Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die Schlaraffenland-Partei

Hadmut
1.4.2012 10:36

Kritische Anmerkungen zur Piraten-Partei.

Ich interessiere mich für die Piratenpartei, sie haben derzeit (noch) meine Sympathie, und ich habe sie bisher sogar bei jeder Wahl, bei der das möglich war, gewählt.

Aber nicht, weil Sie mir bisher irgendetwas geboten hätten. Sondern weil ich bei allem anderen auf dem Stimmzettel inzwischen große Hemmungen habe, das noch anzukreuzen. Und ich nehme mal an, daß es vielen anderen Piraten-Wählern ähnlich geht.

Ich bin – wie jeder Leser meines Blogs unschwer weiß – mit vielen Zuständen in diesem Land hier sehr unzufrieden. Wir versinken nicht in Korruption, wir sind bereits darin versunken. Schaut man sich das Parteienspektrum so an, dann ist das eigentlich alles ein eingefahrener Brei, der das, was zu holen ist, unter sich aufteilt, und für den das Land eigentlich nur noch Verfügungsmasse ist. Jede hat halt so ihre Farben und ihre Windrichtung, aber letztlich alles die gleiche Suppe – Machtapparate für Parteikader, blindes Verfolgen irgendwelcher Grundideologien, Lobbyismus.

Insofern wäre das Kapital der Piraten gewesen, dem (noch) nicht anzugehören. Die Piraten-Partei hätte das Potential, etwas zu verändern. Und dabei sind sie keineswegs wie die Grünen in ihrer Frühzeit, obwohl das immer wieder so geschrieben wird. Bei den Grünen stand von Anfang an die Ideologie als Flöte des Rattenfängers, und sie haben sich aus einem ideologischen Lager rekrutiert, dem alles andere egal war. Diese Fixierung auf ein einzelnes Thema, das schließlich zur unauflösbaren Abhängigkeit wurde, hat die Grünen dauerhaft in einer Regierungsunfähigkeit verankert. Und diese Verankerung und die politische Zusammensetzung der Grünen und speziell ihrer Parteiführung haben mich stets davon abgehalten, sie zu wählen – obwohl sie durchaus eine Menge guter Ideen hatten, die aber nur unwichtiges Beiwerk waren und die sie nie ernstlich verfolgt, sondern nur zur Wählerfängerei eingesetzt haben.

Davon unterscheiden sich die Piraten doch sehr. Denen scheint nämlich grundsätzlich alles egal zu sein, und Ihr Ziel scheint nach meinem Eindruck nicht eine andere Politik, sondern die Abschaffung von Politik oder auch einfach mal nur das mit dabei sitzen zu sein, um der Eintönigkeit etwas Abwechslung zu verschaffen. Ihr Vorteil gegenüber den Grünen ist das Fehlen der Ideologie. Ihr Nachteil ist das Fehlen von jeglichem, sie haben nicht mal gute Ideen zum Wählerfang. Insofern drängt sich der Verdacht auf, daß die Piraten nicht (nur) die Politikverdrossenen, sondern die Politikunwilligen und -unfähigen einsammeln. Darauf kann man ein Lebensgefühl, aber eben keine Partei aufbauen.

Was mir an den Piraten mißfällt, und das was ich in den letzten Tagen in der Presse so gelesen habe, verstärkt den Eindruck, ist deren Schlaraffenland-Mentalität:

  • Bedingungsloses Grundeinkommen, das heißt also Essen, Grundbedürfnisse, Dach über dem Kopf for free, ohne zu arbeiten.
  • Videos, Musik, Software auch alles kostenlos aus dem Internet zum Herunterladen.
  • Nicht nur nach außen hin haben sie diese Alles-Kostenlos-Erwartungshaltung, auch nach innen hin. Die WELT beschreibt, wie die Piratenpartei schon jetzt daran zu zerbrechen beginnt, daß man auch von den internen Funktionären erwartet, daß die alles kostenlos machen und einfach so 60 Stunden die Woche arbeiten.

Ja, klar. Ich würde auch gern im Schlaraffenland leben, wo ich mir nur unter den Baum zu legen brauche und mir die gebratenen Gänse ins offene Maul fliegen. Folgte man dem Wunschdenken der Piraten, hätte man einen sehr auskömmlichen und bequemen Lebensstil, den man sich von anderen finanzieren läßt. Das wäre nicht völlig von der Hand zu weisen, denn die Schlaraffenland-Mentalität leben die anderen Parteien ja auch – nur eben für eine kleine Elite, während die Piraten sie für alle wollen. Das Eliten-Schlaraffen-Denken der anderen Parteien ist zynisch, ungerecht, korrupt und neofeudal. Das der Piraten ist das alles nicht, aber es kann einfach nicht funktionieren. Es wäre die Erfindung des Perpetuum Mobiles.

Sie meinen, das würde funktionieren, weil dann jeder Zeit und Muße hätte, sich freiwillig für das einzusetzen, woran er Interesse hat. So etwa, wie ich hier dieses Blog befülle und kostenlos anbiete (worauf ja schon mehrfach Kommentatoren als Vergleich hinwiesen). Ja, schön. Fragt sich nur, wieviel Leute sich dann noch finden, die den Job bei der Müllabfuhr, beim Straßenbau oder als Busfahrer noch machen würden, weil sie darin ihr Hobby oder die Erfüllung eines Lebenstraums sehen. Und eine Polizei, die nur noch aus denen besteht, die soviel Spaß dranhaben mit Knarre und Blaulicht herumzudüsen und den Oberaufseher zu spielen, möchte ich auch nicht haben. Der Fehler im System der Piraten liegt darin, die abgeschottete und eigentümliche Welt des Internet mit alle ihren Erscheinungen der Freiwilligkeit auf die reale Welt zu projizieren. Ich blogge gerne. Aber Straßen zu asphaltieren ist deshalb noch lange nicht mein Ding.

Die Folge dieser Mischung aus Kostenlos-Denken und Anspruchslosigkeit ist ungefähr die gleiche, wie sie auch im Open-Source-Bereich auftritt: Einige wenige fähige Idealisten, die aber nur ihr persönliches Ding durchziehen und denen der Rest egal ist, und viel, viel Schrott außenrum, der von Anfängern produziert und meist im Anfangsstadium schon wieder aufgegeben wird. Ihnen laufen ja auch die Leute davon.

Leute ohne Berufserfahrung und voller Jugend-Naivität als Politiker zu produzieren, gilt heute als schick, aufgeschlossen, frauenfreundlichen, modern, und sonst was nicht alles. Aber es funktioniert nicht. Deshalb klappen ja auch so viele von denen nach kurzer Zeit und spätestens nach einem Dutzend Fernsehauftritten zusammen. Weil die Realität nicht der Romantik entspricht. Vor ein paar Tagen hatte ich Zweifel daran geäußert, daß man eine 22-jährige unfertige IT-Systemkauffrau (vulgo: Fachverkäuferin) als IT-Expertin ausgibt. Da habe ich hier noch ebenso böse wie naive Kommentare bekommen, weil Mozart ja schon mit 6 Klavierspielen konnte (einen Computer bedienen zu können macht einen auch noch nicht zum IT-Experten), man mit 22 also schon dreifacher Mozart sein könnte. Das steht sehr gut für die Naivität, die hinter dieser Denkweise steht. Denn glaubt man Cicero, ist sie nun wirklich kein Mozart. Und verzeiht mir, wenn ich das so sage, aber „SatansBraut89” würde ich ohne nachvollziehbare Befägigungsnachweise nicht wählen. Auch wenn die meisten es nicht wahrhaben wollen, aber solche Jugend, fehlende Berufserfahrung und das Fehlen einer Berufsausbildung sind nun einmal doch sehr stark mit dem Fehlen von Kompetenz verbunden. Wenn Leute die Auffassung vertreten, daß jemand mit diesem Hintergrund doch genauso kompetent sein könnte, dann heißt das für mich, daß die, die das sagen, den Umfang von Kompetenz und Expertentum nicht überblicken können und damit selbst keines haben. Kompetenz und Expertentum erwachsen nicht bereits aus der Annahm, daß das Alter sie nicht ausschlösse. Zudem liegt da ein gewaltiger Irrtum in der Frage der Beweislast: Kompetenz und Expertentum hat der nachzuweisen, der andere politisch vertreten will. Es ist nicht so, daß sie generell vermutet wird, und der Kritiker sie zu widerlegen habe. Auch solche Denkfehler mehren bei mir die Zweifel an der Politikfähigkeit der Piraten. Demokratie ist keine Jux-Veranstaltung und kein Chat-Forum. Wer von anderen die demokratische Legitimation haben will, sie zu vertreten, der muß schon selbst darlegen können, was er kann und wofür er steht. Wofür stehen die Saarbrücker Piraten? Bisher für gar nichts.

