Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Britische Zustände – digitale Strafkolonien?

Hadmut
8.11.2008 21:00

Diese Woche gingen Meldungen herum, die britische Regierung wolle den gesamten Web- und E-Mail-Verkehr überwachen (SPIEGEL, Heise). Ein paar böse Gedanken dazu.

England ist ja so der Dauerbrenner, was immer umfassendere und exzessivere Überwachung betrifft, sie stecken einen in Beugehaft, bis man kryptographische Schlüssel herausgibt, Überwachungskameras wachsen dort wie bei uns das Obst an den Bäumen, und man kann dort immer seltsame Abenteuer mit der Sicherheit erleben wie die jederzeitige verdachtslose Durchsuchung durch die Polizei oder erstaunlich hinterhältige Fotographierverbote. Nichts, wirklich nichts soll unüberwacht bleiben.

Nun könnte man ja durchaus die Meinung vertreten, daß das ja gar nicht so schlimm wäre, solange man daraus keine Nachteile hat und nur die persönliche Sicherheit dadurch steigt. Denn, das muß man auch sagen, die Welt ist gefährlich, es gibt böse Leute da draußen, und die Sache mit der Privatheit und dem Datenschutz ist – bei allem Respekt – eben auch nur eine Seite der Medaille. Also könnte man den Standpunkt vertreten, daß die ganze Überwachung einem ja nicht wehtut, sondern nur Vorteile bringt. Das ist aber nicht so.

Ich habe selbst gemerkt, wie diese ständige Überwachung das eigene Verhalten schon unterschwellig beeinflußt und einen zum Standard-Verhalten normalisiert. Wie soll das erst werden, wenn auch E-Mail und Webzugriffe überwacht werden? Gibt es dann Computerzeitungen, die die 300 risikolosesten Webseiten vorstellen, bei deren Besuch man bestimmt keinen Ärger bekommt? Gibt es dann Browser-Plugins, die jeden verdächtigen Zugriff von vornherein unterbinden, bevor man in der Datenbank als verdächtig registriert wird? Ist das das Ende des Briefgeheimnisses?

Wir hatten es doch hier sowieso gerade von Wahlmaschinen und löchrigen Wahlgeheimnissen. Wäre es nicht die logisch zwingende Konsequenz der britischen Herangehensweise, bei nächster Gelegenheit auch aufzuzeichnen, wer da wen wählt? Muß nicht jemand, der das ganze Internet, jede Bewegung, jeden Gedanken überwachen will, auch überwachen, wer da vielleicht radikale oder oppositionelle Parteien wählt? Muß der nicht zwangsläufig Überwachungsanlagen in Wahlmaschinen einbauen?

Sie sagen, es diene der Terrorabwehr. Das sagten sie auch bei den Überwachungskameras. Und dann kam heraus, daß sie Eltern hinterherspionierten, weil sie ihr Kind nicht in den nächsten, sondern einen weiter entfernten Kindergarten angemeldet hatte. Ein Norm-Verhalten wird mit striktesten Mittel durchgesetzt.

Vor diesem Hintergrund muß eine Meldung Angst machen, wonach in England schon Zwei- und Dreijährige wegen angeblicher Angriffe und sexueller Belästigungen aus den Kindergärten ausgeschlossen werden.

Ich weiß nicht, was da vor sich ging. Aber wenn mir eine Kindergartentante erzählen würde, sie sei von einem Dreijährigen ernstlich bedroht oder sexuell belästigt worden, würde ich zuerst darüber nachdenken, die Kindergartentante rauszuwerfen und nicht den Dreijährigen. Bedenklich ist jedenfalls, daß es hier zu einer dramatischen Verschiebung kommt. Zu meiner Zeit hätte es sowas nicht gegeben, und ich kann mir nicht vorstellen, daß diese Neuerungen nur den Dreijährigen zuzuschreiben wären. Es muß zu einer herben Veränderung im normativ erwarteten Verhalten gekommen sein. Und zwar so, daß man schon von Dreijährigen verlangt, sich strikt an Erwachsenennormen zu halten.

Sicherlich mag sich seit meiner großen Zeit als Dreijähriger vieles geändert haben. Ich hatte damals kein Videohandy mit Pornofilmchen. Ich habe auch nicht, wie das heute wohl immer mehr üblich wird, den ganzen Tag zu Hause den Wohnzimmerfernseher mit Pornos laufen gehabt. Vielleicht sind die Dreijährigen von heute anders als die von damals. Aber kann man von Dreijährigen – oder auch etwas älteren Kindern – gleich ein so normatives Verhalten erwarten, daß man Abweichungen sofort mit Rauswurf ahndet, der vermutlich dann noch lebenslang in der Bürgerpersonalakte gespeichert wird? Wenn man dann erfährt, daß man mit 40 nicht befördert wurde, weil man mit 3 der Nachbarstochter unter den Rock geguckt hat? Sicherlich kommen Kinder heute immer früher in die Pubertät, die Hormone brodeln früher. Aber nicht bei Dreijährigen.

Da kommen nun zwei bedenkliche Entwicklungen zusammen: Es wird immer mehr überwacht, registriert, gespeichert. Und es wird immer stärker schon in einem Alter, in dem das bewußte, geplante Handeln noch nicht eingesetzt hat, ein kaum einzuhaltendes normatives Verhalten erwartet und die Abweichung exzessiv geahndet. Wer sich nicht schon als Kleinkind strikt an das uniforme 08/15-Mainstream-Verhalten hält, und das dürfte in erster Linie nur das Mittelmaß der Bevölkerung rund um den IQ 100 einhalten, wird erfasst und stigmatisiert.

