Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Russel und die Nackten

Hadmut
14.4.2019 0:03

Über den beachtlichen Zusammenhang zwischen Kameras und Frauen.

Ich bin mal irgendwie auf die Mailingliste der Galerie Camera Work gekommen und bekam die Einladung, dass der bekannte Promi-Fotograf Russel James wieder mal einen Ausstellung in Berlin macht und heute um 15 Uhr eröffnet (hat), mit Rundgang und Fragen und so.

Er ist ursprünglich Australier, war dann in Europa, und schließlich in New York gelandet und bekannt dafür, dass er die besten und bekanntesten der Top Models fotografiert. Und das oft nackt (die Models, nicht er). So in dem Stil, den man so als Fine Art bezeichnet. Hat keinen Eintritt gekostet, also bin ich (wieder mal) hin. Hier und hier kann man ein bisschen was über die Bilder sehen.

Ich war etwas früher da und habe mir erst einmal die Bilder alle angesehen.

Einerseits macht der schon ordentlich was her, der ist gut bei Bildaufbau und Formengestaltung, die Bilder stimmen alle (oder er stellt nur die aus, die stimmen). Nach den Preisen habe ich gar nicht erst gefragt. Alle Bilder in Schwarzweiß, nur drei in einer Ecke, davon zwei von Gisele Bündchen, knallbunt. Eine fragte, warum er fast nur Schwarzweiß macht, und er sagte, dass er das besser findet, weil es nicht ablenkt und auf das wesentliche beschränkt (deshalb auch oft ohne Bekleidung, lenkt alles ab und verkompliziert die Sache, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen). Nur bei Gisele Bündchen, da musste es einfach Farbe sein. Die hatte einfach knallbuntes Zeug an.

Bei der Gelegenheit will ich jedem, der mal Portraits in einer Ausstellung betrachtet, einen wichtigen persönlichen Tipp geben, was ich immer mache: Betriebsspionage. Geht einfach mal ganz dicht an das Foto ran, wenn es eines ist, auf dem das Model in die Kamera schaut. Geht nahe dran. Schaut dem Model ganz tief in die Augen. Die Augen einer schönen Frau, die gut portraitiert ist, offenbaren nämlich Wunderbares. Wenn man genau hinschaut und das Foto richtig scharf ist, spiegelt sich im Auge nämlich der Studioaufbau, man sieht, wie welche Beleuchtung wo aufgebaut war. Das ist wichtig. Man lernt.

Nun will ich das in keiner Weise mindern oder geringschätzen, ich will es verstehen. Ich stehe vor diesen Bildern und denke mir, naja, sowas wirklich herausragendes ist es eigentlich nicht. Er fotografiert sehr gut, aber es gibt viele, die sehr gut fotografieren. Warum brummt’s bei dem so?

Ein Punkt ist, wie so oft, die Präsentation. Es ist halt nicht irgendeine Webseite oder irgendwas auf dem Handy durchgescrollt. Es sind schöne Abzüge, ich glaube, es waren sogar chemische Abzüge. Gut gerahmt, in einer schöne Galerie, gut beleuchtet, das kommt an. Ich war mal vor Jahren in Berlin in einer anderen Galerie, in der sie Bilder eines anderen, sehr bekannten Fotografen (nicht Russel James!) ausgestellt haben, alles schwärmte, alles jubelte, und ich steh’ davor und denk’ mir was’n Scheiß, der kann schlicht nicht fotografieren, meistens unscharf, leicht verwackelt, irgendwie Knipse aus dem fahrenden Taxi gehalten, aber halt riesige Galerie-Halle, Bilder auf etwa 5×3 Meter abgezogen, und die Leute sind beeindruckt, einfach nur weil’s riesig groß ist. Dann hatten sie irgendwo seinen Arbeitstisch aufgebaut mit original Negativ-Streifen und Kontaktabzügen, ich hab’s mir näher angesehen und kam zu dem Ergebnis: Der ballert einfach drauf und macht 200 Fotos, und dann sind 2 brauchbare dabei. Was übrigens genau der Vorgehensweise entspricht, die neulich mal ein australisches Model beschrieben hat, die es ankotzte, dass sie – eigentlich bildhübsch – irgendwo unnatürlich am Strand liegen musste und man 399 peinlich-miserable Fotos von ihr machte, bis endlich mal eins gut aussah.

