Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Über Verifikation und Dummheit

Hadmut
23.5.2018 23:45

Viele Leser haben mir zu meinem Artikel von gestern „Journalisten, Theorien und Männer über 40” geschrieben. Ich möchte deshalb darauf reagieren und den Gedankengang weiterführen.

Mehrere Leser schrieben, dass ich übersehen hätte, dass der Begriff der Theorie zwei Bedeutungen habe, die zweite Bedeutung sei laut Duden die „bloße Vermutung”. Damit sei meine Argumentation hinfällig.

Was schert mich, was die Duden-Redaktion schreibt? Die sind für Rechtschreibung und Grammatik zuständig, und seit die da auch Gendern und ernstlich darüber diskutieren, die *-Schreibweise in den Duden aufzunehmen, des Namens nicht mehr würdig und in meiner Achtung nahe bei Null angekommen.

Denkt aber mal darüber nach: Sind das wirklich zwei verschiedene Bedeutungen? Oder ist es nur etwas weicher ausgedrückt? Eine Hypothese ist eine Vermutung, die man prüfen will, ob sie etwas erklärt, was man beobachtet hat, und was in das bisherige Wissen nicht passt. Sind „Verschwörungstheorien” denn etwas grundlegend anderes? Leute meinen, dass die Mondlandung oder der Anschlag auf das World Trade Center nicht in ihren bisherigen Wissensschatz passt und es deshalb eine andere Erklärung geben muss, die zu untersuchen wäre. Dass diese Vorgänge als Singularitäten und nicht Regelmäßigkeiten an sich nicht der Theorienbildung zugänglich sind, habe ich schon erklärt, das übergehe ich deshalb jetzt mal kurz. Meistens haben Leute, die Zweifel an Mondlandung oder 9/11 äußern, ein gewisses technisches Verständnis, und gewisses Wissen, aber kein sehr gutes. Vieles, was da vorgebracht wird, erscheint mir wie der typische Irrtum, der auf Halbwissen beruht. Oft irrt der Halbwissende mehr als der Unwissende, weil er meint, Schlüsse ziehen zu können und Fehler zu entdecken, ihm aber das Detailwissen und die vollständige Überblick fehlt. Das ist aber ein Wissensfehler, kein Methodenfehler. Die Vorgehensweise an sich, dass man sagt, dass etwas so nicht in das bestehende Wissen passt und es eine andere Erklärung geben muss, die man finden will, wozu man Hypothesen aufstellt, ist an sich nicht zu beanstanden. Für mich ist deshalb nicht nachvollziehbar, warum man Leute, die die Mondlandung anzweifeln, als verrückte Spinner hinstellt, während man Leute, die kritiklos alles glauben, was die Medien ihnen auftischen, und blind dem Mainstream folgen, für intelligent hält, als Elite und Avantgarde hinstellt (wie neulich bei der re:publica, als die Medien diesen Mainstreamkult Verkündungsgläubiger als „Treffen der digitalen Elite” ausgaben.)

Versteht mich nicht falsch: Ich bin bisher voll davon überzeugt, dass die Amerikaner auf dem Mond waren, sogar die Russen haben es bestätigt, man kann die Spuren und das Fahrzeug dort sehen, es gab genug Drittstaaten, die den Flug verfolgt haben, und wenn’s ein Schwindel gewesen wäre, wäre es spätestens bei weiteren Flügen aufgefallen, weil dann der Überraschungseffekt fehlte. Wenn ich das jetzt richtig in Erinnerung habe, haben sie vier Flüge unternommen, wovon einer abgebrochen wurde, dreimal waren sie wohl oben. Warum auch nicht? Ich sehe kein ernstliches Problem darin, auf den Mond zu fliegen, und die technische Entwicklung war eben an der Grenze zur Befähigung. Man ist auch von Europa nach Amerika, Australien, Neuseeland gefahren, was damals auch nicht viel einfacher und weniger gefährlich war. Warum sollte man nicht zum Mond fliegen?

