Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Nachtrag 2 zu „Das verbotene Buch”

Hadmut
4.3.2018 22:36

Beobachtungen dieser Woche.[Anmerkung/Klarstellung]

Viele Leser haben es gemerkt: Ich habe nach dem langen Artikel, den ich Samstag letzter Woche geschrieben habe, einige Tage wenig gebloggt, mal gar nichts, mal nur dünn. Manche Leute haben sich erkundigt, ob es mir gut geht und ob ich noch lebe. Das finde ich nett. Danke. Andere Leute haben mir seltsam formulierte Vorwürfe geschickt, warum ich nachgelassen hätte und sie nicht täglich mit solchen Artikeln versorge (an dem habe ich mehrere Tage geschrieben). Einer mutmaßte, dass ich ein Schwindler sei und in Wirklichkeit eine Redaktion aus mehreren Leute das Blog betreibe, weil der Unterschied im Schreibstil offenkundig wäre. Das halte ich für eine Unverschämtheit. Das ist hier nun mal ein Feierabend- und Hobby-Projekt, und mal habe ich mehr Zeit, mal weniger oder gar keine.

Ich hatte diese Woche einige Freunde zu Besuch in Berlin, und natürlich habe ich mich um die gekümmert, bin tagsüber mit ihnen durch Berlin gezogen, abends mit ihnen essen gegangen und habe sie dann noch bis nachts bei mir bewirtet. Ich finde es bedenklich, wenn sich Leute nicht mehr vorstellen können, dass man auch mal etwas anderes macht, als jeden Abend am Computer zu sitzen und zu schreiben.

Da es deren zweiter Besuch war, und wir beim letzten Mal schon kaltes Wetter hatten und uns bei Außenaktivitäten auf das Besuchen von Weihnachtsmärkten beschränkten (ganz kurz vor dem Anschlag am Breitscheidplatz), haben wir damals intensiv Museen besucht und für dieses Mal mehr Außenaktivitäten geplant. Bekanntlich war es in dieser Woche aber unerwartet saukalt, weshalb wir dann doch wieder in Museen und Ausstellungen gelandet sind. Und in einigen dieser Ausstellungen habe ich noch allerhand Details zur deutschen Geschichte gefunden und gelernt. Beispielsweise in der Brandenburger-Tor-Ausstellung (am Brandenburger Tor…), eigentlich mehr eine Multimedia-Show mit noch ein paar Bildchen im Nebenraum. Mir war bisher nicht so ganz klar, dass sich Napoleon hier die Quadriga als Kriegsbeute geholt und sie sich daraufhin mit anderen verbündet, ihm den Hintern versohlt und die Quadriga wieder zurückgeholt und dafür den Pariser Platz so benannt haben. In der Reichstagskuppel war ich vor vielen Jahren schon mal, aber jetzt nochmal mit Freunden und vorher mit Führung zum geschichtsträchtigen Teil. Die Kuppel ist unbeheizt und oben und unten offen, da zieht’s wie im Affenstall, und das ist sogar so gewollt, denn die Kuppel ist nach dem Kaminprinzip gebaut und hat oben ein großes Loch, einen Auslass, über den die heiße Luft in die Atmosphäre entsorgt wird, die unsere Parlamentarier produzieren. Und da wundern die sich noch über die Klimaerwärmung. Aber die Aussicht ist toll:

In dreien dieser Ausstellungen und Museen habe ich dann aber – unerwartet – noch Hinweise gefunden, die meine bisherige Darstellung bestätigen. Deshalb will ich dazu noch etwas schreiben.

Deutscher Dom am Gendarmenmarkt

Den sollte man unbedingt mal besuchen, auf mehreren Etagen gibt es eine Kurzdarstellung deutscher Geschichte samt Minikopie des Bundestags (ulkig, wenn man gerade vorher im echten war). Allerdings habe ich mir das nur lose gemerkt, zumal vieles bebildert ist, und mir den Ablauf aus anderen Quellen noch ergänzt. Das hier ist also keine reine Darstellung der Ausstellung, sondern mehr so das, wozu mich das angeregt hat.

