Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Rand der Gesellschaft – die bildungsferne Schicht

Hadmut
20.4.2012 10:51

Ein Leser schickt mir gerade einen Link auf einen etwas seltsamen Blog-Eintrag über den „Rand der Gesellschaft”, der – abgesehen von seiner etwas fragwürdigen Erscheinung – ein gesellschaftliches Problem zutreffend beschreibt.

Also ich gehöre zu den Menschen, die ihre Steuererklärung noch selbst machen – habe mich aber schon häufig darüber geärgert, wieviel Arbeitsaufwand das ist. Alles zusammen gehen pro Jahr mehr als zwei Wochen Arbeit nur für den Papierkram drauf, und der wäre schon wesentlich geringer, wenn sich dieser Staat mal bequemen würde, ein einheitliches Rechnungs- und Kassenzettelformat zu gestalten, bei dem man alle Informationen immer an der gleichen Stelle findet. Und mir fällt auch sonst immer sehr unangenehm auf, wie komplex, kompliziert und arbeitsaufwendig es geworden ist, Bürger von Deutschland zu sein. Denn dieser Arbeitsaufwand kommt zu der enormen Steuerlast ja noch oben drauf.

Tatsächlich ist es aber so, daß viele Leute damit nicht mehr klarkommen. Ich habe gerade kürzlich von einem Fall erfahren, in dem jemand seinen Beruf als Grafiker und Fotograf sehr gut ausgeübt hat und wirklich gut war, aber am Staatsbürgertum gescheitert ist, sich in dem ganzen Behördenwust heillos verheddert hat, mit seinen Steuererklärungen 3 Jahre in Rückstand kam, weil er nicht mehr durchblickte, vom Finanzamt jede Menge Zwangsgelder wegen Verspätung angedroht und einmal auch aufgebrummt bekam, schließlich entnervt aufgab und das auf massivem Druck einer Freundin dem Steuerberater übergab, der aber auch nicht mehr durchblickte.

Und wißt Ihr was? Die Tante beim Finanzamt, die meine Steuerklärungen bearbeitet, blickt auch schon lange nicht mehr durch. Seit ich hier bei diesem Finanzamt bin (3 Jahre), bekomme ich jedes Jahr einen Steuerbescheid, in dem unter wechselnden Phantasiebegründungen einfach pauschal alles weggstrichen wird und ohne Begründung einfach irgendwelche Phantasiezahlen eingetragen werden, damit das Ding nur überhaupt mal als bearbeitet eingetragen werden kann, und die Klärung überläßt man dann dem Einspruchsverfahren – denn Einsprüche werden da eigentlich gar nicht mehr bearbeitet. Ich habe die einmal persönlich getroffen, weil ich Belege übergeben mußte. Obwohl ich ihr ausdrücklich gesagt habe, daß sie den Ordner bitte aufrecht halten soll, damit die kleinen Belege nicht aus den Beuteln rutschen, hat sie ihn trotzdem falsch herum gehalten, sogar dazu war sie noch zu doof – und soll Steuererklärungen bearbeiten. Das kann nicht funktionieren.

„Bildungsferne Schichten” sitzen also längst auf beiden Seiten der Steuererklärung, auf den Seiten derer, die sie abgeben und derer, die sie bearbeiten.

Und ebenfalls richtig ist die Erkenntnis besagten Blog-Artikels, daß es eben diese von der Bürgerverfahrenskunde abgehängten Schichten sind, die dann empfänglich für Radikalismus sind. Denn ein wesentlicher Kern von radikalen Anschauungen wie Rechtsradikalen, Linksterroristen, Islamisten usw. ist ja die radikale Vereinfachung des Weltbildes. Leuten, deren intellektuelle Kapazität oder Denkwilligkeit durch die überkomplexe Form der Bürgerexistenz überschritten wird, bietet man eine brachiale Vereinfachung mittels primitiver Thesen, Verhaltensanweisungen, Denkregeln und Feindbilder an. Und das wird angenommen, weil eben viele Leute sich plötzlich in einem drastisch vereinfachten System plötzlich wieder zurechtfinden. Ob es stimmt, spielt keine Rolle. Es geht darum, daß das System nicht mehr Platz beansprucht als im Hirn noch frei ist.