Aber: Sich die Frage zu stellen, ob das möglich ist, und ob das nicht eher ein Schwindel ist, und es Beweise dafür gibt, ist gesund. Es ist erforderlich, dass es Menschen gibt, die Zweifeln und das prüfen. Problematisch wird das erst, wenn das zur Obsession wird, wenn man Gegenbeweise nicht mehr anhört, oder die eigenen Wissensmängel zum Maß der Dinge macht. Wenn Spinner etwas Richtiges tun, bleibt das Richtige richtig, aber der Spinner eben ein Spinner. Bedenkt man aber den Umfang, in dem wir von der Politik damals und heute belogen werden, halte ich es für sehr wertvoll, dass es Menschen gibt, die sich damit befassen, sowas zu prüfen. Seltsamerweise nennt man diese Leute Verschwörungstheoretiker, wenn sie oppositionell arbeiten, und „Faktenchecker”, wenn sie regierungs- oder mainstreamkonform arbeiten. Ich versichere, dass alle „Faktenchecker”, die ich bisher live erlebt habe, weitaus durchgeknallter und unfähiger waren als Leute, die die Mondlandung anzweifeln.

Im Ergebnis sind viele „Verschwörungstheoretiker” vom Prinzip der wissenschaftlichen Theorie gar nicht so weit entfernt, es hapert da oft eher an Fachwissen. Außerdem liegt es im Wesen der Theorie, dass sie auch falsch sein kann, denn der Witz daran ist ja, dass man es vorher nicht weiß, und hinterher auch dann oft schlauer ist, wenn sie falsch ist, weil man dazu oft neue Methoden der Verifikation oder Falsifikation entwickelt hat oder aus der fehlgeschlagenen Verifikation oder Falsifikation viel gelernt hat, das Lernergebnis eben nur nicht mit der Theorie übereinstimmt. Wer Verschwörungstheoretiker Verschwörungstheoretiker nennt, der hat nicht verstanden, was Theorie bedeutet, nämlich dass sie auch falsch und trotzdem seriös sein kann. Was die Theorie dumm macht, ist nicht die falsche Annahme als solche, sondern wenn sie auf mangelndem Wissen oder Faulheit beruht und mit bestehendem Wissen bereits zu falsifizieren wäre. Und man kann sich bei der Verifizierung oder Falsifizierung dumm anstellen.

Vom Problem der Singularität abgesehen halte ich Zweifel an Mondlandung und 9/11 grundsätzlich für seriös und vertretbar. Nur die Art und Weise, wie damit dann umgegangen wird, halte ich für dumm.

Für viel problematischer halte ich den Umgang mit solchen Leuten, die an den Universitäten sitzen und sich als Wissenschaftler oder Forscher ausgeben. Schaut man in die Sozial- und Geisteswissenschaften, besonders den Gender-Blödsinn, dann reden die ständig von Theorien, oft von feministischen Theorien. Tatsächlich steckt dahinter nur spekulatives Lügen. Es interessiert niemanden, ob es stimmt. Es geht allein darum, ob man damit Publizität, Geld, Wichtigkeit, Posten, Einfluss erreicht. Man variiert und versucht, den Nutzen der Lüge zu optimieren.

Liest man den Gender-Quark sehr genau, findet man immer wieder mal, selten, aber es kommt eben vor, dass sie einräumen, dass sie nur davon ausgehen, dass es eine Vermutung, oder einfach eine Arbeitshypothese sei. Und man gar nicht vorhat, irgendwas daran zu prüfen, zu verifizieren, zu falsifizieren, denn das Geschäft läuft gut, und wer würde sich den Ast absägen, auf dem er sitzt? Wenn er schon selbst weiß, dass der Ast nur Schwindel ist?

Im Universitätsumfeld kommt niemand auf die Idee, da mal nachzufragen.

Die Leserzuschriften sind deshalb falsch. Es gibt nicht die Doppelbedeutung der wissenschaftlichen Theorie und der bloßen Vermutung.

Es gibt die Doppelbedeutung der mainstreamkonformen und der mainstreamwidrigen Theorie. An erstere stellt man gar keine Anforderungen, die lobt man, egal die dumm und gehaltlos, und sagt, ja, Forscher, die müssen auch mal irren können, da weiß man ja nie, was dabei herauskommt, während man bei letzteren es rundheraus aus anstaltspflichtige Verrücktheit hinstellt, auch nur den Gedanken zu fassen. Deshalb sind „Verschwörungstheorien” immer nur die oppositionellen, mainstreamwidrigen.