Eigentlich fängt der ganze Ärger, das ganze Schlamassel Mitte des 19. Jahrhunderts an, mit der Deutschen Revolution 1848/1849 und der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. In Frankreich hatte die französische Revolution geklappt und Erfolg damit gehabt, den verhassten Adel loszuwerden und durch eine Republik gleicher Bürger mit gleichen Rechten zu ersetzen. Den genauen Zusammenhang mit der französischen Februarrevolution von 1948 muss ich mir nochmal anschauen, das habe ich noch nicht so ganz verstanden. In Deutschland herrschten weiter die Fürsten und Könige. Deutschland war in Kleinstaaten zerfallen und daraus entstand gerade das Deutsche Reich, und man wollte dem eine Verfassung mit Grundrechten geben. Einige der wichtigsten Grundrechte unseres heutigen Grundgesetzes stimmen fast wörtlich damit überein. Die Verfassung wird aber von vielen nicht angekommen, und der Versuch, sie – etwa in Baden – durchzusetzen, geht schief. Schon im Vorfeld hatte man in Deutschland eine massive Zensur etabliert, man durfte keine Kritik mehr äußern, daher die Grundrechte der Rede- und Versammlungsfreiheit. Daraus entwickelte sich ein Revolutionsversuch, der aber scheiterte.

Aus diesem Hintergrund erklärt sich wohl auch, warum Universitäten sogar heute noch weit links sind, aber rechte Einsprengsel in Form von Burschenschaften haben, denn an den Universitäten formte sich zuerst Widerstand gegen das Repressive System der „Heiligen Allianz” (Russlands, Österreichs und Preußens). August Friedrich Ferdinand von Kotzebue war u.a. als russischer Generalkonsul tätig und Wikipedia sagt dazu:

In seinem Literarischen Wochenblatt, das er in Weimar – dank der dort existierenden Pressefreiheit – veröffentlichen konnte, griff er die deutschen Universitäten und vornehmlich die Burschenschaften und Turnerbünde als Brutstätten der Revolution sowie den politischen Liberalismus an (dessen Ziele Volksvertretung und Pressefreiheit waren), verspottete den von den Studenten verehrten Turnvater Jahn und verhöhnte die Ideale der deutschen Nationalbewegung.

Der Jenaer Burschenschafter und Theologiestudent Karl Ludwig Sand hat ihn dafür erstochen. Die Folge dessen waren die Karlsbader Beschlüsse von 1819:

Die Konferenzen berieten über Maßnahmen zur Überwachung und Bekämpfung liberaler und nationaler Tendenzen im nach-napoleonischen Deutschland. […] Anlass für die Karlsbader Beschlüsse war die damals an verschiedenen deutschen Höfen vorherrschende Revolutionsangst. Auslöser und Rechtfertigung für die Karlsbader Beschlüsse war die Ermordung des Schriftstellers und russischen Generalkonsuls August von Kotzebue am 23. März 1819 durch Karl Ludwig Sand, einen Theologiestudenten und Erlanger/Jenaer Burschenschafter. […]

Eine wesentliche Qualität der Beschlüsse besteht darin, dass der reaktionäre Deutsche Bund liberale und nationale Ideen als Volksverhetzung begriff und die Träger dieser Ideen als Demagogen verfolgte. Diese Demagogenverfolgung fand besonders intensiv im Königreich Preußen und im Kurfürstentum Hessen statt. Betroffen durch Verfolgung und Inhaftierung waren z. B. Ernst Moritz Arndt, Karl Marx, Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Hans Ferdinand Maßmann, Franz Lieber, Christian Sartorius, Georg Büchner, Fritz Reuter, Friedrich Ludwig Jahn, Karl Theodor Welcker und Friedrich Gottlieb Welcker, aber auch der im damals dänischen Schleswig-Holstein lebende Uwe Jens Lornsen. E. T. A. Hoffmann, der 1819 bis 1821 als Kammergerichtsrat selbst in der preußischen Immediat-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe saß, hat die Vorgangsweise der Behörden in seiner Erzählung Meister Floh satirisch dargestellt. Er bekam dadurch selbst Schwierigkeiten mit der Zensur und der Disziplinarbehörde. In der Folge des Hambacher Festes wurde die Demagogenverfolgung 1832 noch einmal erneuert. Erst mit der Deutschen Revolution 1848/49 wurden die Karlsbader Beschlüsse vom Bundestag am 2. April 1848 wieder abgeschafft.

