Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die Berliner Pornomesse Venus

Hadmut
15.10.2016 23:13

Auch das noch.

Nun, da ich ja inzwischen in Berlin wohne und halb Berlin mit der Werbung für das „Ereignis” der Porno- und Lifestyle-Messe „Venus” ist, und auch Fernsehen, Radio usw. alle darauf abheben, dachte ich mir, da muss ich auch mal hin. Und drüber schreiben. Außerdem muss man ja auch auf dem neuesten Stand der Wichs- und Rammeltechnik bleiben. Also war ich heute dort.

Ach, herrje.

Schon das Reinkommen war eine Katastrophe.

Nun ist die „Messe Berlin” ja ein Ort, von dem man annehmen kann, dass die dort einigermaßen wissen, wie’s geht, denn beispielsweise die viel größere IFA findet dort statt. Die Architektur des Messeeingangsgebäudes sieht schwer nach 20er oder 30er Jahre aus. Und auch vom Veranstalter der Venus könnte man eigentlich erwarten, dass sie es nicht zum ersten Mal machen, wenn sie schon damit werben, dass es die 20. Venus sei. Sie stellen sich aber an, als wäre es die erste.

Als ich hinkam wollte ich gleich schon wieder verschwinden.

Es gibt da an der Messe links und rechts neben dem Eingang mehrere Kassen. Die waren aber nicht alle besetzt, wenn ich richtig gesehen habe, nur jeweils eine. Deshalb bildeten sich zwei lange Schlangen bis vorne an die Straße, teils noch mäandert länger. Kein Fortschritt. Alles steht, nichts bewegt sich. Aber es regnet. Wohlgemerkt: Die Messe öffnete heute um 11 Uhr und ich kam gegen 13 Uhr dort an. Und zwei Stunden nach Öffnung der Messe sind sie nicht in der Lage, die Kassen angemessen zu besetzen.

Ich wollte gerade schon wieder gehen, als ein Ruck durch die linke Schlange ging und die sich langsam in Bewegung setzte. Ich dachte, ich probier’s mal. Als man da endlich durch war, ging die nächste Warterei los, noch schlimmer: Der Eingang.

Keine Ahnung, warum die es auch nicht schaffen, die Eingänge performant zu besetzen. Es bildete sich eine riesige Menschentraube, elendes Gedrängel. Dazu kommt, dass der klassische Berliner oft zur Kategorie drogenabhängiger Egoist gehört, und die Leute im dicksten Gedrängel alle rauchen wie blöde. Das mit wie blöde meine ich durchaus ernst, denn man merkte das vielen Leuten förmlich an, wie sehr die auf den Industriedreck angewiesen sind. Widerlich. So widerlich. Man steht eigentlich noch außerhalb des Gebäudes, aber in wüstem Gedrängel, wird von allen Seiten eingequalmt und ständig gestoßen, und es geht nicht voran. Die Rücksichtnahme, dass man nicht raucht, wo es andere ins Gesicht bekommen, gibt es in Berlin nicht. Hier ist nur Halbzivilisation.

Ich dachte mir gerade so, dass ich da in einer ziemlichen Katastrophe stehe, und frage mich, wie ich da reinkommen konnte. Ich vermute, dass sie da vielleicht aus Terrorgefahr besondere Sicherheitskontrollen haben. Ich frage mich, wie es gerade in Zeiten erhöhter Terrorgefahr und eines geplanten Bombenanschlags in Berlin möglich sein kann, solche Menschenansammlungen zu produzieren. Man macht viel Werbung, es kommen viele Leute, aber man kann die Leute kapazitiv nicht aufnehmen. Es wird sich noch zeigen, dass die ganze Messe (die übrigens nicht groß ist und im Vergleich zum hohen Eintrittspreis von regulär 38 Euro lächerlich wenig zu bieten hat) in einem groben Missverhältnis zur Zahl der Besucher steht. Zuviele Leute auf zu wenig Platz. Klares Schema: Viele Eintrittskarten verkaufen, aber nur wenige Hallen mieten.

