Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Judith Butler und die Hintern

Hadmut
10.3.2018 14:29

Läuft alles nicht mehr so dolle.

Judith Butler galt als Ikone und Hohepriesterin aller Berufsdurchgeknallten vom Schlage der Gender Studies, die irgendeinen absurden Guru brauchen, dem sie hinterherlaufen können.

Butler predigte, dass der Körper bedeutungslos sei, dass das alles nur sozialisiert sei, dass wir uns Männer- und Frauenkörper nur einbilden, dass wir nicht Männer und Frauen sind, sondern nur solche Sozialverklumpungen Detailähnlicher. Für gewöhnlich würde man solche Leute als dumm und blind einstufen, aber heutzutage ernennt man sie zu Professoren und überschüttet sie mit Preisen. Gurus für die breite Masse müssen auf dummer Ebene arbeiten.

Nun wissen wir, dass Feministinnen langsam, aber profit- und vorteilsorientiert denken (oder was man so bezeichnet). Und ihnen ist aufgefallen, dass man in der total durchgegenderten und gefrauenquoteten Welt den Körper nun doch als Opfernarrativ braucht, denn Opfer zu sein ist ihre einzige Einnahmequelle, und nachdem man sie so völlig entopfert hat, bleibt der Körper als letztes Opfermoment, jedenfalls solange die Geschlechtsumwandlung noch weder gesetzliche Pflicht, noch den Modestatus von Tattoos erreicht hat (fehlt aber nicht mehr viel). Diverse Stadtteile von Berlin verbieten Werbung, auf denen Frauen gezeigt werden (jedenfalls ohne Burka gezeigt werden), weil es da nur um den weiblichen Körper ginge. Passt halt nicht zu Butler, die ja die Verbindung Frau und Körper ablehnt. Schlecht, wenn man Opferhonig saugen will.

Und schaut man sich feministische geistige Ergüsse der letzten Zeit so an, dann hat das frappierenderweise fast immer mit Körper zu tun, entweder mit dem femen-mäßigen Darbieten nackter Brüste, oder dem empörten Verbieten des Zeigens nackter Brüste, je nachdem, wie man’s gerade braucht, und natürlich allen Geschichten rund um die Menstruation, rauf und runter. Brüste und Menstruation sind dann doch schwierig ohne Verbindung zum Körper. Und sonst haben sie nicht viel. Mit der angekündigten feministischen Physik, Mathematik und Informatik war’s ja bisher nichts.

Deshalb will die TAZ jetzt Butler verabschieden:

Feministische Philosophie und Körper
Müssen wir Butler verabschieden?

In den 90er-Jahren verschwand der Körper aus dem Blick feministischer Philosophie. Judith Butler sei schuld, sagten viele. Jetzt ist er wieder da.

Nein, nicht Butler ist schuld. Wenn Idioten einem Guru hinterherlaufen, dann sind die Idioten selbst dran schuld.

Der weibliche Körper ist zurück. Die Diskussionen um ihn sind entflammt, als seien sie nie verloschen. Er ist zurück als Objekt, kommentierbar, antastbar und verletzbar in der #MeToo-Diskussion über Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt. Er ist zurück als regulierter und kontrollierter Körper in der Neuauflage der Abtreibungsdebatte und, wenn es um seine „Modelmaße“ geht, als Teil einer heteronormativen wie auch einer warenförmigen Optimierungsstrategie. Er ist zurück als markiert durch Hautfarben und Kleidung. Als wäre er nie weg gewesen.

