst für das hässlichste, banalste Gekritzel noch sagt „das hast Du aber schön gemacht, Du wirst mal ein Künstler!”

Und es ist das Phänomen, dass Jusos auch um die 30 noch immer als Welpen und nicht als Erwachsene wahrgenommen werden, weil sie es noch nie geschafft haben, erwachsen zu wirken. Weil sie Leute sind, die außer der Inanspruchnahme von Fördermaßnahmen und Welpenschutz einfach gar nichts können. Freie Drogen, kostenlose Pornos, bedingungsloses Grundeinkommen. Aber Anspruch auf Beteiligung und Ernstgenommenwerden.

Die Essenz der Generationenverächtlichkeit aber, so glaube ich – liegt im Wandel der Arbeit. Das erscheint zugegeben als steile These, deshalb möchte ich sie erklären.

Und jetzt setzt Lobo dazu an, Dummheit und Faulheit zum beneidenswerten Vorteil zu münzen.

Es gibt kaum einen Bereich, wo die schiere Ignoranz gegenüber jungen Menschen so offenbar wird, wie bei den eng miteinander verwandten Themen Arbeit und Bildung. Zweimal kommt der Satz im Sondierungsvertrag vor: Das Ziel der GroKo sei Vollbeschäftigung, was sich ehrenwert anhört. Und doch schwingt in diesem Begriff tonnenschwer ein Arbeitsbild aus dem 20. Jahrhundert mit: Hauptsache, alle haben irgendeinen Job!
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Aber die Einstellung junger Menschen zur Arbeit hat sich grundlegend gewandelt. Etwas vereinfacht lässt sich sagen, dass vor 1980 Geborene karriereorientiert waren und sind. Nach 1980 Geborene wünschen sich dagegen zuerst eine Vereinbarkeit von Privatleben, Familie und Beruf. Freude und Sinnhaftigkeit der Arbeit erscheint ihnen wichtiger als Geld und Karriere.

Naja: Freie Drogen, kostenlose Pornos, bedingungsloses Grundeinkommen.

Oder vornehmer ausgedrückt: Man legt Wert auf Privatleben, Freude, Vereinbarkeit, aber dafür zu arbeiten ist nicht wichtig. Soll auch ohne Arbeit gehen. Eigentlich so die Fortführung des Kinderzimmer-Zustandes, da hatte man ja auch alles, was man braucht.

Zu meiner Zeit gab es im Kinderzimmer ein Bett, Schrank mit Klamotten, Licht, ein Schreibtisch für die Schularbeiten. Einen Wecker und ein Radio hatte ich auch noch. Sehr viel später dann noch einen alten kleinen Schwarzweiß-Fernseher. Mehr war da nicht. So alles mit eigenem Computer, Multimedia, Internet, Google-Account gab’s damals nicht. Und ich habe den Eindruck, dass manche den Freischwimmerschock nicht verkraften, sich das, woran sie sich so gewöhnt haben, selbst zu verdienen.

Die drei wichtigsten Wünsche der Jungen an die Arbeit sind, einer Studie zufolge:

  • Der Beruf muss mir Spaß machen
  • Der Beruf muss meinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechen
  • Der Beruf muss sich gut mit Privatleben und Familie vereinbaren lassen

Ach, gar.

Man könnte auch sagen: Ich möchte in diesem meinem Leben auf keinen Fall von Erwerbstätigkeit belästigt werden. Es muss sich alles harmonisch in meine Freizeitgestaltung einfügen.

Butler, stellen Sie mein Abendessen da auf den Tisch. Sie können dann gehen, wenn Sie noch den Rasen gemäht und das Auto gewaschen haben.

Mal ne blöde Frage: Wer soll in deren Augen eigentlich die Jobs machen, die keinem Spaß machen oder zu denen keiner Neigungen hat?