Wie ich da also so stehe und gedrückt, gestoßen und eingestänkert werde, geht mir durch den Kopf, dass ein Terroranschlag hier ganz einfach möglich wäre. Alle stehen ungeschützt und außen, die Meute besteht überwiegend aus Idioten, die im Falle des Falles nicht kapieren würden, wie zu reagieren wäre. Und schon eine einzelne Handgranate oder sowas würde reichen, die Panik erledigt den Rest.

Warum lässt man sowas heute überhaupt noch zu?

Wäre es nicht ratsam, anhand der Hallengröße und der Eingänge abzuschätzen, wieviele Leute stau- und verzögerungsfrei in die Messe kämen und dann über das Internet die Eintrittskarten gestaffelt zu verkaufen? Diese Karte gilt für einen Eintritt zwischen 13 und 14 Uhr.

Dann wird es schlimmer. Denn inzwischen kommen schon wieder die ersten Besucher aus der Messe, und sie müssen sich mitten durch das Gedrängel quetschen. Sie sind nicht in der Lage, einen Aus- und einen Eingang zu organisieren.

Wie ich gerade so drüber nachdenke, schreit auf der anderen Seite eine Frau im Kommandoton irgendwelche Anweisungen. Nicht zu verstehen, offenbar unprofessionell und planlos. Es kommt aber auch so ein Security-Heini im Anzug auf unsere Seite und ruft irgendwas in Bruchstücken, was ich auch nicht verstehe, weil neben mir ein Idiot nicht kapiert, dass gerade was durchgesagt wird, und mit seinen Kumpels laut gröhlt. Ich herrsche den Idioten an, er solle mal kurz die Fresse halten, und gebe dem Security-Heini Bescheid, ich sei nur Zugereister, er könne, möge und müsse deshalb in ganzen Sätzen zu mir sprechen. Macht er sogar. Und lässt wissen, dass wir die beiden Eingänge, zu denen ich gerade zentimeterweise vorzudringen versuche, nicht mehr benutzen dürften. Wieso das nicht?

Er sagt, sie hätten gerade eben eine Anweisung „von der Behörde” bekommen, dass das so nicht ginge. Sie müssten diese zwei Durchgänge als Aus- und Notausgänge freihalten.

Boah, denk ich, das ist ja toll. Da ist tatsächlich irgendwer von der Behörde da und schaut, ob das halbwegs läuft, und gibt Anweisungen.

Ich frage mal den Security-Heini, warum sie eigentlich eine Behörde brauchen um drauf zu kommen, dass man Ein- und Ausgang trennt und die Leute nicht durcheinander laufen lässt, und sie da nicht selbst drauf kommen. Er guckt hilflos. Kurz drauf schimpft auch eine junge Frau hinter mir, dass die sich aufführen, als würden die das zum ersten Mal machen.

Irgendwann bin ich endlich drin. Erst im Eingangsgedränge erfährt man, dass man Rucksäcke und Taschen ab 30cm nicht mit reinnehmen darf. Ich habe eine ca. A4-große Umhängetasche. Ich komme also nicht rein, weil der nächste Security-Muskelklotz am Eingang, anscheinend Türke, mich im jovial-herablassend-gebieterischen Türsteher-Tonfall „Die Tasche ist zu groß, mein Freund!” angurkt. Die türkische Variante, die sich wie eine Parodie von Kaya Yanar anhört, wie dessen klassisches „Du kommst hier nicht rein!” (so dieses bullige Türkdeutsch.)

Ich korrigiere ihn. Das sei falsch. Ich sei nicht sein Freund.

Das Gesicht war beeindruckend. Die Leute haben sich schon so an diesen Berliner Kanak-Sprak-Slang gewöhnt, dass die schon gar nicht mehr wissen, wie man eigentlich höflich und richtig miteinander redet. Ein „Geben Sie die Tasche bitte an der Garderobe ab” ist da schon Fremdsprache. Dafür nimmt er mir die Belehrung sehr übel und meint, ich müsse mich dann deshalb nochmal ganz von vorne anstellen. An solchen Leuten muss man da vorbei. Ich gehe also runter zur Garderobe und geben meine Tasche ab, kostet nochmal 3 Euro. Deshalb der Nepp. Getränke darf man übrigens auch nicht mit reinnehmen, man soll drinnen kaufen. Ich gehe aber auf der anderen Seite der Garderobe wieder hoch und ohne jegliches Warten durch den VIP-Eingang.

