Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

NEIN, ich will nicht ins Krankenhaus!

Hadmut
5.10.2010 19:34

Manchmal kommt man in so Situationen, bei denen man hinterher überlegt, wie man eigentlich richtig gehandelt hätte.

Vorhin bin ich so auf dem Nachhauseweg, ich gehe für gewöhnlich zu Fuß zur Arbeit und zurück, und trotte halt so in Gedanken versunken vor mich hin.

Plötzlich höre ich von so ca. 100 Meter hinter mir einen kurzen gellenden lauten Schrei, Frau oder Mädchen. Ich drehe mich rum, sehe aber zunächst nichts Besonderes. Weil Gebüsch dazwischen ist, gehe ich ein paar Meter nach vorne um besser zu sehen. Nach zwei Sekunden Ruhe höre ich ein Mädchen vor Schmerzen schreien. Nicht einfach nur so, sondern volles Rohr, wie am Spieß, was die Lunge hergibt. Oberer Anschlag. Ich laufe also zurück und sehe ein Mädchen, vielleicht so zwischen 10 und 12 Jahren, am Boden liegen, schreit, krümmt sich vor Schmerzen, um sie herum ein paar Jugendliche unterschiedlichen Alters, zwei Skateboards liegen herum. Es regnet.

Die Kleine schreit immer noch, aber augenscheinlich hat sie nichts am Kopf abbekommen, das Problem scheint sich allein auf ein Bein zu beschränken. Die dünne Stretchhose ist am Knie aufgerissen, das Knie auf der Fläche der Kniescheibe blutig geschlagen, aber kein laufendes Blut. Das Bein liegt etwas schief, aber ich kann nicht sicher sagen, ob sie nur schief daliegt (und Frauen können ihre Beine manchmal sehr seltsam in unmögliche Richtungen drehen) oder ob da was gebrochen ist. Sie schreit wie am Spieß. Nähere Fragen nach dem Unfall oder dem genauen Schmerz sind nicht möglich, aber dafür erübrigt sich auch die Erste-Hilfe-Prüfung, ob sie atmet. Atmen tut sie. Zwei etwas ältere Jugendliche oder eigentlich schon junge Männer packen sie plötzlich und richten sie auf, sie schreit noch mehr. Sie sagen, sie solle unters vorstrebende Dach des S-Bahnhofs gehen, was sie ja nicht kann. Sie tragen sie hin, was ich nicht verhindern kann. Ich sage zwar ziemlich drastisch, daß sie sofort den Blödsinn bleiben lassen sollen, aber da ist es eigentlich schon zu passiert, sie setzen sie ein paar Meter weiter auf den trockenen Boden unter dem Dach. Und fangen an sich zu rechtfertigen, daß man sie ja nicht im Regen herumliegen lassen könnte. Ich frage zurück was schlimmer wäre, naß zu werden oder ein gebrochenes Bein noch zu verdrehen, Blutgefäße und Nerven abzureißen. Die zwei gucken mich blöd an, und haben es dann plötzlich eilig weg zu kommen.

Die Kleine hat sich inzwischen so weit gefangen, daß sie nicht mehr schreit und jetzt ansprechbar ist, aber sie zittert sehr stark, weint, völlig fertig und zerbröselt, und zeigt Anzeichen, die ich als in dieser Hinsicht völlig unerfahrener Total-Laie für leichte Schock-Anzeichen halte. Immerhin kann sie mir jetzt mit stark zitternder Stimme sagen, wo es weh tut. Nicht nur am Knie, sondern im Unterschenkel. Schienbein oder Kniescheibe gebrochen? Die Kleine kann man so jedenfalls nicht allein lassen, laufen kann sie auch nicht.

