Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Mandarinen

Hadmut
9.10.2010 16:19

Diese Woche hat mich etwas erstaunt.

Als Kind habe ich leidenschaftlich gerne Mandarinen gegessen. Ich hätte mich an den Dingern totfressen können.

Dann aber gab es die irgendwann nicht mehr. Seit Jahren (keine Ahnung, so 20 Jahre werden es schon sein) gibt es nur noch solche komischen Ableger wie Clauselinas, Satsumas, Clementinen und was nicht alles.

Ich weiß nicht, ob andere die mögen, aber die meisten dieser Ableger schmecken mir nicht, weil ich sie als bitter und einfach nicht gut schmeckend empfinde. Allerdings habe ich auch schon gemerkt, daß ich viele Bitterstoffe anders wahrnehme als andere Leute, was vermutlich von der genetischen Veranlagung abhängt.

Jedenfalls hatte ich immer den Eindruck, daß diese Ersatzfrüchte einfach nur wüste Züchtungen und Kreuzungen sind, die vor allem auf Transport- und Lagerfähigkeit gezüchtet waren, da meistens auch noch ziemlich fest und wenig saftig. Wenn man die Dinger schält und die dann so richtig hart sind, oder wenn die Schale nicht diesen orange-gelben sondern einen orange-roten Farbton und diese grobe Struktur hat, ist schon was nicht in Ordnung. Das meiste, was ich da in Supermärkten bekommen habe, hat mir so wenig geschmeckt, daß ich es nur noch selten gekauft und praktisch nie ganz aufgegessen habe.

Gute Mandarinen sind eher klein, haben eine relativ weiche und glatte Schale mit keinen Sprengseln, lassen sich leicht und flächenmäßig schälen, lassen sich klar und einfach in Schnitze trennen, diese wiederum weich und sehr saftig. So mag ich sie.

Gabs aber nicht mehr. Seit Jahren erzählen die mir in den Supermärkten, daß es Mandarinen nicht mehr gäbe. Die würden nicht mehr produziert, seien ganz vom Markt verschwunden. Zugunsten der Massenindustriellen Früchte, die mehr aushalten. Am ehesten paßten Satsumas noch in mein Bild. Vielleicht war es auch nicht die Haltbarkeit, sondern einfach der Einfluß irgendwelcher Gen-Food-Konzerne, die lieber ihre Kunstprodukte verkauft sehen wollten.

Diese Woche habe ich bei LIDL zufällig was gesehen. Mandarinen. Sehen aus wie Mandarinen, fühlen sich an wie Mandarinen, schmecken wie Mandarinen und heißen sogar Mandarinen. Insgesamt fünf Netze habe ich die Woche schon davon gekauft, und einen großen Haufen davon schon vertilgt. Lecker.

Nur einen wesentlichen Unterschied habe ich festgestellt: Diese Mandarinen haben keine Kerne. Jedenfalls die, die ich bisher gegessen habe. Was den Komfort ja wesentlich erhöht. Nicht, daß ich die wirklich vermissen würde. Scheint man weggezüchtet zu haben. Oder genmanipuliert.

Ich frage mich allerdings, wie sich diese Planzen ohne ihre originären Kerne eigentlich fortpflanzen. Ist das vielleicht nur das neueste Produkt der Gen-Food-Industrie, wo man dann jede Pflanze neu bei denen kaufen muß, weil die sich selbst nichtmehr vermehren können? (Gibt’s ja schon in anderen Bereichen, daß man Bauern so zwingt, jedes Jahr neuen Samen zu kaufen.)

Warum gibt es jetzt wieder Mandarinen und warum haben sie keine Kerne mehr? Rückbesinnung oder einfach nur neues Produkt im Katalog der Samen-Lieferanten?


6 Kommentare (RSS-Feed)

Chris
9.10.2010 16:55
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Ich denke, das die Kerne weggezüchtet sind. Das ist auch eine Art von Genmanipulation, nur “auf natürlichem” Weg.