Und das ist nun wirklich nicht gut.


25 Kommentare (RSS-Feed)

yasar
20.4.2012 11:32
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Willkommen im Club der “Über-das-Finanzamt-Schimpfer”.

Ich könnte auch meine Arbeit wunderbar (besser) machen, wenn der ganz Papierkram nicht wäre, insbesondere der mit dem Finanzamt. Das mit dem Verspätung, Zwangsgeld, etc. kenne ich auch zur Genüge. Und diesen “erkennen wir nicht an” kenne ich auch.

PS: Irgendwie war das Karlsruher Finanzamt, Außenstelle Durlach, “bürgerfreundlicher”. Da hatte ich seltenst Probleme und die wenigen die ich hatte konnte einvernehmlich geklärt werden. Seit ich aber wieder in meiner “Heimat” wohne gibt es jedes Jahr Zoff. Scheint aber meines Erachtens an den jeweiligen Sachbearbeitern zu liegen.


Hadmut
20.4.2012 11:34
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Schlimm daran ist auch, daß sie nicht mehr begründen, was sie ablehnen, sondern nur noch auflisten, was sie anerkennen. Formal ist so ein unbegründeter Bescheid sogar nichtig, aber das interessiert in Bayern auch keinen. Hier gibt’s nur noch Willkür und Obrigkeitsdenken.


Estmann
20.4.2012 12:00
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Ich kann noch einen obendrauf setzen. Ich habe 3 Jahre Steuerrecht studiert und meine Steuererklärungen im geschäftlichen wie im privaten Bereich stets selber gemacht. Meine Sachbearbeiterin beim Finanzamt hat mir nun mitgeteilt, wenn ich die Steuererklärung nicht über einen Steuerberater machen lasse, dann wird sie mir sämtliche Belege nicht anerkennen. Ich kann dann Einsprüche ohne Ende einreichen. Das nächste Jahr kam sie mit dem telefonischen Vorschlag, wenn ich damit einverstanden, dass sie mir € 1.000,– von der Heizoelrechnung abziehen dürfte, hätte ich meine Steuererstattung innerhalb von 5 Tagen auf dem Konto. Wenn nicht, dann könne ich Monate auf die Bearbeitung meiner privaten Belege warten. Da dieser Abzug nur für ein Jahr galt, habe ich mich zähneknirschend darauf eingelassen.


ziv
20.4.2012 12:28
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Aber als Bürger ist es doch von einem verlangt dauernd zu Glauben statt zu wissen. Wischiwaschi Gesetzte über die sich Experten streiten sollen befolgt werden. Dann muss man wen schon glauben, das man das richtige gemacht hat.

Internet? Keine Ahnung davon, also muss man denen im Fernsehen schon glauben das es böse ist.

Urheberrecht? Da bekommen die Menschen langsam nen Schimmer das da was Stinkt durch die teilweise unberechtigten Abmahnungen.

Aber der Punkt ist, es ist vom Bürger erwartet das er immer brav glaubt, nur dann bekommt man ein Problem. Wenn man erzogen wird zu glauben und nicht zu verstehen, dann kann man auch nicht Argumentieren. Wenn der Nazi-Mann von nebenan dann genauso kompetent und seriös seine Hetze ausschüttet, wie die etablierten Parteien es machen und viele Bürger wie immer noch nichts verstehen, aber endlich einfache Lösungen für komplizierte Probleme angeboten bekommen, genau dann hat man ein großes Problem. Denn dann kann man nur noch hoffen das die Menschen das richtige Glauben, denn erklären kann man es ihnen nur noch schwer.

Total unzusammenhängent, kennen Anwesende Going Postal von Terry Pratchet? Sehr interessantes Glanzstück über Manipulation und Erwartung.