Geschlagene zwei Stunden hat es gedauert, um überhaupt reinzukommen. Da sind wirklich Profis am Werk. Nicht mal Behälter für die eingesammelten Tickets haben sie, sie werfen sie nämlich in solche gelben Briefbehälter der Post. Und die sind ganz sicher nicht für sowas da, die gehören nämlich der Post und sind für Briefe. Also selbst da arbeiten die noch mit geklautem Material. (Sieht nämlich nicht so aus, als hätten die sich die nur geliehen und würden sie hinterher wieder zurückgeben.) Das macht alles so einen dilettantisch-improvisierten Anfängereindruck. Aber jetzt bin ich ja endlich drin.

Erste Halle: Spielzeug und Pornos.

Eine barbusige Tussi im knappen Höschen steht am Eingang und drückt mir Werbung in die Hand. Werbung, aus der nicht ersichtlich ist, wofür sie werben. Ich frage sie, wofür sie wirbt. Sie kann es auch nicht so genau erklären.

Gleich drauf labert mich an einem Stand eine an und will mir solche Plastikschrubber zum Enthaaren andrehen. Noch ehe ich mich’s versehe, schrubbert sie mir damit über den Unterarm und doziert, dass das Ding ja eigentlich für den Intimbereich gedacht sei. Ich habe tatsächlich sofort eine kahle Stelle am Arm, finde den Vorgang aber ruppig und unangenehm. Sie muss mir auch sofort so ein Balsam draufschmieren, was die Hautreizung lindert. Überzeugt mich nicht. Sie will dafür 30 Euro (Messepreis!) haben, ich lehne ab. Hab gerade mal gegoogelt, auf eBay findet man so Dinger für 10 Euro. Ich werde mich später mit einer Verkäuferin nett über Pheromon-Sprays und Gleitgel mit Erdbeergeschmack unterhalten und ihr zu meiner kahlen Stelle am Arm erzählen, wie ich dazu kam. Sie wird mir dann erklären, dass sie wiederum eine Freundin hat, die von den Dinger ganz begeistert sei und sich damit gern die Muschel blankschrubbert. Wenn’s Spaß macht, warum nicht.

Ein Pornostand. Gähn. Der immer gleiche Müll für 10 bis 30 Euro pro DVD. Sondermüll auch schon ab 5. Schwulenpornos bekommen sie wohl gar nicht los, denn die verschenken sie schon und drücken Vorbeigehenden einen als Geschenk in die Hand. Ich lehne dankend ab, sie sind etwas frustriert.

Noch trostloser sieht es am Stand der motorgetriebenen Fickmaschinen aus. Kolbenbewegungen wie beim Schiffsdiesel. Das Publikumsinteresse ist dürftig.

Ich komme an einem Stand mit „lebensechten” Silikonpuppen in Lebensgröße vorbei, selbstverständlich mit allen Körperöffnungen ausgestattet. Und total „lebensechten” Hängetitten. Wer kauft sowas? Ich nicht.

An einem Stand ist der Deiwel los: Die Kreuzung aus einem Dessous-Geschäft, einem Grabbeltisch-Schlussverkauf und einen 1-Euro-Laden. Dessous ab 1 Euro das Stück. Geht weg wie geschnitten Brot.

Gleich um die Ecke ähnliches: Ein Markt für Dildos und anderes Spielzeug.

Nun gibt es drei Dinge, die die meisten Frauen in Ekstase versetzen:

  • Grabbeltische
  • Sonderangebote
  • Vibratoren

Hier gab’s die Kombination aus allen dreien. Und sie kaufen wie die Wahnsinnigen.

