Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Dead Woman Walking: Eine Insolvenzverschleppung namens Presse

Hadmut
16.3.2018 20:49

Ich weiß, ich haue gerade ziemlich viel auf die drauf. Aber man muss die Zeit halt nutzen, solange es die Presse noch gibt. 😀 [Nachtrag]

Ich habe noch Feedback zum Artikel von gestern über das Pressesterben bekommen.

Geisteswissenschaftler

Ein Grund, warum der Leser mir darüber schreibt, war einer, der Germanistik studiert hatte und sich darüber beklagte, dass Ingenieure bei Airbus mehr verdienen als Lokaljournalisten.

Der Leser hielt ihm dagegen, er möge die Umsätze pro Mitarbeiterkopf von Airbus und einer Lokalzeitung vergleichen.

Ja, hieß es da, so würden Geisteswissenschaftler grundsätzlich nicht denken. Deren Sicht ist, dass sie sechs Jahre studiert haben und acht Stunden in einem
Büro verbringen und dafür einen „gerechten“ Lohn erwarten.

Naja, das ist eben das alte Gleichstellungsdenken mit DDR-Aroma. Es wird nicht gefragt, was man denen, deren Geld man will, eigentlich geleistet hat, sondern man hat erst im Hörsaal und dann im Büro herumgesessen, also müsse irgendwer dafür auch zahlen. Ein sogenannter Bullshit-Job.

Quasi Insolvenz(verschleppung)

Nun, dass es in einem Konzern oder einer größeren Firma defizitäre Bereiche gibt, die von anderen querfinanziert werden, kommt häufig vor, das ist nicht per se ein Fehler. Manchmal will man es so, manchmal geht es nicht anders, manchmal „leistet” man sich das einfach. Solange die Gesamtbilanz stimmt. Man muss sich dann aber schon im Klaren sein und verstanden haben, dass ein Bereich im Negativen läuft, das ist elementares Management.

Würde man sie betriebswirtschaftlich separat und vom Konzern oder der umgebenden Firma getrennt betrachten, währen viele Redaktionen bereits in der Insolvenz – oder weil sie es nicht sind, in der Insolvenzverschleppung. Eigentlich nämlich seien die Reaktionen zumindest der lokalen Zeitungen schon immer defizitär gewesen, aber früher von der Anzeigenabteilung querfinanziert worden.

Interessanterweise nämlich seien die guten Geschäfte der (zumindest der lokalen) Zeitungen früher von Anzeigenabteilungen erwirtschaftet worden und die Umsatzbringer seien eben nicht irgendwelche selbstherrlichen geisteswissenschaftlichen Redakteure Dr. Sowieso gewesen, sondern – verblüffend – niedrig gebildete Frauen mit mittlerer Reife und auf Teilzeit, weil die die Anzeigen angenommen und den Leuten Anzeigen zu 300 DM aufgeschwatzt haben – also wenn’s wirklich was bringen soll, dann müssen Sie schon mehrere aufgeben! Damit haben die alle 5 Minuten ein paar hundert DM Umsatz gemacht. Ähnlich bei gewerblicher Werbung. Und die eingebildeten Redaktionen damit finanziert.

Ich wundere mich ja als Hobby-Blogger – ein paar Einnahmen davon habe ich, mehr als manche Geisteswissenschaftler, aber richtig leben könnte man davon nicht, allerdings habe ich zugunsten der Leser und meines Seelenheils auch ein Angebot nicht angenommen, noch bunte kommerzielle Seitenlinks reinzupappen – immer, wie die Verlage davon leben können, zumal ich schon gemerkt habe, dass ich bei bei den Zugriffszahlen pro Artikel inzwischen auch viele Artikel der größten deutschen Zeitungen abhänge, aber die Antwort ist simpel: Sie können nicht davon leben. Wie ich inzwischen auf dunklen Kanälen erfahren habe, verdienen manche Vollzeithilfsjournalisten weniger als ich mit meinem Feierabendblog. Merkt man beispielsweise daran, dass ich mir auf Journalistenkonferenzen ein Hotelzimmer leisten kann, auch wenn ich immer das Billigste nehme, und mir keine Sofa-Übernachtung schnorren muss.

