Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Über die schiere Verschwendung leeren Raumes

Hadmut
1.5.2016 22:57

Gallery Weekend Berlin: Man könnte auch sagen: Ein Wochenende, an dem ich mir verkackeiert vorkam.[Nachtrag 2]

Auch wenn in meinem Blog gewisse Themen derzeit vorherrschen, ich pflege verschiedene Interessen. Und bin der Kunst durchaus nicht abgeneigt. Nein, im Gegenteil, ich fröne der Fotografie, besonders der Reise- und Aktfotografie, komme nur viel zu selten dazu. Und wenn, muss ich lange Diskussionen und Streitigkeiten mit meiner Kamera ausfechten, die sich schwer vernachlässigt und missachtet fühlt und beleidigt schmollt, weil ich mich zu selten mit ihr abgebe. Doch generell sehe ich Kunst und Fotografie eigentlich als Ausgleich zu dem ganzen Polit- und Berufskrampf: Es gibt nichts zu streiten und zu diskutieren. Man stellt sich einfach so davor und guckt sich’s an, und dann gefällt’s einem oder eben nicht. Man muss sich nicht rechtfertigen, nicht verteidigen. Man geht hin, guckt sich’s an, und dann geht man wieder. Herrlich. Eigentlich.

Gelegentlich stößt man dann aber doch an das Problem: Ist das Kunst?

Man ist versucht zu sagen, dass Kunst nicht definierbar ist und keine Anforderungen kennt. Typisches Geisteswissenschaftlergeschwafel. Denn wenn alles Kunst ist, ist der Begriff bedeutungslos, informationslos, nichtssagend, wertlos, überflüssig, leer. Abgeschlossen ist er aber auch nicht.

Ich neige daher dazu, Kunst anhand einer teils objektiven, teils subjektiven Kriterienliste zu beurteilen, bei der es notwendig, nicht hinreichend, aber hinweisend ist, eines der folgenden Kriterien zu erfüllen:

  • Belegt es außergewöhnliche Fähigkeiten und Fertigkeiten. Ist es etwas, was nicht jeder kann, was ich nicht selbst kann? (Schwierig: Klassischer Gesang ist auch schwierig, geht mir aber nur auf den Wecker.)
  • Macht es mir Spaß, hinzuschauen/-hören/-fühlen/..? Bleibe ich stehen, um es länger zu sehen? Interessiert es mich?
  • Will ich es haben?
  • Bin ich neidisch, will ich das auch können?
  • Bleibt es mir länger in Erinnerung?
  • Sonderbonus gibt’s bei mir für gute Fotografie, auch Aktfotografie, wobei ich dem Obszönen nicht abgeneigt bin.

Und für dieses Wochenende war das Gallery Weekend angekündigt, das jährlich stattfindet, bei dem ich bisher aber noch nie war. Aufmerksam geworden bin ich durch einen Artikel in der Morgenpost, die das als das lukrativste Verkaufswochenende für Galeristen beschrieb.

Ich war früher schon öfters beim Monat der Fotografie in Berlin, habe sogar mal eine ganze Woche Urlaub genommen und damit verbracht, nur eine Galerie nach der anderen zu besuchen. Auch in München war ich in einigen Galerien unterwegs, und habe mal für eine Malerin deren Werke fotografiert und ihren Katalog gemacht. Und dabei so oft immer das Gleiche gehört: Der Markt sei schwierig, Kunst für viele eine eben brotlose Kunst, weil der Deutsche an und für sich Kunst zwar gerne anschaut, aber nicht kauft. Wenn überhaupt, könne man nur Geschäft machen, wenn man Käufer aus Übersee fände, die gäben noch richtig Geld für Kunst aus. (Wobei, naja, ich habe mich mal hauptberuflich gewundert, warum ein schnödes Gebäude eines Versicherungskonzerns so massiv und hochsicherheitsnäßig abgesichert ist, Doppelzäune, Vollbestückung mit Überwachungskameras und Bewegungsmeldern rundherum, Stacheldraht. Was könnte an Versicherungsakten so schützenswert sein? Man verriet es mir: Es geht nicht um die Firma selbst. Der unverschämt überbezahlte Vorstand hat sich obendrein die Büros und Vorstandsflure mit teuersten Kunstwerken vollhängen lassen. Deshalb musste das ganze – ziemlich große – Areal zum Hochsicherheitstrakt ausgebaut werde. Gibt also wohl schon einen Markt, aber vermutlich haben die dann nicht bei Berliner Künstlern eingekauft.)