Das basiert doch alles auf einer Schlaraffenlandvorstellung, in der es nur Zuckerwatte und Bonbons gibt, und sich jeder etwas danach auswählt, ob er lieber Erdbeer oder Schoko hat.

Arbeit wird nicht als Gegenleistung für ein Gehalt angesehen, sondern der Arbeitgeber hat einem die Arbeit genehm und erbaulich zu reichen, auf das sie einem Spaß mache. Als ob man ins Kino geht, nur dass man nicht Eintritt zahlt, sondern noch ein Gehalt herausbekommt – natürlich gleichgestellt, man hat Anspruch auf gleiche Bezahlung. Generation Nichtstun, alles Kriegen, bei voll einteilbarer 17-Stunden-Woche oder so. Und zusätzlichen Mental-Health-Day.

Die Generation davor, sagt der Arbeitspsychologe Peter Fischer, zeichne viel eher das “Bedürfnis nach Sicherheit und der Fokus auf materielle Werte, Wohlstand und Karriere” aus. Ich halte diese Bruchkante rund um das Geburtsjahr 1980 für das Symptom einer sehr viel größeren Entwicklung. Früher hat man sein Leben um die Arbeit herum organisiert. Heute organisiert man die Arbeit um sein Leben herum.

Wenn die „Arbeit” nur noch zum Lifestyle-Accesoire wird…

Natürlich sehen die vorherigen Generationen darin einen Affront, nämlich auch eine Geringschätzung ihrer eigenen Lebensentwürfe. Natürlich schwingt in jeder Verächtlichkeit der schiere Neid mit auf eine Generation, die offenbar nicht so umfassend auf das schale Versprechen “Karriere” hereinfällt. Womit im 20. Jahrhundert nichts anderes gemeint war, als Lebenszeit gegen Geld und Macht einzutauschen.

Keinen Affront, sondern eine Unverschämtheit. Wir müssen es nämlich zahlen.

Freilich, wir haben Lebenszeit gegen Geld getauscht und fanden das nicht schön.

Die Jugend will jetzt aber das Geld einfach so haben und hat nichts, was sie zum Tausch anbieten kann oder will. Das Dumme ist halt, dass es den wundersamen Geldregen, auch bedingungsloses Grundeinkommen, nicht gibt.

Diese verdammte Jugend will Spaß bei der Arbeit,…

Da habe ich jetzt aber eine ganz bittere Nachricht:

Die letzten Leute, die ich mich Spaß bei der Arbeit gesehen haben, waren die Baby-Boomer. Wir hatten einen ziemlichen Spaß dabei, das Internet aufzubauen und die Digitalisierung zu betreiben. Informatiker waren lange berühmt dafür, ihr Hobby zum Beruf zu machen.

Spaß haben die Jüngeren heute nicht mehr. Und das liegt nicht am Job, sondern an der Erwartungshaltung, alles für umme zu bekommen. Jemals schon mal eine gutgelaunte Feministin gesehen? Geht mal zur SPD-Stiftung, der FES, was für bösartige, verbitterte, junge Leute da rumlaufen. Oder an die Unis. Da geht’s nur noch um political correctness, jeder hat vor jedem Angst, keiner traut sich mehr ein Wort zu sagen. Neulich haben sie jungen Leuten, die sie noch nicht kannten, alte James-Bond-Filme gezeigt. Nur Ablehnung und Gemecker, alles sexistisch, Bond ein Vergewaltiger. Die Leute können nur noch meckern und sich beklagen. Gerade wird Gottschalk geshitstormt, weil er einen Witz über seine eigenen Gene gemacht hat. Als ich an der Uni O-Phasentutor war, habe ich den Neulingen zur Eingewöhnung noch eine Woche lang Witze erzählt, derbe Witze, dreckige Witze, sexistische Witze, alles, wir haben gelacht, wir hatten gute Stimmung.

