Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Wenn sich die Politik den Wirtschaftsinteressen unterordnet

Hadmut
9.5.2009 20:42

Eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Werfen nicht seit einigen Monaten die Befürworter der Kinderpornographie-Sperre, insbesondere die Ministerin von der Leyen denen, die nicht für die Sperre sind, vor, daß man die finanziellen Interessen einer (fiktiven) Kinderpornobranche über das Kindeswohl und die Menschenwürde stellt?

  • Nach dem Schul-Massaker von Winnenden war die Politik unter Zugzwang, endlich etwas dagegen zu unternehmen, daß immer wieder mal Jugendliche losballern und Leute umlegen, die meist in Schützenvereinen das Schießen gelernt und oft auch dort oder von Sportschützen die in der Wohnung herumliegenden Waffen samt Munition bekommen. Da sollte man etwas dagegen tun. Aber was macht die Politik? Sie schränkt nicht etwa den Umgang mit scharfen Waffen ein, sondern gerade das Schießen mit Farbkugeln. Aktionismus der einen Bogen um die Waffenlobby macht. Es muß was geschehen, aber es darf nichts passieren.

    Ist es nicht so, daß die Politik hier die Interessen zweier Lobbys, nämlich der Waffenhersteller und der Schützenbrüder, über das Kindeswohl und deren Menschenwürde stellt? Es heißt immer, die Kinder aus den Kinderpornographiefällen währen ihr Leben lang gezeichnet. Ich glaube nicht, daß es denen, die in Winnenden dabei waren, soviel besser geht. Die werden das auch nicht mehr vergessen. Und vor allem die, die erschossen wurden, sind auch für den Rest ihres Lebens tot. Aber einen wirksamen Handlungsbedarf sieht man da offenbar nicht. Es wird weitergeballert. Und alle die, die bisher zwar martialisch, aber eben doch nur mit Farbkugeln rumgeballert haben, die treibt man sogar noch in die Schützenvereine. Denn da darf man ja noch ballern, mit echten Waffen.

  • Kürzlich war es in allen Zeitungen: Nach dem neuesten Drogenbericht der Bundesregierung rauchen und saufen unsere Jugendlichen und Kinder immer mehr. Immer mehr Kinder und Jugendliche treiben Komasaufen, und mehr als 23.000 Kinder plus Dunkelziffer wurden letztes Jahr betrunken, teils bewustlos, in Krankenhäuser eingeliefert. Ab und zu säuft sich auch mal einer zu Tode. (Anmerkung: Als mein jüngster Bruder in der mittleren Kindergartengruppe bei den 5-jährigen war, haben in dieser Gruppe sogar schon die ersten das Rauchen mit bei den Eltern geklauten Zigaretten angefangen…).

    In anderen Ländern, beispielsweise USA, Australien, Neuseeland, herrschen sehr viel strengere Alkoholregeln. Da kann man den Sprit nur in besonderen Läden kaufen und muß sich ausweisen. Sogar in den USA, in denen es keinen Personalausweis gibt, wird ein Lichtbildausweis verlangt (obwohl auch das nach meinen Beobachtungen zwischen 1999 und 2005 erheblich gelockert wurde). Es gibt strenge Strafen, wenn dort jemand Minderjährigen Alkohol zugänglich macht.

    Nicht so bei uns. Es wird hemmungslos weitergesoffen.

    Und warum verbietet man es nicht? Eben, weil Industrieinteressen dahinterstehen. Man will die Umsätze der Akohol-Lobby nicht gefährden und nimmt stattdessen lieber kaputte Kinder in Kauf.

Und diese Politik wirft anderen vor, sie würde kommerzielle Interessen über das Kindeswohl stellen.


Ein Kommentar (RSS-Feed)

Stefan
10.5.2009 5:53
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a) Neben den Wirtschaftsinteressen die zu schonen sind ist bei Alkohol und Nikotin zu bedenken, daß viele Abgeordnete Nikotin- und Alkoholsüchtig sind, und viele dem Alkohol freundschaftlich verbunden. Und die Schützen sind in erster Linie Wähler. Das sind > 10% der Wähler, aber Paintball wohl nur unter 1%. Und da werden die Paintballer geopfert.

b) Sind die Zahlen falsch. Die Komasauftoten gehen leider zurück – damit läßt sich schlecht Panik verbreiten, und also nahm man die Zahlen des Vorjahres. Wem begegnen wir da wieder? Unserem Wonneproppen: http://www3.ndr.de/sendungen/zapp/archiv/medien_politik/leyen128.html (unterees Drittel, “Ein paar Dellen abgekommen”).

c) Ist der Milliardenvorwurf in der KiPo-Debatte ein anderer, wenn ich das richtig herausgehört habe.
Ich weiß nicht worauf es genau fußt, aber zum einen wohl auf Gewohnheit. Macht jemand etwas, daß eher schlecht als gut ist, dann hilft es ihm zu unterstellen er mache ein Geschäft daraus, um es anrüchig erscheinen zu lassen. Wenn die Zeitung blutige Bilder druckt, so wirft man ihr vor das sei Sensationsheischend, und damit auch noch Geschäfte zu machen ist besonders pfui.
Logisch ist das natürlich nicht. Eine Aktivität ist moralisch bewertet entweder gut oder schlecht – was ändert das Geschäft daran? Vielleicht, daß man demjenigen der es betreibt unterstellt, er habe selbst auch moralische Bedenken, aber vernachlässige diese, weil sein Geschäft floriert? So könnte es funktionieren.

Aber in der Kinderpornodebatte kann man nicht ernsthaft meinen die unterstellten Veranstalter eines Massengeschäfts zu erreichen – oder? Vielleicht mit einem sehr getrübten Weltbild gehen die Freunde der Zensur davon aus, daß ein Webhoster immer schaut, was seine Kunden so treiben, und daß es eine große Zahl an Mitverdienern im weiteren Umfeld gibt, die man mobil machen sollte.

Auf mich wirkt der Verweis auf das Milliardengeschäft grotesk, und es desavouiert den, der es vorträgt. Als ob man den Kindesmißbrauch durch das Geschäft relativieren könnte. Für die, denen Kindesmißbrauch nicht genug ist setzt man den Neid auf die Milliarden oben drauf.