Grundhaltung der Piraten scheint die mit aller Härte durchgeprügelte Meinungslosigkeit zu sein. Erst kürzlich haben in irgendeiner Talkshow irgendwelche Piraten gesagt, daß sie keine Stellung zu einem Thema beziehen könnten, weil sie sonst von der Basis abgestraft werden. Das ist nicht Politik, das ist Sabotage.

Bemerkenswerterweise sabotieren sich die Piraten zuallerst selbst, denn ihre eigenen Leute halten dem Druck der eigenen Partei nicht stand. Selbst Christopher Lauer – und den Typ muß man nun wirklich nicht mögen oder für kompetent halten, aber im Vergleich zu den anderen Piraten ist er – neben Marina Weisband – einer der ganz wenigen, die sich vor der Kamera nicht gleich ganz lächerlich machen, und die Wiedererkennungswert produzieren. Aber schon die eigene Partei prügelt ja mehr auf ihn ein als der Gegner. Deshalb kommen von den Piraten auch keine politischen Auseinandersetzungen – wozu noch einen Gegner, wenn man Pirat ist? Die bekämpfen sich doch gleich selbst. Und das ist eben die Folge dieser Beliebigkeit der Zusammensetzung. Wer einfach alles aufsammelt, was an verlorenen Wählern herumliegt, wird sie niemals dazu bringen, eine Position zu irgendeiner Frage einheitlich zu akzeptieren. Mit Schnoddrigkeit, Ignoranz, Unwissen und orangenen Latzhosen findet man „Freunde” und „Mag ich”-Klicker wie eine Facebook-Seite, aber Politik macht man damit nicht.

Im Gegenteil, mir kommt sowas im Gegenteil eher wie eine überspitzte Persiflage der anderen Parteien vor, nämlich inkompetente und unfähige Leute in gutbezahlte Machtpositionen zu hieven. Um den anderen Parteien aber als Spiegel vorgehalten zu werden, sind sie wiederum zu unkenntlich.

Die Piraten wollen Demokratie. Sagen aber nicht so richtig, was sie damit meinen. Wie aber will jemand ein Land mit Demokratie beglücken können, der nicht mal die eigene Partei in einen erträglichen Zustand bekommt? In vielen Medien wird von der Rumpöbelei, von den Shitstorms usw. gesprochen, die in der Partei herrschen. Ich habe hier schon mehrfach geschrieben, daß das Internet eine Art Pöbelei 2.0 hervorbringt, und daß ich diese für ausnehmend desinformieren und meinungsfeindlich, und damit demokratiefeindlich halte. Viele Kommentatoren schrieben mir hier, daß diese Pöbelei ja nicht nur im Internet stattfände und deshalb nicht spezifisch sei. Stimmt. Die Piraten zeigen wohl gerade, daß das auch in einer Partei geht. Aber wie ich schon sagte und wie sich ja nun auch bei den Piraten zeigt: Damit macht man keine Demokratie, das ist im Gegenteil meinungs- und demokratiefeindlich. Ausgerechnet bei der einzigen erkennbaren Position der Piraten – der Demokratie – erweisen sie sich als kontraproduktiv.

Wo geht’s also hin?

Das ist die Frage. Wenn sie bleiben, wie sie sind, jedenfalls nicht weit. Das Problem ist nämlich, daß sie nichts zu bieten haben, und das nutzt sich verdammt schnell ab. Im Zeitalter des Internet – und da sind die Piraten in ihrer Naivität noch lange nicht angekommen – ist alles schnelllebig und wechselhaft. Was eben noch in sein kann, ist morgen schon vergessen, wenn es nicht genug Unterhaltungswert bietet. Und vier Jahre bis zur nächsten Wahl sind eine lange Zeit, in der man häufig gähnen kann.

Den einzigen konstruktiven und stabilisierenden Weg für die Piraten sehe ich darin, daß sie sich endlich mal ein paar fähige Leute mit Ideen holen und mehr bieten, als kostenlose Grundversorgung zu fordern wie Leute, die noch bei Mutti wohnen und es für selbstverständlich halten, daß das Essen auf dem Tisch steht. Genau das scheint es aber zu sein, was deren Basis verhindert. Die Piraten werden von ihren eigenen Leuten sabotiert. Schade.

Ob ich sie auch in Zukunft wähle, muß sich erst noch zeigen.

Die Partei, nach der ich gesucht habe, sind sie jedenfalls nicht.


43 Kommentare (RSS-Feed)

FF
1.4.2012 11:19
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Jo. Alles richtig. Gerne gelesen! Ich sehe die Jungs und Mädels auch sehr skeptisch, drücke ihnen aber trotz allem die Daumen.

Allerdings können solche “vorrationalen” Flirts nicht nur sehr schnell platzen, sondern sogar in heftige Abneigung umkippen.

Mein Problem ist: die lassen jetzt schon einen Elfmeter nach dem anderen liegen. Weil keiner schießen will. Sowas könnte keine Mannschaft der Welt ihren Fans zumuten!

Was hätten die etwa für eine Welle produzieren können, wenn sie richtig offiziell “Georg Schramm” gesagt hätten, bevor die FDP den unseligen Gauck aus der Mottenkiste zog! Undsoweiterundsofort…

Das ärgert mich – und markiert den Kern des Piraten-Problems: die haben niemanden. Okay, aussehen können die von mir aus wie sie wollen, ist mir völlig wurscht. Aber: da muß doch was kommen! Erstens, zweitens, drittens, a., b., c. Schon allein als Futter für die Medien! Ändern würde es doch (vorerst?) sowieso nichts.

Diesem langhaarigen Honk etwa, der mit seinem “Warum-nicht?”-Satz schon durch alle Comedysendungen gereicht wurde – dem würde ich doch noch nicht mal mein Fahrrad zur Reparatur anvertrauen! Den Herrn Lauer würde ich keinen Text Korrektur lesen lassen.

Und Frau Weisband – sorry, aber die ist zwar beredt, aber – alterstypisch – vollnaiv. Allein wie sie in die “Schöne-Frau-Falle” getappt ist. Was ja auch wieder das Problem markiert – die wissen halt nicht, was sie sonst schreiben sollen und jazzen dann eben eine durchschnittlich angenehm aussehende Person zur “Schönheit” hoch.

Daß die Dame dann aber darauf einsteigt, das noch ausführlichst kommentiert und zu einer kindlich-naiven “Medienkritik” (man lese ihr Blog) ausholt – jo, also das ist wirklich Kleinmädchenkram.

Meine Prognose: wenn die nicht bald jemanden nach vorne schieben, der sich formulieren kann, halbwegs telegen ist und vor allem Punch hat, ist der Spaß bald wieder vorbei.