Das geht heute mit den jungen Leuten alles nicht mehr. Da muss jedes Wort vorher fünfmal abgewogen und mit dem Anwalt abgesprochen werden, für jedes falsche Wort, für einen falschen Blick, für ein Zucken der Mundwinkel wird man an die Wand gestellt, gefeuert, angeschwärzt. Jeder Millimeter muss von einem Code of Conduct vorgeschrieben werden.

Den letzten Spaß am Arbeiten gab es, bevor die Millennials da waren. Da wären Kollegen nämlich noch Kumpels und nicht Gegner. Also im Westen. Im Osten hat sich nicht so viel geändert, da wurde man ja auch schon für jedes falsche Wort gehängt, weil der Kollege von der Stasi war. Jetzt heißt die Genderbeauftragte, machen aber das gleiche: Jeder Witz kann einen Karriere, Existenz, Freiheit kosten. Arbeit ist nur noch Krieg, jeder gegen jeden.

Und dann kommt der Lobo daher und meint, diese Generation Kotzbrocken, zu der im Vergleich die Dementoren aus Harry Potter noch als gesellige Comedians durchgehen und weitaus beliebter sind, die wollten Spaß bei der Arbeit und wir würden sie deshalb beneiden.

Und dann meint er, die Neuerung sei, der Beruf müsse Neigungen und Fähigkeiten entsprechen.

Welche Fähigkeiten?

Diese Generation hat keine Fähigkeiten, und sie neigt dazu, ständig grundlos oder aus Nichtigkeiten Streit vom Zaun zu brechen. Und das womit diese Generation sich definiert, dieses Gerechtigkeitsgefasel, das ist keine Fähigkeit, das ist ein pathologischer Befund. Das ist heilbedürftig und nicht entlohnungswürdig.

und wir mussten noch mit blutigen Schwielen buckeln und jeden Tag 30 Kilometer zur Arbeit und zurück laufen. Barfuß. Beide Wege bergauf.

Mit Polemik geht’s da auch nicht weiter. Man bräuchte schon Hirn.

Ich will mal ein Beispiel bringen: Ich habe im Laufe meines Lebens einige Male Autofabriken besichtigt. Ich bin da zwar kein Fachmann, aber habe so einen Überblick darüber, wie das so vonstatten ging. So bis in die 50er, 60er und 70er Jahre war das eine üble Knochenarbeit, über Kopf arbeiten, schwere Teile reinheben, giftige Lackierungen. Stanzen, die auch gerne mal Hände oder Köpfe mit abrissen. Und dann wurde das schrittweise besser. Irgendwann drehte man das ganze Auto zum Arbeiter, ließ schwere Teile vom Roboter reichen oder gar einlegen, auch die Lackierung von Robotern übernehmen, und inzwischen gibt es Fabriken, in denen Autos ganz von Robotern gebaut werden, und die Menschen da nur noch Kontrolle und Aufsicht führen. Ich war mal in der Gläsernern Manufaktur in Dresden, da sieht’s dann aus, als würden da nur noch Selbstverwirklicher in saubersten Anzügen auf edlem Parkett andächtig Mentalübungen machen, während selbstfahrende Materialschränke ihnen das Zubehör reichen ohne zu stören.

Und wer hat’s erfunden?

Wir.

Und jetzt meint der Lobo, wir wären verbittert darüber, dass die schöne neue Arbeitswelt so wäre, wie wir sie gebaut haben, automatisiert, robotiersiert, sicher, rückenschonend, lendenwirbelunterstützt?

Das Ende der Maloche ist unser Werk, nicht Euer Wunsch.

In Deutschland, dem Land der Ersatzreligion Arbeit, ist diese Abkehr von der Karrierefixierung nichts weniger als ein Schisma, also das Abfallen einer ganzen Generation vom Urglauben. Aber vielleicht hat der Haltungswandel der Jugend zur Arbeit die Entwicklung der Arbeit bloß vorweggenommen.

Arbeit als Ersatzreligion. Sagt einer aus dem Lager der Ideologen.