Das Häschen
20.4.2012 14:56
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Ich habe einen Steuerberater, der muss ja auch von etwas leben. Das Prozedere habe ich vereinfacht die Umsatzsteuer (die die ich einnehme) wird monatlich abgeführt, die Ausgaben kommen gepackt bei der Jahreserklärung. Aber ich habe nur mehr 10 bis 20 Belege, alles andere hab ich eliminiert. Das rentiert sich nicht jedem Zettel nachzulaufen, wohl aber wenn jemand wirklich einen Betrieb hat, dann ist es anders.

Obrigkeitsdenken weniger, eher ein falsch verstandenes Pflichtgefühl in jedem Fall und bis zur bitteren Neige. Bayern, obwohl als Individuum durchwegs kompetent, sind die Bayern im Kollektiv die perfekt organisierte Subversion auf jeden Fall bei der Arbeit. Das ist aber ein Erfolgsrezept scheinbar. Österreicher sind individualsubversiv, die Bayern kollektivsubversiv. Scheinbar besteht der Erfolg einer Wirtschaft darin, gekonnt Subversion zu organisieren. Das ist ein maßgeblicher Unterschied zwischen unsern Kulturkreisen. Ich komme mit der deutschen Volksseele auch schwer klar. Ganz geheuer ist mir die Gegend oberhalb des Irschenbergs nicht wirklich, soll aber die Achse Wien – München nicht schwächen.


Thomas
20.4.2012 15:51
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Also ganz ehrlich , ich lasse alles durch Steuerberater erledigen, auch wenn mich die Kohle die das kostet schon wurmt.

Das hat nicht unbedingt was mit bildungsfern zu tun, sondern mit Lebensqualität und die raubt mir in erheblichem Maße diese Auseinandersetzung mit dem Finanzamt.

Nachdem vor Jahr und Tag unser Bundespräsident Herzog, (ob er noch im Amt war weiß ich nicht), eingeräumt hat das er hätte er nicht seine Leute für sowas, auch an der Steuererklärung verzweifeln würde, finde ich die Gleichsetzung von Leuten die an der Steuererklärung verzweifeln mit bildungsfern ziemlich unzutreffend.


Hadmut
20.4.2012 16:10
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Also die Dame, die im Finanzamt meine Steuererklärungen bearbeitet, die ist erstens mit Steuerrecht hoffnungslos überfordert und zweitens definitiv bildungsfern.


markenware
20.4.2012 17:17
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Wenn die Bearbeitung der Steuererklärung tatsächtlich 2 Wochen in Anspruch nimmt, sollte sich ein Steuerberater doch wohl rechnen.

Unserer macht Büro und Privat für zwei verschiedene Finanzämter und
ist außerdem Vereidigter Buchprüfer. Die scheinen möglicherweise als besonders seriös/kompetent zu gelten. Zumindest reicht es, wenn ich die Belege für Sonderbetriebsausgaben lediglich rüber faxe. Noch nie wurden Originale nachgefordert. Und auch sonst geht alles glatt durch.


markenware
20.4.2012 17:19
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Ist hier noch Winterzeit ??


Hadmut
20.4.2012 19:24
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Kann sein, bei diesem dämlichen WordPress muss man das immer manuell umstellen.


h.d.
20.4.2012 18:11
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An sechs Tagen erschuf unser Herr die Welt; Trennte Licht von Dunkelheit, errichtete das Himmelsgewölbe, teilte Land von Wasser und machte die Pfanzen, brachte die Himmelskörper ans Firmament, formte Fische und Vögel, Landtiere und zuletzt die Menschen. Und Gott betrachtet sein Werk und sah, dass es gut war. Am siebten Tag stieg Luzifer aus der Hölle und erschuf Parkverbote und das Finanzamt!


h.d.
20.4.2012 18:19
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PS: Wenn ich mir vorstelle, was mich die Steuererklärung an Zeit und Nerven kosten würde, dann betrachte ich den jährlichen Obolus an meinen Steuerberater direkt als eine Investition in meine Gesundheit.
[Also scheiß drauf – steuertechnisch bleibe ich bildungsfern.]