Dann einer der wenigen Stände, die mein Interesse überhaupt wecken: 3D-Pornos mit Virtual Reality-Brille. Bekanntlich wurde in den letzten 40 Jahren (etwa seit dem Videorekorder) jede größere Konsumentenneuerung im Videobereich durch Pornos befördert und jeder Konkurrent um Standards durch den Pornomarkt zum Sieger oder Verlierer gekürt. Videorekorder, VHS, DVD usw. beruhen alle wesentlich auf dem Pornomarkt, insofern von Bedeutung. Ich habe mir neulich auf der IFA (bemerkenswerterweise auf demselben Messegelände) schon angesehen, was die Öffentlich-Rechtlichen zum Thema VR bringen. Nett, aber kein Brüller.

Nein, ich habe heute keinen 3D-Porno gesehen. Hätt ich gerne, aber die Warteschlange war viel zu lang und ich hatte jetzt auch keine sonderliche Lust, mir eine 3D-Brille und Kopfhörer aufzusetzen, die vor mir schon dreitausend Leute aufhatten. Ich habe dort aber einigen zugesehen, die auf einem Stuhl das Zeug aufhatten, während auf einem Kontrollmonitor der Porno, den die gerade sehen (stets aus der Position des männlichen Akteurs gefilmt, der etwa an sich runterschaut, wenn ihm gerade einer geblasen wird) und die Bewegungen und Körerreaktionen der Probanden waren sehr, sehr eindeutig, da ging offenbar auch sehr der Puls nach oben. Es gab so eine Szene, bei der der, der das gefilmt hat, mit beiden Händen herzhaft zupackt, und die Probanden haben auch zugepackt (da war natürlich nichts…). Den Reaktionen der Leute zufolge muss es sensationell gewesen sein.

Ich habe später in einer anderen Halle bei einem anderen Anbieter nochmal Leuten zugesehen, die 3D-Pornos ausprobierten. Dort gab es keinen Kontrollmonitor, ich weiß also nicht, was die gesehen haben. Die Dame, die den Leuten die Brille aufsetzte, hatte dort aber so eine Silkon-Möse in einer Plastikdose, und lies ihre Probanden den Finger da reinstecken, als der Film losging. Ohne jeden Zweifel passte der Film zur Situation des Fingers. Auch da ließen die Reaktionen der Probanden darauf schließen, dass das gezeigte Programm wohl sehr überzeugend war.

Ich habe daher wenig Zweifel daran, dass auch diese technische Innovation wieder durch die Pornographie befördert und vorangetrieben wird.

Hat auch einen Vorteil für die Branche: Bisher drehen sie ja Abertausende von immer gleichen Pornos. Jetzt haben sie endlich mal einen Grund (schon wieder einen nach Einführung von FullHD), schonwieder alles neu zu drehen, und sogar ein dramaturgisches Element, weil die distanzierte Position der alten Kamera durch den subjektiven Egozentrismus der 3D-Kamera ersetzt wird, die nicht mehr Beobachter, sondern Pseudoakteur geworden ist.

Der einzige Lichtblick war das nette Gespräch mit einer hübschen Verkäuferin, die mir mit einigem Charme darzulegen suchte, warum ich ihr Gleitgel (Erdbeergeschmack) dem anderer Hersteller und Läden vorzuziehen habe.

Atmosphärisch katastrophal, so erotisch wie eine Staubsaugerausstellung, doppelt so laut und dreimal so voll. Ein bekannter Berliner Vibratorhersteller hat gleich gefragt, ob man ortsansässig wäre und dann empfohlen, doch besser gleich ihr Ladengeschäft aufzusuchen.

Dann musste ich mal pinkeln. Nicht einfach, denn anscheinend haben sie für die gesamte Messe nur eine Toilette (also nicht eine Schüssel, sondern halt einen Toilettenbereich hinter einer Eingangstür) geöffnet. Ich habe noch andere entdeckt, aber die waren abgeschlossen. Was denken die sich dabei?

Drinnen sogar im Männerklo eine lange Schlange an die Pissoirs. Dummerweise hinter einer Ecke, so dass man sie nicht einsehen konnte. In der Schlange ein Haufen junger Männer vom Proletentyp, groß, breit, muskulös, großes Maul, ausladend, penetrant, grobmotorisch, machomäßig, laut, gröhlend. Herrje, warum dauert das so lange? Bis ich mal mitbekommen habe, dass die zwar an den Pissoirs anstanden, aber nicht mal die Hälfte derer in Gebrauch, sondern unbenutzt waren. Herrje, warum macht’s Ihr nicht voran und lasst hier alle stehen?