Mein Eindruck ist, daß bisher kaum ein Journalist diese Truppe ernst nimmt. Deswegen auch die nette, freundliche, harmlose Schreibe.

Neues Spielmaterial halt, das einstweilen liebevoll an die Brust gedrückt wird, weil man sich nicht den tausendsten Text über Kauderbrüderleschäublepofalla abquälen will. Nicht mehr, nicht weniger.

PS.: Noch ein Nachtrag zum Thema “Punch”: dieser eine Jungspund von “occupy”, der kurz mal als “Sprecher” durch die Medien gereicht wurde, der hatte auf den ersten Blick alles, was man braucht. Optik, Hirn, Sprache. Nur der Punch, der hat ihm wohl gefehlt. Denn nach einer angeblichen “Morddrohung” hieß es für ihn: zurück zu Mami.

Sowas geht als Politiker jedenfalls gar nicht.


Hadmut
1.4.2012 11:33
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Ja.

Ich habe inzwischen den starken Eindruck, daß Naivität, Wissens- und Meinungslosigkeit bei den Piraten eine zwingende Voraussetzung ist. Nach allem, was ich bisher gelesen habe (und das war viel) wird bei denen jegliche Meinung, die sich verfestigt, jeder Standpunkt, der eingenommen wird, sofort abgestraft und zugemüllt.

Anfangs habe ich mal mit den Piraten geliebäugelt, weil ich eine Menge politischer – und wie ich mir einbilde guter – Ideen habe, deren Umsetzung ich den anderen Parteien aufgrund deren korrupter Verfilzung nicht mehr zutraue. Den Piraten traue ich das aber auch nicht mehr zu, nicht wegen Korruption, sondern wegen grenzenloser Naivität und der Unfähigkeit, wissenschaftlich oder überhaupt kooperativ zu arbeiten.

Deshalb reagiere ich auch so allergisch, wenn die auf die Internet- oder IT-Experten machen: Die tun zwar so, als hätten sie das Meinungs- und Deutungsmonopol und die größte Ahnung, was IT-Themen angeht, aber schon an ihrem Auftreten merkt man, daß sie für Informatiker unverzichtbare Arbeitsweisen und Denkdisziplin nicht entfernt haben und deshalb die Sachkunde, die sie behaupten, auch nicht haben können.

Vieles, was die Piraten für sich in Anspruch nehmen ist vor allem eingebildet und nicht real.

Und deren Naivität ist es, die ihre Selbstüberschätzung erst ermöglicht. Und umgekehrt.


Manuel
1.4.2012 11:49
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Der größte Nachteil der Piraten, nämlich dass sie ihre eigenen Leute verschleißen, ist allerdings auch ihr größter Vorteil. Die Piraten sind, was ihre Selbsterneuerungskraft angeht, allen anderen Parteien meilenweit überlegen. Die SPD braucht nun schon 10 Jahre um ihre Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen, und es wird wohl noch viele Jahre dauern. Die Piratenbasis wird schon merken, welche von ihnen aufgestellten Politiker was getaugt haben und welche nicht und die dann einfach nicht mehr aufstellen. In anderen Parteien wäre das nicht möglich, wenn sich da jemand mal einen Platz verschafft hat, dann bleibt er da auch bis er weiter aufsteigt oder einen Riesenfehler macht. Bei den Piraten wird sowas einfach abgesägt. Deswegen würde ich einfach mal darauf warten, welche Politiker bei den Piraten ihre erste Amts/Mandatszeit überleben.

Und ach ja: Die Piraten sind nicht weniger populistisch als andere Parteien, nur dass der Populismus der Piraten von der Basis gemacht wird, das heißt die Piraten geben sich ihren eigenen Populismus, während bei anderen Parteien das PR-Agenturen machen. Politik ohne Populismus wird wohl ein Ideal bleiben, das wir nicht mehr erleben werden, aber der Piratenpopulismus is mir immernoch lieber. Ich verarsch mich lieber selber als von PR-Agenturen verarscht zu werden.


Hadmut
1.4.2012 11:51
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@Manuel: „Selbsterneuerungskraft” bei einer Partei, die noch nicht mal richtig gestartet ist. So kann man sich natürlich jeden Mist schönreden.


Wolfgang
1.4.2012 11:50
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Ich teile vieles von deiner Skepsis. Doch der Erfolg der Piraten bringt vieleicht endlich die ‘Internet-Sicht’ in die Politik, in der heute die Internetausdrucker das Sagen haben. Ein gewisses Maß an Copyright ist wichtig, aber das Brief- und Fernmeldegeheimnis ist wichtiger.

Zum Grundeinkommen: das Versprechen der Automatisierung war einmal, dass Maschinen uns die Mühsal der Arbeit abnehmen. Wir nähern uns diesem Punkt immer mehr an. Was früher an Beschäftigte ausgezahlt werden musste, geht heute zu den Kapitalgebern. Die Menschen sind aber immer noch da. Man kann sie mit Schikanen dazu bringen, weniger Lohn zu verlangen um mit den Maschinen besser konkurrieren zu können. Aber dieser Weg ist schon im 19 Jhd gescheitert, als Handwerker versuchten, mit der industriellen Produktion mithalten zu können. Das Grundeinkommen könnte das sozial gefährliche Auseinanderdriften von Arm und Reich begrenzen. Ich bin mir nicht sicher, ob das Grundeinkommen nicht auch sehr negative Folgen haben könnte. Aber wir brauchen neue Denkansätze, um mit den Folgen der Vollautomatisierung fertig zu werden.


Hadmut
1.4.2012 11:52
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@Wolfgang: Wichtig wär’s. Die Befähigung oder Kompetenz dazu habe ich bei den Piraten bisher aber nicht gesehen, nur den Anspruch, das tun zu wollen. Kommt aber nichts. Große Klappe, wenig dahinter.


Maximilian
1.4.2012 12:28
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Das Bedingungslose Grundeinkommen soll kein Schlaraffenland für alle ermöglichen sondern den Leuten nur die Angst vor dem finanziellen Abstieg nehmen. Wenn ich weiß, dass ich beim Esseneinkaufen nicht jeden Penny zwei mal umdrehen muss, dann ist das doch eine Steigerung der Lebensqualität für alle. Zur Arbeit, die trotzdem gemacht werden muss aber nicht freiwillig gemacht wird: Ein Job, z. B. im Straßenbau müsste dann hoch genug entlohnt werden (das wäre dann eben der Preis, den die Gesellschaft für dieses System bezahlen müsste). Wenn ich jetzt als unausgebildeter die Chance habe, durch harte Arbeit ein sehr großes Gehalt zu beziehen, dann würden sich genug Leute finden, die diese Arbeit dann machen würden.


Anmibe
1.4.2012 12:41
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@Hadmut: Du magst keines Negationen, oder? „Wer einfach alles aufsammelt, was an verlorenen Wählern herumliegt, wird sie dazu bringen …“

Mir geht es ähnlich wie Dir mit den Piraten. Auch ich habe sie zuletzt immer gewählt und die fehlende Standpunktfestlegung sehe ich ebenfalls als Mangel an. Ich frage mich auch wie die jemals eine Koalition eingehen wollen, denn es ist wohl kaum zu erwarten daß die auf 51% kommen.
Andererseits haben die anderen Parteien (aus deren Sicht) immer eine Lösung parat und für jeden Sachverhalt einen Experten an der Hand. Ist das glaubwürdig? Wohl kaum. Abseits von Korruption und Lobbyismus habe ich nämlich schon lange nicht mehr den Eindruck, daß CDU/CSU und SPD & Grüne wirklich verstehen was sie tun oder tun müssten. Da wird genauso viel herumlaviert, nur eben institutionalisiert.

Dsbzl. sind mir die Piraten einfach lieber, da sie zugeben (noch) keine Lösung zu haben und diese sich erst noch finden muß.