„Volksverhetzung” – daher kommt der Begriff als reaktionäre Angst vor obrigkeitsabweichenden Ideen und revolutionären Gedanken. Damals sagte man Demagogen, heute sagt man Populisten, meint aber das gleiche – Leute, die das Volk gegen die Obrigkeit aufbringen. Wenn heute also Heiko Maas und die Staats- und Parteimedien gegen Hate Speech als Volksverhetzung vorgehen, auf Populisten schimpfen und gegen Burschenschafter angehen, dann wiederholen sie im Prinzip ziemlich identisch die Geschichte von vor 200 Jahren. Im Prinzip ist die political correctness nichts anderes als die Wiederholung dieser Karlsbader Beschlüsse, nur mit dem Unterschied, dass Marx damals noch Gejagter war, während heute die Marxisten in der Regierung sitzen und die Jäger sind. Zwar hat man damals Burschenschaften verboten, der Nationalstaatsgedanke wurde aber in den studentischen Zirkeln aufrechterhalten. (Ich hatte in Adele und die Fledermaus im Anhang über die Unwürdigkeit der Promotion schon erklärt, dass der Nationalsozialismus an den Universitäten vor allem von den Studenten verbreitet wurde.)

Letztlich sind damit die Aktivitäten des Heiko Maas und sein Netzdurchsetzungsgesetz, und die Anwendung von „Volksverhetzung” unmittelbar verfassungwidrig im historischen Sinne: Denn zwar fand das alles vor der Reichsverfassung von 1849 statt, aber die war ja gerade dagegen formuliert, Presse-, Meinungs-, Rede- und Versammlungsfreiheit und Abwesenheit von Zensur sollte sie garantieren. Solche Volksverhetzungs- und Redeverfolgungen als Demagogie/Populismus stehen also schon im historischen Kern unserer Verfassung entgegen. (Insofern ist es auch dämlich, wenn „Reichsbürger” nun daherkommen und behaupten, wir hätten keine Verfassung, weil solche Elemente des Grundgesetzes der für das „Deutsch Reich” gedachten Verfassung entnommen sind.)

Arbeiter, Bauern und Intellektuelle waren damals in einer unguten Situation, rechtlos, unterdrückt, in katastrophalen Arbeitsverhältnissen. Rings herum nur Auseinandersetzungen und Revolutionen. Aus diesem Milieu hätten sich nicht nur viele als Auswanderer nach Amerika abgesetzt und dort ihr Glück in der damaligen freien Landnahme gefunden, in der sie einfach selbst Grundbesitzer werden konnten. Daraus wurde dort dann der Wilde Westen mit Schießereien und allem drumherum. Einer derer, die sich in dieser Situation ihr Weltbild gebaut und ins Ausland geflogen sind, war eben Karl Marx. Der baute mit seinem Kommunismus und dem Klassenkampf so eine Art Utopietherapie und fehlschlussfolgerte, dass der große Klassenkampf das alles abschaffen werde und müsse.

Dann hat man sich bis zum Ende des ersten Weltkrieges erst mal wieder mit was anderem beschäftigt, bis dann Marx Schriften und der Kommunismus so weit waren, in Russland mit der Oktoberrevoution richtig Unheil angerichtet hatten und von hinten wieder reinkamen. 1919 wurde das alles dann ziemlich radikal. Leute wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht organisierten den Spartakusbund und gründeten die Kommunistische Partei, und wollten hier eine Räterepublik ausrufen (Sowjet = Rat). Dafür hat man sie zeitnah erschossen. Man war davon eben nicht so begeistert.

