Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Das Lesen der Uhr

Hadmut
25.4.2018 17:27

Wieder ein Kontrast zwischen meinen Kindheitserinnerungen und der Gegenwart. Und ich habe gleich gesagt, es geht bergab. [Nachtrag: Wahnsinn]

Als ich Kind war, bin ich nicht nur alleine zur Schule, sondern vorher auch schon alleine zum Kindergarten gegangen. Das mag heute grotesk erscheinen, aber erstens war das damals nicht ungewöhnlich, zweitens der Weg einfach, kurz und sicher.

Handys gab es damals nicht. Nichts dergleichen. Es war damals (und durch meine gesamte Schulzeit bis eigentlich Ende des Studiums) so üblich, dass man sich vorher verabredet hat und dann war man dann und dann eben dort und dort. Pünktlich oder Pech gehabt. Deshalb haben wir damals im Kindergarten gelernt, die Uhr zu lesen. Naja, es versucht. Das mit dem Minutenzeiger war damals sauschwierig, vor allem, wenn man das Rechnen so im Alter von 5 (genau weiß ich nicht mehr, wann das war) noch nicht so dolle drauf hat. Der Kindergarten empfahl den Eltern, den Kindern Armbanduhren zu kaufen, damit man es üben kann. Heute haben die Kinder Handys, wir hatten damals Armbanduhren. Zumindest manche von uns.

Ich bekam eine zu Weihnachten. Eine Jody-and-Buffy-Uhr, nach den beiden niedlichen Kindern aus der US-Serie Family-Affair, die hier als „Lieber Onkel Bill” kam. Schrecklich. Ich war stinksauer. „Ich bin doch kein Mädchen!”.

Mein Zorn legte sich allerdings, als ich die Vorzüge der Uhr entdeckte. Jody-and-Buffy standen nämlich nur auf der Packung und einem winzigen Schriftzug, so verschnörkelt, dass ihn in meiner Altersstufe sowieso keiner lesen konnte. Erstens war auch die Rückwand aus Uhrglas, damit man das Uhrwerk genau sehen konnte, dazu jedes Bauteil in einer anderen Farbe lackiert, so dass man ganz genau sehen konnte, was da in der Uhr passierte. (mechanisch, Quarz-Uhren gab es damals noch nicht.) Ich fand das wunderbar.

Und zweitens war sie ganz leicht abzulesen. Der Minutenzeiger hatte nämlich keine Spitze, sondern vorne einen Ring. Und neben jeder Stundenzahl stand ganz klein, so dass das genau im Ring erschien, 5 nach … 10 nach… viertel vor… Man musste einfach nur laut sagen, was im Ring stand und dann noch die Stunde, und ruck-zuck konnte ich schon im Kindergarten die Uhr ablesen.

Natürlich habe ich schon bald und zur Grundschule eine normale Uhr eingefordert („Ich bin doch kein Kind mehr…”) und bekommen, erinnere mich aber nicht mehr an sie. Die Jody-and-Buffy-Uhr habe ich so aufgehoben, weil das Uhrwerk so prima zu sehen war. Eigentlich habe ich sie nur noch von hinten angesehen.

Im wackeren Alter von 10 oder 11, inzwischen auf dem Gymnasium, musste dann selbstverständlich eine richtige Männeruhr her. Man ist ja schließlich wer. Im Neckermann-Katalog entdeckte ich damals ein Sonderangebot, eine Taucheruhr, Edelstahl, unzählige Skalen und Gedöns (alles Attrappe, die konnte auch nur die Uhrzeit mit zwei Zeigern anzeigen und sonst nichts), aber die sah nach James Bond und Kampftaucher aus, und sie war die billigste Uhr (ich glaube 59 Mark oder sowas), also habe ich so lange genervt, bis ich sie endlich bekommen habe. Stellte sich als entsetzlich großer schwerer Wecker raus. Schon im Katalog sah sie riesig aus, wir dachten aber, die sei vergrößert dargestellt. Sie war verkleinert. Genau richtig, der Schulhofangeberfaktor war enorm. Die Uhr hielt aber nicht lange. Schon nach ein, zwei Jahren oder so ging sie nicht mehr. Ich wollte sie zum Uhrmacher bringen, aber der lehnte ab. Billig-Uhr, nicht reparabel, die Bauteile bekomme er auch nicht. Und selbst wenn, würde es ein Vielfaches einer neuen Uhr kosten. Nun, dachte ich, wenn sie eh kaputt ist, kann ich es auch selbst probieren, und schaffte es, die stählerne Rückwand mit den Spitzen einer Telefonzange abzudrehen. Ich dachte, mich trifft der Schlag. Ich guckte und war baff und stinksauer. Das kann doch gar nicht sein, haben die mich so verarscht und mir Spielzeug verkauft? In meiner tollen Taucheruhr für den ganzen Mann steckte genau das gleiche Uhrwerk wie in der Jody-and-Buffy-Kinderuhr, nur eben nicht farbig lackiert. Es hat meine Auffassung von Industrie nachhaltig geprägt. (Der Versuch einer Uhrwerkstransplantation misslang, womit dann beide Uhren das Zeitliche segneten.)