Momentan bin ich aber dennoch froh, daß sie da sind, denn noch jagen sie den anderen Parteien Angst ein und dies kann sich durchaus als heilsamer Schock herausstellen. Meine Haupthoffnung an sie ist momentan, ein mehr an Transparenz um der der Selbstbereicherung Einhalt zu gebieten.


Hadmut
1.4.2012 13:51
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@Anmibe: Doch, ich liebe Negationen. Aber die war mir unter den Tisch gefallen, da hab ich sie gefunden. Danke!


Wirtnix
1.4.2012 12:45
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Ich bin bei den Piraten. Die ewige Diskutiererei geht mir zwar auch auf die Nerven, aber Ihr tappt in Bezug auf die ach so große Naivität und Ahnungslosigkeit der Piraten, die die Medien verbreiten in die selbe Falle wie die Journalisten:

Das Schlimme an den alteingesessenen Politikern ist doch, dass sie zu jedem Bockmist, den die Medien denen vorsetzen eine der Parteilinie entsprechende Meinung haben müssen. Der halbwegs denkende Bürger durchschaut das doch nach kürzester Zeit, dass die sehr oft über Dinge reden, von denen die selber keine Ahnung haben. Ich fand schon immer sympathisch bei den Piraten, daß die sich eben NICHT auf eine Meinung festlegen. Warum auch? Wozu soll es gut sein, dass eine Partei eine Meinung vertritt? Ich wünsche mir, daß eine Partei dazu beiträgt, Probleme zu lösen oder wenigstens abzumildern. Die P. versuchen das, indem sie auf basisdemokratische Art dazu einen Weg suchen. Außerdem kann man mitverfolgen, wie dann dieser Weg zustande gekommen ist und sich selbst fragen, ob man dem zustimmt oder nicht.

Ob das kompatibel zu unserem Politiksystem ist, ist eine andere Sache.


Hadmut
1.4.2012 13:56
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@Wirtnix: Du machst einen gewalten Denkfehler. Das Gegenteil von dumm ist nicht automatisch intelligent.

Wer zu allem eine Pauschalmeinung hat, ist – wie Du richtig schreibst – dumm.

Wer aber das Gegenteil macht und zu gar nichts eine Meinung hat, ist – entgegen Deiner Ansicht – auch dumm.

Zu wissen (und zuzugeben) daß man nichts weiß, ist zwar schon mal ein erheblicher Fortschritt und eine Selbsterkenntnis. Aber es ersetzt kein Wissen.

Wozu es gut sein soll, daß eine Partei eine Meinung vertritt? Das ist ihre Aufgabe, ihre Politik. Eine Partei hat nicht einfach da zu sein und zu onanieren, sie hat eine Aufgabe, nämlich die Bürger zu vertreten und deren Interessen einzubringen. Das ist Demokratie. Wie war das nochmal? Wollten die Piraten die Demokratie abschaffen oder verbessern?

(Wenn ich so einen Käse lese, wölben sich mir die Fußnägel. Die glauben, es reicht, einfach da zu sein und Party zu machen.)


Stefan K.
1.4.2012 12:52
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Deine Sicht ist völlig richtig, Hadmut.

Die Piraten haben genau zwei große Eigenschaften: Naivität und Inkompetenz. Dazu vielleicht noch einen jugendspezifischen Idealismus, der aber auch nur Dummheit und Naivität verkörpert. Schönes Abbild dessen ist zB Marina Weisband.

Das Ganze ist ja auch logisch, denn Kompetenz, Lösungsstrategien und ordentliche Taktik/Strategie sind eine Frage der Lebenserfahrung, des Alters.

Vor dem Überschreiten der 30 geht Politikfähigkeit gar nicht erst los. Wer darunter liegt, hat weder genug Erfahrung im Alltag, noch im Beruf, noch sonstwo.

Der Irrglaube, man könne mit totaler Transparenz aller Parteimeetings und mit einer endlosen Diskussion durch möglichst alle Mitglieder eine maximale Demokratie erreichen, ist so ein naiver Gedanke.

Man erreicht damit vor allem, daß nie zu irgendetwas ein fester Standpunkt entsteht – und das stattdessen ein verbales Niedermachen jeder x-beliebigen Persönlichkeit, besonders der Führungskräfte, so richtig gefördert und erleichtert wird.

Leider sind halt auch die Wähler bis 30 größtenteils naiv und voller Idealismus, wählen also genau deshalb ihresgleichen, und ob da irgendwelche sinnvollen Ziele dahinterstehen, ist egal. Da sind junge Typen, die weder kleidungsmäßig noch soonstwie die Konventionen einhalten – das reicht denen schon. Sind halt sympathisch in ihrer Naivität.

(In anderen Parteien haben die Kader alle die Ochsentour hinter sich und damit schon im Vorfeld jeglichen naiven Idealismus verloren, was das Geschäft mit der Macht und den Medien angeht. Wer da oben ankommt, ist bereits mit allen Wassern gewaschen und unterlag einer harten Auslese. Die fehlt den Piraten völlig.)


Hadmut
1.4.2012 13:57
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@Stefan K.: Naja, die Masche, daß Transparenz und endlose Diskussionen alleine schon genügen würden, ist halt alters- und szenetypisch. Damit kann man sich auch dann, wenn man gar nichts kann, selbst einreden, daß man alles könnte.


markenware
1.4.2012 13:54
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Abgesehen davon, dass die Kostenlos-Kultur nicht so weit reicht, wie Sie das darstellen (schließlich fordern sie eine Stärkung der Urheber und Schwächung der Verwerter), kann ich mich Ihrem Beitrag weitgehend anschließen.

Trotzdem scheint die Republik gerade in Angst vor dieser Partei zu erstarren. Marek Lieberberg spricht in derSZ vom Samstag von einer McCarthy-Stimmung unter den Künstlern, ein nicht genannter Musiker hat so viel Angst um seine Existenz, daß er vor der Veröffentlichung den Artikel gegenlesen möchte. Die Autorin Julia Franck fürchtet die Barbarei.
Der – durchgehend tendenziöse – Seite Drei Artikel ist im Netz nur gegen Gebühr von 2,- Euro für 24 Std. abrufbar; eine Netzdiskussion somit unmöglich, für eine maximale Rezeption der Printkunden hingegen gesorgt.

Die Schwächen der Piraten sind unübersehbar. Und selbst wenn sie nun in einige Landesparlamente einziehen sollten, ihre Kernthemen werden im Bund verhandelt. In welchen Koalitionen auch immer sie an einer Regierung beteiligt werden könnten, die etablierten Partner werden sie über den Tisch ziehen und ihre Ideen für sich instrumentalisieren.

Warum zum Teufel werden diese Amateure zum Schreckgespenst der Demokratie hochgejazzt?


Hadmut
1.4.2012 14:02
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@markenware: Anfänger!

Am Fall zu Guttenberg haben wir ja schon gesehen (und hier reichlich gebloggt), daß die etablierten Parteien und CDU-Dunstkreise ganz massive Astroturfing und alle möglichen Meinungsmechanismen auffahren, um sich gegen andere Meinungen zu verteidigen.

Ich würde drauf wetten, daß da weniger die Künstler, als vielmehr die Parteistrategen dahinterstecken, die auf die Wahlerfolge der Piraten reagieren und Stimmungsmache betreiben. Das hat System. Und mit sowas umzugehen haben die Piraten einfach noch nicht drauf.


markenware
1.4.2012 14:07
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Falls “Anfänger!” auf mich gemünzt sein sollte:

meine Frage war rhetorisch.


Hadmut
1.4.2012 14:09
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@markenware: Meine Antwort auch…


Hanz Moser
1.4.2012 14:13
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In den letzten Beiträgen ist immer wieder das Wort “Experte” gefallen und es war auch Basis für viele Kommentardiskussionen.