Nun, die Morgenpost hatte geschrieben:

Für Sammler und Galeristen geht das “Gallery Weekend” bereits am heutigen Donnerstagabend mit einem Empfang im Hau 1 in Kreuzberg los. Das begehrte Dinner – auf Einladung – am Sonnabend findet diesmal im alten Kraftwerk Rummelsburg statt.

Per Schiff kommen die Gäste an, rund 1000 stehen auf der Liste, meistens werden es mehr. Gerade internationale Sammler lieben diese Milieuwechsel in der Stadt. Gäste aus Nordamerika und Asien seien gut vertreten, heißt es aus dem Planungsbüro des Gallery Weekends.

Die große Verkaufsshow?

Also bin ich da mal hin, war ja sowieso prima Wetter, und habe gestern und heute so ungefähr 20 oder 25 Galerien besucht.

Oh Herrje.

Ach Oh Weh!

Eieiei.

Tut mir leid, wenn ich das mal so direkt sage, aber: Ich fand’s grausam schlecht.

Entgegen der Erwartung und Ankündigung habe ich nur wenig Fotografie gesehen, und wenn, dann nicht gute. Kein einziges interessantes Foto, teils alte schlechte Bilder (viele gute Bilder sind alt, aber noch nicht lange jedes alte Bild ist gut), und manche meinen eben, dass es reicht, um Bilder einen teuren Rahmen und viel Wand zu machen.

Aktmalerei: Brrr. Einer hatte nackte Leute gemalt, die ihre Geschlechtsteile entweder zeigen oder in der Hand halten. Aber grottenschlecht. Sollte naive Malerei sein, war aber nur schlechte Malerei. Ich habe in den zwei Tagen nichts, aber auch wirklich gar nichts gesehen, was auf besondere Fähigkeiten schließen ließe. Einige Male hat man gar nicht gesehen, dass da überhaupt eine Bearbeitung stattgefunden hatte, und selbst dann, wenn etwas doch mal eine Farbakzent gesetzt hat, gebührt der Ruhm dafür höchstens dem Farbenhersteller. Die Auftragstechniken, die ich gesehen habe, kann man durch Rumexperimentieren locker in ein oder zwei Tagen herausfinden. Muss man aber gar nicht, denn eigentlich ist es völlig egal, was man macht, man erklärt einfach das Ergebnis für Kunst. Man muss gar nichts mehr können, nichts besonderes, sondern einfach nur noch irgendwas. Ich habe mal einer Künstlerin, bei deren Bildern es mir unmöglich war, einen Zusammenhang zwischen Bild und Titel zu erkennen oder auch nur auszumachen, welche der vier Seiten nach oben soll, beim „Malen” zugesehen. Sie schmeißt einfach wahl- und ziellos Farben auf die Leinwand, die am Boden liegt, und lässt es dann trocknen. Durchaus, viele finden das in ihrer Buntheit dann schön, aber letztlich ist das nicht Verdienst des Auftrags, sondern des Farbenherstellers. Es gibt heute im Kunstbedarf Öl- und Acrylfarben, die selbst dann tolle Farben liefern, wenn sie schnurzzufällig drauffallen.

Aber es war ja auch mal eine echte Kunst, ein Foto scharf und richtig belichtet herzustellen und auf ordentliches Papier zu vergrößern. Im Zeitalter vollautomatischer Digitalkameras, omnipräsenter Handys, automatischer Bildverschönerungssoftware und der grenzenlosen Fotoüberflutung muss man da schon andere Anforderungen stellen. Und die sind nicht erfüllt, wenn es auf dem Foto nichts zu sehen gibt, da nichts besonderes ist. Wenn jemand nur zeigt, dass er nicht verstanden hat, womit ein Foto Aufmerksamkeit erregt – oder das gar nicht erst interessiert.

Viele Galerien haben schon quantitativ verblüffend wenig zu zeigen. Kaum ist man drin, ist man schon durch und denk „Wie, das war’s schon?” Nicht selten war ich froh darüber, weil es so hässlich war.