Darin liegt das Problem im Umgang mit Theorien: Man hat das prüfen verlernt, das verifizieren und das falsifizieren. Es geht nur noch um die Rhetorik, das mainstreamkonforme gut- und das widrige schlechtzureden. Und damit versinkt alles im Gewäsch der Sozial- und Geisteswissenschaftler. Es geht nur noch um Rhetorik. Oder, wie sie es so gerne nennen, den „Diskurs”. Wahr ist, was die Mehrheit schwätzt – und die Wahrheit daran ist, dass es nie die Mehrheit ist, sondern stets eine Minderheit, die sich rhetorisch als Mehrheit ausgibt, und der Mehrheit einredet, eine Minderheit zu sein.

Mehrere Leser schrieben mir, dass ich auch deshalb falsch läge, weil Popper doch gesagt habe, dass es Verifikation gar nicht gäbe.

Na, und?

Danisch sagt was anderes.

Mir gehen Leute so extrem auf den Wecker, die sich irgendeinen Leithammel aussuchen und dem dann blind folgen. Zu behaupten, dass etwas so sei oder so gesehen werden könne, weil der X oder die Y das so behaupten oder verkündet haben, ist eine der dümmsten Argumentationen, die es überhaupt je gegeben hat. Findet man immer wieder.

Aber denkt mal über die Aussage nach, dass es eine Verifikation (oder Verifizierung, es gibt unterschiedliche Ansichten über die Begriffe) nicht gäbe. Den gleichen Unsinn behaupten ja viele der Philosophen und Geisteswissenschaftler. Mal einen Auszug aus dem Wikipedia-Artikel über Verifizierung:

In der Wissenschaftstheorie versteht man unter der Verifizierung einer Hypothese den Nachweis, dass diese Hypothese richtig ist. Logischer Empirismus und Positivismus gehen davon aus, dass solche Nachweise führbar seien. Im Rahmen des kritischen Rationalismus (Karl Popper) wird argumentiert, dass es Verifikation nicht gibt. Allgemeine Gesetzesaussagen können nur wahr, aber unverifiziert sein oder mit Beschreibungen von Sachverhalten, die der Aussage widersprechen, falsifiziert werden, sich also als ungültig herausstellen. Zum Verständnis ein Beispiel, das Karl Popper anführt: Angenommen, die Hypothese lautet: „Alle Schwäne sind weiß“, so trägt das Finden zahlreicher weißer Schwäne nur dazu bei, dass die Hypothese beibehalten werden darf. Es bleibt stets die Möglichkeit bestehen, einen andersfarbigen Schwan zu finden. Tritt dieser Fall ein, so ist die Hypothese widerlegt. Solange aber kein andersfarbiger Schwan gefunden wurde, kann die Hypothese weiterhin als nicht widerlegt betrachtet werden.

Was für ein Blödsinn. Was für ein erbärmlicher Blödsinn.

Abgesehen davon, dass es in Perth viele schwarze Schwäne gibt und Schwanküken grau sind, ist die Zahl der Schwäne endlich. Im Prinzip kann man sie einfach alle ansehen, und dann weiß man es. Zumal das wieder auf das Problem einer Singularität trifft, weil es nur den jetzten Zustand betrachtet aber keinerlei Zusammenhänge oder Regelmäßigkeiten betrachtet. Evolutionär könnten Schwäne durchaus andere Farben entwickeln oder durch anderes Futter wie Flamingos rosa werden (die ja auch nicht von Natur aus so gefärbt sind).

Stellen wir mal eine andere Frage: Sind alle Schwäne Vögel? Ja. Denn sollte wider Erwarten jemand einen Schwan finden, der ein Säugetier oder ein Beutelschwan wäre, oder so amphibisch-echsenartig daherkäme, dann wär’s eben kein Schwan, weil es der biologischen Eingrenzung widerspräche. Weil Schwäne eben als eine Vogelart definiert ist. Sind Schwäne als weiß definiert? Wenn ja, dann wäre ein andersfarbiger Schwan eben kein Schwan.