Wir haben Arbeit nicht als Religion aufgefasst.

Wir waren einfach nur in der – vielleicht bemitleidenswerten – Situation unser Einkommen selbst erwirtschaften zu müssen. War nämlich nichts und keiner da, den wir ausplündern konnten. Die junge Generation sieht nun den von uns erarbeiteten Luxus und meint, wozu noch arbeiten, ist doch alles da.

Der wesentliche Unterschied dabei ist, dass bei uns noch eine weitgehende Identität von Konsument und Arbeiter bestand, während die junge Generation nur Konsument, aber nicht Arbeiter sein will, weil sie stillschweigend unterstellt, dass andere arbeiten. Sieht man schön an Gleichstellung und Frauenquote und Förderfluten: Da geht’s immer nur um’s Kriegen. Nie um Leistung oder Arbeiten. Alle beschweren sich, dass Frauen weniger Geld bekämen. Das Thema geringerer Leistung wird nie erwähnt.

Die massivsten Auswirkungen künstlicher Intelligenz sieht Pichai im Wandel der Arbeit. Er fragt, ob man künftig noch Anwälte oder Buchhalter brauche.

Oh ja, das bedingungslose Grundeinkommen. Als ich 20 war, haben Leute behauptet, es sei die gestiegene Produktivität der Maschinen, die darauf hinauslaufe. Dann waren es irgendwann die Roboter. Und jetzt ist es die KI. Irgendwas muss immer als Grund dafür herhalten, warum man eigentlich nicht mehr zu lernen und zu arbeiten braucht, weil doch Maschinen alles für uns erarbeiten. Irgendeine Ausrede haben sie immer. Mein Vorschlag dazu wäre, dass wir uns den Zustand, in dem Maschinen alles machen, erst mal erarbeiten und dann mit arbeiten aufhören, und nicht andersherum.

Meine Einschätzung weicht davon etwas ab. Ich folge eher nicht der verbreiteten Meinung, dass die nächsten Stufen der Digitalisierung und Automatisierung Arbeitslose en masse produzieren werden. Eher sehe ich die Gefahr einer weiteren Aufspreizung. Zwischen hochbezahlten Digitaljobs für sehr, sehr speziell Qualifizierte und einem Heer von schlecht bezahlten Austauschbaren, die entweder intelligente Maschinen begleiten, beaufsichtigen oder warten – zwischen Minijobs und Maschinenmillionären.

Oh joooh. Nehmen wir mal genau den Punkt.

Tun wir mal so, als läge Lobo damit richtig.

Wo in diesem Modell kommen die Geisteswissenschaftler vor? Denn die junge Generation stürmt ja gerade doof aber wild an die Unis und massenweise in Schwafelfächer. Wozu sollte das dann gut sein?

Und wie lange wird es wohl noch dauern, bis der Roboter kommt um einem zuhause die Heizung zu reparieren oder das Bad neu zu fliesen?

Ist es nicht eher umgekehrt, dass die junge Generation kaum arbeitsfähig ist und das ganze Geschwafel davon ablenken soll, dass sie in der Sackgasse steckt und das Geld gerne gratis haben will? Frauenquote, Gleichstellung, Teilhabe und so? Ist dieses ganze Gejammer nicht ein Playdoyer (und ich verbitte mir an dieser Stelle wieder mal jegliche Belehrungen über die Schreibweise des Wortes Playdoyer) dafür, einer Generation, die keine Arbeitsleistung zu liefern imstande ist, das Gehalt doch bitte trotzdem zu überweisen und den Arbeitsplatz behaglich zu machen, nur für den Fall, dass sie da trotzdem mal auftauchen?

Dazwischen, eher im unteren Bereich, werden sich neben einem wachsenden Dienstleistungsprekariat immer mehr Selbstständige tummeln, die übrigens im Sondierungsvertrag nur am Rande und in zwei verschiedenen Schreibweisen vorkommen – vermutlich, um das Unstete hervorzuheben, das ihnen innewohnt.

