Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Enigma – Geschichtsfälschung in der Wikipedia

Hadmut
1.4.2012 11:11

Das Thema hatten wir ja auch schon häufig. Wikipedia kann man nichts mehr glauben,
weil es da eine Armee anonymisierter und selbsternannter Zensoren, Sittenwächtern und Meinungswarten gibt, die alles in kürzester Zeit so hinbiegen, wie es nach ihrer höchstpersönlichen (und meist wenig qualifizierten) Meinung sein müßte. George Orwell beschrieb in 1984, wie ganz Kompanienen von Zensoren die Zeitungen säubern und manipulieren, und dies auch rückwirkend in die Vergangenheit taten, alte Zeitungen verbrannten und gegen veränderte austauschten.

Orwell lag – bezogen auf Deutschland – nur in einem Punkt falsch. Bei Orwell war es der Staat, der „Big Brother”, der hinter der Zensur stand. Nach meinen Beobachtungen ist der größte und für die Meinungsfreiheit gefährlichste Zensor in Deutschland aber nicht der Staat, auch nicht die Industrie, sondern die Gesellschaft selbst. Bei uns ist es die Gesellschaft, die die Meinungen verbiegt, die Vergangenheitsdarstellung verändert und die politisch korrekten Sprechweisen („Neusprech”) erzwingt.

Ein Leser weist mich gerade auf ein schönes Beispiel hin, das mir zudem kryptograpisch weh tut. Im Wikipedia-Artikel über die Chiffriermaschine Enigma kommt im Kapitel „Funkspruch” mit der Beschreibung der anzuwendenden Verfahren die Abbildung eines roten Schlüsselbuches vor. Auf diesem Buch prangte ursprünglich ein Hakenkreuz, denn es waren ja hauptsächlich die Nazis, die diese Maschine eingesetzt haben. Und das ist ja nicht unwichtig oder nebensächlich wie die Frage, welchen Zwirn sie für ihre Hemdenknöpfe oder welche Marke sie für Fahrradventile eingesetzt haben, sondern historisch von ganz erheblicher Bedeutung für den Verlauf des zweiten Weltkrieges und die Enstehung der Informatik und der Computertechnik, die ohne den Aufwand der Allierten zum Brechen der Maschine mit Sicherheit erheblich anders verlaufen wären. Ob es einem paßt oder nicht, die Enigma – genauer gesagt deren Brechen – ist untrennbar mit dem Hintergrund des zweiten Weltkrieges und damit der Nazis verbunden. Zumal es bei Geschichte eigentlich auch nicht darauf ankommt, ob es einem in den Kram paßt, denn was passiert ist, ist nun einmal passiert und nicht mehr zu ändern.

Auf dem roten Buch in der Wikipedia fehlt das Hakenkreuz aber. Und in der Bildunterschrift heißt es

(Das im Original in der Mitte des Buchdeckels befindliche Hoheitszeichen ist aufgrund seiner nationalsozialistischen Symbolik hier wegretuschiert worden)

Ich halte das für Geschichtsfälschung und Desinformation. Wie bei George Orwell.

24 Kommentare (RSS-Feed)

Stefan K.
1.4.2012 12:36
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Ich würde mal behaupten, daß genau dieses fanatische Wegretuschieren aller unliebsamen Teile der Geschichte das genaue Gegenteil bewirkt. Was man so massiv unterdrückt, muß ja dadurch immer interessanter werden. Jeder unbedarfte Neuling, der plötzlich mitkriegt, daß hier Dinge unter den Teppich gekehrt werden, wittert Geheimnis, Mystik und allerlei Interessantes.

Und die Realität zeigt das auch. Obwohl man die 12 Jahre NS-Zeit so stark “wegwischen” will, sind das die absolut dominierenden Jahre in allem, wo Geschichtsthematik aufgegriffen wird.

Der Schulunterricht räumt dieser Periode massivst Unterrichtszeit, weit überproportional. Im TV heißt es: “gib uns unser täglich Hitlerbild”. Neulich auf “einestages.de” stellten Leser fest, es müsse wohl ein paar NS-Besessene dort geben, weil so viel dazu beigetragen wird.

Und dann natürlich der Reliquienhandel. Alleine die Fotocommunities, die die Kriegszeit auswerten. Da ist wirklich jeder Furz eines Soldaten registriert, die Fotos der Generäle werden wie Heiligenbilder gehandelt.

Insofern ist das beflissene Retuschieren eines Hakenkreuzes nur ein reziprokes Symptom für Nazibesessenheit. Und die Übereifrigen, die das tun, sind glatte Idioten.


