Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Journalismus: Die FAZ erklärt uns den Computer

Hadmut
7.1.2018 12:57

Triggerwarning. Könnte zu Fassungslosigkeit oder Lachanfällen führen.

Wir haben gerade Computer-Großalarm, alle Prozessoren kaputt, Großalarm der Digital Natives. Und deshalb meint nun jeder Journalist, auf die Schnelle irgendwas zum Thema Computer blubbern zu müssen, obwohl das Thema Computer bisher doch so unwichtig und nebensächlich war, dass man sich als Journalist noch nie damit beschäftigen musste.

Und so erklärt uns Anna Steiner, Redakteurin der Wirtschaftsredaktion der FAZ, Den Computer – das unbekannte Wesen

Seit Anbeginn des Computerzeitalters galt die Prämisse „Geschwindigkeit vor allem anderen“. Doch diesen Grundsatz stellt eine in der vergangenen Woche aufgedeckte Sicherheitslücke in Frage.

Schön als Tatvorwurf. Zeitgeist beruht darauf, Leuten irgendetwas an den Kopf zu werfen, meist etwas was mit *ismus endet, und ihnen zu unterstellen, dass sie ihren Fetisch dem Wohle anderer Menschen vorziehen. Sexismus gegenüber dem Wohl von Frauen, Kapitalismus, Rassismus, Ageism und so weiter. Und jetzt eben wieder dieselbe Masche, nur dass sie noch kein griffiges *ismus-Schimpfwort gefunden haben. Speedism? Computism? Wie auch immer.

Der zentrale Punkt ist: Es geht nicht um den technischen Aspekt. Es geht darum, es in das einzige System zu übersetzen, das die meisten Journalisten heute noch verstehen: Moral.

Die Botschaft ist: Wir haben zwar nicht so genau verstanden, was da eigentlich vor sich geht, aber wir sind uns sicher, dass das wieder ganz fies unmoralisch ist, wie VW Diesel. Und wir alle sind natürlich wieder Opfer. Denn Intel hat nicht etwa einen Fehler gemacht. Zwar müsste sich längst rumgesprochen haben, dass Software nicht fehlerfrei ist und aus demselben Grund etwas so hochkomplexes wie ein Mikroprozessor auch nicht fehlerfrei ist, aber das interessiert nicht. Intel hat uns aus niederträchtiger Gesinnung und zugunsten schändlicher Interessen geopfert, denn immer wieder liest man – und wurde mir auch von Lesern geschrieben – dass Intel das „in Kauf genommen” habe. Man unterstellt, dass Intel hier eine regelrechte Abwägung zwischen Profit und Sicherheit gemacht und sich für den Profit entschieden habe.

Bei Volkswagen mag das sogar so gewesen sein, zumal die ja mit Abgasschwindel auch „schneller” fuhren, aber trotzdem ist die wesentliche Ursächlichkeit eine andere: Der Preis.

Volkswagen kann saubere Autos bauen, aber nicht zu dem Preis, den Autos in den USA haben. Man kann aber auch nicht entscheiden, dass man in den USA dann keine Autos anbietet, weil Volkswagen von der Politik gesteuert wird und die gerne viele Arbeitsplätze und Steuern haben will, um all den Kram wie Frauenquoten, Frauenprofessuren, Flüchtlingsheime, Griechenland und was der Zeitgeist noch alles so hergibt, finanzieren zu können. Wir haben ja eine linke Politik und linke Klientel, und die kostet viel Geld, mehr, als wir auf seriöse Weise noch erwirtschaften können.

Bei Intel ist es etwas anders, da sind wir als „Technologieland” nur noch in der Kundenrolle, aber wollen es gerne billig. Wir wollen Google und Facebook und Twitter haben, natürlich kostenlos, und natürlich auch alle einen hübschen PC oder Mac zuhause, ein Tablet für’s Wohnzimmer und Smartphones natürlich, und die sollen auch billig sein, weil die 6-jährige Tochter ja auch eins braucht. Ein gewöhnliches Telefon zum Telefonieren und sonst nichts kann man einer Tochter heute nicht mehr schenken.

Müssen Prozessoren so rasend schnell sein? Für die meisten Dinge eigentlich nicht, die meisten Computer langweilen sich die meiste Zeit und drehen Wartezyklen, bis es endlich mal wieder was zu tun gibt.