Freilich dumm, wenn man keinen Arbeitgeber hat, bei dem man die vielen Forderungen abladen kann. Aber wer will in Zeiten von Gleichstellung noch Angestellte?

2016 fragten das ZDF, der Bayerische Rundfunk und der SWR Jugendliche, wie gut das deutsche Bildungssystem sie ihrer Meinung nach auf die Arbeitswelt vorbereite. Sagenhafte ein Prozent, ja wirklich: nur ein Prozent sahen sich “gut vorbereitet”. Natürlich hat das unmittelbar mit der Digitalisierung zu tun und mit der weitgehenden Abwesenheit digitaler Themen, Instrumente, Methoden in deutschen Lehrplänen.

Kein Wunder, dass die nicht arbeiten, sondern alles gratis haben wollen.

Steven Berlin Johnson hat schon 2005 sein Buch “Everything bad is good for you” geschrieben (“Alles was schlecht ist, ist gut für Dich”). Darin vertritt er die These, dass elektronische Populärkultur mit Videospielen, TV-Serien oder dem Internet die perfekte Vorbereitung auf die Welt von morgen sei. Insbesondere auch auf die Arbeitswelt. Videospiele förderten die schnelle Auffassung und Entscheidungsfähigkeit, moderne Serien würden immer komplexer und trügen so zum Verständnis einer immer komplexeren Welt bei, und die Nutzung des Internet zwinge zur Partizipation und sozialen Interaktion.

Und deshalb benehmen sie sich heute auch alle wie zwischen Videospiel und Soap Opera. Deshalb guckt man jetzt zur Vorbereitung auf das Berufsleben auch so gerne die Bergretter oder Notruf Hafenkante: Egal welchen Mist man baut, nach 45 Minuten ist alles wieder gut.

Das Digitalste an deutschen Schulen spielt sich im privat organisierten Graubereich ab, es sind die inoffiziellen WhatsApp-Gruppen, die in fast jeder Klasse existieren. Heutige Jugendliche lernen zum Beispiel vernetzte Gemeinschaftsarbeit in Echtzeit viel eher bei außerschulischen Projekten als in Bildungseinrichtungen.

Und auf die sollen wir neidisch sein?

Die früher sprichwörtlichen “Flausen im Kopf” bringen der Jugend mehr über die kommende Welt bei als die Rahmenpläne der Bundesrepublik. Und doch kommen die “Flausen” in leichter Abwandlung in fast jeder Jugendschelte vor, mal als Vorwurf der Naivität, mal in der Aufforderung, mehr Realitätssinn zu zeigen. Weltverbesserung sei nicht alles.

Ist es aber doch, die Verbesserung der eigenen und der gesamten Welt nämlich, die Jugend hat es gemerkt, die Älteren basteln an ihrer Karriere, die Alten Sorgen sich um die Rente.

Die Jugendschelte ist der Neid auf eine neue Generation, die die Erfolgssymbole der Alten einfach ignoriert, weil sie mit ihrer Arbeit etwas bewirken möchte.

Ach. Was wollen sie mit ihrer Arbeit denn bewirken?

Social Justice?

Und was, wenn’s nicht wirkt?

Ist Euch der zentrale Denkfehler, oder man könnte auch sagen „Lügenfaktor” in der Rede von Lobo aufgefallen?

Wenn das der Stein der Weisen wäre, wenn diese Art des Arbeitens funktionierte, dann könnten wir das ja alle so tun. Die Leute stehen Schlange für die Rente ab 63, und ich kenne niemanden in meiner Altersgruppe, der noch wirklich scharf auf’s Arbeiten ist, die arbeiten alle nur noch aus Erforderlichkeit – oder manche eben nicht mehr. Wenn die Jungen diese neue tolle Art des angenehmen Spaßarbeitens erfunden hätten und das funktionierte, dann gäbe es ja gar keinen Grund für Neid, weil wir Alten das ja dann auch bekommen könnten. Dann würde man es den Alten einfach anbieten.