Ich war in einer Galerie, in der es nur einen großen, weißen, leeren Raum gab, an den Wänden nichts als eine Liste der Filme die sie zeigen: Alte 16 Millimeter-Filme über Sexualpraktiken, die sie auf einem alten Projektor zeigten und das Publikum aus einer Auswahl etwa 20 alter Filmrollen wählen durfte. Unscharfes Flimmerbild, irgendwo zwischen Ich-weiß-es-ja-auch-nicht und Pornographie. Ich habe einen gesehen, indem sie über die gesamte Filmdauer nur ein einzelnes Auge gefilmt haben, das einfach in die Kamera blickt. War übrigens eine rein weibliche Galerie. Bei mordernen feministisch orientierten Frauen wird notfalls alles mit Porno ergänzt. Wenn man sonst nichts hat, wird eben sehr viel ergänzt.

Ich konnte mir nicht verkneifen sie damit zu verarschen, dass ich mit mit Kunstkenner-Blick und den einschlägigen Kunstbetrachtungsregungen vor eine völlig leere große weiße Wand gestellt und sie lange Zeit anerkennend betrachtet habe. Zu meinem Entsetzen nahmen das einige andere Besucher tatsächlich ernst und versucht, es mir nachzutun.

Später war ich in einer anderen Gelarie, die ebenfalls nur einen weißen Raum hatte, allerdings der ganze Raum mit horizontalen und vertikalen Linien wie karriertes Papier. Sonst nichts. Das war’s. Todlangweilig, nur doof. Der Künstler stamme, so erklärte mir die Galeristin vertiefend, aus … hab’s vergessen, irgendein Land in Südamerika. Ja, meinte ich, das habe ich mir schon gedacht, dass der von weiter weg sein müsse. Allerdings hätte ich einen großen, leeren, weißen Raum schon in einer anderen Galerie gesehen, aber die hätten wenigstens Pornos draufprojiziert. Das hat sie mir sehr übel genommen.

Ich kam in eine Galerie, bei deren Kunstwerken ich jedem die Freundschaft kündigen würde, der auf die Idee käme, mir sowas zu schenken. Fand dann aber in einer Ecke plötzlich doch zwei Gebilde, die mein ästhetisches Empfinden und mein Interesse ansprachen, musste allerdings schnell feststellen, dass es sich nur um eine mir bisher unbekannte Form von Heizkörper handelte und die zwei Dinger schnöde an den Heizkreislauf angeschlossen waren: Einfach nur senkrechte Heizungsrohre, um die Lamellen wie ein langes Schraubengewinde von ganz unten bis ganz oben herumgewunden waren. In weiß. Habe ich noch nie gesehen, hat mir aber gefallen. Weil ich aber nicht zugeben wollte, den Heizkörper mit Kunst verwechselt zu haben, habe ich mir gedacht, jetzt mach ich weiter, und habe mich wertschätzend vor diese beiden Heizkörper gestellt und sie ebenfalls wie Kunst lange, ausgiebig und betont nachdenklich betrachtet. Es entging mir nicht, dass der Galerist – oder zumindest jemand, den ich dafür hielt – dabei schweigend aber stinksauer neben mir stand und sich verarscht vorkam. Das habe ich voll augekostet, förmlich darin gebadet, mir Zeit gelassen und mir gedacht „Siehste? So fühle ich mich bei Deinen Bildern auch!” Das sei meine Rache. Seine Heizkörper waren aber auch wirklich viel schöner als seine Kunstwerke.

Einige Male musste ich schon nachfragen, ob das schon die Kunst sei oder ob die noch käme.

Nachtrag 1: Ach, den hatte ich noch vergessen: Ihr kennt doch die gestellten Klassenfotos aus der Schule, wo sich alle in drei Reihen stocksteif und eng zusammenstellen und dann ein stinkend langweiliges Massenfoto entsteht. Einer hat genau das mit der Videokamera gemacht, eine Schulklasse steht genau so wie auf Klassenfotos, aber völlig regungs- und bewegungslos 7 Minuten vor der Videokamera. Man sieht nur die unvermeidlichen Minimalbewegungen zum Stehen und Atmen. Ob da noch was käme, fragte ich. Nein, das sei bereits die Kunst.

Nicht jeder war durch mein Auftreten beleidigt, mancher auch schlagfertig. In einer Galerie mit seltsamen Dingen wie einem an Silvesterraketen gebundenen Plüschhund fand ich vier Gewindefüße, wie sie an Baugerüsten verwendet werden. Auf jedem Gewinde ein Ei. Auf jedem Ei ein kopfüber zermatschter Mohrenkopf (auf political-correctness-deutsch Schokokuss, die Industriesüßware vom Discounter). Was man unter Kunst eben so versteht. Ich fragte kunstkennerisch und mit Beus Fettecke im Gedanken, was er mit dem Kunstwerk denn anstelle, wenn die Eier faul würden. Darauf war er vorbereitete, freute sich gar über die Frage und erlärte sehr triumphierend, die Eier seien hartgekocht. Na gut, 1:0 für ihn. (gut, die faulen auch, aber es dauert und da ist eher der Schokokuss das kritische Element.)