In der Ausstellung stehen solche kleinen Monitore herum, an denen man per Tastendruck Themen wählen und sich einen Ohrhörer ans Ohr halten kann um sich ganz kurze Videos anzusehen. In einem dieser Videos habe ich ganz kurz ein Bild gesehen (in der dritten Wiederholung per Handy unscharf abfotografiert und dann im Internet gefunden):

Der links im Kreis soll Hitler sein. Angeblich ist das Bild von 1926. Gerade mal 75 Jahre nach der Reichsverfassung und dem Versuch des Aufstandes.

Als Auslöser für den Wahlsieg des Nationalsozialismus gibt eine Texttafel der Ausstellung an:

Ungewisse Zukunft

Die Weltwirtschaftskrise und der übersättigte Arbeitsmarkt lassen in Deutschland innerhalb kürzester Zeit die Zahl der Arbeitslosen rapide ansteigen. Die Finanzierung der angestiegenen Sozialleistungen führt vor allem zwischen den Koalitionspartnern SPD und DVP zu Differenzen, an denen die Regierung Müller am 27. März 1930 schließlich zerbricht.

Eine ähnliche Situation haben wir heute, sogar der Bürgermeister von Berlin heißt Müller. Noch brummt die Weltwirtschaft und der Arbeitsmarkt ist noch gut, aber es gibt Gerüchte, dass die USA und China direkt vor einer Krise stehen. [Anmerkung/Klarstellung: Es haben Leser angefragt, weil sie die Aussage als Krise zwischen den USA und China verstanden hatten. Ich habe mich missverständlich ausgedrückt. Ich meinte, dass die jeweils gerade in ihre eigenen Finanz- und Wirtschaftskrisen laufen, unabhängig voneinander. ] Gleichzeitig haben wir hier irre Kosten für Sozialleistungen, und wir können sehr schnell wieder in einer solchen Situation sein. Nochmal einige Texttafeln:

Vormarsch der Extreme

Von Anfang an findet die von Brüning eingeleitete Sparpolitik zur Sanierung des Staatshaushaltes im Reichstag keine Mehrheit. Als das Parlament Brünings Gesetzentwürfe ablehnt, löst Hindenburg den Reichstag auf und setzt sie als Notverordnungen in Kraft. Die im September 1930 stattfindende Neuwahl endet mit einer katastrophalen Niederlage der republikanischen Parteien, während die NSDAP zur zweitstärksten Fraktion aufsteigt und die KPD knapp über 13 Prozent der Stimmen erhält.

Bündelung der rechtsextremen Kräfte

Die anhaltende Wirtschaftskrise und die zunehmende Verelendung verhärten auch die politischen Fronten. Am 11. Oktober 1931 veranstaltet die »nationale Opposition« aus DNVP, NSDAP und völkischen Verbänden in Bad Harzburg eine gemeinsame Großkundgebung, mit der sie ihre Geschlossenheit im Kampf gegen die Republik und die Regierung Brüning demonstrieren will.

Republikanische Abwehrfront

Auf die Herausforderung von rechts reagieren die SPD und die ihr nahe stehenden Organisationen am 16. Dezember 1931 mit der Gründung der »eisernen Front«, die jedoch keinerlei Unterstützung bei den übrigen Parteien der ehemaligen Weimarer Koalition findet. Als paramilitärische Wehrorganisation versucht sie die Angriffe der kommunistischen und nationalsozialistischen Verbände auf die Republik abzuwehren.

Gerade der letzte Absatz (die letzte zitierte Tafel) riecht massiv nach Antifa.

Aber auch sonst kommt einem die Situation so bekannt vor, wie die von heute.

Übrigens habe ich noch ein weiteres Plagiat, eine weitere Nachahmung entdeckt:

Die politischen Gegner werden ausgeschaltet

Nach dem Verbot von KPD und SPD und der Selbstauflösung der verbliebenen demokratischen Parteien wird die NSDAP am 14. Juli 1933 durch das »Gesetz gegen die Neubildung von Parteien« zur einzigen Partei in Deutschland erklärt.