Könntest du mal eine saubere Definition dafür liefern, was du unter Experte verstehst?

Du scheinst mir damit u.a. auch ein besonders breites Wissen zu verbinden, wohingegen das für viele andere eher spezialisiertes Wissen in einem bestimmten Ausschnitt bedeutet.

So lange der Begriff nicht klar ist, und mittlerweile ist er im Allgemeinen praktisch eine Worthülse, hat er auch keine richtige Aussagekraft, weil sich der Leser entweder fragt, was es nun heißt oder implizit seine eigene Definition einsetzt.


Hadmut
1.4.2012 14:33
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@Hanz: Ja, aber nicht mehr heute. Die Definition beruht auf dem Begriff des „Expertenwissens”, einer Organisationsform von Wissen im Hirn. Und ein Experte ist einfach einer, der in einem Fachgebiet über solches Expertenwissen verfügt. Vergiß also den Experten, arbeite mit dem Begriff des „Expertenwissens”. Allein damit weißt Du schon mehr als 99% der Journalie.


Martok
1.4.2012 20:11
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Eine Sache finde ich recht erstaunlich:
Am Anfang sind die Piraten mal damit angetreten, pragmatisch “Das Richtige” zu tun, unabhängig von Ideologien. Mittlerweile hat man erkannt, dass es “Das Richtige” fast nie gibt.

Man tut also “nichts”, unabhängig von Ideologien.

Konsequent ist das schon, nur nicht unbedingt hilfreich…


Hanz Moser
1.4.2012 20:58
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Das Problem was ich mit Diskussionen um die Piraten immer habe ist, dass sich vieles auf die Medienberichterstattung beruft. Die ist aber nicht unbedingt ausgewogen oder ungefärbt, wie bei anderen Parteien auch.

Die Piraten haben aber eine Schwäche an einem Punkt, an dem die anderen Parteien sie nicht haben: Die Selbstdarstellung und den Umgang mit Medienvertretern. Deshalb ist es bei denen um ein Vielfaches einfacher, sie als Deppen hinzustellen und ihnen das Wort im Mund umzudrehen. Die hören sich bspw. noch die Fragen der Journalisten an und versuchen darauf zu antworten. Politiker, die bereits mit allen Wassern gewaschen sind haben gelernt, dass man besser abgeschliffene, formlose Sätze ohne klar Aussage zurück gibt.

Von daher muss man bei den Piraten vorsichtig sein. Ich glaube sie auf einen Haufen Naivlinge und Ahnungsloser zu reduzieren greift zu kurz. Wie es wirklich aussieht ist aber schwer zu sagen.


Klonderer
1.4.2012 21:51
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“Wo geht’s also hin?”

Irgendwo hab´ ich letztens den Spruch gelesen:

“Ich weiss nicht ob es besser wird wenn sich was ändert, aber damit es besser wird muss sich was ändern.”

Zu einer Änderung ist das Potenzial vorhanden.


Hadmut
1.4.2012 21:56
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@Klonderer: Daraus aber den Umkehrschluß zu ziehen, daß es besser wird, wenn man einfach nur irgendwas ändert, ist aber auch falsch.


MarcelW
1.4.2012 21:54
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Das BGE ist keine Erfindung der Piraten. Es wurde schon in den 1970er Jahren in Kanada getestet http://de.wikipedia.org/wiki/Mincome Seit 2005 setzt sich z. B. Götz Werner (Gründer von dm) dafür ein.

Videos, Musik, Software sollen nicht kostenlos sein, sondern die Profite der Verwerter sollen verringert werden, damit die Künstler von ihrer Kunst leben können.

“Die Welt” als Quelle für Infos über die Piraten ist ja auch eher suboptimal. Als Springer Unternehmen sind die natürlich entsetzt über die Ablehnung des Leistungsschutzrechtes durch die Piraten. Da müssen sie den Gegner eben schlecht machen.

Ansonsten, locker durch die Hose atmen und die Piraten beobachten. Ich freue mich jedenfalls über ihren Erfolg. Das bringt die alten Parteien unter Druck und das ist gut so!


Die Streiterei bei den Piraten ist wirklich lähmend und verschleißt, allerdings ist sie auch nicht ungewöhnlich. Ist halt eine junge Partei, wo alle möglichen Freaks mit seltsamen Vorstellungen glauben, sie könnten die Partei in ihre Richtung lenken. Nach ein paar Jahren werden diese Typen merken, dass sie mit ihren Ansichten immer nur auf die Schnauze fliegen, und eine Selbstreinigung setzt ein – wie @Stefan K richtig sagt, bei anderen Parteien wird das viel früher über die Ochsentour kuriert. So wird sich auch das Problem der vereinzelten rechten Spinner lösen.

Fähige Leute holen: Ich glaube, es gibt an sich genug “gute Leute” in ihren Reihen. Wenn auch nur ein kleiner Bruchteil. Es muss sich eher ein Bewusstsein entwickeln, dass man Leute braucht, die aufstehen und komplexe Themen eloquent und in sich schlüssig beantworten können, und dabei bereit sind, sich bei großen Teilen der Partei zum Feind zu machen. (Die Summe der Mehrheitsmeinungen zu Einzelthemen wird selten in sich schlüssig sein.) Und dass man solche Leute nicht deshalb zusammenhaut, weil man in ein paar Dingen anderer Meinung ist.

Egal was sie letztendlich tun, ich finde es gut, dass es eine Partei mehr gibt. Dann hat man eher die Chance, die eigene politische Richtung wählen zu können, selbst wenn die eigentlich dafür zuständige Partei gerade Totalausfall hat.

Und selbst wenn das nicht der Fall ist, bringen sie Bewegung in die Politik. Die wichtigsten Impulse der Grünen kamen in ihrer Oppositionszeit, wo keine Verantwortung tragen mussten und keine Kompromisse eingehen, aber trotzdem Themen auf die Tagesordnung bringen konnten, die große Parteien unter Druck gesetzt haben.

@Hadmut, Zustand dieses Landes: Ich würde das nicht so negativ sehen. Ich meine, wir haben Leute wie Franz Josef Strauß überstanden. Es war also schon mal schlimmer … was nicht heißt, dass es heute gut ist.

Naivität: Im Bezug auf öffentliches Auftreten natürlich ungut. Ansonsten ein angenehmer Gegensatz zur abgeklärten Denkweise der großen Parteien, für die der Systemerhalt alternativlos ist.

@Hanz, Experte/Expertenwissen: Es geht nicht darum, viel zu wissen, sondern man muss Querverbindungen schaffen können, das vorhandene Wissen in unterschiedlichen Perspektiven sehen können und Zusammenhänge erkennen, die in keinem Lehrbuch stehen (d.h. nicht die linearen Erklärungen, sondern die gesamte Komplexität). Nicht nur schwarzweiß sehen, sondern differenziert betrachten können, und trotzdem deutliche Aussagen treffen können, statt “es ist halt komplex”. Erfahrung haben. Alles schon einmal gesehen haben, alle Fehler selber gemacht zu haben, und damit eine gut trainierte Intuition zu haben – wenn etwas Neues kommt, kann man es sofort einordnen und mit einer hohen Trefferwahrscheinlichkeit abschätzen, und sieht sofort Risiken und Chancen. Wie Hadmut richtig sagt, braucht so etwas Zeit, so etwas kann ein junger Mensch einfach nicht haben, sei er auch noch so intelligent.


Hadmut
2.4.2012 0:32
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@Christoph: Naja, ich kenne sowas aus dem Studentenwohnheim. DIe haben damals auf Selbstverwaltung und Demokratie gemacht, und kamen sich gut vor, aber letztlich war es nur endloses dummes Gerede. Viele merken gar nicht, wie wenig Ahnung sie haben, und glauben, daß sie mit solchem Prozedere daraus eine Tugend machen könnten.

