Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Guterzogene Deutsche

Hadmut
29.10.2017 11:25

So soll es sein, so ist es fein, so seid Ihr rein.

Die Erziehung wirkt.

Die BZ wundert sich über eine Begebenheit in Berlin und fragt, was in Berlin eigentlich los ist.

Einerseits reduziere sich das Sicherheitsgefühl vieler Berliner immer mehr:

Fast täglich gibt es Schlägereien und Überfälle am Alex, der Mord im Tiergarten an Schlossherrin Susanne Fontaine (60) entsetzt die Berliner, Oberstaatsanwalt Ralph Knispel (57) sieht den Rechtsstaat gefährdet.

In öffentlichen Parks wird wie selbstverständlich mit Drogen gehandelt. Statt dagegen etwas zu tun, glorifiziert man Dealer in einer Ausstellung als „tapfer“. Was ist eigentlich los in dieser Stadt?

Spätestens seit dem Versagen der Sicherheitsbehörden im Fall des Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri leidet das subjektive Sicherheitsgefühl vieler Berliner massiv.

Und dann passiert das:

Ein Mann – dunkelhäutig – schneidet tagsüber in einer belebten Straße mit einem großen roten Bolzenschneider das Schloss eines Fahrrades durch. (Auf dem Foto sieht man, dass es ein Zahlenschloss ist, man also den Schlüssel nicht verloren haben kann.) Es sieht nach Diebstahl mittem in der Öffentlichkeit aus, und eine Frau spricht den Mann an, das ginge doch nicht, hier einfach so Fahrräder zu knacken.

Es kommt zum Streit. Niemanden interessiert es, alle gehen vorbei, als wäre nichts.

Doch dann:

Reitschuster schildert, was weiter passiert: Der Mann mit dem Fahrrad beschimpft die Frau plötzlich als Nazi. „Erst jetzt bleiben Passanten stehen, mischen sich ein. Sie verteidigen den Mann, attackieren die Frau: ,Vielleicht ist es ja sein Fahrrad! Lassen Sie ihn in Ruhe.‘“ Tatsächlich: Es bleibt völlig unklar, ob das Fahrrad gestohlen wurde oder dem Mann tatsächlich gehört. Fakt ist: Die Situation eskaliert weiter.

Reitschuster in seinem Facebook-Beitrag: „Er schreit immer weiter der Frau zu: ,Nazi, du!‘ Andere Fußgänger kommen dazu, schimpfen auf die Frau ein, die der Mann bedroht: ,Stalken Sie ihn nicht!‘ Schließlich schiebt der Mann das Rad mitsamt dem Bolzenschneider davon, immer noch laut auf die Frau schimpfend. Die lässt ihren Kopf hängen und sagt: ,Sind hier alle verrückt geworden?‘“

Reitschuster beobachtet, protokolliert und fotografiert. „Die immer freundlichen Obsthändler um die Ecke sind konsterniert. ,Wir hätten uns ja gerne eingemischt, aber der Kontaktbeamte der Polizei hat uns gesagt – nie einmischen, wenn irgendwas abgeht hier.‘“ Im Internet wird der Bericht von Reitschuster heiß diskutiert. Manche finden ihn tendenziös, andere pflichten ihm bei, schildern eigene Erfahrungen. Die Polizei konnte auf B.Z.-Anfrage keinen Vorgang zu dem Fall finden, ermittelt jetzt aber von Amtswegen wegen des Verdachts auf Fahrraddiebstahl.

Wir erleben eine Verdrehung der öffentlichen Ordnung und Moral ins Gegenteil: Die Straftat – oder zumindest was danach aussieht – wird als Normalfall empfunden und moralisch einwandfrei eingeordnet (Vielleicht ist es ja sein Fahrrad!), während die, die helfen und die Ordnung aufrechterhalten wollen, direkt angegriffen und deren Handeln als moralisch verwerflich eingestuft werden.

Es reicht inzwischen, jemanden – das muss man sich klarmachen, als einzigem Anlass, dass sich jemand daran stört, das mitten in der belebten Öffentlichkeit jemand mit einem Bolzenschneider ein Fahrrad knackt und mitnimmt – mit „Nazi, Du!” zu beschimpfen, um die Meute auf ihn zu hetzen und den mit dem Bolzenschneider ungehindert davonkommen zu lassen.

Es wird nur noch nach political correctness gehandelt, die Leute sind perfekt politisch abgerichtet. Auf die Idee, dass das nicht normal ist, ein Fahrradschloss mit dem Bolzenschneider zu öffnen, kommen die Leute nicht mehr. Und das sowas zu klären wäre, auch nicht. Und dass die Frau im Falle eines Diebstahls sogar befugt gewesen wäre (§ 127 StPO), den Mann bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten, wird auch ignoriert.

Nächste Stufe ist dann, dass man nichts mehr sagen darf, wenn einer Fenster aufbricht und einsteigt. Vielleicht ist es ja seine Wohnung.

Der Rassismus daran: Stellt Euch die Szene mal andersherum vor. Weißer Mann mit Bolzenschneider. Dem hätte niemand geholfen. Oder schwarze Frau. Das wäre eine Schlagzeile gewesen: „Mutige tapfere Frau stoppt Verbrecher…”

Die Erziehung wirkt.