Lösung: Die konnten nicht, wenn einer danebensteht und guckt.

Au weia.

So Leute hab ich gern.

Den großen Macker, Molly und Macho raushängen, großes Maul, den Platzhirsch machen, auf der Messe für Zubehör für Superrammler rumtreiben, aber nicht pinkeln können, wenn einer nebendran steht, weil der könnt ja was sehen.

Ich fass es nicht.

Weiter in die nächste Halle. Bondage/BDSM.

*Gähn*

Ist das langweilig. Der Schulunterricht der dritten Klasse in grün regierten Bundesländern ist heute weit versauter.

Aber da, dann hab ich doch was gesehen, was ich noch nicht kannte. Kennt Ihr diese Hochspannungsendladungslampen (der nächste Lifestyle-Scheiß nach Lavalampen), bei denen in einem Glaskolben eine elektrische Endladung stattfindet und dann so ein bisschen bizzelt, wenn man den Finger ranhält? Sowas haben sie jetzt als Vibrator-Ersatz gebaut. Griff mit austauschbaren Glaskolben in verschiedenen Formen. Bizzelt auch, wenn man sich die an … naja, irgendwohin hält.

Dritte Halle. Life-Shows der Pornoanbieter. Auch etwas Zubehör. Holzdildos mit dem Sex-Appeal einer Pfeffermühle. Und jede Menge Life-Shows.

Boah.

Müsst Ihr Euch vorstellen. Am Stand haben sie irgendwelche Sofas oder Barhocker, auf denen sich dann eine den Dildo durchorgelt. Also eine, die, naja, wie drück ich das jetzt diplomatisch und rücksichtsvoll aus, die, mmh, also die so schön ist, dass man aus ihr locker zwei Schöne hätte machen können. War genug dran. Eigentlich hat man gar nichts direkt gesehen, nur über Monitore an der Decke. Denn um sie herum eine Meute Bekloppter, die wie besessen Handys, GoPros, Spiegelreflexkameras und sonst was in die Höhe hielten, um nur ja alles auf Video aufzunehmen und vielleicht einen verwackelten und versperrten Blick zu erhaschen.

Versteh ich nicht.

Jetzt gibt es wirklich Pornos, Pornos, Pornos, frei im Internet, wie blöde. Wenn sich dort aber auf einem Sofa eine, die ihre besten Jahre lange hinter sich hat, irgendwelchen Krempel reinschiebt, sind die wie die Wahnsinngen zu Hunderten dahinter her, das auf irgendwelche grottenschlechten, verwackelten und durch Vorderleute versperrten Videos aufzunehmen. Irgendwie so nach dem Motto „Diesen Porno habe ich höchstpersönlich gedreht!” (iPhone in die Luft gehalten…)

Nebendran viele weitere Stände von Pornoanbietern, an denen unzählige Porno-Sternchen barbusig rumstehen, um sich – mal kostenlos, mal gegen kleine Beträge – mit Leuten, die das wollen, mehr oder weniger nackt fotografieren zu lassen. Und die Leute fahren darauf ab wie blöde. Andauernd kommen sie, um irgendeine Pornodarstellerin – versteht mich nicht falsch, ich bin da ganz offen, ein oder zwei von denen sahen sogar wirklich gut aus – unter Messehallenbedingungen abzufotografieren oder sich hinzustellen, sie zu Umarmen oder in manchen Fällen ihr auch schwer ans Gemöpse zu fassen, und sich fotografieren zu lassen. Mich hat mal einer echt angebettelt, ob ich nicht mal schnell ein Foto von ihm machen könnte, weil da gerade seine Traumpornodarstellerin stand und er niemanden fand, der ihn knipsen würde.

Meine Güte, denk ich, die Leute benehmen sich, als hätten sie noch nie ne nackte Frau, gar eine mit Dildo, in Natura gesehen. Mir geht der Gedanke durch den Kopf, dass die vielleicht wirklich keine… Die Durchvirtualisierung des Sexlebens durch 3D-Brillen hat ihren Markt. Und immer mehr Berliner haben ja auch kein eigenes Auto mehr, sondern nehmen sich kurz einen Mietwagen, wenn sie mal unbedingt einen brauchen.