HF
20.4.2012 20:42
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@Estmann: Das ist doch nicht wahr? Von solcherart Erpressung ist es nur noch ein sehr kleiner Schritt zum Fakelaki.
Mindestens so bedenklich finde ich es, wenn Unternehmen sich mehr mit dem Ausdenken von Steuerstrategien beschäftigen als mit neuen Produkten, oder alle gesellschaftlichen Ziele mit passenden Steuererleichterungen erreicht werden sollen. Vielleicht ist das eine spezielle Eigenheit der deutschen Sprache: “Steuern” ( government) und “Steuern” (taxes) sind zwei verschiedene Sachen, aber hierzulande wird versucht, mit den Steuergesetzen zu regieren.


Hanz Moser
21.4.2012 1:43
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Komm zum Finanzamt Freising. Nur gute Erfahrungen gemacht – so gut wie sie halt bei einem Finanzamt sein können – und nie jemanden meckern gehört 😀

Ich sehe aber das selbe Grundproblem. Auf sehr viele, essentielle Alltagsdinge wird man im Leben nur durch, manchmal bittere und teure, Erfahrung oder durch Kontakt mit den richtigen Leuten vorbereitet. Während für die abstrakte Bildung die Schule wenigstens theoretisch jedem das Angebot macht, muss man für lebenspraktische Dinge einfach das Glück haben, dass von den Eltern oder sonst woher vermittelt zu bekommen.
Und die Basis aller staatsbürgerlichen Verpflichtungen und Tätigkeiten, Recht und Juristerei, die das, was da so alles existiert wenigstens ansatzweise transparent und nachvollziehbar, wenn auch nicht immer sinnvoll, machen, die bekommt man eigentlich nur vermittelt, wenn man es gleich als Profession betreiben will.


Kerstin
21.4.2012 9:57
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Ich halts für gefährlich (weil unterschätzend), zu glauben, die Quelle von Radikalismus etc. sei Dummheit.


Hadmut
21.4.2012 11:54
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@Kerstin: Nicht die Quelle, der Treibstoff!

Radikalismus beruht immer darauf, eine große Bevölkerungsmasse zu erreichen. Zwar nicht der Radikalismus selbst, aber das Einsacken dieser Masse beruht auf deren Dummheit. Dumme sind für Radikalismus empfänglicher. Und die meisten Rechtsradikalen sind ja auch so knackedumm, daß sie es intellektuell gerade bis zum Baseballschläger und dumpfen Parolen schaffen. Ein Goldhamster ist intelligenter.


Alex
21.4.2012 18:00
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Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen, und als Hypothese aufstellen, dass Radikalismus dadurch erfolgreich wird, dass er von der “Elite” gewollt und gefördert wird.


dorpi
22.4.2012 8:57
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Macht sich da jemand grad die Welt,
wie es ihm gefällt ?

Bildungsnahe Schichten blicken’s nicht besser. Ich glaube Sie haben nur mehr zu verlieren, da wir ja wissen, dass Bildung und Reichtum sehr eng zusammenhängen.


Hadmut
22.4.2012 8:59
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> Bildungsnahe Schichten blicken’s nicht besser.

Ich glaub eher, daß da jemand nicht weiß, was Bildung ist. Das ist nämlich das Synonym für’s „besser blicken”.


dorpi
22.4.2012 11:56
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Mir missfiel eher die implizite Gedanken-/Assoziationskette deines Beitrags:

Hadmut – durchdringt Steuerrecht, obwohls ihm zuwider ist – bildungsnah

Finanzbeamtin – durchdringt Steuerrecht nicht, obwohl ihre eigene Domäne – bildungsfern

Das schien mir doch zu viel holzhacker-logik.

Ich hoffe dass du bei den Piraten das vermeiden kannst, was mir an ihnen manchmal negativ auffällt: eine gewisse arrogante Anmutung (ich sage das obwohl ich selbst grade im Begriff bin Mitglied zu werden).