Das heißt aber doch auch, daß die meisten der Piraten auch noch keine Projekt- und Berufserfahrung im Realisieren von irgendwas in einem Zeitrahmen haben, und sie damit nicht die IT-Experten sind, die sie vorgeben zu sein.


Politikinteressierter
2.4.2012 7:48
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Ich denke, die Piraten haben gelernt die modernen Medien für ihre Arbeit einzusetzen und zu nutzen. Das war es schon. Ansonsten machen sie nun einen wehtuenden Entwicklungsprozess durch. Kurt Beck hat bei Meybrit Illner eindringlich auf die Rahmenbedingungen für Politik verwiesen. Diesem Rahmen können sich ggw. die Piraten nicht entziehen. Will hier weder Grund- noch Parteiengesetz zitieren, aber da sind momentan die Tücken für die Piraten versteckt. Wir leben in einer Gesellschaft der Formen, nicht der Inhalte und Politik muss man lernen, wie Bismarck feststellte. Es ist die Kunst des Machbaren. Wenn man jedoch nur redet oder Platittüden von sich gibt und nichts konkretes macht oder produziert, dann ist man schnell weg vom Fenster. Ich habe mir mal für meinen Kreis den Vorstand angeschaut, wenn der Vorsitzende immer nur fordert, er will auf alles aus der Kommunalpolitik einen Internetzugriff und wir lehnen die CCS-Technologie ab, dann ist das ein bisschen wenig. Das Einzigste, was jetzt passiert, die Parteien, die Geld haben werden sich einschießen, wenn sie sich erholt haben. Spiegel Online – Lindner – “Ich nehme die Piraten als Formation selbst nicht sehr ernst” Und Christian Lindner ist noch jung, intelligent und schlagfertig. Und weiter wird festgestellt, “Wenn schon nicht die Partei selbst, so nimmt der FDP-Mann nach eigener Aussage immerhin die Wähler der Piraten ernst. Die wollten mehr Transparenz von der Politik. “Die Botschaft ist bei uns angekommen.” Das sagt eigentlich Alles.


Dominik Trefzer
2.4.2012 11:06
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Ich sehe die Piraten momentan eher als reine Protestpartei, einfach um zu dokumentieren, dass man die restlichen Parteien momentan nicht wählen kann.
Und das ist meiner Meinung nach für den Moment auch völlig ausreichend. Eine reine Protestpartei im Parlament zu haben, ist zwar nicht sonderlich produktiv; das sind die ungestörten Alt-Parteien, die im eigenen Saft schmoren aber auch nicht.
Insofern habe ich vor allem die Hoffnung, dass die bestehenden Parteien, die ja auch weiterhin die Regierung stellen, vielleicht ein wenig wachgerüttelt werden und diverse “Themen” der Piraten bzw. von deren Wähler aufgreifen. Denn alles was an Politik zu IT-Themen bei den etablierten Parteien rauskommt, ist gelinde gesagt unter aller Sau. Und wenn die Piraten Ihnen einige Prozente wegnehmen und damit evtl. eine Regierungsübernahme verhindern, wachen vielleicht einige Leute bei SPD/Grünen und vielleicht(!) sogar bei der Union auf und merken, dass sie auf dem Holzweg sind.

Frommer Wunsch, aber viel schlechter kanns kaum werden 🙂


Hadmut
2.4.2012 11:08
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„Themen der Piraten” ?

Welche denn? Haben die welche?


Dominik Trefzer
2.4.2012 11:14
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Ach ja, einige Themen dieser Liste würde ich schon unterschreiben:
http://www.piratenpartei.de/politik/themen/

Nur weil sie sich nicht gut verkaufen, heißt das ja nicht, dass sie gar keine Themen hätten 🙂

Für mich persönlich wären vor allem Informationsfreiheit, Privatsphäre, Patentwesen interessant. Da vertreten sie schon durchaus meine Meinung.


Hadmut
2.4.2012 11:18
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Das sind Worthülsen und Forderungen, aber noch keine Themen, zumal sie ja noch gar nicht viel dazu gesagt haben.

Nur weil sie sich nicht gut verkaufen, heißt das ja nicht, dass sie gar keine Themen hätten. Stimmt. Aber daß sie welche hätten, heißt es auch nicht.


Sylvia
2.4.2012 11:55
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Ein paar Punkte:

1. Wir würden Leute durchaus gern bezahlen, wir haben aber kein Geld. Wir haben einen relativ niedrigen Mitgliedsbeitrag und ein geringes
Spendenaufkommen. selbst die 800 Euro für einen halbtags-Pressesprecer für ein Jahr sind ein Riesenbudgetposten. Wir würden gern ein paar Verwaltungshanseln bezahlen, aber woher nehemn, wenn nicht stehlen. Es wird also nicht erwartet, dass Leute ihr Ehrenamt kostenlos ausüben, es geht zur Zeit gar nicht anders.
Die Parteienfinanzierung wurde in der letzten Änderung noch mal zu unseren Ungunsten geändert und wir haben nun Mal keine Millionenspender.

2. Kostenloskultur. Ist ein Kampbegriff, der so nicht stimmt. Wir haben nichts gegen Künstler, die Geld verdienen wollen. Wir haben etwas gegen Gesetze, Politiker und Lobbyisten, die ein altes Geschäftsmodell zum Nachteil von Grundrechten schützen wollen. Computer und Internet sorgen dafür, dass Kopien kein knappes Gut mehr sind und den Zustand wieder herzustellen erfordert eben massiven Grundrechtseingriff. Schon öfter gab es Bestrebungen, wie in Frankreich ein 3-Strikes-Modell einzuführen. Das heißt bei dreimaliger Beschuldigung! eine Urheberrechtsverletzung begangen zu haben, soll der Internetanschluss gekappt werden.

Stattdessen befürworten wir ein neues Urheberrecht, das Künstler gegenüber Rechteverwertern stärkt und die Interessen der Allgemeinheit berücksichtigt. Neue Geschäftsmodelle gibt es bereits, einige Industrien haben nur den Übergang verschlafen und versuchen ihre Pfründe zu retten. Crowd-Funding, Konzert-Tickets, Idol-Marketing, Pay-What-You-Want-Modelle etc. haben sich schon vielfach als erfolgreich rausgestellt.
Man nehme nur Minecraft, das konnte man auch kostenlos spielen, aber mittlerweile haben über 5 Millionen von 25 Millionen haben 10-20 Dollar für das Spiel ausgegeben. http://www.minecraft.net/stats

Leute sind doch durchaus bereit für gute Produkte zu zahlen, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt. Obwohl das Internet nun ein paar Jährchen existiert steigen die meisten Umsazzahlen in der Kreativbranche: http://www.techdirt.com/skyisrising/ – aber wenn man Milmädchenrechnungen macht, in der wirklich jeder kostenlose Download = verlorenes Geld ist, dann sieht man natürlich rot.

3. BGE, bin ich kein Fan von, da der Begriff zu schwammig ist, aber das Ende der Gesellschaft ist es auch nicht.
Dass Hartz4 in der jetzigen Form mit Bespitzelung und kostenloen Praktika und 1 Euro-Jobs eher Billigjobs fördert und in der Form abgeschafft gehört, ist glaub ich irgendwo Konsens.