Auch dieses Konzept wurde im Marxismus immer gerne genommen.

Am 9. Juni 1945 fängt die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) an, in ihrer Besatzungszone ein kommunistisches Herrschafts- und Gesellschaftssystem zu errichten. SPD und KPD werden wieder gegründet, dazu eine CDU und eine LDP. Im April 1946 werden SPD und KPD auf Druck der SMAD zur SED verschmolzen.

Spionagemuseum am Leipziger Platz

Dazu sage ich jetzt nicht viel, weil es mit dem Thema nur sehr wenig zu tun hat, außer natürlich dem kalten Krieg und der Ost-West-Spionage. Das Museum ist mittelprächtig, hat zwar diverse nette Ausstellungsstücke, ist im Ergebnis aber eher unterhaltsam, informativ ist es eigentlich nicht so. Und dafür meines Erachtens zu teuer.

Bei einem Ausstellungsstück habe ich aber eine Bemerkung gefunden, wonach Lenin von den Deutschen bezahlt und zu den Russen geschickt wurde, um die als Land zu destabilisieren. Würde das stimmen, dann hätte man sich den ganzen Ärger selbst gemacht.

Stasigefängnis Hohenschönhausen

Das Stasimuseum in der Normannenstraße und das Stasigefängnis in Hohenschönhausen sollte man unbedingt mal besucht haben. Vor allem dann, wenn man die DDR und Kommunismus und Sozialismus für etwas Positives hält. Ersteres habe ich inzwischen dreimal, letzteres inzwischen zweimal besucht, und mir vor allem die Führungen angehört. Ich finde es frappierend, wenn mir dort (und damals in meiner Zeit in Dresden) die Leute erzählen, dass die Überwachung absurde Ausmaße annahm, wenn etwa in einer kleinen Rockband gleich zweie von der Stasi waren ohne voneinander zu wissen, um sich gegenseitig zu überwachen, ob sie auch richtig überwachen, mir aber dann, wenn ich sowas mal im Blog erwähne, der eine oder andere empörte Alt-DDRler (und anscheinend Stasi-Sympathisant) erbost schreibt, das wäre alles Lüge, solche Überwachung habe es in der DDR nicht gegeben. Auch im Stasigefängnis hatten sie anfangs Leute, die das stören und sabotieren wollten und alles als Lüge bezeichneten, und andere, die dort entdeckten, dass sie in diesem Gefängnis gewesen waren, weil viele Inhaftierte der DDR durch deren perfide Psychomethoden nie erfuhren, in welchem Gefängnis, in welchem Teil der DDR sie gewesen waren. Man erfährt beispielsweise, dass man dort zu Lebzeiten Stalins nach stalinistischter Art und unter russischer Anleitung und Aufsicht massiv körperlich gefoltert hat, sich nach dessen Tod aber auf die Psychomethoden verlegt hat. Man erfährt, dass die Russen nach dem Krieg gerne einige KZs übernommen und weiterbetrieben haben.

Und man erfährt, was eigentlich der Grund für deren neurotischem Überwachungswahn war: Der „antistalinistische” Aufstand vom 17. Juni 1953 habe die SED kalt und unvorbereitet erwischt und deren Ziel der rigorosen Durchsetzung des Sozialismus gefährdet. Man wollte deshalb verhindern, dass sich nochmal unerkannte sozialismuskritische Gedanken bilden konnten. Alles und jeder wurde überwacht, alles wurde eingemauert, und wer nur den kleinsten kritischen Gedanken hatte, wurde abgehört und eingebuchtet. Und manchmal hingerichtet, im Totenschein stand dann was von Unfall. Man muss sich klar machen, was für ein monströs unterdrückendes System Stalinismus und Sozialismus sind. Menschen wird gegen ihren Willen und unter großer Gewalt eine absurde Utopie aufgezwungen.

Seit meinem letzten Besuch vor einigen Jahren wurde die Gedenkstätte deutlich aufgewertet und ausgebaut und mit einer Dauerausstellung zu einer Art Museum ausgebaut, das einem ergänzende Informationen zum perfiden totalitären System DDR liefert.