Hadmut
22.4.2012 13:08
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@dorpi: Und mir mißfällt, Bildung als nutzlos und irrelevant abzutun. Denn ein Thema zu durchdringen, ist nunmal ein Akt der Bildung. Das als völlig unabhängig voneinander hinzustellen, ist eine Entwertung, eine Verleugnung von Bildung. Und die kann ich nicht ab.

Eine arrogante Anmutung ist in manchen Themen heute nicht mehr zu vermeiden, sie ist Teil der notwendigen Rhetorik geworden. Weil in der öffentlichen Meinung nicht mehr oder nur noch nachrangig wichtig ist, was man sagt und wie man es begründet, sondern wer etwas sagt und welche Hierarchiestufe er hat. In der öffentlichen Meinung hängt der Wert einer Aussage ganz massiv davon ab, welchen Promi- und Bekanntheitsstatus, welche Titel-Liste, welchen gesellschaftlichen Stand jemand hat. Das ist schlecht und falsch, aber es ist so. Die Öffentlichkeit ist in weiten Teilen nicht mehr willens und in der Lage, den Wert der Aussage selbst anzuerkennen. Deshalb ist es heute rhetorisch fast unvermeidbar, sich erst mal selbst zu positionieren und sich gegebenfalls höher als den Gegner zu positionieren. Anders gesagt: Arrogant aufzutreten. Eine Hauptursache der Arroganz ist, daß sie in weiten Bereichen gut funktioniert.


h.d.
23.4.2012 19:32
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Könnte man sich darauf verständigen, dass es leider erfolgversprechender ist die Leute mit einfachen (um nicht zu sagen einfachsten) Parolen zu überzeugen und ggf. hinter sich zu bringen?

Das hat und wird immer wieder funktionieren. Gerade da, wo komplizierte Sachverhalte das Durchdringen schwierig machen oder zumindest erscheinen lassen, sind einfache Geister einfachen Lösungen gegenüber immer aufgeschlossener.

Man kann da (gleichfalls leider) noch nicht mal einen großen Unterscheid zwischen “bildungsnah” und “bildungsfern” machen.

Es ist zwar nicht egal, ob die “bildungsfernen” den Radikalen (von Nazi bis Islamist) oder die vermeintlich “bildungsnahen” den Marktradikalen (von F.D.P. bis Bankenmafia) hinterher laufen, aber beides ist genauso traurig anzusehen und so manches mal nur schwer zu ertragen.

“Aus dem Brett vor dem Kopf eine Waffe machen.” (unbekannt) war m.E. noch nie eine wirklich gute Idee.

Interessant wäre zu beleuchten, ob und wie z.B. Technik (PC- und Internetnutzung) die Bildung verändert haben bzw. wie sie diese verändern könnten. Wie die Teilung zwischen “bildungsnah” und “bildungsfern” sich verändern lässt. Wie sich darauf aufbauend auch das gesellschaftliche Engagement breiterer Kreise verändern lässt, indem es Hürden des Zugangs minimiert. Ich sehe hier insbesondere auch das Auftauchen und Wirken der Piraten als wohl tuend an, da es offensichtlich Leute zur Teilnahme motiviert, die bislang davor zurückgeschreckt sind. Da verzeihe ich auch manch unbekümmerte Äusserung und finde das Zugeständnis mal etwas noch nicht in 1:30 Min. kommentieren zu können geradezu als erfrischend. Dagegen ist mir das altbekannte und bestens konditionierte “rede viel – sage nichts.” der Etablierten ein Greul.


Hadmut
23.4.2012 19:34
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Ich glaube gar nicht mal, daß es nur auf die Einfachheit ankommt. Die Kombination aus einfacher Denkweise und dem gewünschten Ergebnis ist es, die vermutlich ausschlaggebend ist.


h.d.
23.4.2012 21:42
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@hadmut: “Kombination aus einfacher Denkweise und gewünschtem Ergebnis”, hört sich für mich nicht so an, als ob Ursach und Wirkung die Plätze tauschen würden? Die einfache Lösung hören alle und folgen ihr genauso gerne, weil sie eben nicht das tiefere Nachdenken fordert und also keine weitere Arbeit macht.