Billig heißt in vielen Fällen aber, dass wir ganz viele verschiedene Dinge auf einen Computer packen, dass wir virtualisieren. Und denselben Computer für ganz viele verschiedene Dinge benutzen. Wir haben nicht einen Computer für Telebanking, einen zweiten für’s Mailen und einen dritten zum Pornos gucken. Wir wollen, dass das alles auf einem Computer läuft. Und wir wollen, dass wir ganz billige Cloud-Dienste haben. Weil doch jeder Manager heute weiß, dass wir unbedingt in die Cloud müssen.
Warum? Na, also weil … weil … wegen … also, weil es ganz dolle Geld spart. Und warum spart es Geld? Einmal, weil wir dafür nicht unseren teuren sauberen Öko-Strom verwenden, sondern irgendwo rechnen lassen, wo der Strom aus üblen alten Kraftwerken billig erzeugt wird (gut für unsere CO2-Bilanz, so ähnlich wie Müllexport in andere Länder, nur mal der Moral wegen erwähnt), und vor allem, weil wir uns damit Prozessoren mit anderen teilen.

Viele reden so gerne vom Modebegriff „in der Cloud”. „In der Cloud” heißt aber nur promiskuitives Rechnen, denn

  1. „Die Cloud” gibt es nicht, man rechnet einfach woanders, aber weiß nicht wo,
  2. man weiß nicht, wer darauf aufpasst,
  3. man treibt sich mit wildfremden Leuten und üblen Anwendungen auf demselben Rechner herum.

Jeder Vater, der etwas auf sich hält, würde seinen minderjährigen Töchtern Cloud Computing strikt verbieten.

Aber weil wir es billig wollen, packen wir zuhause alle möglichen Anwendungen von Bank bis Porno auf einen Rechner und stopfen in die Billig-Cloud, was geht.

Haben wir jemals danach gefragt, ob es sicher ist? Eigentlich nicht. Es gab schön öfters Softwareprobleme, durch die Gastprogramme aus der Virtualisierung ausbrechen und auf den Wirt zugreifen können, aber das hat außerhalb der IT-Security-Szene nie jemanden interessiert. Es geht vor allem darum, sich eigener Verantwortung zu entledigen, und dazu gehört auch, keine Verantwortung zu übernehmen, dass die Verantwortung woanders liegt. Das ist wie beim Beischlaf von Feministinnen: Man überlegt sich auch nicht, mit wem man ins Bett geht. Hat es einem dann hinterher nicht gefallen, erhebt man den Moralvorwurf der Vergewaltigung, denn man meint, dass ein anderer dafür zuständig ist, die eigene Jungfräulichkeit treuhänderisch zu verwalten. So mit der Cloud. Wir schmeißen alles auf Computer und in Clouds, ohne zu fragen, lassen das einfach von irgendwem verantworten, und wenn’s schief geht, schreien wir „Vergewaltigung”. Oder wie de Maizière „Gütesiegel!”. Hört sich ja schon an wie „Präservativ”.

Die Frage, ob wir nicht selbst schuld sind, wenn wir mit dem falschen Typen ins Bett gehen oder unsere wichtigen Daten alle auf einen Billigcomputer packen oder in die Cloud pumpen, und ob wir damit nicht fahrlässig gehandelt haben, wird nicht gestellt. Es geht um Moral, und gegen Moral verstoßen immer die anderen, denn es geht ja immer nur um unsere eigene Moral. Wo wir sind ist oben.

Vom „Dieselskandal der Computerindustrie“ ist die Rede, seit bekannt wurde, dass ausgerechnet das Herzstück eines jeden Computers, der Prozessor, ein Sicherheitsrisiko darstellt – und zwar gerade deshalb, weil die Hersteller, allen voran der amerikanische Konzern Intel, ihn immer schneller machen wollten.

Abgesehen von dem, was ich oben geschrieben habe: Weil wir ihn immer schneller und billiger haben wollen. Aber sie haben die Lücke ja nicht absichtlich eingebaut, um den Rechner schneller zu machen, dafür gibt es keine Belege. Sie haben einen Fehler gemacht. Fehler in der IT passieren jeden Tag millionenmal. Nur ein naives Publikum – vor allem Journalisten und Moralritter – erwarten da die völlige Fehlerfreiheit. Volkswagen hat abgewogen und wusste, dass sie schummeln, das war Vorsatz. Bei Intel gibt e s solche Hinweise bislang nicht. Freilich kann man ihnen vorwerfen, dass sie die Prozessoren nicht ausreichend getestet und geprüft haben, aber das ist wieder eine wirtschaftliche Frage ums Geld, nicht der Prozessorgeschwindigkeit wegen.

Das Brisante: Fast alle chipgesteuerten Geräte auf dem Markt sind von der Lücke betroffen.

Quatsch.

Mein Eierkocher ist auch „chipgesteuert”, mein Radio und mein Bluetooth-Kopfhörer, meine Wetterstation und meine Funksteckdose, alle „chipgesteuert”, und die sind alle nicht betroffen.

Denn nicht nur bei Intel, sondern auch beim Wettbewerber AMD und dem auf Smartphones spezialisierten Chiphersteller ARM ist die Unsicherheit vorhanden. Hinzu kommt, dass immer mehr Alltagsgeräte vernetzt und mit Computerchips ausgestattet sind: Von der Spülmaschine über die Beleuchtung bis zum Türschloss.