Als dieser Anzeigenmarkt und damit der Finanzzulauf weggebrochen ist, hätten die Redaktionen eigentlich so etwas wie eine firmeninterne Insolvenz anmelden müssen, weil dann klar war, dass sie sich nicht halten können. Auf Fremdfinanzierung angewesen sei, das kann man, aber wenn die wegfällt, hat man ein Problem, um das man sich gleich kümmern sollte. Es heißt aber, dass so manche Journalisten das nicht wahrhaben wollten und sich einbildeten, ihre tollen Artikel würden das Geld bringen.

Es ist also nicht so, dass die Digitalisierung den Journalismus entwertet habe, sondern nur das den ihn querfinanzierende Anzeigengeschäft. Journalismus sei schon immer Selbstüberschätzung und die (meist unbewusste) Erwartung gewesen, von anderen über der eigenen Leistung bezahlt zu werden.

Ausgerechnet die, die sich anmaßen, uns allen die Welt zu erklären, sind damit überfordert, ihr eigenes Geschäft zu verstehen.

Drei Jahre bis zum Tod

Woher kommt die Einschätzung?

Manche Zeitungen sind noch im Familienbesitz oder Besitz alter Verleger, die das Geschäft aus Tradition oder Sentimentalität noch stützen, obwohl es nichts mehr bringt. Im Zuge der Pressekrise werden die aber alle neu bewertet werden müssen und von jüngeren Geschäftsführern übernommen, die da anders herangehen. Spätestens, wenn da einer mit MBA um die Ecke kommt, ist Schichtende.

Oder genauer gesagt, Gnadenfrist. Die Gnadenfrist laufe bereits, und die Bewährungsprobe heiße „Digitalisierung”.

Der Grund, warum sie überhaupt diese Gnadenfrist bekommen haben, ist, dass man erkannt hat, dass herkömmliche Massenwerbung fast nichts mehr wert ist. Wir sind eine individualisierte Gesellschaft, und es gibt nicht mehr viel, was man 10.000 Leuten vorsetzen kann und alle erreicht. Werbung funktioniert individualisiert, man muss jedem die für ihn zugeschneiderte Werbung senden, wenn es noch funktionieren soll. Auf Papier geht das nicht. Noch ist das in der Entwicklung, weil man auch noch Daten sammelt und man noch das Datenschutzrecht etwas verbiegen musste (es gibt jetzt den Speicherungsgrund des „berechtigten Interesses”), und vermutlich in zwei, drei Jahren wird herkömmliche Werbung praktisch wegbrechen. Bis dahin müssen sie ihren Digitalkram am Laufen haben.

Das Dumme daran: Es läuft nicht. Die Redakteure hätten von „digital” soviel Ahnung wie Dorobär, und meinen, sie könnten den gleichen Krampf, den sie auf Papier drucken, zum gleichen Preis mit Digitalabos verhökern und dabei noch Papier, Transport und Zwischenhändler einsparen. Läuft halt nicht so.

Deshalb merkt man das gerade, dass die in blanker Panik immer mehr Werbung auf die Webseiten ballern, immer mehr Overlays, Videos, Vorspannwerbung, immer mehr Werbeblockerblocker. Die wissen, dass ihr Tod bevorsteht, ihre Hinrichtung ist anberaumt. Die Chancen auf Begnadigung stehen schlecht.

Geldspritzen

Man findet auch immer mehr Hinweise, dass die auf verschiedenen Wegen staatsfinanziert werden sollen. Nicht, weil wir die Presse brauchen, sondern weil die Regierung und die Parteien die Presse brauchen (oder die Presse sind), und es da gute Beziehungen gibt.

Schon jetzt gibt es „Rechercheverbünde”, bei denen die öffentlich-rechtlichen Sender (wenn ich mich recht erinnere, die ARD, müsste ich aber nochmal raussuchen) die Kosten übernehmen und die Zeitungen die Resultate zu verkaufen versuchen. Subventionierung aus Rundfunkgebühren. Meedia schreibt über den neuen ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm:

„Könnten mit unserer Reichweite helfen“: ARD-Vorsitzender Wilhelm schlägt engere Kooperation mit Verlagen vor

Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm hat sich für eine Zusammenarbeit mit den Zeitungsverlagen ausgesprochen. Sinnvoll wäre eine Vernetzung der Plattformen, sagte Wilhelm am Dienstagabend bei einem Handelsblatt-Wirtschaftsclub-Gespräch in München. Der ARD sei es gesetzlich verboten, Werbung im Netz zu betreiben. “Aber wir könnten natürlich mit unserer Reichweite den Verlagen dabei helfen, auch eventuell eine Finanzquelle durch gewachsene Werbeumsätze wieder auf diesen vernetzten Plattformen zu bekommen.”