Es ist wie bei der von dir beschriebenen Arroganz. Arroganz funktioniert weil sie einschüchtert. Sie muss nicht überzeugen und kann das oft genug auch nicht. Die Arroganz funktioniert deshalb so gut, weil ihr nur mit schlauen Fragen zu begegnen wäre. Und die gibt es nicht ohne Nachdenken, sprich Arbeit.

Ein gutes Beispiel sind die Politiker vom Schlage eines v. Guttenbergs. Man könnte auch andere aktive Namen nennen. Diese Sorte strotzt vor arrogantem Selbstvertrauen bis zum Abwinken. Ich habe mich immer gewundert, warum derlei Dampfblasen niemand in einer Diskussion die Stirn bietet und sie regelrecht auseinander nimmt. Frag so jemanden nach seinen (poliitischen) Erfolgen / Taten – er würde stundenlang heisse Luft absondern, um sich dahinter zu verbergener. Stelle ihm Fragen zu seinem Fachwissen auf welches sich seine vermeintlichen Erfolge gründen – er wäre sehr schnell am Ende mit seinem Latein.

Ich fühle mich da an Deine Nummer mit der Professorin Eckert erinnert. Im wissenschaftlichen Bereich funktioniert die Entlarvung nicht, weil man ihr ausweichen kann und/oder der wissenschaftliche Betrieb in seiner festgefahrenen wie falschen Tradierung (eine Krähe …) sie weder erlaubt noch pflegt.

In der Politik funktioniert es nicht, weil sich hier offensichtlich die “einfachen Lösungen” durchsetzen und Mehrheiten erlangen. Gerade hier, wo Argumente über Überzeugungen bzw. Programmatik triumpfieren sollten, gerade da setzt sich Mittelmaß und Schlimmeres durch.

Im Gegenteil. Wenn man sich die Entwicklung unserer Medien ansieht, könnte man verzweifeln. Öffentlich rechtlicher Bildungsauftrag? (Von den Privaten ganz zu schweigen.) Wo sind den die Sendungen, die Defizte korrigieren helfen? Früher gab es mal in den dritten TELEKOLLEG, für Leute die das Abi nach der Arbeit von Zuhause nachholen. Der ganze Fächerkanon wurde dargeboten. Später wurden auch “Exoten” mit “Russisch für Anfänger” bedient. Wo ist heute die Nische, in der “Frau Öztürk” (ich meine das jetzt nicht despektierlich) sich einen Deutschkurs ansehen kann, der ihr Hilfestellung geben könnte, um aus der Parallelgesellschaft zu entkommen, wenn sie denn nicht selbstgewählt ist?

Wenn man es gesellschaftlich betrachtet ist es einfach so, dass sich ein dummes Volk viel einfacher regieren lässt? Einfache Lösungen mit der nötigen Portion Arroganz unters Volk gestreut und dann noch für genügent mediale Ablenkung gesorgt – die Rechnung geht leider allzu selbstverständlich auf.

Das ich mir darüber mein Steuererklärung auch schon nicht mehr antun will ist Beleg dafür, wie weit mich dieses System schon an den Eiern hat.

🙁


h.d.
23.4.2012 22:07
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PS:
Mit Programmatik war hier sowas wie eine CDU-Programmatik gemeint. Sprich die Macht zu erhalten und dem alles andere, insbesonder jedes bessere Argument und jede Überzeugung unterzuordnen. Das können die von der CDU – soviel ist sicher – das Interview der Kanzlerin nach Fukushima ist Beweis genug. Wenn man sich klar ist, dass hier nicht etwa die Überzeugung den besseren Argumenten zum Opfer fiel, sonderen allein der erhalt der Kanzlerschaft Antrieb für den Fahnenschwenk war und ist.
Ansonsten ist an einer Programmatik, die sich auf gute Argumente einer humanistischen Überzeugung stützen, eigentlich nichts auszusetzen.