Ich beschließe, einen Krankenwagen zu rufen. Das ist immer in Ordnung. Lieber einmal zuviel als einmal zu wenig. Zumal ich keine Alternative dazu sehe, laufen kann sie ja nicht mehr. Nein, schreit sie, keinen Krankenwagen, sie will nicht ins Krankenhaus. Auf keinen Fall. Mmmh, was macht man da? Einerseits traue ich einem Kind in diesem Alter keine solche Entscheidung zu. Andererseits ist das auch übel, wenn man sich verletzt, alles tut weh, man kann nicht weiter, und dann kommt da noch so ein Idiot vorbei, der einen ungefragt und ungebeten ins Krankenhaus stecken lassen will. Es gibt ja auch Leute, die nicht krankenversichert sind und durch sowas finanziell ruiniert werden. Aber das Bein muß meines Erachtens unbedingt bis auf weiteres geschient und dann erst einmal geröntgt werden, da führt kein Weg dran vorbei. Ich versuch’s mal auf die pädagogische Methode und frage sie, was sie vorschlägt. Ob sie hier so sitzen bleiben will. Das überzeugt sie, denn eine Alternative weiß sie nicht. Also will ich die 112 anrufen.

Scheiße. Handy geht nicht, ist tot. Ich hab seit knapp einem Jahr ein neumodisches Motorola Milestone mit Android. Ich hatte noch nie ein Handy, was so toll ist und soviel kann. Und ich hatte noch nie ein Handy, was so unzuverlässig ist. Der Akku ist dauernd leer, es stürzt häufig (gut, seit dem letzten Firmwareupdate nicht mehr so oft) ab, man hört das Klingeln meist nicht, weil man zu leicht an die Lautstärketasten kommt, und seinen Akkudeckel kann es auch nicht bei sich behalten. Als ich es gerade brauche, tut es nicht. Es stellt sich dann aber heraus, daß es nicht leer war, sondern sich nur aus irgendwelchen Gründen (mal wieder abgestürzt oder sowas) ausgeschaltet hat. Ich muß es erst „booten”. Glück im Unglück, denn weil es aus war, ist der Akku nicht leer. Während ich also auf das Handy warte und dabei versuche, die Kleine zu beruhigen, fällt ihr ein, daß sie auch ein Handy hat. Sie ruft erst mal ihre Mutter an. Kein schlechter Ansatz. Sie sagt, daß sie hingefallen ist, daß es ihr sehr weh tut und sie verletzt ist, daß sie nicht laufen kann, und daß da ein Mann ist, der sagt, daß man einen Krankenwagen bräuchte.

Da haben wir die Rechnung ohne Muttern gemacht. Gleich am schimpfen und keifen. Krankenwagen? Kommt gar nicht in Frage. Kind, Du kommst sofort nach Hause! Ja, wie denn, fragt das Kind, ich kann doch nicht laufen. Ende des Gespräches. Das Mädchen weiß nicht mehr weiter. Wer solche Eltern hat, braucht keine Feinde mehr.

Inzwischen kamen zwei andere Männer näher, die das beobachtet hatten, anscheinend auch Berufstätige auf dem Nachhauseweg. Einer sagt, daß er mit dem Auto da ist, er könnte die Kleine nach Hause fahren. Da kommen mir doch gleich Bedenken, große Bedenken. Verletztes, wehrloses Mädchen bei fremdem Mann ins Auto packen, das kommt nicht gut. Ich plädiere für Krankenwagen, mein Handy ist inzwischen bei der PIN-Eingabe angekommen.

Die Kleine will jetzt vorher nochmal den Vater anrufen, der sei zu Hause. Ist er auch. Er sagt, sie solle nach Hause kommen (nicht schon wieder…). Und sie solle auf gar keinen Fall zu Fremden ins Auto steigen (da hat er dann Recht).

Was macht man in so einer Situation? Zwangsweise in den Krankenwagen stecken, obwohl die Eltern das verboten haben? Polizei rufen? Dann kann ich auch gleich den Krankenwagen holen. Alleinlassen geht auch nicht, das wäre auch unterlassene Hilfeleistung. Zugucken wie Fremde sie einpacken? Kann man auch nicht machen. Verflixt, verdammt und zugenäht, was mach ich denn jetzt?