Was ist da, das Leute immer noch durchdrehen lässt, wenn sie das sehen, was sie sicherlich schon tausende Male gesehen haben oder haben müssten?

Nächste Halle, die Show-Halle.

Überwiegend leer.

Ein Stand verkauft Vibratoren. Aus Silikon. Zum Schleuderpreis, 4 Stück für 40 Euro.

Vor mir decken sich zwei Frauen dick ein. Unbedingt. Andere haben schon gekauft, viele kommen von hinten nach, das Interesse ist groß. 4 Vibratoren für 40 Euro, wo bekommt man das schon?

Ich werde neugierig und gucke mir die Dinger an. Es sind nicht die besseren, die sie vorne liegen haben, sonderen einfachere. Zwei große und zwei kleine. Sie fühlen sich im ausgeschalteten Zustand schon gut an, dieses samtige Gefühl von Silikon. Nur im Betrieb sehr schwach. Und als ich gerade gucken will, wie die eigentlich aufgeladen werden, zerfällt mir so ein Ding in Einzelteile. Gottogott, wie peinlich. Aber die Verkäuferin meint, das sei kein Problem, und setzt das Ding ruckzuck wieder zusammen. Passiert offenbar öfters. Da mir da eine Batterie von ihnen entgegenfiel, fragte ich, wie man die aufladen kann. Geht nicht, die günstigen könne man nicht laden. Kann man die Batterie wechseln? Eigentlich auch nicht. Na, die werden sich über ihr Schnäppchen wundern.

Auf der Bühne führt eine vor, wie sie sich Gegenstände reindrückt und wieder rauszieht.

War’s interessant? Hat sich’s gelohnt?

Nee, gar nicht. Ein nettes Gespräch über Erdbeergleitgeel hab ich geführt, die neuen Hochspannungsvibratoren entdeckt und gesehen, wie Leute beim VR-Brillen-Porno reagieren.

Eigentlich ist die ganze Veranstaltung sowas von lausig. Aber gilt weithin als der Brüller von Berlin. Große Besucherzahlen, kleine Messe. Der übliche Scheiß, eigentlich nicht mal Stand der Kunst.

Aber: Gender-freie Zone, so eine Art Safe Space vor Mainstreaming. Hier herrschen archaische Triebmechanismen und das alte eh und je.

Die Männer machen den Macho und Affen, gröhlen, rempeln, geben den Konsumenten, den Gaffer, den Rüpel, den Proleten. Und man wird ständig angerempelt.

Frauen geben entweder die Brave in Strickjacke oder donnern sich auf, ziehen sich aus, stellen sich in die Auslage, sind das Angebot, die Ware. Nackte Frau neben angezogenem Mann.

Und Frauen kaufen wie im Sommerschlussverkauf. Billig-Dildos und 1-Euro-Stringtangas. Massenmist für die Masse. Alles so anspruchslos.

Es mag archaisch sein, geschmacklos, billig, dämlich, was auch immer. Aber es ist Gender-frei. Das ganze Gender-Geschwätz hat hier überhaupt keine Auswirkung. Freilich, sie hatten auch Schwulenpornos. Aber die haben sie nicht mal verschenkt losbekommen.

Bleibt mal generell das Problem, dass sie mit der Organisation auch beim zwanzigsten Mal einfach überfordert sind und solches Chaos in Zeiten der Terrorbedrohung eigentlich nicht stattfinden dürfte.

Den Besuch kann ich keinesfalls empfehlen.

Überflüssig. Zeit- und Geldverschwendung, lästig noch obendrein. Gut einkaufen kann man da auch nicht, zumal es in Berlin mehr als genug Läden für jeden Bedarf gibt. Investiert das Geld lieber gleich in 3D-Pornos für die VR-Brille. Dann seid Ihr vorne mit dabei. Oder kauft Eurer Süßen einen ordentlichen Vibrator, der nicht sofort auseinanderfällt.