So, so, weil die Spülmaschine und das Türschloss auch alle 2GHz-Prozessoren mit Virtualisierung eingebaut haben. So stellt die FAZ sich die Welt vor.

Höchste Zeit also für ein wenig Technikkunde: Was steckt eigentlich alles in einem Computer und wofür ist es gut?

Na sowas. Um die Prozessorbugs und deren Gefährlichkeit zu verstehen, solle man wissen – denn das kommt dann – dass auf einem Computermainboard Alu-Kühlkörper und eine Batterie drauf sind, und wenn die Batterie leer ist, bleibt die Uhr stehen. Ich sag’s ja immer: Satire ist tot, weil das Ernst gemeinte heute nicht mehr satirisch zu überhöhen ist.

Und deshalb zeigen sie auch ein Foto eines Mainboards, damit man den Prozessorbug der spekulativen Ausführung auch gleich selbst sehen und entdecken kann. Die runden Dinger, die da überall über das Board verteilt sind, das sind die Bugs. Die müsst Ihr einfach mit der Zanga abkneifen, dann seid Ihr wieder sicher. Oder so.

Die wichtigste Teil eines Computers ist das Motherboard, auch Mainboard oder Hauptplatine genannt. Auf ihm befinden sich alle Komponenten, die den Computer zu dem machen, was er ist: ein Rechner.

Da jubelt die Feministin. Ein Motherboard.

Die Platine selbst, also das Metallbrett, auf dem alle diese Komponenten montiert sind, ist mit zahlreichen Leitungen durchzogen. Die Plazierung auf dem Motherboard spielt für die Einzelteile keine entscheidende Rolle.

Das Metallbrett ist mit zahlreichen Leitungen durchzogen.

Aber natürlich. Guck mal auf dem Prozessor, da gibt es einen Kühlkörper, und da kann man diese Leitungen sogar sehen, das sind Kupferrohre, das sind richtige Wasserleitungen. Und alles aus Metall.

Wir wissen zwar nicht, was es so macht, aber es spielt keine Rolle, was wo auf dem Motherboard sitzt. Hauptsache, es ist alles da, was wichtig ist.

Die wohl wichtigste Komponente der Platine ist der Prozessor (CPU, Central Processing Unit) oder Chip.

Der Prozessor oder Chip. Der Chip.

Er ist der Kopf der Platine, ohne ihn würde nichts funktionieren.

Tut mir leid, wenn ich das mal so sage, aber: Auf dieser Platine gibt’s noch andere Bauteile, ohne die würde auch nichts funktionieren. Und schön höre ich einen schreien: Milz an Großhirn… nein, Netzteil an Mainboard: „Was glaubst Du wohl, was ohne mich hier funktioniert?”

Und jetzt ein Brüller:

Prozessoren sind in den vergangenen Jahren immer komplexer geworden, da die Fülle an Programmen stark zugenommen hat.

Deshalb werden die immer größer, weil da immer mehr Programme reinpassen müssen. Deshalb ist das auch alles aus Metall, wie ein Dampfkochtopf.

Neulich ist mir mal ein Prozessor geplatzt. Hatte zuviele Programme auf den Computer geladen. Das arme Ding.

Über den CPU-Sockel kommuniziert der Chip mit den anderen Komponenten auf der Hauptplatine.

Das ist bitter. Es gibt heute so viele ungesockelte CPUs. Die vereinsamen dann, weil keiner mit ihnen spricht.

Neben dem Prozessor spielt der Arbeitsspeicher (RAM, Random Access Memory) eine entscheidende Rolle für die Rechenleistung.

Das ist wahrer Sozialismus: Jeder ist hier der wichtigste.

Natürlich ist der Arbeitsspeicher für die Reichenleistung mit wichtig (deshalb sind da ja manchmal so schnittige Kühlkörper drauf, damit die schneller rollen), wenn man zuwenig davon hat. Aber der Zusammenhang zwischen Arbeitsspeicher und Rechenleistung ist schon etwas komplexer und subtiler, als hier dargestellt.

Wenn ich daran denke, dass ich in meinem Studium und meiner Diplomarbeit mit „Chips” zu tun hatte, die für damalige Verhältnisse enorme Rechenleistung ganz ohne Arbeitsspeicher entwickeln konnten (T800 Transputer)…

Der Arbeitsspeicher ist deutlich größer und langsamer als der Speicher des Prozessors. Sein Inhalt ist nur temporär verfügbar, beim Ausschalten des Rechners wird er meist gelöscht.

Eine Menge Leute würden den Arbeitsspeicher für den „Speicher des Prozessors” halten. Da kann man drüber streiten. Man sollte sich aber klarmachen, dass auch der Prozessorcache nur temporär verfügbar ist (drum heißt er Cache) und beim Ausschalten auch weg ist.