Dann kommt die Lösung. Es kommt noch einer dazu, der offenbar zielstrebig mit dem Auto daherkam. Anscheinend war Mutti doch nicht so böse und hat einen geschickt. Die Kleine macht einen erleichterten Eindruck. Und als ich sie frage, ob sie den kennt, sagt sie ja, das wäre in Ordnung. Und ihr ungefähr gleichaltriger Kumpel findet das auch in Ordnung, der kennt den anscheinend auch. Er trägt die Kleine zum Auto und sie läßt sich da auch gerne von ihm tragen, der Schmerz scheint deutlich nachgelassen zu haben.

Was aber die Frage nicht beantwortet, was ich gemacht hätte, wenn der nicht gekommen wäre.

Das erinnert mich an ein ähnliches Erlebnis vor ca. 12 Jahren. Damals gehe ich in Karlsruhe so die Straße entlang, mein damals erstes privates Handy in der Tasche. Da sehe ich eine alte Frau am Boden liegen, und eine junge, die sich über sie beugt. Etwas Blut am Boden. Die Alte am Zetern und Lamentieren. Was denn los sei, wollte ich wissen. Die Junge meint, sie hätte gesehen, wie die alte Frau hingefallen sei, voll aufs Gesicht. Die Nase blutet, vielleicht gebrochen. Die Alte liegt da und schreit, denkt aber nicht dran, wieder aufzustehen. Ich sage, ich rufe einen Krankenwagen, und zücke beherzt das Handy (das war damals noch was besonderes), aber die Alte kreischt, daß sie nicht ins Krankenhaus will. Sie will hier liegenbleiben und sterben. Man möge sie in Ruhe lassen. Geht ja so auch nicht. Also rufe ich den Notruf. Und hab natürlich – hinterher habe ich mich geärgert, aber das passiert einem halt so – übertrieben, weil ich sagte, daß sie stark aus der Nase blute. Weil es ein paar dicke Tropfen auf dem Boden gab. Später habe ich gelernt, daß sowas aus Notarztsicht gar nichts ist, stark bluten heißt, daß es in hohem Bogen spritzt. Passiert mir auch nicht nochmal, aber damals habe ich mich eben vertan. So als Laie hat man da einfach die falschen Maßstäbe. Naja, jedenfalls kamen sie verblüffend schnell mit Blaulicht und Martinshorn um die Ecke, Rettungswagen und Notarzt. Junge hübsche Notärztin (so falsch war’s also gar nicht), guckt sich das an. Meint, die gehöre wohl in das Altersheim da drüben (hatten wir nicht bemerkt, daß da eines ist), da hätte man sie durchaus hinbringen können. Aber wo sie jetzt sowieso mal da seien, könnten sie sie auch einladen und mitnehmen. Die Nase sei ziemlich sicher gebrochen und müsse geröntgt werden, da gäb’s kein dran vorbei. Die Alte will aber nicht und zetert irgendwas. Auf Zeichen der Ärztin laden zwei bullige Sanitäter die alte auf die Trage, schnallen sie fest und klappen die Räder aus, bocken sie also auf ca. 1,20 Meter Höhe hoch.

Die hübsche Ärztin füllt ein Formular aus und fragt mich und diese andere Frau, wann, was und wo, ob sie denn bewußtlos gewesen oder durchgängig ansprechbar gewesen sei und so.

Und da passiert es:

Während wir vorne mit der Ärztin reden, liegt die Alte hinten festgeschnallt auf der aufgebockten Trage, schreiend und schimpfend und lamentierend, unverständliches Zeugs. Aus irgendwelchen Gründen fanden die beiden Sanis unser Gespräch interessanter als die Alte und standen bei uns mit dabei, die Alte also unbeaufsichtigt. Der Boden war geneigt, es war sehr windig, die Alte gestikulierte mit den Armen, als plötzlich diese ganze Trage umkippte und die festgebundene Alte mit dem ganzen Ding aus ca. 1,20 Meter auf den Boden krachte und noch mehr schrie.

