Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die Erbärmlichkeit der Venus

Hadmut
16.10.2016 15:36

Ich bin nicht der Einzige, der das so sieht.

Die BZ hat einen Comiczeichner hingeschickt, der das zeichnet und beschreibt, was er dort sah.

Vor mir bildet sich binnen weniger Sekunden eine Traube aus vielen kreisrund beglatzten Hinterköpfen. Das Rudel älterer Männer fotografiert wild drauflos. In ihrer Mitte rekelt sich eine nackte Frau mit sehr großen Silikonbrüsten auf einem Verkaufstresen und berührt, vorgeblich hoch erregt, ihre Vagina. Einer aus der grauhaarigen Männer-Traube grabscht ihr an die Brust. Diese Szene wiederholt sich heute noch so oft, dass mein anfänglicher Ekel einem Schulterzucken weicht.

Was mir in einem anderen Kontext die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, ist auf der Venus so alltäglich wie Rasenmähen. Das, was auf der Erotikmesse zelebriert wird, ist eben das genaue Gegenteil von Erotik. Die plumpe Performance sexueller Gesten ist ein spießiges Ballermann-Ritual und alles, nur nicht sexy.

„Man stumpft ab“, fasst es Elmar Thüry (60) zusammen. Mit seiner Frau Maria vertreibt er aus Fichtenholz gedrechselte Dildos und Vibratoren. […]

Die meisten Männer greifen reflexartig an die prallen Silikonbrüste der Darstellerinnen, wenn sie sich mit den Stars ablichten lassen. Es ist, als hätten sie jegliche Scham am Einlass abgelegt. Vor einem Container, in dem für fünfzehn Euro eine „Lesbi Dildo Show“ geboten wird, sitzt Vanessa Wild (30), Porno-Darstellerin aus Ungarn, breitbeinig auf einem Bar-Hocker. Vor ihr kniet Wolfgang (60), Ingenieur aus Hannover, und blickt konzentriert in ihren Schritt, als er ihre Vagina fotografiert. „Sie hat einen Schmetterling auf ihren Schamlippen tätowiert, das gefällt mir gut. Das ist so schön dezent“, sagt er.

Das liegt im Trend:

Die Deutschen sind übrigens Weltmeister im Porno-Konsum. Laut einer Analyse der Online-Forscher von Similarweb bestehen 12,5 Prozent aller Webseitenaufrufe in Deutschland aus Zugriffen auf pornografische Seiten. Der Durchschnittsdeutsche gibt laut einer Umfrage der Gutschein-Plattform Vouchercloud im Monat knapp 45 Euro für Sextoys, Dessous und Erotik-Videos aus, Berlin liegt mit 81 Euro im Monat an der Spitze der Statistik.

Was mir jetzt die Frage aufdrängt, ob die Berliner mehr Sextoys kaufen oder ob sie in Berlin teurer sind.

Sextoys werden zu 75 Prozent von Frauen gekauft. Auch auf der Venus gibt es für Frauen vor allem Stände mit Sexspielzeug …

Ach, so. Ja, hatte ich auch beobachtet.

Im BDSM-Bereich habe ich eine „Sklavin” gesehen, die ihrem „Herrn” mit scharfem Ton diktierte, welche Fesseln er zu kaufen habe, um sie zu fesseln, und welche er nicht kaufen dürfe, weil sie ihr nicht gefallen.

Die Konstante daran scheint zu sein, dass nur Frauen im Angebot begehrt sind. Männer nicht. Ich hatte ja schon beschrieben, dass am Porno-DVD-Stand die normalen Pornos zwischen 5 und 30 Euro verkauft wurden, während sie versucht haben, die Schwulen-Pornos zu verschenken und sie nicht losgeworden sind. Auch der Männer-Strip scheint nicht so der Brüller gewesen zu sein:

Als bei Stripper Melody keine der rund zwanzig Frauen auf die Bühne will, versucht er, eine Dame aus dem Publikum nach oben zu zerren. Sie reißt sich entgeistert von ihm los und stürmt aus dem Raum. „Das geht gar nicht“, sagt sie zu einem Mann mit Sixpack, der vor der „Ladies-Area“ Flugblätter verteilt. Er unterbricht sie. „Melody ist ein ganz Lieber. Nimm es ihm nicht übel, der hat das bestimmt nicht so gemeint. Die Jungs arbeiten eben mit einem gewissen Adrenalin. Manche Frauen wollen ja einfach genommen werden“, sagt er und lässt ihre Kritik nicht gelten.

Drinnen versucht sich Melody an einer Entschuldigung. Er sagt: „Wer hier herkommt, muss auch mitmachen.“ Ausgerechnet in der „Ladies Area“ wird deutlich: Auf der Venus (und in der Pornobranche) machen Männer die Regeln. Frauen haben hier nichts zu sagen, sind entweder Deko oder Requisite – sogar, wenn es die Männer sind, die sich ausziehen.

Hat sich hier irgendwie nicht durchgesetzt, die Genderei und Geschlechterauflösung.

Männer schauen sich nackte Frauen an.

Frauen zeigen sich nackt oder donnern sich wenigstens auf.

Frauen kaufen sich Sexspielzeug.

So sieht’s aus.