Aber so ist es nicht, weil es nur eine gewaltige Mogelpackung, ein Schneeballsystem ist.

Die angeblich so schöne neue Arbeitswelt besteht nur daraus, dass die Jungen gar nichts mehr beitragen und nur noch kassieren wollen, angenehmes Luxusleben, und wir alten sollen es zahlen. Denn was Lobo da nur implizit sagt: Er verhöhnt zwar die Arbeitsreligion, setzt aber voraus, dass wir damit weitermachen, denn woher sollte das Geld sonst kommen?

Würden sich die Alten benehmen wie die Jungen, würde das System sofort zusammenbrechen.

Und hier geht es überhaupt nicht um Neid.

Hier geht es um Ärger über eine unverschämte Jugend, die nur Forderungen stellt und alles beschimpft und beschmiert, aber bezahlt werden will.

Oh, höre ich jetzt viele sagen, die Klage ist doch bekannt, das sagten doch schon die alten Griechen. Stimmt. Aber wir sind die erste Generation, die damit Recht hatte, denn noch nie ist eine Generation so im Luxus und völlig ohne Arbeit aufgewachsen, dass sie das Arbeiten nicht kennt. Sowas gab’s früher nur im Adel. Noch nie gab es eine ganze Generation von Menschen, die es bis in die 30 geschafft hat ohne auch nur einen einzigen Finger krumm zu machen (früher lag die ganze Lebenserartung bei 30), und die sich so daran gewöhnt hat, dass ihnen die gebratenen Tauben ins Maul fliegen.

Noch nie hat eine Generation einen derartigen Blindalimentierungsanspruch wie Gleichstellung erhoben.

Noch nie war eine Generation durch digitales Aufwachsen komplett von den Arbeitsabläufen zur Aufrechterhaltung des eigenen Lebens enthoben und isoliert. Jede früher Generation der 80.000 Jahre Menschheitsgeschichte war auch als Kind mit Lebenshaltung und Broterwerb befasst. Nie gab es eine Generation Amazon+Pizza-Service.

Noch nie war eine Generation außerhalb des Adels so in Nutzlosigkeit und Unfähigkeit versunken.

Nie zuvor war eine Generation so unselbständig und im Überleben so abhängig von den „alten weißen Männern”.

Nie zuvor wurde eine ganze Generation so darauf abgerichtet, lebenslang arbeitsunfähig und Zahlungsempfänger zu sein. Auch das „bedingungslose Grundeinkommen” gibt ja nur vor, auf Robotern und KI zu beruhen. Faktisch beruht es auf der Annahme, dass es genug alte Arbeitssüchtige gibt, die den ganzen Mist finanzieren.

Warum eigentlich sollen wir für Euch ständig zahlen und arbeiten?

Das Auftreten Lobos wirkt auf mich wie das eines Winkeladvokaten, der einen Straßenräuber damit gegen die Rückgabeforderungen des Eigentümers des geklauten Geldes damit verteidigt, der sei ja nur neidisch, weil der Räuber einen angenehmeren Lebensstil pflegt als der Eigentümer, der das Geld erarbeitet hat.

Freilich kann man ein Gesellschaftssystem durch ein besseres ersetzen. Wenn man eins hat.

Und nun überlegt Euch mal, warum der Lobo seine schöne neue Arbeitswelt nicht einfach für alle anpreist, sondern nur als Monopol der Jungen darstellt. Das ist dem schon klar, dass die Alten und ihre Arbeit gebraucht werden, um den ganzen Mist zu finanzieren, dass das nicht funktioniert, wie er das darstellt. Reine Demagogie. Reine Desinformation.

Bleibt die Frage: Wann geht der SPIEGEL endlich pleite?