Die Sanis sprangen entsetzt zu ihr. Die Ärztin dagegen blieb stehen und bemerkte lakonisch trocken und buchhalterisch, ohne irgendeine Regung oder Überraschung, oder irgendwelche Eile „Jetzt muß sie ins Krankenhaus…” und änderte irgendein Kreuz auf ihrem Formular. Und die hab ich gerufen…

Seitdem bin ich mir nicht mehr so uneingeschränkt sicher, ob man jedem Verletzten was Gutes tut, wenn man den Krankenwagen ruft.


3 Kommentare (RSS-Feed)

Frank Fischer
6.10.2010 9:35
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Schöne Geschichte(n). Hatte mal ein ähnliches Erlebnis, bei dem ich allerdings selbst in der Notaufnahme eines Krankenhauses landete. Seitdem verstehe ich jeden, der da ums Verrecken NICHT hinwill: Überforderte feiste Schnipsen als Schwestern, arrogante, pseudo-taffe Milchreisbubis als Ärzte, menschliches Elend in allen Facetten, vor allem aber ewige Warterei – wenn man nicht gerade mit dem offenen Bruch des Jahrtausends erscheint oder den Kopf gleich unterm Arm trägt. Stichwort “starke Blutung”. Und das ganze in einem Setting irgendwo zwischen Autobahnraststätte und Großschlachthof. Das Beste: die lassen dich nicht gehen, ehe sie dich nicht durch all ihre Foltergeräte (CT usw.) gedreht haben. Und über Nacht bleiben sollst du dann “zur Sicherheit” auch. Ziel: soviel Kohle wie irgendmöglich rausschinden. Man ist ja jetzt ein Unternehmen, das sich rechnen muß!


yasar
6.10.2010 13:51
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Ich als (ehrenamtlicher) Rot-Kreuz-Helfer kann zu dem ganzen nur folgendes sagen:

Nach Deinen Schilderungen des Mädchens, wäre es für mich gar keine Diskussion, den Rettungsdienst zu verständigen, auch auf die Gefahr hin, solche Deppen wie geschildert zu treffen.

Die Jungs und Mädels von Rettungsdienst sind i.d.R., auch wenn solche Knalltüten drunter sind, meistens doch ganz gut ausgebildet und fähig.


pepe
6.10.2010 14:57
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Zum letzten Teil: Das schaetzt man leicht falsch ein. Leute die den ganzen Tag solche Faelle behandeln wissen die schwere von Verletzungen direkt einzuschaetzen und haben genug mitgemacht, um bei solchen Gelegenheiten rational zu bleiben. Bei uns gibts den Spruch: Solange sie schreien koennen ist alles in Ordnung. Wenn die Omma nach dem Sturz nicht geschrien haette waer die Aerztin mit Sicherheit direkt dabei gewesen. Ansonsten kommen auch die zwei Sanitaeter damit klar.

Was das festschnallen betrifft: Ich hab auch schon Situationen gehabt, wo man Leute unter Zwang mitgenommen und unter Schmerzeinfluss(Schmerzreflex) auf die Liege gezwungen hat. Das ist nicht schoen anzusehen aber wenn sich einer besoffen und dann fies mit Glas geschnitten hat kann man den nicht allein nach Hause lassen, egal wie er schreit. Und egal ob so’ne Omma oder nen besoffener Teenie um sich schlagen, es ist richtig scheisse wenn man in dem Job auch noch Verletzungen abbekommt und womoeglich mit irgendwas infiziert.

Geldsorgen sind fuer mich kein Grund, nicht den Notarzt zu rufen. Es ist traurig dass wir in Deutschland auch schon so weit sind. In anderen Laendern mag es gang und gebe sein, aber dass wir uns an diese Zustaende angleichen ist nichts weiter als ein Totalversagen der Politik.