HF
1.4.2012 12:48
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So ein Krampf! Vorauseilenden Gehorsam nennt man das wohl.
Immerhin hatten sie so viel Anstand, die Bildunterschrift einzufügen.
Wie ist das eigentlich in Schulbüchern? Oder gibt es da extra eine Ausnahme, weil Klassenzimmer keine öffentlichen Räume sind?


onli
1.4.2012 13:58
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Muss ausnahmsweise mal nicht an der Wikipedia liegen. Schon bei der Quelle (http://www.superborg.com/mdv001.htm) wurde das Hakenkreuz entfernt.

Aber: Kommt mir nur das so vor, oder ist das ganze Bild komisch? Was sind das für schwarze Streifen hinter dem Text, schlechte Durckerpresse? Und warum sind die Streifen bei der Quelle noch viel ausgeprägter?


Felix aus Frankfurt
1.4.2012 13:59
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Ich auch.

Ich halte so ein Verhalten sogar für nach schlimmer, geradezu kontraproduktiv: Wenn man das Hakenkreuz wegretuschiert besteht für den flüchtigen Leser nicht mehr der direkte Zusammenhang zwischen Nazi-Deutschland und der Notwendigkeit der Dechiffrierung. Dadurch wird, steter Tropfen höhlt den Stein, die Rolle des Nazi-Regimes, mal hier, mal da, verharmlost. Und am Ende stehen die Nazis besser da, als ihnen zusteht. So eine Zensur leistet also meiner Meinung nach der Verharmlosung der Nazi-Diktatur Vorschub.

(Zugegeben, hier eher am Rande, aber man stelle sich z.B. vor, man würde die Nazisymbole von Fotografien von Ausschwitz entfernen.)

Ich verstehe auch ehrlich nicht, wieso man das macht: Was wahr ist, muss, kann und sollte auch wahr bleiben. Wen meint der Fotoshopper denn dadurch “schützen” zu müssen?


Hanz Moser
1.4.2012 14:24
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@ onli

Ich würde von der Wikipedia erwarten, dass solcherlei Quellen nicht akzeptiert werden, weil sie nicht authentisch sind. Dass sich da keiner drum zu scheren scheint ist das Problem.

Was mich auch fasziniert hat ist der Hinweistext unter dem Bild. “Hoheitszeichen” “seine nationalsozialistische Symbolik”. Nicht “Das Hakenkreuz in der Mitte des Buchdeckels wurde entfernt”, sondern “das Hoheitszeichen” mit “nationalsozialistischer Symbolik”.
Das scheint mir fast so, als ob man mittlerweile nicht mal mehr “Hakenkreuz” schreiben will, weil das fast schon rechtsradikal ist.


Hadmut
1.4.2012 14:34
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@Hanz: „Neusprech” eben. Wie bei Orwell.


yasar
1.4.2012 14:26
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Das dürfte aber mit zum Teil daran liegen, daß deutsche Behörden manchmal einen etwas gestörten Umgang mit der Swastika (dem Hakenkreuz) haben, und ohne weitere Differenzierung jede verwendung dieses Symbols als verboten werten.

Das dürfte den einen oder anderen davon abschrecken, Bilder, die solche Symbole enthalten, online zu stellen, in der Furcht, dafür später belangt werden zu können. Wenn ich mit den Autor des Bildes anschaue, scheint das ein Deutscher zu sein und er wäre nicht der Erste, der wegen so etwas ein Problem mit den Behörden bekommen könnte. Ich meine vor einigen Jahren mal eine Fall mitbekommen zu haben, in dem ein Künstler ein Problem mit den behörden hatte, weil in seinem Kunstwerk irgendwo eine kleine swastika enthalten war.


Alex
1.4.2012 15:40
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Braucht man nicht eine gesonderte Genehmigung, wenn man Bilder mit Hakenkreut veröffentlicht?

Ich will mich nicht ausm Fenster lehnen, aber bevor ich mich Hadmuts rant anschließe würde ich wissen wollen, ob das nicht reiner Selbstschutz vor dem deutschen Staat ist.

Aber ansonsten ist bekannt, dass die Deutschen ein Problem mit ihrer Vergangenheit haben;
der “intelektuelle” Umgang – Geschichtsbewältigung genannt – ist zwar vorbildlich, aber ein entspannter Umgang in Allerweltsmedien bei negativer Darstellung von Symbolen des dritten Reiches fehlt völlig.
(Etwa http://www.savoy-truffle.de/zippo/barks.html )


Hadmut
1.4.2012 15:45
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Man braucht besondere Genehmigungen um Flaggen rauszuhängen oder machen zu lassen, etwa eine Filmgenehmigung oder sowas.