Tja. Wenn einem an Identität, an identitätsstiftender Eigenschaft nichts mehr übrig ist, als sich für den Arsch zu halten, den die Harvey Weinsteins und Dieter Wedels begrapschen, und man nichts Besseres und nichts Wichtigeres mehr zu tun halt, als eiligst „Hier! Ich auch, ich auch! #MeToo” zu schreien und überhaupt noch mal aus der einsamen Höhle der Vergessenheit und Bedeutungslosigkeit hervorkommen zu können, wenn die wichtigsten Körperteile das Dekolletee mit Panoramaausschnitt bis zum Bauchnabel und der begrapschte Hintern – mit Originalhandabdruck und Autogramm von 1974, seither nicht mehr gewaschen! – sind, weil es trotz (oder gerade wegen) Frauenförderung und Planquoten mit dem Hirn einfach nicht geklappt hat, dann war dieser Satz nicht nur jetzt schon viel zu lang, sondern dann passen einem auch Feministengurus wie Judith Butler nicht mehr in den Kram, die die Zeichen der zeitgeistigen Opfermechanik nicht erkannt haben und behaupten, Frau und Körper hätten mit einander nichts zu tun, weil sie an dessen Stelle kein Substitut, keine identitäts-, und viel wichtiger, keine andere opfertumsstiftende Eigenschaften gesetzt hätten, die weiteres politisches Jammertum begründen könnte.

Oder kurz gesagt: Nach neofeministischer Doktrin ist die wichtigste und erste Eigenschaft der Frau, Opfer zu sein, und danach hat sich alles zu richten. Butler muss weg.

Dazu kommt, dass Frauen ja gerade in der Woge der „Selbstermächtigung” baden, und deshalb gerade ganz verzweifelt nach etwas suchen, worin sie noch Opfer sein können:

Was als sinnvolle Mahnung vor der Einrichtung in der Opferrolle begann, wurde bald in einem FDP-artigen Liberalpopulismus kurzgeschlossen: Opfer? Selbst schuld. Frauen wurden lieber „Top Girls“, wie Angela McRobbie schreibt: Vollständig angepasst an ein modernisiertes neoliberales Patriarchat, in dem sogar einige von ihnen eine hübsche patriarchale Dividende kassieren können. Germanys Next Topmodel. Das war’s mit der Frauensolidarität. […]

Natürlich wird so ein „Femonationalismus“, der die Rollen klar verteilt, durch die auflösende Wirkung der Genderforschung bedroht. Folglich wird Gender bekämpft. Umso bedenklicher ist es, dass es die Kritik an „Gender“ ist, die den Rechten, deren Rassismus noch nicht als gesellschaftsfähig gilt, den Weg bis weit in die Mitte und auch in die Linke ebnet.

Ein Problem gibt es immer bei der Tatsache, dass Judith Butler quasi den sichtbaren Körper mit Brüsten, Gebärmutter, Hoden und Penis als historisches Konstrukt betrachtet. Das halten viele für absurd, so oft Butler auch beteuert, dass sie nicht die Materialität der Körper an sich in Frage stellt.

Gerade die feministische Forschung in Deutschland lehnte Butler deshalb zu Beginn in großen Teilen bis hin zu einer oft zitierten „Rezeptionssperre“ ab. „Die Frau ohne Unterleib“, spottete Barbara Duden, Grande Dame der historischen Körperforschung, über Butler. Viele ärgerten sich vor allem darüber, dass Butler ihren Kampfbegriff „Geschlecht“ mittels Dekonstruktion in der Hand zerbröseln zu lassen schien. Wer die Zweigeschlechtlichkeit an sich in Frage stellt, wie kann der noch für eines dieser Geschlechter kämpfen?

Die Frage stellt sich? Wie kann man heute noch Frau sein, ohne Opfer zu sein? Und wie kann man im Zeitalter von Frauenförderung, Gratiskarrieren, Gleichstellung und Quoten noch Opfer sein? #MeToo. Indem man sich mit dem begrapschten Hintern identifiziert. Das letzte Stückchen Opfertum.

Man könnte auch sagen: Judith Butler wurde durch Harvey Weinstein ersetzt. Weinstein war es, der Frauen heute überhaupt noch eine Grundlage für ihre Identität gibt, der letzte, der sie noch als Opfer und damit als Frau und Grapschbacke legitimiert. Was wären all die alternden, abgetakelten Schauspielerinnenwracks, wenn nicht Weinstein und Wedel ihnen endlich mal wieder die Gelegenheit gegeben hätten, ihre Verwesung zu unterbrechen, von ihrem Komposthaufen herunterzusteigen und sich durch Vorzeigen ihres begrapschten Hinterteils, dessen Haut inzwischen so schlaff ist, dass man die Eindrücke noch sieht, als Frau zu fühlen und darzustellen? Wo selbst Omi daran erinnern kann, dass sie damals, kurz nach dem Krieg, mal begehrenswert und knackig war? Weinstein schafft es, Butler schafft es nicht. Hier bin ich Frau, hier darf ich’s sein! Ich will auch, ich will auch! Lasst mich vor! #MeToo!