Und darin sieht man, wie grunzdämlich dieses Beispiel ist: Da geht es nämlich nicht um die empirische Wirklichkeit, sondern um Begriffsdefinitionen und damit um Geschwätz. Geschwätz als Grundlage philosophischer Schlussfolgerungen – ist eben Geschwätz. Wie Philosophen so sind.

Anekdote dazu: Auch auf einer Australienreise (2000, und es war nicht die nach Perth) kamen wir in Alice Springs vorbei und unternahmen den obligatorischen Ritt auf den Dromedaren. Hinterher stinkt man und einmal im Leben reicht wirklich. Als wir wieder abstiegen, sagte ich im Jux zu den Engländerinnen „You smell like Camel No 5” und sprach Camel wie Chanell aus. Eine hatte auf dem Vieh Nr. 5 gesessen. Die hatten Nummern am Sattel. Die Engländerinnen lachten. Eine junge deutsche Studentin der Kategorie hübsch aber doof und von unerträglichem Charakter, die schon die ganze Reise über ständig versuchte, schlauer als ich zu sein (und es nie schaffte) gurkte mich an, wie dumm ich wäre, ob ich nicht wüsste, dass Kamele die Zweihöckrigen wären und die Einhöckrigen, die es in Australien gibt, Dromedare seien. Hat die was von mir zu hören bekommen. (Was sie nämlich nicht wusste, war, dass ich mich vor dem Ritt mit der Australierin unterhalten hatte, die den Ritt durchführte und leitete, und genau das angesprochen hatte. Die war nämlich Post-Doktorantin in Biologie, Expertin für die Viecher und verdiente sich da ein paar Kröten dazu. Kamel meint nur im Deutschen die mit zwei Höckern. Im Englischen ist Camel der Oberbegriff und meint beide. Die Viecher in Australien sind also Camels, aber keine Kamele. Damit habe ich natürlich mit dem großen Hammer zurückgehauen. 😀 ) Deshalb sind solche Fragen, ob es nur weiße Schwäne gibt, Philosophenscheiße, sonst nichts.

Fragen wir mal andersherum: Wenn man eine Theorie nicht verifizieren kann, wozu ist sie dann überhaupt gut? Welchen Zweck, welchen Nutzen könnte sie haben – außer den Philosophen Schwafelmaterial und substanzlose Unterhaltung zu bieten – wenn sie keine empirische Bestätigung findet?

Was unterscheidet sie dann von willkürlichem nutzlosem Geschwätz?

(Ich weiß, Philosophen interessiert der Unterschied nicht, die begnügen sich mit nutzlosem Geschwätz völlig, ich aber nicht.)

Was kann eine Theorie, die keine empirische Verifikation findet, überhaupt leisten?

Oder anders gefragt: Was soll an der Behauptung, alle Schwäne seien weiß, überhaupt eine Hypothese, eine Theorie sein? Was daran wäre durch bestehendes Wissen nicht erklärbar?

Kommen wir mal darauf zurück, was ich unter Wissenschaft verstehe und schon ein paar Mal geschrieben habe. Ich ziehe mal die vier Absätze dazu aus meinem Buch Frauenquote heran:

Wissenschaft ist eine Disziplin, eine Sammlung von Fähigkeiten, das Gehirn zu gebrauchen, um Wissen hervorzubringen. Wissen ist eine – sprachlich, bildlich oder wie auch immer – darstellbare und dargestellte, und für eine Planung anwendbare Beschreibung der Wirklichkeit. Wissen ist ein Satz von Regeln und Beschreibungen, der uns die Simulation der Wirklichkeit durch Denkvorgänge erlaubt, die die Wirklichkeit in zutreffender und im Rahmen der jeweils möglichen Zuverlässigkeit und Qualität genügenden Weise beschreiben und vorhersagen. Wissen ist, was uns die gedankliche Simulation der Wirklichkeit und damit die Planung und richtiges Verhalten ermöglicht.