Um aber alte Gegenstände usw. zu benutzen oder in wissenschaftlichem Zusammenhang zu verwenden ganz sicher nicht, das wäre ja gegen die Wissenschaftsfreiheit. Ein Polizist hat mir mal erzählt, daß die Aktenschränke auf ihrer Polizeiwache alle noch einen Reichsadler mit Hakenkreuz auf der Rückwand hatten. Und auf den Flohmärkten wird das ja auch noch verkauft. Irgendwo hab ich mal alte Schulbücher gesehen, und in den Bibliotheken steht teils auch noch das alte Zeug rum. Nachdem die damals ja auf alles öffentliche ihre Hakenkreuze draufgepappt haben, heißt das ja nicht zwangsläufig, daß die Inhalte dieses Inhaltes sind. Und wenn’s bloß ein Telefonbuch war.


joe
1.4.2012 15:42
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Mir scheint die Wahl der Quelle in diesem Fall bestenfalls unglücklich und kein Beleg für die Hypothese, man könne der Wikipedia “nichts mehr glauben”, und auch kein Beleg für Zensur. onli weist darauf hin, dass das Hakenkreuz schon beim Fundort der Quelle entfernt ist. Genauso gut möglich, dass die Bemerkung in der Klammer sich auf die Intention desjenigen bezieht, der die Quelle ursprünglich veröffentlicht hat. Jedenfalls wissen wir es nicht.

Der Vergleich mit “1984” hinkt auch deshalb, weil erstens die Veränderung des Originaldokuments erwähnt ist und zweitens der Veröffentlicher des Dokuments auf seiner Seite eigens darauf hinweist, dass Kritik und Hinweise auf Fehler erwünscht seien. Ersteren Aspekt kann man nicht dick genug unterstreichen. In “1984” ergibt sich die totale Kontrolle ja erst daraus, dass die Vergangenheit so gefälscht wird, dass man die Fälschung nicht mehr nachweisen kann. Auch die Vermutung, dass sich da jemand vielleicht nicht traue, “Hakenkreuz” zu schreiben, erscheint abwegig. Es ist halt eine etwas verschwurbelte Formulierung. Tatsache ist aber, dass das Hakenkreuz seit 1935 Hoheitszeichen des Deutschen Reiches war (http://http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/hakenkreuz/index.html).


HaSi
1.4.2012 15:49
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Wie Yasar schon angemerkt hat, pflegen deutsche Behörden bei der Darstellung dieses Symbols nicht zimperlich zu sein. Im Wikipedia-Artikel zur Swastika gibt es einen Absatz, der sich mit der Problematik beschäftigt: http://de.wikipedia.org/wiki/Swastika

Es ist m.E. den Ärger mit der Staatsanwaltschaft nicht wert, herauszufinden, ob die Darstellung eines Hakenkreuzes in der Wikipedia mit der erlaubten Verwendung nach §86 StGB vereinbar ist.

Also bevor man den Wikipedia-Autoren 1984-Gebahren vorwirft, sollte man erst einmal die verkrampfte Haltung des Staates zum dritten Reich thematisieren, oder?


Thomas
1.4.2012 17:18
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Es ist eigentlich ganz einfach. Soweit ich das korrekt interpretiere, gibt es in den infrage kommenden §86 und §86a den Abs 3, das die Forschung, usw. usw. und der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens straffrei ist wer es genau Nachlesen möchte:
http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__86.html

Damit gibt es keine Notwenidigkeit Hakenkreuze aus Bildern bei Wikipedia rauszuretuschen, oder wie hier wohl geschehen schon retuschierte Bilder zu verwenden.

Ich bin allerdings der selben Meinung wie joe in Bezug auf den 1984 Vergleich, der greift hier einfach nicht. Solange der Hinweis da steht, ist es wohl überbordende politische Korektheit aber keine Geschichtsfälschung


Mattes
1.4.2012 19:02
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Im Geschichtsunterricht darf das Hakenkreuz straffrei
“verwendet“ werden. Im Studium die gleiche Frage gehabt.


Harald
1.4.2012 21:55
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Mich stört an der Bildveränderung am meisten, dass sie nicht leicht erkennbar ist. Ohne die Bildunterschrift hätte ich vermutlich nicht erkennen können, das da etwas fehlt.