Der für mich aber hochinteressante Brüller war die temporäre und ganz in rot gehaltene Sonderausstellung zu Stalin. Die nämlich lieferte ein etwas anderes als das sonst von political correctness und Sozialismus gebügeltes Bild, denn das Stasigefängnis wird ja von Betroffenen und Sozialismuskritikern betrieben. Ein wesentlicher Teil der Ausstellung war nämlich das Ansinnen Stalins und der Kommunisten, Deutschland zu überrollen, und die daraus erwachsende Konfrontation Hitler-Stalin, und das aus dem Kontext heraus, dass in der sowjetischen Besatzungszone, aus der die DDR entstand, im Prinzip genau der Stalinismus eingeführt wurde, den man schon vor dem Krieg beabsichtigt hatte, und sich das erst durch Stalins Tod von körperlicher auf eher psychische Gewalt und Sozialismus heruntergemäßigt hatte. (Kontext-Info: Stalin starb am 5.3.1953, es kam in der Sowjetunion zu Nachfolgestreitigkeiten, der oben genannte Aufstand fand im Juni 1953 statt und wurde gewaltsam auch mit russischen Panzern niedergeschlagen. Nachfolger Stalins war Nikita Chruschtschow, der eine Entstalinisierung einleitete und eher auf Frieden aus war, und deshalb dann 1964 von Leonid Breschnew gestürzt wurde.) Das hatte jeweils unmittelbare Auswirkungen auf SED, Stasi und eben dieses Gefängnis und den Umgang mit Gefangenen. Stalin (eigentlich hieß er Dschughaschwili, nannte sich aber selbst in den „Stählernen” um) war von Lenin 1912 ins kommunistische Zentralkomitee berufen worden, kam 1922 nach Lenis Erkrankung an die Macht und ließ sich dann als gottähnlichen Übermenschen darstellen. Er legte einen harten Kurs zur Stalinisierung auch des damaligen Deutschlands vor.

Im Februar 1925 druckte das Zentralorgan (Parteizeitung) der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) ein Gespräch (heute würde man es „Interview” nennen) mit Stalin, die Zeitung ist im Museum ausgestellt.

Die KPD empfiehlt, es nicht einfach nur zu lesen, sondern zu „studieren”. Titel: „Genosse Stalin über die Lage in Deutschland und die Aufgaben der KPD. Er äußert sich darin zum Dawes-Plan und rügt, dass das amerikanische Kapital in Deutschland Fuß fasse. Dazu sagt Stalin

„Die Gegensätze und Widersprüche zwischen der Erweiterung der deutschen Industrie einerseits und der Einschränkung der äußeren Märkte derselben Industrie andererseits, das Mißverhältnis zwischen den ungeheuren Forderungen der Ententemächte einerseits und den begrenzten Möglichkeiten der Erfüllung dieser Forderungen seitens der Volkswirtschaft andererseits

all dies verschlechtert unvermeidlich die Lage des Proletariats, der Kleinbauern, Angestellten und Intellektuellen und muß zur Explosion, zum direkten Kampf für die Machtergreifung führen.

Dieser Umstand ist aber nicht die einzige günstige Bedingung der deutschen Revolution. Zum Sieg dieser Revolution ist außerdem unbedingt notwendig, daß die

kommunistische Partei

die Mehrheit der Arbeiterklasse vertrete und die entscheidende Kraft in der Arbeiterklasse darstelle. Es ist unbedingt notwendig, daß die Sozialdemokratie zerschlagen und entlarvt wird, daß sie zur nichtigen Minderheit in der Arbeiterklasse herabgedrückt werde. Ohne diese Vorbedingungen ist die proletarische Diktatur undenkbar. […] Wenn innerhalb der Arbeiterklasse zwei konkurrierende Parteien von gleicher Stärke vorhanden sind, so ist der bleibende feste Sieg der Revolution selbst bei sonst günstigen Bedingungen unmöglich. Lenin bestand hierauf als erster ganz besonders in der Periode vor der russischen Oktoberrevolution, als auf der notwendigen Vorbedingung des proletarischen Sieges.”