Der digitale öffentliche Raum gerate in den USA immer stärker in private Hand, warnte Wilhelm. Reichweite erziele, wer Facebook, Google und YouTube kostenlos seine eigenen, wertvollen Inhalte gebe. „Ein Gegenrezept kann sein, eigene Plattformen zu stärken“, sagte der BR-Intendant. „Als die vielen Einzelnen sind wir zu schwach.“ Aber eine Vernetzung über Deutschland hinaus ermögliche eine „europäische Selbstbehauptung, um auch kulturell tatsächlich überdauern zu können“. Neben den Verlagen seien auch Universitäten, Museen und andere Anbieter dafür zu gewinnen.

Warum wir zu doof sind, ein deutsches Facebook oder Youtube zu bauen und dazu auf die Amerikaner angewiesen sind, wäre zu klären.

Das nämlich wäre etwas gewesen, was man unter „Digitalisierung” verstehen könnte. Nachdem aber alle wesentlichen Schalt- und Entscheidungsstellen bei uns von Geisteswissenschaftlern besetzt sind, bleibt nichts als Gejammer. Und nachdem wir ein Juristenstaat sind, der nichts mehr selbst bauen kann, aber sich permanent über alles beschwert, was andere bauen, ist es vielleicht auch kein Zufall, dass Wilhelm Jurist und Journalist ist – zwei der Berufe, die uns in Deutschland am stärksten von einer Digitalisierung abhalten.

Auch die EU will Medien fördern, es geht dabei um Fake News:

BRÜSSEL. Eine EU-Expertenkommission empfiehlt im Kampf gegen Falschnachrichten die staatliche Förderung sogenannter Qualitätsmedien. Mit Ausnahmen bei der Mehrwertsteuer oder anderen Steuervorteilen für Medien solle Qualitätsjournalismus gefördert und die Medienvielfalt in Europa erhalten werden, schlägt die 39köpfige Beratergruppe laut der Nachrichtenagentur dpa vor.

Zudem werben die Experten dafür, internationale Projekte und Datenjournalismus finanziell zu unterstützen. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter sollten mit Medien zusammenarbeiten, die Inhalte glaubwürdiger Quelle verbreiten, und deren Einträge besser sichtbar zu machen. Die Maßnahmen sollten Teil einer Art Selbstverpflichtung der Unternehmen sein. […]

Zensur soll vermieden werden

Von schwarzen Listen oder vereinfachenden Lösungen sei jedoch abzuraten, um jede Art von Zensur zu vermeiden, sagte die Vorsitzende des Expertengremiums, Madeleine de Cock Buning. „Es geht hier nicht darum, ein Wahrheitsministerium zu erfinden“, erläuterte Gabriel.

Einziges deutsches Mitglied der Gruppe war ARD-„aktuell“-Chefredakteur Kai Gniffke. Er habe sich „manche Formulierung in dem Report gegenüber den Plattformbetreibern klarer gewünscht“, verdeutlichte er. Unterm Strich sei er aber „sehr zufrieden“ mit dem Ergebnis, denn „alle Beteiligen haben deutlich gemacht, daß Desinformation ein nicht zu unterschützendes Problem ist“.

Auch hier zieht die ARD im Hintergrund die Fäden, um die Medien zu finanzieren.

Bemerkenswert daran: Sie wollen gegen Fake News angehen, aber nicht Qualität oder Wahrheit fördern, sondern „glaubwürdige Quellen”, es geht also darum, wer schreibt und ob er aus Politiksicht „glaubwürdig”, also wirksam ist. Schreibt, was wir wollen, und wir retten Euch vor dem Verhungern.

Könnte sein, dass das das Leben verlängert, aber die Glaubwürdigkeit (und zwar die aus Sicht der Leser, das ist nämlich was anderes) noch weiter sinkt. Denn aus Sicht der Leser ist glaubwürdig, wem man glauben kann. Aus Sicht der Politik ist es, wem man glauben soll. Das wird nicht funktionieren.

Dead Woman Walking.

Nachtrag: Anscheinend versucht man jetzt, die absterbende Lokalpresse durch Roboter zu ersetzen.