Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

“Hochgradig verschlüsselt…”

Hadmut
18.1.2008 15:58

Jetzt geht’s wieder mal rund. Sie haben “hochgradig verschlüsselte” Kinderpornos gefunden. Au weia!

Siehe Heise Newsticker.

Trotzdem haben sie es entschlüsselt.

Was genau ist denn jetzt aber “hochgradig verschlüsselt” ? Besonders lange Schlüssel? Oder so richtig verschlüsselt und nicht nur ein Zugangspasswort? Oder dreimal hintereinander? Triple-DES? Oder wirklich alle Bit? Oder vielleicht stark verschlüsselt? Oder überhaupt so ganz gemein aus hochgradig krimineller Niedertracht heraus? Oder insgesamt in empörender Weise verschlüsselt?

Oder ist das vielleicht juristisch gemeint? Im Sinne von strafverschärfend, schuldverstärkend, empörungsbeschleunigend? Würde der geringer bestraft, der seine Kinderpornos nur schwach oder gar nicht verschlüsselt, damit die Polizei ihm leichter auf die Schliche kommt? Werden Bankräuber härter bestraft, wenn sie eine Maske aufhaben? So eine hochgradig undurchsichtige? Kämen wir da in ein neues juristisches Fachgebiet? Welche Verschlüsselungsmethode wähle ich, um die Strafe möglichst gering zu halten, wenn ich doch erwischt werde?

Und wieso war es überhaupt “hochgradig”, wenn sie es doch sofort knacken konnten? Ist etwas hochgradig verschlüsselt, wenn der Schlüssel irgendwo rumliegt?

Würde der Informatiker, IT-Sicherheitsspezialist, Kryptologe nicht davor zurückschrecken, so etwas als hochgradig verschlüsselt anzusehen, wenn den Inhalt schon haben? Würde hochgradige Verschlüsselung nicht irgendwo voraussetzen, daß, wenn schon nicht die NSA, dann wenigstens die normale Polizei Probleme damit hätte, es zu lesen? Haben wir plötzlich eine Deflation der Schlüssellängen? Oder wollen sie uns jetzt einreden, daß 40 Bit Schlüssel schon an sich hundsgemein, kriminell und hochgradig sicher sind?

Und überhaupt: Hoch und nieder. Was heißt das schon? Kann man etwas “niedergradig” verschlüsseln oder ist es dann nur “schwach” verschlüsselt?

Oder ist es ein sprachliches Mißverständnis? Wenn sie doch die verschlüsselten Container in der Wohnung schon öffnen konnten, war es dann vielleicht doch nur eine verschlossene CD-Box?

Man muß sich den Artikel mal durchlesen, wie die Leute geschnappt worden sind:

  • Einer hat CDs mit Kinderpornos an seinem ehemaligen Arbeitsplatz rumliegen lassen, die ein Mitarbeiter gefunden hat.
  • Ein anderer hat sich ins Internet-Café gesetzt und die Kinderporno-Webseiten so angeguckt, daß man es durch das Schaufenster von der Straße aus sehen konnte. Passanten haben die Polizei gerufen.
  • Der dritte ist von zuhause aus auf die Pornoseiten gegangen und damit über seine IP-Adresse ins Netz gegangen.

Ist das etwa die Sorte Mensch, die “hochgradig verschlüsselt”? Vielleicht sollte ich dann den Beruf wechseln.

Was auch immer sie gemeint haben: Da ist wieder ein Buzzword aufgetaucht.

Jede Wette, das wird in Kürze in den Politiker-Reden auftauchen, die solche Schaumwörter gerne aufgreifen und als Gummiargument in die Fernsehkamera reden, um wieder irgendeine Verschärfung zu fordern. Ich setze ein Nußplunderhörchen mit Zuckerguß auf Beckstein.

Ich halte mich da an meine alte Devise: Lieber niederträchtig als hochschwanger.


2 Kommentare (RSS-Feed)

Jens
18.1.2008 19:20
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Stefan
19.1.2008 3:57
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Das hoch-irgendwas ist längst Teil des höchst auffälligen, inflationären Dramatisierens von Sprache – der hochintelligente Täter (hat Abitur!), die hochtechnisierten Terroristen (sie haben zwei oder drei [sic!] Funktelefone) – höchstbeeindruckend und hochspannend in Hochdeutsch präsentiert von der hohen Warte der Tagesschau oder der hochprofessionellen Bild.

Hochgradig schwachsinnig, weil es sich natürlich abnutzt.

Das Hoch Wolfgang zieht weiter. Tief Susanne macht unsere Hochkultur höchstpersönlich naß.

Von hoch oben schauen die Eltern auf die Kinder herab. Hoch soll Respekt heischen, und wie das meiste des Mediengedöns Gefühle, nicht Intellekt ansprechen.

Hoch die Tassen!