Das heißt, die soziale Absicherung muss man menschenwürdiger gestalten. Wie das genau aussieht, arüber gibt es noch keine Einigung, am Ende wird es aber vermutlich nicht sooo viel mehr Geld sein, da der Haushalt nun mal begrenzt ist. Aber auch heute könnte jeder aufhören zu arbeiten und Hartz4ler werden und seinen Hobbys im Internet und so relativ konstengünstig fröhnen. Machen die meisten natürlich nicht da sie Geld für Urlaub, Technik, schicke Kleidung, Essen,5 Kinobesuche und drei Kneipenabende etc. brauchen und deswegen arbeiten gehen.
Daran wird sich doch nichts ändern. Auch mit einem BGE wird es kein Anrecht auf eine 10-tägige Kreuzfahrt oder ein Auto, geschweige denn ein schickes Auto, geben. Wer das will, geht arbeiten und darum wird es auch immer eine Müllabfuhr geben. Denn wer das im Zweifel alles nicht will, der bekommt heute schon Hartz4, aber den bringt man auch nicht dazu zu arbeiten in dem man ihn auspioniert und dann bei Amazon als unbezahlte Leihkraft für’s Weihnachtsgeschäft hinschickt.

4. Querelen, gibt es bei uns, wie in allen anderen Parteien auch. Vermutlich nióch mehr so, da es uns erst seit 5 Jahren gibt und sich Dinge erst noch finden müssen und keine festen Strukturen existieren. Zu dem kommunizieren wir viel öffentlich, weshalb die Presse Dinge über uns schreiben kann, die sie bei den anderen Parteien in dem Umfang nie erfährt.

5. Keine (offizielle) Meinung zu einem Thema zu haben, heißt nicht, keine Ahnung zu haben. Aktuell können immer noch nur Parteitag offizielle programmatische Aussagen beschließen. Dass wir uns zu vielen Themen noch nicht positioniert haben, liegt daran, das wir noch nicht über alles gesprochen und beschlossen haben.
Selbst die Dinge, die wir beschlossen haben, werden in der Öffentlichkeit gern missverstanden, siehe z.B. Urheberrecht. Wenn der Vorsitzende seine eigene Meinung äußert, dann kann er noch 5 Mal betonen, es ist nur seine eigene, aber es gibt dazu noch keine offizielle Postion, es wird jede Menge Leute geben, die diesen Unterschied nicht wahrnehmen werden.

6. Joar, wir wollen ein bisschen mehr Demokratie. Was wir damit meinen haben wir auch schon öfter geäußert, aber über Positionen schreibt man nun nicht so gern, wie über hübsche Vorständlerinnen.
Was wir grob wollen, steht im Programm: http://wiki.piratenpartei.de/Programm#Mehr_Demokratie_wagen

1. mehr direkte Demokratie. Bürger nicht nur als Stimmvieh die eigene Politik alle 4 Jahre abnicken lassen.

2. Gewaltenteilung. Z.B. eine Trennnung der Regierung vom Parlament und damit Exekutive und Legislative.

3. Reform der Korruptionsrichtlinien, denn Abgeordnetenbestechung ist im Moment zum Großteil legal.

4. Mehr Tranparenz im Staatswesen, keine geheim ausgehandelten Verträge zwischen Staaten (z.B. ACTA oder Dinge, die über die EU kommen) oder Firmen, die uns einfach vorgesetzt werden und deren Rechnung wir im Zweifel tragen (z.B. Tollcollect) etc.

5. Keine Einschränkung von Bürgerrechten ohne genaue Abwägung. Ob nun Kinderpronosperre, VDS, Datenweitergabe an die USA, Staatstrojaner…


Sylvia
2.4.2012 11:58
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Oder um es kurz zu machen, Piraten können nicht gleichzeitig sich dauernd streiten und meinungslos sein.


Hadmut
2.4.2012 12:45
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@Sylvia: Dann bringt halt verdammt nochmal endlich Euren Arsch in Bewegung und kommt in die Pötte. Das Geschwafel, was man könnte und vielleicht würde wenn es wäre, ist ja nicht auszuhalten.

Keine Meinung zu haben, heißt nicht, keine Ahnung zu haben. Das ist richtig.

Aber es heißt auch nicht, Ahnung zu haben. Und wenn da auch sonst nichts ist, was auf Ahnung schließen läßt, wird die Luft eben sehr dünn.

Und selbst wenn man Ahnung hat: Wenn man damit nichts zustande bringt und sie nicht anwenden kann, ist sie genauso nutzlos und soviel wert, wie eben keine Ahnung zu haben.


Klonderer
2.4.2012 14:03
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@Klonderer: Daraus aber den Umkehrschluß zu ziehen, daß es besser wird, wenn man einfach nur irgendwas ändert, ist aber auch falsch.

Nein Hadmut, ich meine nur dass wir eine Chance zur Besserung haben. Wenn wir nichts ändern wird es auf keinen Fall besser.


Sabs
2.4.2012 17:27
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Dass die viel wollen und keine Ahnung haben wie sie es erreichen wollen, wodurch sie sich meiner Meinung nach nicht lange halten werden, ist ja offensichtlich. Es hapert sogar, wie ich feststellen durfte, an ihrer angeblichen Kernkompetenz, Internet. Ist jetzt ein bisschen off-Topic, naja, irgendwie auch nicht, schmeiß es halt raus wenn dus nicht passend findest.

Ich habe den Piraten eine email geschrieben. Zweckmäßigerweise über das netterweise riesige Kontaktformular auf ihrer Website. Der Eindruck war schonmal gut. Kennt ihre diese Formulare die 50 Zeichen breit und drei Zeilen lang sind? Boah!!! Ich habe sogar meine email Adresse angegeben, weil eine Antwort hätte mich schon interessiert. Die, die alle haben dürfen, nicht grade meine dauerhafte. Abschicken, warten, Fehler. Ihre Nachricht wurde als Spam erkannt. Bitte senden Sie eine email mit dem Errorcode sowieso an den Admin xxx@piraten-xxx.de.

Hallo?! Erstmal war das kein Spam. Was sie wohl meinten war dass die Domain meiner email Adresse auf einer Spamblacklist steht (vfemail). Zumindest Nachricht und email Adresse sollten sie auseinanderhalten können. Also falsche Adresse angegeben, dann halt keine Antwort, blöd. Ja, ich hätte die richtige in die Nachricht schreiben können, hinterher ist mir das auch eingefallen. Mit der falschen klappte der Versand. Aber wieso soll ich dem Admin eine email schreiben und ihm einen Errorcode mitteilen, wenn sein System meine Absenderadresse fälschlicherweise für Spam hält? Und vor allem… wie? Über das Formular geht es nicht, Sperre über MX-Record. Würde ich die email ohne Formular senden würde es also auch nicht gehen. ?!?!??! Per Post? Berittenem Boten?


Hadmut
2.4.2012 17:35
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@Sabs: Wieso rausschmeißen? Der Punkt ist voll berechtigt.

Allerdings muß ich Dir aus langjähriger Berufserfahrung sagen, daß das ganze Gerümpel aus Mail-Relays, Spam-Schutz, den Frontends usw. so vermurkst ist, das man das inzwischen wirklich nicht mehr so richtig zuverlässig zum Laufen bekommt, zumal sie ja nur ehrenamtlich tätig sind. Ich weiß schon, wieviel Zeit es kostet, diesen Server hier am Laufen zu halten, und bau uns klappt auch nicht immer alles. Da würde ich denen jetzt keinen separaten Strick draus drehen.

Ich habe aber durchaus den Eindruck, daß die Piraten sich selbst massiv überschätzen und aufgrund ihrer eigenen Naivität und Überheblichkeit immer nur nach unten auf die schauen, die weniger können, aber nicht mitbekommen, wieviel Stockwerke über ihnen noch kommen. Die benehmen sich eben im Umfeld der inkompetenten Politik und unter den Blinden hält sich der Einäugige für den König.

Das Paradoxe an den Piraten ist, daß sie sagen, von nichts eine Ahnung zu haben, und sich trotzdem noch selbst überschätzen. Das muß man erst mal hinkriegen.