Die Festplatte ist im Vergleich zu den Bestandteilen der Hauptplatine sehr weit weg vom Prozessor. Deshalb sind ihre Inhalte auch nicht schnell so verfügbar wie die Daten des Arbeitsspeichers und des Speichers im Prozessor.

Das ist ja auch hundsgemein, dass die Festplatten immer mit so langen Kabeln angeschlossen werden. Die werden dadurch ja regelrecht diskriminiert und von gleichberechtigter Teilhabe ausgeschlossen.

Ich bin ja für Integration, Teilhabe und Gleichberechtigung. Deshalb habe ich ein Mainboard, auf dem die Festplatte direkt auf dem Mainboard sitzt, ganz nahe beim Prozessor. Nicht weiter weg als der Arbeitsspeicher.

Die PCIe-Steckplätze (Peripheral Component Interconnect Express) ergänzen die Hauptplatine. Erweiterungen wie eine Grafikkarte, Netzwerkkarte oder ein Wlan-Modul können hier aufgesteckt werden. Zwar besitzen Motherboards eine integrierte Grafikkarte, doch für eine bessere Leistung, das heißt schnelleren Bildaufbau, kann eine externe Grafikkarte montiert werden. Beispielsweise in der Computerspiel-Szene ist das von Bedeutung. Heutige Videospiele sind oft so komplex, dass eine integrierte Grafikkarte damit überfordert wäre.

Kommt hin. Und das muss man verstanden haben, um die aktuellen Prozessorbugs in ihre Tiefe verstehen zu können. Wer eben noch nicht wusste, dass ein Computer eine Festplatte und Steckplätze für Netzwerkkarten hat, wird nach Lektüre des Artikels genug über die Prozessorbugs wissen, um mitreden zu können. Technik kann so einfach sein.

Externe Grafikkarten besitzen eine eigene Kühlung und sind leistungsfähiger. Ebenfalls denkbar ist eine separate Netzwerkkarte. Mit ihr kann innerhalb eines Computernetzwerks die Verbindung beschleunigt werden. Dadurch wird jedoch nur die Kommunikation der Rechner eines Netzwerkes untereinander beschleunigt, beispielsweise die Verbindung mehrerer Computer in einem Großraumbüro, nicht aber die Verbindung ins Internet.

Das ist hartes Brot. Externe Grafikkarten haben eine eigene Kühlung und separate Netzwerkkarten sind denkbar, beschleunigen aber nicht das Internet.

(Schätzchen: Früher gab es nur separate Netzwerkkarten, und die haben die Verbindung ins Internet dadurch ganz enorm „beschleunigt”.)

Diese Erweiterungskarten, aber auch der Prozessor, heizen sich durch den Betrieb auf. Um diese Hitze abzuleiten und aufzuteilen, gibt es sogenannte Heatpipes oder

Oder was?

Ja, Heatpipes. Wir hatten’s ja schon von den Leitungen im Metallbrett. Die muss man verstanden haben um beim Prozessorbug mitreden zu können. Gute Nachrichten: Habt Ihr einen Chip ohne Heatpipes, seid Ihr vom Bug nicht betroffen, aber Eure Festplatte ist dann noch langsamer, weil zu weit weg.

Und jetzt der Brüller:

Eine alte Bekannte

Wer das Gehäuse seines Computers aufschraubt, findet darin auch eine alte Bekannte aus vielen anderen Elektrogeräten: eine Knopfzellenbatterie.

Die Batterie ist für gewöhnlich direkt mit dem CMOS–RAM (Complementary Metal Oxide Semiconductor) verbunden. Das ist ein kleiner elektronischer Speicherbaustein, auf dem die sogenannte Firmware der Hauptplatine gespeichert ist.

Klar, und wenn die Batterie leer ist, ist die Firmware weg.

Was ist die Firmware vom Computer überhaupt?

Das ist die Software, die in elektronischen Geräten von vorneherein enthalten ist und zum Beispiel die Grundfunktionen der Festplatte enthält.

Die Firmware im Computer enthält die Grundfunktionen der Festplatte, und die wird im CMOS-RAM gespeichert, für das man die Batterie braucht. Jetzt bin ich mir sicher, dass Loriot nicht tot sein kann.

Eines jedoch ist allen Rechnern gemeinsam: Ohne den Prozessor als Kopf des Ganzen geht gar nichts.

Es gibt auch Computer ohne Prozessor, die eine Menge treiben. Sind wohl dann Untote oder sowas.

Für die Verbraucher gilt daher weiterhin der Grundsatz: Misstrauen ist der beste Schutz.

Gilt auch für Zeitungskunden. Zeitungen opfern nämlich die Qualität der Geschwindigkeit.