HF
9.10.2010 17:03
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Wie fast alle Obstsorten werden auch diese durch Pfropfen veredelt und vermehrt. Die Kernlosigkeit ist nur eines unter vielen Merkmalen, die beim Züchten nur schwer als reines Merkmal stabilisert werden können. Für den Geschmack sind komplexe Stoffgemische verantwortlich sind, die auch noch zum richtigen Zeitpunkt gebildet werden müssen. Zu dieser Komplexität gehört dann auch ein komplexer Erbgang.
Die chemischen Sinne der Obstesser sind auch durch ( verglichen damit wenige ) Gene festgelegt. Es gibt nur drei Typen von farbempfindlichen Fotorezeptoren, und der selektive Ausfall eines Typs führt zu definierten Fehlsichtigkeiten. Die Zahl der Chemorezeptoren in der Nase ist höher, und Ausfälle sind häufig.
Der Ausfall eines einzelnen Rezeptortyps bringt nur recht geringe Nachteile: Weil alle Lebensmittel komplexe Gemische von Gescmacksstoffen enthalten, kann das Gehirn aus dem komplex codierten Signal immer noch genug Information entnehmen. Wenn man es rechtzeitig gelernt hat.

Der Markt hat aber nur eine sehr eindimensionale Sicht auf komplexe Systeme. Der Mechanismus von Angebot und Nachfrage ist als Signalübertragungsmechanismus eine Katastrophe. Das wird nur dann gemildert, wenn es viele Anbieter und viele Konsumenten gibt. Bei den Mandarinen trifft das vielleicht halbwegs zu.
Puh, genug geschwätzt 🙂


HF
9.10.2010 17:07
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Wie fast alle Obstsorten werden auch diese durch Pfropfen veredelt und vermehrt. Die Kernlosigkeit ist nur eines unter vielen Merkmalen, die beim Züchten nur schwer als reines Merkmal stabilisiert werden können. Für den Geschmack sind komplexe Stoffgemische verantwortlich, die auch noch zum richtigen Zeitpunkt gebildet werden müssen. Zu dieser Komplexität gehört dann auch ein komplexer Erbgang.Neue Sorten sind auch heute noch oft Zufallsergebnisse.
Die chemischen Sinne der Obstesser sind auch durch ( verglichen damit wenige ) Gene festgelegt. Es gibt nur drei Typen von farbempfindlichen Fotorezeptoren, und der selektive Ausfall eines Typs führt zu definierten Fehlsichtigkeiten. Die Zahl der Chemorezeptoren in der Nase ist höher, und Ausfälle sind häufig.
Der Ausfall eines einzelnen Rezeptortyps bringt nur recht geringe Nachteile: Weil alle Lebensmittel komplexe Gemische von Gescmacksstoffen enthalten, kann das Gehirn aus dem komplex codierten Signal immer noch genug Information entnehmen. Wenn man es rechtzeitig gelernt hat.

Der Markt hat aber nur eine sehr eindimensionale Sicht auf komplexe Systeme. Der Mechanismus von Angebot und Nachfrage ist als Signalübertragungsmechanismus eine Katastrophe. Das wird nur dann gemildert, wenn es viele Anbieter und viele Konsumenten gibt. Bei den Mandarinen trifft das vielleicht halbwegs zu.
Puh, genug geschwätzt 🙂


Karsten
10.10.2010 2:37
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Ich kann mich jetzt nicht erinnern, in einem Herbst/Winter der letzten Jahre *keine* Mandarinen gegessen zu haben (zusätzlich zu den Clementinen). Warst Du vielleicht nur in den falschen Läden?


Biologie
10.10.2010 8:54
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Propfen hat den unangenehmen Nebeneffekt, dass eine Krankheit die ganze geklonte Fruchtpopulation an den Rand des Aussterbens bringen kann.

Siehe auch Bananen.


Björn
18.10.2010 13:33
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Ich bin kein Botaniker, aber AFAIK dürften sich Bananen schlecht propfen lassen. Ich denke eher, dass bei Bananen einfach vegetativ mit Ablegern vermehrt wird. Jeder der sich mal im $Heimwerkermarkt oder $Discounter eine Musa geholt hat, kann das nachvollziehen. Die Dinger bilden Ableger wie irre. 😉