Ich habe in einer schauderhaften Galerie miterlebt, wie eine völlig übertakelte, sonnenbankgegerbte, schönheitsoperationsruinierte, geschmacklos gekleidete, furchterregend auftoupierte hagere blasierte Alte von einer jungen Verkäuferin sehr, sehr zuvorkommend umsorgt wurde. Ah, dachte ich, so sehen die gelangweilten Millionäre oder Milliardäre aus, die hier einkaufen. Gut, wer so rumläuft, dem passen auch solche Kunstwerke.

Tut mir leid, wenn ich das so barsch sage, aber: Würde mir jemand anbieten, ich könnte mir aus allem, was ich gesehen habe, ein oder sogar drei Werke aussuchen, kostenlos bekommen und mir in die Wohnung hängen, ich würde kein einziges davon haben wollen. Nicht geschenkt. Da war nichts schön. Da war nichts, was für mich irgendwie auf Können oder Idee oder Kreativität schließen ließ.

Ich war neulich in Sharjah in den vereinigten arabischen Emiraten, und dort in einer riesigen Kunstgalerie für islamische Kunst. Die Ausstellung, die sie gerade hatten, hatte mit Islam gar nichts zu tun, sondern war moderne Kunst, aber sie nennen sich halt gerne so und das Museum hieß halt irgendwas mit Islam drin. Da waren echt gute Sachen dabei, das hat echt Spaß gemacht, sich das anzuschauen. Richtig gut. Tolle Ideen. Tolle Sachen gebaut. Toll fotografiert.

Aber hier?

Wisst Ihr, was mir dabei aufgefallen ist und was mir sehr gefallen hat?

Die Galerieräume.

Ich war baff, was für riesige, tolle Räume manche Galerien haben. Enorm große, luftige, helle Räume, eine sogar mit kleinem Kino drin. Die Räume müssen unheimlich teuer sein (wurden aber wahrscheinlich schon gekauft, als Berlin noch billig war.) Dazu noch viel Personal und überall die unvermeidlichen offenen loft-artigen Büroabteile mit großen Designer-Schreibtischen und minimalistischen quadratischen weißen Wandregalen voller Bücher. Komisch. Künstler, aber die Büros sehen alle gleich aus. Das muss irre Geld kosten.

Dazu standen heute noch ziemlich viele schwarze Limousinen samt Fahrer vom BMW Shuttle-Service vor den Galerien, nicht nur per Magnetfolie mit den Logos des Weekend verziert, sondern auch noch mit Klebebuchstaben extra für dieses Wochenende beschriftet. Sie meinten, sie würden da jeden rumfahren, der will, aber offenkundig natürlich ein Käufer- und Millionärs-Shuttle-Service. Dazu noch gedruckte Pläne, Programme und so weiter.

Die haben richtig Geld ausgegeben. Die müssen an diesem Wochenende mordsmäßig verdienen. Nur: Womit? Wer kauft sowas? Oder waren die ansehnlichen Sachen alle schon am Donnerstag und Freitag verkauft worden und ich habe nur noch die kümmerlichen Reste gesehen?

Jedenfalls hat es mich geschmerzt zu sehen, dass man so wunderbare schöne große Räume, so viel Volumen, soviel Raum für so einen Käse vergeudet. Ach, dachte ich mir bei manchen Räumen, wären das wunderbare Fotoateliers, könnte man da schön fotografieren.

Manchmal dachte ich dann doch, ich hab den Beruf verfehlt. Galerist hätt ich werden sollen.

Nachtrag 2: Ein marktkundiger Leser stimmt mir zu und schreibt, dass vieles von dem, was als „Kunst” verkauft würde, dem Begriff nach nur „Dekoration” sei, weil ohne künstlerischen Gehalt, ohne künstlerische Tätigkeit.

Das gefällt mir.

Man sollte Leute, die einfach nur irgendwelche Farben oder Muster an die Wand hängen, besser als „Dekorateure” bezeichnen.