Zurück zu Russel James: Der Gedanke kam mir natürlich schon, zu fragen, wieviel der fotografiert, bis es passt. Wenn der aber Topmodels und Präsidenten fotografiert, dann halten die nicht lange still. Ein anderer beschrieb mal zu einem Bild von Barack Obama, dass er vorher aufbauen durfte und Obama dann exakt 3 Minuten haben durfte.

Den zentralen Kniff daran ist freilich, dass der nicht Lieschen von der Straße fotografiert (oder es zumindest nicht ausstellt), sondern Topmodels. Die sehen nicht nur Top aus und sind trainiert, sonst wären sie keine Topmodels, sondern die machen da das, was ihr Beruf ist: Modeln. Die wissen genau, wie sie sich halten, darstellen, in die Kamera gucken müssen, damit es brüllt. Das kann Lieschen einfach nur in den seltenen Fällen der Naturtalente. Ich hatte ja neulich mal beschrieben, welche Kategorien von nackten Frauen vor der Kamera ich sehe. Der Profi ist da natürlich zweischneidig: Für den Anfänger sehr zu empfehlen, weil die das auch ohne Anweisung macht und kann, und nicht gleich beleidigt ist, wenn man’s erst mal versemmelt. Das Problem daran ist, dass da oft das Model mehr gestaltet als der Fotograf. Sie tanzt vor und er drückt, wenn sie „Jetzt!” ruft oder so ähnlich. Ich hatte mal eine, die zwar nicht so die Superschönheit war, aber auch fotografiert, und das besser als ich. Das war „herausfordernd”. Wenn da also einer solche Topmodels ablichtet, dann treibt mich die Frage, was davon dem Fotografen und was dem Model zuzurechnen ist.

Ein ganz anderer, aber eng verwandter Punkt ist, dass es einfach so ist, dass Frauen immer dahin laufen und sich ausziehen, wo schon viele sind. Wenn man da einmal so eine kritische Wichtigkeitsmasse überschritten hat, drängen sie alle dahin und wollen auch. Er erzählte dann in der Führung, wer sich alles bei ihm dafür beschwerte, nicht in seinem neuesten Fotoband mit drin zu sein. Und die Ausstellung war dann auch proppenvoll, grob geschätzt/gefühlt dreiviertel Frauen. Zeig Bilder von nackten Frauen und sie kommen alle angerannt. Ist mir auch schon aufgefallen, auf Aktworkshops mit mehreren Models, oder in Afrika oder überhaupt. Diesem „Ich bin nicht dabei”-Eifersuchtsgefühl können die nicht widerstehen. Sagen auch Leute, die viel Akt fotografieren: Sobald man eine gewisse Schwelle überschritten hat, muss man sich nicht mehr um Models kümmern, die rennen einem dann die Bude ein.

Und so waren es vor allem Frauen, die da vor den Bilder standen und ziemlich kritisch-vergleichend guckten. Jede Wette, dass da einige abends zuhause vor dem Spiegel posing geübt haben. Überhaupt waren viele Frauen – übrigens aller Altersstufen, von Kind bis alte Schachtel – da, und viele, denen man ansah, dass sie sich zumindest um modisches Aussehen sehr bemühten – Erfolg unterschiedlich. Zwei junge Frauen, englischsprachig, topmodel-tauglich, anscheinend irgendwie aus dem Dunstkreis, standen da und diskutierten über Bilder und Modeltum. Und zogen sich dann gegenseitig den Pulli hoch, um sich gegenseitig ihre Bäuche, Bauchnabel, Bauchmuskeln zu prüfe und zu inspizieren, gar zu vergleichen.

Da dachte ich mir: Frauen machen seltsame Dinge. Ich käme im Leben nicht auf die Idee, einem anderen Mann die Oberbekleidung hochzuziehen und ihm den Bauch prüfend zu betätscheln oder seinen Bauchnabel zu diskutieren und vergleichen. Nie käme mir so etwas in den Sinn. Aber wenn sich gutaussehende Frauen gegenseitig ausziehen, soll’s mir recht sein, das ist in Ordnung.

Als er selbst dann da war und anfing zu erzählen, merkte man halt auch, worauf das beruhte: Sehr netter und bescheidener Typ, außerdem vom Aussehen so einer, auf den Frauen voll abfahren.

Er erzählte da eben darüber, wie er das wurde, angefangen in verschiedenen Berufen, wenn ich es richtig verstanden habe, mal Müllfahrer, Polizist war er auch mal, dann sollte er jemandem in der Dunkelkammer helfen, und dann war’s passiert, das musste er werden. Ging ein paarmal fast pleite, bis es dann irgendwann endlich funktioniert hat.