Die Frau reidentifiziert sich als Grapschmasse. Wie ausgehungert lechzen sie danach, sexuell als Frau wahrgenommen zu werden, sich als begehrt, begrapscht fühlen zu dürfen. Gab es nicht den Spruch, dass schlimmer als sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nur wäre, dabei übergangen zu werden?

Wäre ich analytisch, würde ich jetzt sagen, das läge am Marxismus, dem man blind gefolgt ist, und dessen ideologisches Ziel ist, nicht nur geographisch und politisch, sondern auch geschlechtlich alle Eigenschaften aufzulösen, Menschen in eine eigenschaftslose homogene Masse zu verwandeln (und das „Diversität” zu nennen, obwohl es nicht auf Vielfalt, sondern auf Irrelevanz von Unterschieden und Eigenschaften hinausläuft). Nun hat man gemerkt, dass einem die totale Gleichheit und Unterschiedslosigkeit den Boden unter den Füßen wegzieht, wenn man sich nur darüber definiert, einer von einer Tätergruppe drangsalierten Opfergruppe anzugehören. Also muss man den Körper – banal gesagt: Brüste und Hintern – wieder aus der feministischen Rumpelkammer hervorzerren, um seinen Lebensunterhalt weiter bestreiten zu können.

Interessanterweise beruht diese Abneigung auf Gegenseitigkeit.

Auch Butler selbst überlegt, wie sie die Geister, die sie schuf, wieder loswerden könne.

Neulich hatten sie doch an einem politikwissenschaftlichen Institut vorgegeben, dass 40 Prozent der Texte von Frauen stammen müssen, es aber nicht genug Texte dafür gibt. Man kann Frauen für die Zukunft fördern (es zeigt sich aber, dass es nichts ändert), aber die Vergangenheit zu fälschen, ist eine andere Hausnummer. Wenn sie in der Vergangenheit nicht aktiv genug waren, lässt sich das rückwirkend eben nicht mehr ändern.

In der Not sollten Dozenten Texte von Judith Butler aufnehmen, obwohl die zum Thema nicht passten, weil’s eben keine Texte von Frauen zum Thema gab. Deshalb wird die Lehrveranstaltung jetzt gar nicht mehr angeboten.

Dass war dann sogar Judith Butler zu blöd, und das will viele heißen. Nach Lektüre ihrer Werke war ich eigentlich überzeugt, dass dieser Frau einfach gar nichts zu blöd ist. Aber vielleicht ist es auch nur so, dass sie für Geld alles macht und einfach schreibt, was viele Idioten gerne kaufen.

Butler führte wie Erik Ringmar die akademische Freiheit an, die in Zeiten autoritärer Herrschaftsformen besonders wichtig sei. Ein Zwang zu einer Frauenquote bei einer Literaturliste sei eine verwerfliche Methode, schrieb Butler. Eine gerechte Gesellschaft erreiche man durch Freiheit, nicht durch Quotierungen.

Auch Dagmar Simon, die die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) zu forschungsorientierten Gleichstellungsstandards berät, sagte Deutschlandfunk Kultur: Es sei “keine sehr gute Idee, alles durchzuquotieren.” Trotzdem sei es immer noch notwendig, den Finger in die Wunde zu legen, denn Arbeiten von Frauen würden leider häufig noch vergessen. Es sei daher gut, dass sich viele Frauen in der Wissenschaft ihren Weg durch Beharrlichkeit, Fleiß und Intelligenz gebahnt haben, nicht durch Quote.

Für die anderen geht jetzt wieder die Opfernummer mit dem Hintern.