Lenin hatte die Vorstellung, dass es nur eine Partei geben könne. Während Stalin hier noch versucht, die SPD frontal anzugreifen und zu bekämpfen, wurden SPD und KPD – offenbar aus derselben Überlegung heraus – nach dem Krieg in der DDR zur SED, zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zwangsweise zusammengeschlossen.

Ich weiß es nicht, würde aber vermuten, dass genau hinter dieser Denkweise Stalins auch der Begriff der „Bolschewisten”, auf Deutsch „Mehrheitler”, steht bzw. entstanden ist.

Da hat einer vor, eine Diktatur zu errichten.

Am 12.1.1933 veröffentlichte die „Rote Fahne” kurz vor der Machtübernahme Hitlers (Ende Januar) eine Rede Stalins:

Die Sowjets verändern das Antlitz der Erde! – Stalins Rede zum Abschluß des ersten 5-Jahres-Plans.

Das ist der Boden, auf dem der Nationalsozialismus Hitlers gewachsen ist. Wenige Jahre zuvor war es in Russland zur brutalen Oktoberrevolution gekommen, die deutsche Grenze damals nicht sehr weit von der russischen entfernt, noch kurz vorher, im Kaiserreich, grenzte das Deutsche Reich direkt und weitreichend direkt an das russische Kaiserreich („…von der Maas bis an die Memel…”). Auch wenn das durch den Versailler Vertrag dann geändert wurde, war Russland und damit Bolschewismus und Stalinismus zumindest gefühlt noch direkter Nachbar auf großer Fläche, indirekt auch über Polen, das fand also nicht irgendwo statt, das war eine unmittelbare Bedrohung.

Auf einer Texttafel der Ausstellung wird beschrieben, dass die Nationalsozialisten die KPD und damit den Stalin-Kult 1933 in den Untergrund trieben. Staatsdoktrin in Deutschland sei der Kampf gegen den „jüdischen Bolschewismus” geworden. Hitler habe sich mit Stalin direkt nicht primär befasst, weil er nicht in dessen Weltbild passte. Nach Hitlers Auffassung ist der Bolschewismus eine Strategie der Juden, und in diese Sicht passt Stalin nicht rein. 1935 habe Hitler den Antibolschewismus verstärkt, die Reichsparteitage 1936 und 1937 seien Höhepunkte gewesen. 1939 kam es zu einem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, in Folge dessen diese antisowjetische Propaganda urplötzlich gestoppt wurde, ebenso habe die kommunistische Internationale (komintern) ihre antifaschistischen Aktionen gestoppt. Gleichzeitig wird die „Antikomintern” der Nationalsozialisten aufgelöst. Zum Angriff auf die Sowjetunion habe Hitler 1941 befohlen, die „jüdisch-bolschewistische Intelligenz als bisherigen Unterdrücker in Russland zu beseitigen”. Nach Stalingrad habe die Rote Armee auf Angriff umgeschaltet und die NS-Propaganda den Krieg als Verteidigungskampf Europas gegen den „Bolschewismus” ausgegeben.Gezeigt wird dazu auch ein Buch mit Titel „Ein Kampf um Deutschland”, das Hitler und Kommunisten mit Hammer und Sichel zeigt, die unmittelbare Konfrontation.

Auffällig und zu meinem bisherigen Befund exakt passend war auch ein anderer Aspekt der Ausstellung: Nämlich die Nachahmung des Baustils. Man sieht Bilder des deutschen und russischen Pavillons (eher Bunker) auf der Pariser Weltausstellung von 1937, und sehr ähnliche Bilder habe ich auf dieser Webseite gefunden. Links und rechts des Eifelturms stehen sich monströse Wuchtbauten, ein deutscher und ein sowjetischer, frontal gegenüber und veranschaulichen die Konkurrenz und Konfrontation. Der Stil ist sehr ähnlich. Dazu eine Texttafel der Ausstellung:

In den 1930er Jahren sind die diktatorischen Regime in Europa auf dem Vormarsch. Völkische und Kommunistische Bewegung kämpfen um die Vorherrschaft. Auf der Pariser Weltausstellung von 1937 stehen sich der sowjetische und der deutsche Pavillon direkt gegenüber.