Zu meinen Lieblingsurlaubsorten gehört Australien. In nahezu jeder größeren australischen Stadt gehört zu den Hauptsehenswürdigkeiten ein altes Gefängnis, in dem man sieht, mit welchen Mitteln die Engländer damals (teils vor noch gar nicht allzu langer Zeit) ihre Gefangenen gefoltert und hingerichtet haben. In einem dieser Museen, ich weiß leider nicht mehr, in welchem, wurde auch aufgezeigt, aus welchen Nichtigkeiten heraus man in England verurteilt und zu 10 oder mehr Jahren Strafkolonie Australien verurteilt werden konnte, und welche rigiden Verhaltensanforderungen man im damaligen Königreich hatte. Schon Fluchen auf der Straße hat damals gereicht, um sich eine Bestrafung einzuhandeln, die kaum Aussicht ließ, jemals wieder nach England zurückzukehren. Und viele der wenigen, die ihre Bestrafung überlebten, blieben dann lieber in Australien als in dieses England zurückzukehren, weil es in Australien – war man erst einmal aus den Gefängnissen heraus – mehr Freiheit gab. Noch heute wird deshalb der damalige britische Überwachungs-, Kontroll- und Bestrafungswahn im Museum ausgestellt – einschließlich der Folter- und Hinrichtungsinstrumente.

Ich habe so den Eindruck, daß wir langsam wieder auf dem Weg dorthin zurück sind. So wie man damals für ein Fluchen auf die Strafinsel kam, kann man dann demnächst dafür in die digitale Strafkolonie – die Regierungsdatenbank der Verdächtigen – kommen, weil man sein Kind in den falschen Kindergarten bringt, der Filius doch mal einen Blick unter den Rock der Nachbarstochter riskiert hat, man die falschen Webseiten besucht oder die falschen E-Mails verschickt hat. Und irgendwann ist man dann soweit, daß man – wie in den USA schon oder noch üblich – plötzlich nicht mehr in ein Flugzeug steigen darf und sich auch in dem Zustand wiederfindet, von der Insel nicht mehr wegzukommen.

Vielleicht wird man dann die Überwachungsmaschinerie von heute auch irgendwann einmal in einem Museum ausstellen.


3 Kommentare (RSS-Feed)

Es f
8.11.2008 22:34
Kommentarlink

[…] 8. November 2008 Sehr sch


Stefan
9.11.2008 1:28
Kommentarlink

Das läßt mich an Foucaults “Überwachen & Strafen” http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberwachen_und_Strafen denken.
Ein Gedankengang darin ist, daß die Kontrolle im Laufe der Jahrhunderte nicht weniger wird, sondern sich einerseits ausdifferenziert, und daß die Kontrolle von Äußeren Instanzen (Polizei, Kirche, Boss) auf das Individuum übergeht, das sich zunehmend selbst kontrollieren muß.

Die Kamera ist dabei ein optimales Instrument, v.a. wenn in Wirklichkeit niemand auf einem Monitor verfolgt was läuft, und sich kein Mensch je die Aufzeichnung anschaut.

Je nach individuellem Bewußtsein wird der überwachte aufhören auf den Boden zu spucken, die Scheiben zu zerkratzen, andere Passagiere anzugreifen oder die falsche Zeitung zu lesen – welches die falsche Zeitung wäre ist dabei je nach Person unterschiedlich.

Überraschenderweise erscheint es vor der Installation der Kameras fraglich, ob man sich verhalten kann, als ob gar keine Kamera da wäre. Sind sie dann eine Zeitlang da stellt man fest, daß man sich überhaupt nicht verhalten kann, als würde man beobachtet.

Dann hat die Kamera ihre Aufgabe erfüllt. Wir geben uns ganz natürlich vor der Kamera, bekommen zwar keine Gage, aber einen Job, der auch viel Selbstdisziplin erfordert.

Früher wurde den Leuten erzählt, es gäbe einen Gott der alles sieht. In dem Maße, wie die Schäfchen vom Glauben abfallen muß dieser durch Technik ersetzt werden.

Diese beschränkt sich aber nicht auf das visuelle – man testet auch schon Schnüffelsensoren, die verdächtige Chemikalien detektieren sollen (ich sehe einen automatischen Diskothekentürstehroboter: “falsches Deo – kommst hier net rein. Düdüt.” vor mir), und MS patentiert eine Software, die Audiosignale live filtern kann, um zu verhindern, daß jemand “fuck ” sagt.
Die Gedankenkontrolle steht noch in den Startlöchern, aber auch diese wird wohl eher als Instrument unser Vetrauen gewinnen, wenn wir die Erlaubnis bekommen diese Kontrollinstrumente selbst einzusetzen und zu steuern.
Beispiel: Man zieht ein Ding auf, und erlebt nochmal, was man vor 3 Jahren gedacht hat. Schaurig-schöne Vorstellung.
Oder Papa und Mama hinterlassen ihre Gedanken der Nachwelt.

Erst die übernächste Generation an Kontrolle wird einschreiten, wenn jemand andere kontrollieren will, und diesen kontrollieren. Bis dahin müssen wir das noch auf humanoide Weise behandeln.

Neben Foucoult kam mir eine zweite vorzeigbare Assotiation: Kafkas “In der Strafkolonie”. http://www.digbib.org/Franz_Kafka_1883/In_der_Strafkolonie


[…] danisch.de hat man sich Gedanken zu den Überwachungsanstrengungen und Gleichschaltungen in England gemacht. […]