Leider ist der Mensch besser darin, dummes Zeug zu denken als schlaues, weil das Gehirn keine perfekte Maschine ist. Ein Problem ist, dass die dem Gehirn zur Verfügung stehende Denk-, Speicher- und Rechenleistung bei weitem nicht ausreicht, um eine fehlerfreie, zuverlässige und ausreichend dimensionierte Denkmaschine zu sein. Es geht also darum, die knappe Leistung des Gehirns möglichst effektiv und möglichst effizient einzusetzen, um größtmöglichen Nutzen zu ziehen.

Ein zweites Problem ist, dass das Gehirn keine neue, monolithische Erfindung ist, sondern ein grausliches Durcheinander und Gemisch aus verschiedenen neuronalen Strukturen verschiedenen evolutionären Ursprungs. Das Hirn ist vor allem ein Konglomerat aus evolutionären Altlasten, voller Fehler, für einen gänzlich anderen Zweck entwickelt, als wir es heute einsetzen. So wie unser ganzer Körper voller evolutionärer Altlasten und Überbleibsel steckt, verhält es sich auch mit dem Gehirn als Organ desselben. Es ist ein arger Trugschluss, an den eigenen untrainierten „gesunden Menschenverstand” zu glauben. Tatsächlich bewiesen Hirnforscher immer öfter, dass nicht der Verstand den Körper regiert, sondern das Organ Gehirn uns ein Ich-Empfinden und den Glauben an Verstand vorgaukelt.

Deshalb ist Wissenschaft die Kunst, Lehre (und Sportart) von denMethoden, mit diesen Unzulänglichkeiten umzugehen und das in Bezug aufErkenntnis Beste aus dem Organ herauszuholen und dessencharakteristischste und bekannteste Denkfehler zuvermeiden. Wissenschaftliches Arbeiten ist nichts anderes als dieAnwendung von Regeln und Erfahrungswerten zur Vermeidung bekanntertypischer Denkfehler des menschlichen Gehirns. WissenschaftlichesArbeiten ist, mit diesem seltsamen Organ so umgehen zu können, dassbekannte Fehler vermieden werden.

Wissenschaft ist meiner Auffassung nach die Wissensfindung und -verbesserung unter Kenntnis und Berücksichtigung aller in diesem Bereich bisher gemachten Fehler (ob technische Fehler, Irrtümer oder auf Schwächen des Gehirns beruhende Denkfehler) und deren systematischer Vermeidung.

Deshalb halte ich die Alchimisten des Mittelalters, die Gold herstellen wollten, durchaus für Wissenschaftler, auch wenn es uns heute lächerlich erscheint, weil sie den Stand des Wissens berücksichtigten und experimentierten, die Erkenntnisse über Fehler, die wir heute haben, damit erst schufen.

Geisteswissenschaftler, besonders Philosophen, Genderisten und so weiter, halte ich überhaupt nicht für Wissenschaftler, weil sie Denkfehler überhaupt nicht vermeiden, sondern im Gegenteil absichtlich betreiben und rhetorisch für politische Zwecke missbrauchen. Nur ein Beispiel: Korrelation und Kausalität.

Daraus ergeben sich zwingend folgende kanonische Verifikationsmethoden:

  • Da es um Aussagen über die Wirklichkeit geht, muss die Wirklichkeit empirisch auf Übereinstimmung mit der Theorie geprüft werden, und zwar auch experimentell über Prognosen, die vor der Beobachtung gestellt werden.

    Zugegeben, das ist manchmal sehr schwierig und für die Person selbst nicht durchführbar. Astronomische oder geologische Theorien sind schon aus zeitlichen Gründen nicht umsetzbar, und manche von Einsteins Theorien konnte man erst nach seinem Tod überprüfen, weil man erst dann technisch so weit war.

    Aber anstreben muss man es und da, wo es möglich ist, es auch überprüfen.