Auch zu den üblichen Fragen nach der Kamera: Er stehe nicht auf eine bestimmte Marke oder einen Kameratyp. Er nimmt immer das, was er gerade dabei hat oder kriegen kann, alles von Handy bis Hasselblad.

Aber, so sagt er (und unterschied sich dabei zu meinem Gefallen von den üblichen Schwätzern, dass es auf die Kamera nicht ankäme), wichtig seien zwei Dinge: Licht und Optik. Das Licht muss stimmen und man braucht einfach gute Objektive. Da muss das Licht eben durch, und das bestimmt, ob das Bild gut werden kann. Amen! Sag ich ja auch immer. Auf die Objektive kommt es an. Da steckt dann auch das Geld drin.

Irgendwann fragte er nach Publikumsfragen und ich fragte ihn, wieviel Probleme ihm der heutige Femismus bereite.

Und bekam eine verblüffend lange und ausführliche Antwort.

Er hat das beschrieben, wie sich das so entwickelt, und dass er seinen letzten Band, den zur Ausstellung, deshalb eigentlich nicht herausgeben wollte, weil ihm durch den Kopf ging, dass das gerade mal nicht in die Zeit passt, und er warten wollte, bis es wieder etwas besser wird. Eine ganz bestimmte Person habe ihn dabei umgestimmt: Cindy Crawford. Die nämlich habe auf der Veröffentlichung bestanden und erklärt, dass wenn sie sich als Frau freiwillig entscheide, sich vor Russel James auszuziehen, dass allein ihre Sache sei und ihr da gar niemand Vorschriften zu machen habe, das sei ihr Recht und das lasse sie sich von überhaupt niemandem nehmen. Sie bestehe darauf. Er sei froh, dass er sich da von Cindy Crawford habe überzeugen lassen.

Das wäre auch noch eine Frage von mir an ihn gewesen, aber ich wollte nicht durch ständiges Fragen auffallen: Früher waren die USA so prüde, das man nach einem Nacktfoto erledigt und die Karriere zu Ende war. Heute (oder eher vor 10 Jahren) scheint das umgekehrt zu sein, da scheint es zur Karriere unverzichtbar zu sein, sich mal für irgendeine Ausstellung oder im Playboy ausgezogen zu haben. Woher’s käme. Aber zu der Frage kam ich nicht.

Er hat dann verschiedene Bilder erläutert, beispielsweise das von (ich glaub es war) Adriana lima im Mantel in der Ecke (hier durchklicken, das zweite). Sie hatte da so eine Idee und wollte sowas haben, also hat er die besten Requisiteure losgeschickt, einen Mantel aufzutreiben, wie sie ihn sich gewünscht hatte.

Oder er hat von einem erzählt, auf dem er Kendall Jenner fotografiert hat, wie sie nackt am Strand entlangrennt. Weil sie halt die Tocher des Ex-Topsportlers (jetzt -in) Jenner sei und da die Sportlichkeit einfach in der Familie läge. Sie natürlich als Promi für sie gefährlich gewesen, nackt am Strand rumzurennen, aber sie wollte unbedingt irgendwas ungewöhnliches am Strand machen.

Um auf meine Überlegung, die ich oben geschildert hatte, zurückzukommen, und weil sowas immer endlos dauert und viele Versuche brauchte, fragte ich, wie lange es gedauert habe, dieses Bild zu machen.

Seine Antwort: 1/500 Sekunde. Alles lachte schallend.

Er setzt noch nach, dass das ein Bild in Bewegung sei, und man da natürlich kurze Belichtungszeiten brauche.

Er kam aber auch noch auf den eigentlichen Inhalt der Frage zurück. Eigentlich habe es Wochen gedauert, weil sie sich erst mal gemeldet hatte und es dann eben gedauert habe, bis man was gefunden und das vorbereitet hatte. Wie lange genau sie dann da rumgemacht hatten, hat er nicht gesagt, aber er meinte, es sei schnell gegangen, sie sei da eben gerannt und er neben ihr her, und habe dabei eben versucht, sie draufzukriegen. Klar, Promi nackt am Strand geht nicht stundenlang. Googelt man aber nach Kendall Jenner beach nude und klickt dann oben auf „Bilder”, dann sieht man, dass das schon etliche Bilder ergab und die schon einige Zeit gebraucht haben müssen.