Ich habe mir in den Neunzigern in Singapur eine Rolex-Fälschung für 10 Mark gekauft. Das Gehäuse war der letzte Schrott, das „Glas” aus billigstem Plastik, das „Gold” schäbig aufgepinselt. Aber das Uhrwerk ging betörend genau, bis die Batterie leer war. Die Rückwand konnte man nicht abschrauben, weil das Metall so weich war, dass man dessen sämtliche Zähne abriss bevor sich da was gedreht hat. Aber sie ist verdammt genau gelaufen. Jahre später las ich von einem Rechtsstreit mit einem renommierten Hersteller teuerster Schweizer Uhren mit Gold und Edelsteinen, weil ein Kunde beim Öffnen der Uhr ein billiges Quarz-Werk aus Japan gefunden hatte. Der Hersteller verteidigte sich damit, dass er – gemäß dem Firmenmotto „Der Preis spielt keine Rolle” – auf dem Markt das beste, zuverlässigste und genaueste Werk gesucht hat, um seinen Kunden die beste Qualität zu liefern. Und das sei es eben gewesen. Sie würden es ablehnen, Kunden nur zweitbeste Qualität zu liefern.

Soweit zu meinen Kindheits- und Jugenderinnerungen, was Armbanduhren angeht.

Warum ich den Käse jetzt erzähle?

Nun, britische Schulen hängen laut Telegraph analoge Uhren (also solche mit Zeigern) ab, weil die Teenager sie nicht mehr lesen können und sie das verstört. (Die Sun hat auch was dazu.)

Schools are removing analogue clocks from examination halls because teenagers are unable to tell the time, a head teachers’ union has said.

Teachers are now installing digital devices after pupils sitting their GCSE and A-level exams complained that they were struggling to read the correct time on an analogue clock.
[…]

Die Prüfungsbezeichnungen sagen mir zwar nichts, aber wenn ich richtig gegoogelt habe, entspricht das 16-jährigen und Abiturienten.

Malcolm Trobe, deputy general secretary at the Association of School and College Leaders (ASCL), said youngsters have become accustomed to using digital devices.

“The current generation aren’t as good at reading the traditional clock face as older generations,” he told The Telegraph.

“They are used to seeing a digital representation of time on their phone, on their computer. Nearly everything they’ve got is digital so youngsters are just exposed to time being given digitally everywhere.”

Mr Trobe, a former headmaster, said that teachers want their students to feel as relaxed as possible during exams. Having a traditional clock in the room could be a cause of unnecessary stress, he added.

He said that schools are trying to make everything as “as easy and straightforward as possible” for pupils during their exams.

“You don’t want them to put their hand up to ask how much time is left,” he said.

Der Anblick einer herkömmlichen Uhr setzt die Schüler unter Stress, weil sie nur noch digitale Uhrzeitanzeigen gewohnt sind, und man wolle alles tun, um es den Kinder leicht und angenehm zu machen.

Ich fass es nicht.

Deshalb musste ich daran denken, dass ich damals im Kindergartenalter mit einer Jody-and-Buffy-Uhr das Lesen der Uhr gelernt habe.

Nachtrag: Der blanke Wahnsinn! Ich habe sogar noch Fotos von diesen Uhren im Internet entdeckt. Hier sind die besten (genau die hatte ich, nur mit schwarzem Armband und deutscher Beschriftung). Sie haben sogar Fotos von der Rückseite. Und hier die Verpackung. 😀

Nachtrag 2: 1969 kamen die englisch auf den Markt. Müsste bei mir dann Weihnachten 1970 oder 1971 gewesen sein, da war ich viereinhalb oder fünfeinhalb. Kommt genau hin. Denn im Sommer 1972 kam ich in die Grundschule.