  • Wissenschaft ist – nach meiner Definition – das systematische Vermeiden aller bekannten oder erkennbaren Fehler, etwa Beobachtungs-, Mess-, Denkfehler. Teil der Verifikation ist damit immer auch der Nachweis – etwa durch präzise Beschreibung eines Versuchsaufbaus oder der angestellten Überlegungen – dass man die bekannten Fehler systematisch oder tatsächlich ausgeschlossen hat.
  • „Bedarf” an einer Hypothese/Theorie besteht, wenn man eine Beobachtung – oder wirklichkeitsnahe Frage – anhand des bestehenden Wissens nicht erklären kann oder sie dem widerspricht. Damit gehört es zur Verifikation, das auch darzustellen und zu zeigen, worin der Vorteil gegenüber dem bisherigen Wissen besteht und was besser erklärt wird. Wunderbar zu sehen an den Atommodellen.
  • In manchen Fällen kann man durch Kombination bestehenden Wissens zeigen, dass die Behauptung richtig ist oder sein muss, etwa durch mathematischen Beweis. Man nennt es Logik. Algebraische Beweise. Induktive Beweise. Und so weiter.
  • Es besteht manchmal auch ein Weg, alle anderen Möglichkeiten zu falsifizieren – Beweis durch Widerspruch.
  • Es gibt auch den Ansatz der Gründlichkeit: Das Abklappern aller bekannten Falsifikationsmethoden mit der Darlegung, dass sie alle die Hypothese nicht falsifizieren können.
  • Empirische Vollständigkeit: Steht die Hypothese im Einklang mit allen bekannten Beobachtungen?
  • Für mit am wichtigsten aber halte ich etwas, was eigentlich banal und so einfach und trivial ist, dass viele es gar nicht bemerken: Hypothesen nicht spekulativ vom Himmerl fallen zu lassen oder willkürlich einfach irgendetwas zu behaupten, sondern ausgehend von einem hinreichend geprüften, bestehenden und allgemeinen Wissenstand in nachvollziehbaren Schritten und hinreichend präzise zu beschreiben, wie und warum man auf die Hypothese kommt. Also den Gedankengang, der zur Hypothese führt, so darzulegen, dass er in den Gehirnen anderer wiederholbar und damit deren Prüfung zugänglich wird. Und ihn damit in erkennbare und nachvollziehbare Gedankenschritte zu zerlegen, so dass es keine Gedankensprünge, keine willkürlichen Behauptungen gibt.

    Das ist das K.O.-Kriterium, daran scheitern Religionen und die allermeisten Geisteswissenschaftler komplett.

Verifikation ist also vor allem ein Aufgabenkatalog. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man einfach so mit Theorien um sich schmeißen könnte. Das ist ein hartes Stück Arbeit, damit hat man richtig viel zu tun. Manche Physiker verbringen ihr ganzes (Berufs-)Leben mit einer einzigen Theorie.

Ich will nicht verhehlen, dass auch mit Verifikationen viel Schwindel und viele Fehler produziert werden. Beispielsweise versuchen viele Informatiker, mit irgendeinem Kalkül ein Programm oder ein Protokoll – etwa für einen Doktorgrad – zu „verifizieren”, indem sie zeigen, dass das Programm oder Protokoll nach dem Kalkül konsistent prüfbar ist. Wie sie aber darauf kommen, dass das Kalkül den Nachweis der Richtigkeit liefert, sagen sie oft nicht. Was nutzt es, wenn Programm oder Protokoll dem Kalkül exakt folgen, aber das Kalkül falsch ist?

Und damit kommen wir an einen wesentlichen Punkt, warum Geisteswissenschaftler in aller Regel zu Theorien nicht in der Lage sind: Die sind nicht nur zu doof und haben das Werkzeug nicht, haben keine strukturierte Sammlung von Fehlern und Methoden, sie sind vor allem viel zu faul. Man muss nur mal in die Tiefen der Gender-Literatur schauen. Da geht es um Gleichstellung nicht mit dem Argument des gleichen Lohns für gleiche Arbeit, sondern mit dem Anspruch gleichen Lohn zu bekommen, aber nicht gleiche Arbeit leisten zu wollen. Da findet man Aussagen der Art, dass Männer sich gerne jahrelang mit etwas beschäftigen und sich die Nächte als Nerds in den Laboren um die Ohren schlagen, während Frauen dagegen Wert auf Work-Life-Balance legten, und eben nicht in den Laboren hocken wollten, sondern als Quereinsteiger gleich direkt auf die Führungsebenen steigen wollten ohne vorher dafür zu arbeiten. So kommt man aber auch nie zu dem Stück Arbeit, das für eine Theorie erforderlich ist.

