Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Wackelbilder

Hadmut
20.11.2015 18:55

Zwei Meldungen zum Zeitgeist, die mir heute aufgefallen sind.

Komischerweise beide auf dem Heise Newsticker:

In einem wird über die Veränderung in der Mediennutzung berichtet: Periscope in Paris: Die Medienrevolution verschwimmt in Wackelbildern darüber, dass jetzt jeder bei jeder Gelegenheit das Handy zückt (irgendwo stand in den letzten Tagen auch, dass jetzt mehr als 3/4 der Handys Smartphones sind) und drauflosfilmt und nach Youtube hochlädt.

Tatsächlich zückten viele Menschen, die sich in der Nähe der Attentate am Freitag oder der gewaltigen Polizeiaktion im Vorort Saint-Denis befanden, ihre Smartphones und gingen live auf Sendung. Doch das Ergebnis waren meist verwackelte, wenig aufschlussreiche Bilder. Polizei auf den Straßen, laufende Menschen, gelegentlich eine Sirene im Hintergrund. Die Bilder waren angesichts schwacher Netzqualität verschwommen, viel erzählen konnten die Autoren auch nicht. […]

Bei dem stundenlangen Polizeieinsatz in Saint-Denis waren auch Vertreter klassischer Medien per Livestreaming dabei. Für den Stern rannte Reporter Philipp Weber mit Smartphone in der Hand hinter Polizisten mit gezogener Waffe durch die Straßen. Worum es eigentlich ging, blieb bis zum Schluss unklar. Weber erntete für die Aktion prompt harsche Kritik. Es gehe ausschließlich darum, mittendrin statt nur dabei zu sein, “um einen obszönen Nervenkitzel”, schrieb Medienkritiker Stefan Niggemeier in seinem Blog.

Aber es ist doch so authentisch, wenn’s wackelt, unscharf ist und alle schreien.

Unterdessen wird in Paris in großem Stil versucht, aufgezeichnete Videos aus der Anschlagsnacht und den darauffolgenden Tagen an die Medien zu verkaufen. “Wenn Schüsse und ein Polizist zu sehen sind, aus der Ferne, in der Nacht, kostet das 500 Euro. Nur der Ton – das macht 100 Euro”, berichtete der Pariser Bürochef des ostfranzösischen Zeitungsgruppe Ebra, Pascal Jalabert, im Sender FTVinfo. In Saint-Denis versuchten Jugendliche, ihre Videos für 100 bis 300 Euro loszuwerden.

Die Aufnahmen einer Überwachungskamera aus einem der Restaurants, die am Freitag Ziel der Attentäter wurden, sei für 50 000 Euro angeboten worden, sagte Hervé Béroud vom Sender BFM-TV der Zeitung Le Monde. Die Station habe abgelehnt, weil das Video “schockierend” sei. Dem “Journal de Dimanche” hätten zwei Augenzeugen noch in der Nacht der Anschläge Videos und Bilder aus den Restaurants für 1000 Euro verkaufen wollen.

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hat man sich über Überwachungskameras aufgeregt und darüber geschimpft. Dann passierte das gleiche wie beim Datenschutz: Die Vergoogelisierung. Inzwischen lädt jeder selbst alles hoch.

Dabei ist natürlich offensichtlich, was diesen Umschwung ausgelöst hat: Technischer Fortschritt. Und zwar durch Handys und durch GoPro. Viele Leute nehmen schon gar keine normale Kamera mit in Urlaub, sondern Handy und manchmal eine GoPro mit Selfiestick oder Helmhalterung. Apropos Handy: Manche Handys wie das iPhone machen – im Rahmen ihrer extrem beschränkten Einstellmöglichkeiten – verblüffend bis sehr gute Fotos und manchmal sogar Videos. Mehr als Start/Stop kann man nicht drücken und trotzdem. Ist Euch mal aufgefallen, wieviele Videos auf Youtube und sogar in den kommerziellen Medien auftauchen, die hochkant gefilmt sind, weil die Leute ihr Handy »normal« halten?

Und im anderen Artikel wird … auch über die Veränderung in der Mediennutzung berichtet: Samsung stellt den Verkauf von Kameras in Deutschland ein.

“In Deutschland beobachten wir seit längerer Zeit einen allmählichen Rückgang der Nachfrage nach Digitalkameras, Camcordern und entsprechendem Zubehör. Wir müssen uns den Anforderungen des Marktes anpassen und haben uns daher entschlossen, Verkauf und Marketing dieser Produkte schrittweise auslaufen zu lassen. Hierbei handelt es sich um eine Entscheidung, die nur den deutschen Markt betrifft.“

Dafür sehe ich zwei Gründe. Ein kleiner er ist, dass die Geräte länger halten als früher. Weil die Geräte kaum noch mechanische Teile enthalten, vor allem keine Bandlaufwerke, halten die deutlich länger, und technischen Fortschritt gibt es kaum. FullHD hat jede Billigkamera aus dem Supermarkt, 4K braucht keiner. Wer so ne Kamera braucht, der hat sie schon.

Der Hautpgrund dürfte aber sein, dass das einfach nicht mehr aktuell ist. Man sieht nur noch sehr selten Leute mit richtigen Videokameras. Geht alles per Handy.