Ebenfalls wird ein Buch von 1942 mit dem Titel „Juden hinter Stalin” gezeigt, vorne der Kopf Stalins, dahinter ein Kopf in typischer NS-Propaganda-Judendarstellung mit großer Nase, fliehender Stirn, vorstehendem Unterkiefer. Man versuchte also, Stalin und den Bolschewismus als jüdisch darzustellen. Im Februar 1943 musste die Propaganda zugeben, dass die 6. Armee bei Stalingrad unterlegen sei.

Zwei zentrale Inhalte meiner Blog-Artikel der letzten Tage zu diesem Thema werden darin bestätigt: Nämlich dass es primär um eine (zumindest subjektive) Abwehrreaktion gegen den Bolschewismus ging und die Judenfeindlichkeit eher das Vehikel war. Und dass Hitler den Stil der Marxisten nachgeahmt hat. Ein weiteres ausgestelltes Buch lautet „Sieg oder Bolschewismus”.

Oder wie es in der Ausstellung hieß: Nationalismus gegen Kommunismus.

Das ist ein elementar wichtiger Punkt: Denn wie ich schon im Artikel über das verbotene Buch angesprochen habe, ist – jedenfalls mir – aus Geschichtsunterricht und den unzähligen Holocaustausstellungen und Gedenkstätten nie ersichtlich geworden, warum eigentlich Hitler und die Nationalsozialisten so gegen Juden aufgebracht waren und sie als Gegner ansahen. Das liegt ja zunächst mal nicht auf einer Ebene, da fehlt ja ein Bindestück, eine Erklärung. Sieht man es aber auf der Achse Nationalismus gegen Kommunismus, dann stehen sich zwei Ideologien und Weltanschauungen – also substanzgleiche Gegner auf gleicher Ebene – mit diametral zuwiderlaufendem, komplementärem, unvereinbarem, feindlichem Inhalt gegenüber. Ansonsten sind sie gleich, das eine die Kopie des anderen.

Fazit

Meine in den letzten Tagen gebildete Auffassung, dass Hitler und der Nationalsozialismus nur eine Gegenreaktion gegen Marxismus waren und der Judenhass eher eine Begleiterscheinung, um einen angreifbaren Gegner zu haben, scheint sich zu bestätigen. Auch, dass an Hitler eigentlich nichts eigen, sondern von vorne bis hinten alles nachgeahmt und abgekupfert war.

Eine wesentliche Erkenntnis ist nun, dass das alles eigentlich bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, Kotzebue, den Karlsbader Beschlüssen und dann der Reichtsverfassung zurückgeht. Eigentlich wiederholt sich seit damals vieles immer wieder. Und seit damals haben wir das Problem mit der Ebene Nationalismus gegen Internationales, woraus dann der Kommunismus über Marx entstand und über Lenin, Stalin und Russland wieder zu uns kam. Seitdem läuft da eigentlich permanent derselbe Mist, der Versuch, Leute auf eine ideologische Vereinheitlichung zu ziehen, und Leute, die dagegen sind. Im Ergebnis haben wir seit etwa 200 Jahren das Problem Kommunismus/Nationalismus, während Hitler und die Nationalsozialisten eigentlich nur eine kurze, nicht mal 25 Jahre dauernde Episode waren.

Bemerkenswert finde ich nicht nur, dass ich endlich mal dazu gekommen bin, meinen 360°-Kamera auszuprobieren, sondern dass man heute die Geschichte von vor 200 Jahren, nämlich Meinungen und Rede aus Angst vor Kontrollverlust und Revolution zu unterdrücken, gerade wiederholt.

Man weiß, was daraus im Ergebnis geworden ist. Über 100 Millionen Tote.

Und nun wiederholt man das alles.