Für die Unkenntlichmachung von Hakenkreuzen in Veröffentlichungen zur Vermeidung juristischer Probleme habe ich Verständnis, nicht jedoch dafür, dass die Manipulation unsichtbar gemacht wurde.

Ich hoffe, dass die Wikipedia eine Möglichkeit findet, irgendwo ein historisch korrekteres Bild zu veröffentlichen.


Werner
1.4.2012 22:08
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@Hanz Moser
Statt Hakenkreuz “Hoheitszeichen nationalsozialistischer Symbolik” zu sagen ist genauso verklemmt wie einen Ausländer als “Mitbürger mit Immigrationshintergrund” zu bezeichnen. Irgendwann wird die Sprache politisch so überkorrekt, daß niemand mehr die Zusammenhänge erkennen kann. Dann werden Nazis und Hakenkreuz Begriffe sein, die zu Geschehnissen auf einem anderen Planeten gehören. Nur weiter so. Mir kommt das wie staatlich verordnete Vogel-Strauß-Politik vor. Wenn das Hakenkreuz weg ist, dann sind auch die damit verbundenen politischen Ideen weg, das ist die Logik dahinter.


Alex
1.4.2012 23:56
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Oder um es mit Wolfenstein3D zu sagen:
“Remember, in Germany it is forbidden to shoot Nazis”


Stefan W.
2.4.2012 1:41
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“Mitbürger mit Immigrationshintergrund” sind aber oft eben keine Ausländer, sondern Inländer. Da geht es also darum eine Tatsache korrekt auszudrücken, und nicht kleingeistigen Provinzialismus, dass niemand, der nicht dt. Blut in der 3. Generation hat, zu uns gehört. Wer da der verklemmte ist wäre also noch zu klären.


Stefan W.
2.4.2012 1:52
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Es gab da mal einen Fall, ich glaube Flugzeugmodellbauer, die alte Modelle wirklichkeitsgetreu nachbilden wollten und Ärger bekommen haben, wg. Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole.

Die Symbole zu verbieten ist ja ein Versuch, sich die Sache einfach zu machen, und so einfältig wie das Verbot sind dann auch die Folgen. Kein Wunder, dass manche da lieber übervorsichtig sind. Es gab auch schon Leute, die mit “Nazis raus”-Stickern, auf denen Hakenkreuze in den Mülleimer fliegen (Haltet Eure Stadt sauber o.s.ä.) belangt worden sind.

So verstand die dt. Justiz “Entnazifizierung”.


yasar
2.4.2012 8:27
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@Alex:

Nicht nur Nazis, auch andere Leute darf man hierzulande nur in Notwehr oder in staatlichem Auftrag erschießen.


Klaus
2.4.2012 9:32
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Mit diesem “Hoheitszeichen” scheint es generell Probleme zu geben. Siehe z. B. das Original-Cover und das deutsche Cover der DVD von “Inglourious Basterds”.
http://www.imdb.com/media/rm2901839616/tt0361748
http://www.imdb.com/media/rm16224000/tt0361748

Siehe auch http://www.lawblog.de/index.php/archives/2005/11/09/gefahrlicher-button/


Das ist nur noch krank.

Wenn man einen schönen Kasten mit zensiert draufgemalt hätte, hätte diese Geschichtsklitterung ja noch Charme. Demnächst fallen die SS-Runen weg. Danch werden Namen wie Hitler oder Göbbels durch Piep oder sonstwas ersetzt.

Das hat wirklich sehr viel von 1984.


quarc
5.4.2012 19:30
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Sind eigentlich in der deutschen Ausgabe von “Asterix und die Goten” die Flüche des Anführers des gotischen Stosstrupps erhalten geblieben? Es geht um die Wiedereinreise ins Land der Goten und dem Disput mit dem gotischen Zöllner, welcher Miraculix als ausländische Ware entdeckt.


AFW
2.9.2012 19:03
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“Fotografien von Ausschwitz”

Offenbar hat aller Schulunterricht und alle Beiträge im öffentlichen Fernsehen versagt, dass immer noch nicht einmal gelernt wurde, dass es Auschwitz heißt. Nicht AuSSchwitz. 😉

“Demnächst fallen die SS-Runen weg. Danch werden Namen wie Hitler oder Göbbels durch Piep oder sonstwas ersetzt.”

Das hat was. 😉
Wir zensieren alles weg, erst die Symbole, dann die Sprache, dann uns selbst. Der Mensch ist nicht politisch korrekt, also muss er weg. Ganz so wie die Juden damals.
Womit sich der Kreis schließt. Das totalitäre Gedankengut ist dasselbe.


Hadmut
2.9.2012 19:05
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