Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Mediengeschichte wiederholt sich

Hadmut
11.12.2016 17:08

Ein Leser hat mich gerade zu meinen letzten beiden Artikeln über die Kirche und den „Postfaktisch-Krieg” der Medien auf einen hochinteressanten Aspekt hingewiesen.

Da ärgert sich nämlich ein Leser darüber, dass sich die evangelische Kirche inzwischen völlig verwandelt hat und anfängt, sich für Luther zu schämen, weil er (angeblich, wusste ich nicht, interessiert mich eigentlich auch nicht) Antisemit („usw.”) war.

Eine evangelische Kirche, die sich für Luther schämt. (Sagt der Leser, habe ich noch nicht als Beleg gesehen.)

Warum machen die ihren Laden dann eigentlich nicht gleich zu?

Weil’s da Geld und Mitglieder als Zwangsopfer gibt. (Selbst schuld, wer da noch zahlt oder hingeht…)

Ein wesentlicher Aufhänger ist aber Martin Luther.

Ich würde hinzufügen: Zusammen mit Gutenberg. Die beiden könnte man nämlich als die Blogger und das Internet des Mittelalters ansehen, die damit die Wende zur Neuzeit eingeleitet haben.

Warum?

Im Mittelalter hatte – Parallele zu unseren Medien des 20. Jahrhunderts – die Kirche das Informationsmonopol und die Auslegungshoheit.

Die Kirche. Die Klöster waren die Archive mit dem angesammelten Wissen der Menschen. Weitergegeben durch handschriftliche Bücher, geschrieben und verwahrt von Mönchen. Im Privatbesitz befanden sich nur wenige Bücher und nur wenige Menschen konnten lesen. Die Kirche sagte den Menschen, was in der Bibel steht, denn diese gab es nur in Latein (und exotische Sprachen wie altgriechisch, aramäisch u.s.w.). Die Priester erzählten, was in der Bibel steht, und wie man es verstehen muß.

Dann kam Luther und übersetzte die Bibel ins Deutsche. Und gleichzeitig mit dem aufkommenden Buchdruck, verbreitete sich diese rasant. Man war nicht mehr auf schreibende Mönche angewiesen, man konnte selber drucken. Und nun auch lesen und damit selbst interpretieren.

Die Macht der Kirche war damit tief beschädigt. Die Menschen ließen sich nicht mehr so einfach erzählen, was sie zu denken hatten und wie sie was zu verstehen hatten.

Passt genau.

Und wie hat die Kirche damals reagiert?

Sie hat Luther als „Ketzer” öffentlich angeklagt. Weil er ihr Lehr-, Wahrheits- und Deutungsmonopol verletzt hat. Bis er sich dann unter dem Schutz eines Mäzens zurückgezogen und im Exil weitergeschrieben hat – unter Pseudonym. Erinnert einen irgendwie an die, die gerade im Ausland pseudonymisiert schreiben, was hier nicht mehr geht.

Ist die Reaktion der katholischen Kirche auf Luther nicht die gleiche, wie die der heutigen Presse auf die Blogger?

Ist das nicht eine Wiederholung des im Prinzip gleichen Vorgangs? Der Monopolist beschimpft den neuen Konkurrenten, der durch technologischen Fortschritt das Monopol gebrochen hat und dem „kleinen Mann” das publizieren und lesen alternativer Ansichten ermöglicht als Lügner, bezichtigt ihn der Unwahrheit, des Abfalls von der orthodoxen Ansicht?

Und dabei ist mir eine weitere Parallele aufgefallen.

Ich habe doch beschrieben, dass ich vor einem Jahr auf den Malediven war. Als Billigreise (ja, geht, man kann, wenn man es drauf anlegt, billiger auf die Malediven als an die Ostsee reisen). Und aufgrund des Ansatzes, dorthin billig zu reisen, nicht auf einer Touristen-, sondern auf einer Einwohner-Insel gelandet und einiges von deren Lebensweise mitbekommen. Beispielsweise dass da frühmorgens (ich bin nicht mehr sicher, ich glaube, es war um halb fünf morgens) der Muezzin per Lautsprecher über die ganze Insel brüllt/singt/betet.

Das Kuriose war daran ja das Gespräch, das ich dort mit einem Fischer geführt habe. Den hatte ich nämlich gefragt, weil der mir erzählte, dass ihre Sprache mit arabisch gar nichts zu tun hat, nur ein paar Lehnworte aus allen möglichen Sprachen übernommen hat, darunter englisch, malayiisch, arabisch usw., wie sie dann ihren Muezzin verstünden, denn der hörte sich für mich irgendwie nach arabisch an.

Ja, sagt er, stimmt. Den Koran könne man eben nur auf arabisch richtig lesen, das müsse so sein. Und außer dem Muezzin könnte bei ihnen keiner arabisch. Aber deshalb ginge man ja in die Moschee, um sich das alles in ihrer Sprache erklären zu lassen.

Ist das nicht der Zustand, den wir hier mit der katholischen Kirche im Mittelalter hatten?

Schriften in Latein, Griechisch, hebräisch, aramäisch usw., kann außer Mönchen keiner lesen, und man muss in die Kirche, um sich das alles interpretieren und zurechtbiegen zu lassen? Und die Kirche kriegt nen Koller, als das Monopol darauf bricht und die Manipulierbarkeit der Leute verloren geht?

Hatten wir nicht das gleiche im 20. Jahrhundert, als nur die großen Medien an die politischen Schriften kamen und uns das alles irgendwie hininterpretierten, und jetzt kommt die Konkurrenz?

Als Wiederholung des Mittelalters?

(Bin mal gespannt, ob es das auch im Islam geben wird.)

Was?

Wie?

Hat ja jemand „Soylent Green” gerufen?