Ich habe das schon häufig beschrieben, dass viele Geisteswissenschaftler glauben oder behaupten, man könne einfach alles als Theorie behaupten, es müsse als richtig gelten, bis es von irgendwem falsifiziert wird, weil es Verifikation nicht gäbe. (Wie kann man dann auf Verschwörungstheorien schimpfen? Müssten sie dann nicht als richtig gelten, bis jemand sie widerlegt? Wie immer nur das Feigenblatt dafür, willkürlich und nach politischen Erwägungen für falsch und richtig zu halten, was man gerade will. Oftmals ist das ganze Philosophen- und Wissenschaftsgeschwätz nur Tarnung für Willkür.)

Der inhaltliche Unterschied zwischen Verifikation und Falsifikation ist gar nicht groß genug, um diese Differenzierung zu tragen, die Geisteswissenschaftler anstellen wollen. Verifikation und Falsifikation liegen in ihrer Methoden oft sehr dicht beisammen oder sind identisch. Man lernt etwa in Mathematik oder Physik nicht zwei verschiedene Fähigkeiten des Verifizierens oder Falsifizierens. Es ist im Wesentlichen dieselbe Fähigkeit.

Der wesentliche Unterschied ist ein gänzlich anderer, der die Inkompetenz und Verlogenheit der Geisteswissenschaftler offenbart: Der zwischen Proponenten und Opponenten, zwischen dem, der behauptet, und dem, der anzweifelt.

Die Verifikation nämlich wäre Aufgabe dessen, der die Theorie behauptet. Die Falsifikation ist eher die Aufgabe des gegnerischen Publikums.

Um eine Theorie mit Verifikation aufzustellen müsste man deshalb etwas können und arbeiten, und diese auch von selbst vorlegen – zusammen mit der Theorie. Dafür aber sind Geisteswissenschaftler nicht nur generell zu faul und zu doof, seit Eintritt der Frauenförderung muss man ja auch jede Behauptung vermeiden.

Anders gesagt: Der Standpunkt, dass es keine Verifikation gäbe und man alles behaupten kann, es dann als wahr gelten müsse, bis es einer widerlegt, hat den wichtigen Effekt, dass es die Theorienbildung den Faulen – die nichts machen, nichts denken und nichts sagen – und den Dummen zugänglich macht. Kommt es nur darauf an, nicht falsifiziert zu werden, können auch Dummen- und Faulenversammlungen „Theorien” bilden, weil dann die Theorie auch zustandekommen soll, wenn einfach keiner dazu etwas sagt oder denkt.

Das ist wichtig für die Geisteswissenschaften.

Würde man – wie in den MINT-Fächern – das Aufstellen einer Theorie mit den Pflichten zur Erklärung und Verifikation verbinden, wären Geisteswissenschaftler völlig gelähmt. Da wäre sofort Ruhe im Stall. Ich habe neulich auf Auskunft über die Inhalte der Gender-Studies geklagt, und es kam: Nichts.

Außerdem hat das dann noch einen taktischen Vorteil. Kommt nämlich wider Erwarten doch einer daher und erhebt Einwände, dann kann man ihn gemäß gängigen universitäten Praktiken

  • ignorieren
  • als Person für unbeachtlich erklären
  • in der Steigerung unlautere Absichten unterstellen und deshalb für noch unbeachtlicher erklären
  • als Patriarch, Sexist, Rechtsradikal oder irgendsowas beschimpfen, bis er ruhig ist.

Die Auffassung, dass es Verifikation nicht gäbe, ist nur Auswuchs der umfassenden Unfähigkeit der Geisteswissenschaftler, diese zu leisten oder Theorien zu bilden, bei gleichzeitigem Wunsch, ihre politischen Ziele als Theorien zu verkünden.

Merkregel: Wenn es einem angemessenen und dem Stand des Wissens entsprechenden Maß an Verifikation nicht zugänglich ist, dann ist es eben keine Theorie. Dann ist es wertlos.

Und deshalb gilt auch der Umkehrschluss: Wenn es keine Verifikation gibt, dann ist es auch keine Wissenschaft. Weil es kein Wissen und keine Wissensverwaltung ist.