Allerdings bedingt das eine durchaus das andere. Die überschätzen sich in Sachen IT so sehr, daß sie sich einbilden, dieses eine Thema würde ihnen reichen. Früher oder später fliegen sie damit auf die Schnauze.


Hanz Moser
2.4.2012 21:16
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@ Christoph Moder

Danke, aber ich kenne ein paar informelle Definitionen und habe explizit Hadmut gefragt, weil es nicht viel bringt wenn jemand anderes seine Definition einwirft, wenn der Begriff stark subjektiv ist.

Die Definition ist auch nicht so richtig greifbar und stellt stark auf den Aspekt der Erfahrung ab. Ich glaube jeder, der irgendeinen Beruf lange gemacht hat, wird diese Definition für sich in Anspruch nehmen, auch wenn er statt Experte zu sein nur durchschnittliche Ahnung und Erfahrung besitzt.


tl;dr.

Ich erwarte, daß Du nicht der Springer-Presse glaubst, sondern Primärquellen liest. Die Programme sind alle im Wiki.


Hadmut
8.4.2012 14:22
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Wir sind hier nicht beim Wunschkonzert und ich bin kein Tanzbär. Man kann hier nicht ankommen und „erwarten”, daß ich ich meine Arbeitszeit jedem hinterherwerfe, der irgendwas von mir will. Es interessiert mich einen Scheiß, was Du „erwartest”. Wenn Du willst, daß ich meine Zeit aufwende, um etwas für Dich zu tun, gilt mein normaler Stundensatz.


Alex
8.4.2012 19:41
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Hadmut, du könntest bei denen doch mitmachen, und versuchen auf die Landesliste von Bayern bei den nächsten Wahlen zu kommen 🙂

Und was Standpunkte und ähnliches angeht.
Du kannst Dir ja Deine eigenen Meinungen bilden als Abgeordneter, und Dich mit Verweis auf die Gewissensfreiheit auf diese berufen.

Zumindest laut Grundgesetz sind Abgeordnete “gewissensfrei”.
Insbesondere nicht von der “Meinung” der Partei abhängig – auch wenn bei den klassischen Parteien das anscheinend als “frei von Gewissen” ausgelegt wird.
Und ich meine mich irgendwann mal gelernt zu haben, dass die Parteien “an der politischen Willensbildung _teil_nehmen”. Nicht die Meinungshoheit gepachtet haben.
Wieso eigentlich die Forderung nach fixen Meinungen bei den Piraten?


Hadmut
8.4.2012 19:44
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Ich glaub nicht, daß die mich nehmen und wollen. Zumal es bei denen ja auch nach dem alten Prinzip geht, daß die Gründer vorne dran sind. Und ich glaube auch nicht, daß ich da die Freiheit hätte, meine Meinungen und Auffassungen zu vertreten, wenn ich bedenke, was ich so über die gelesen habe. Ich weiß auch nicht, wie lange ich noch in Bayern bin.

Davon ganz abgesehen liegen meine Themen weit vorwiegend in der Bundes- und nicht in der Landespolitik. Und die Chancen, für die Piraten Bundestagsabgeordneter zu werden, halte ich für Null. Obwohl es durchaus interessant wäre.


noch n thomas
13.4.2012 16:00
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@Manuel (ganz am Anfang)

Diese Erneuerungs-durch-Verschleiß-Idee ist in Wahrheit Dystopie. Wenn einen Verwantwortungsposten innehaben wesentlich bedeutet, zerfetzt zu werden (von den eigenen Leuten, intern), dann wird sich intern nach kurzer Zeit kaum noch jemand finden, der trotz Idealismus sich das antun und zutrauen möchte. Ich bin selbst gerade im Vorstand eines Vereins, der dieses Prinzip ausprobiert hat, aber auch strukturell bedingt durch viele Studenten und Azubis in diesem Verein ständigen Wechsel hat, also das so halbfreiwillig, halb strukturell erzwungen macht. Ich werde das nicht nochmal machen, weil ich erlebt habe, wie übel demotivierend es sein kann, wenn diese interne Kaka ständig rumgeschmissen wird, obwohl man sich den Arsch aufreißt (übrigens besonders demotivierend, wenn es von Leuten kommt, die keinen Handschlag rühren; dürfte bei den Piraten auch existieren). Der erste Effekt ist in der Tat einfach Demotivation, die Sache verkommt zu einer lästigen Pflicht. Der zweite, ich glaube viel schlimmere Effekt ist aber der einer gewissen Mutlosigkeit, weil sich das Gefühl einstellt, überhaupt keine Fehler mehr machen zu dürfen oder zu können, weil dann automatisch übel “kritisiert” wird, wobei das gerne auch in persönliche Beleidigung übergeht. In der Folge traut man sich einfach kaum noch neues, weil es sowieso im Keim zertreten wird. Daraus folgt der oben beschriebene Effekt, dass kaum einer Lust hat, da mal nachzurücken, weil die Verantwortlichen selbst zunehmend weniger machen als Standarprozedere und sich also überhaupt keiner denken kann: “da könnte man mal richtig was wagen, mal richtig was machen!”. Eben weil man das wirkklich nicht mehr kann, so wie der Parteivorsizende der Piraten nicht mal ein Statement zu irgendwas abgeben kann, weil schon das möglicherweise ausreicht, damit man ihn köpfen will.

Davon abgesehen gibt es auch noch eine arbeitspsychologische Weißheit, die die Piraten mal kräftigst durchdenken sollten. Diese heißt, dass ein Team von zusammenarbeitenden Menschen erst nach ca. 2 Jahren (eher mehr, so in Richtung 4 Jahre) wirklich gut miteinander arbeiten kann – d.h. über die Fähigkeit des Einzelnen hinaus, man könnte es auch emergent nennen – weil sich bestimmte Sachen und Eigenschaften eingespielt haben, bestimmte Marotten der Anderen nicht mehr so ernst, sondern als Teil der Sache akzeptiert (und soziologisch gesprochen: auch kompensiert) werden können, sozusagen mit dem Gedanke: nun ja, sowas hatte der ja öfter, Schwamm drüber! Genau das kann sich aber bei so einer “offenen” oder “fluktuierenden” Struktur nur sehr schwer einstellen. Kurz gesagt dauert es einfach Zeit, bis man lernt, wie und wo man sich auf die Anderen besonders verlassen und bei sich selbst also vernachlässigen kann, worauf man sich selbst mehr konzentrieren kann und was ein anderer sowieso besser kann. Das ist vor allem für politische Arbeit immens wichtig, aber letztlich für jede Position, in der man verantwortlich für andere handeln soll. Und wie Danisch sagt ist es dann wirklich ein gewaltiges Problemsymptom, wenn der Parteivositzende nichts sagen kann, was nicht vorher mehrheitlich abgesegnet wurde, weil eigentlich gerade in diesem ihm entgegengebrachten Vertrauen seine ganze Funktion als Vorsitzender besteht. Dieses Vertrauen existiert aber in solchen fluktuierenden Strukturen nur sehr schwer, weil das eben Zeit und Erfahrung mit denjenigen braucht, denen man da vertrauen soll, will und an sich auch muss.

Davon abgesehen ist eine, auf Verschleiß aufbauende Arbeitsstruktur aber sicher noch aus anderen Gründen ebenso ablehenenswert wie die Kungelmethoden der etablieten Parteien, die zu ihren Basen widerum überhaupt kaum noch Bezug haben (habe gehört, besonders die sPD soll damit gerade massiv Probleme haben).
Das einzig Positive an der Sturktur und dem Chaos der Piraten ist für mich daher, dass diese Themen wieder mehr in die Sprache gerückt werden. Deutschland redet ja nicht unbedingt sehr geschwätzig über Parteienstruktur, obwohl das ein immens wichtiges Problem in einer repräsentativen Demokratie dartellt.