Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Wissenschaftsinsolvenz: „Was machen wir hier eigentlich?“

Hadmut
25.8.2017 20:49

Krisengespräche aus den Geisteswissenschaften.

Die Geisteswissenschaftlerpostille ZEIT berichtet, dass viele Geisteswissenschaftler endlich in ihrer wohlverdienten Sinnkrise angekommen sind. Und versuchen sie zu verteidigen.

Ein gewisser Professor Daniel Hornuff schreibt – Moment mal, Hornuff, Hornuff, hatten wir den hier nicht schon mal? Oh ja, doch, das ist dieser völlig überflüssige Karlsruher Kunstwissenschaftsprofessor, der vor lauter Überflüssigkeit schon auf Gender machte und generell als Lobbyist der Nutzlosenbranche auftritt, die auf Kosten anderer lebt, ohne selbst irgendetwas beizutragen – man solle das doch entspannt sehen und sich an seine Nutzlosigkeit gewöhnen.

Neulich im Seminar. Thema: “Die institutionelle Ausdifferenzierung von Kunst und Design um 1900”. Wir diskutieren angeregt. Plötzlich aber fragt eine meiner Studentinnen: “Was machen wir hier eigentlich? Seit einer Stunde sprechen wir über eine Zeit, in der meine Ururoma gelebt hat. Was hat das bitte mit uns zu tun?”

Schwerer Denkfehler. Ganz schwerer Denkfehler. Die Thematik ist wissenschaftlich zeitlos nutzlos, auf das Jahr kommt es da gar nicht an. Da könnte auch 2017 stehen und es würde nichts an der Frage ändern, was das mit uns zu tun hätte.

Dabei rührt die Frage nach der Situation des akademischen Arbeitens in einer sich politisch radikalisierenden Welt am Selbstverständnis aller geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Das darf uns, den Vertreterinnen und Vertretern dieser Fächer, nicht mal im Ansatz egal sein. Stellt sich Gleichgültigkeit gegenüber unserer gesellschaftspolitischen Rolle ein, dann bestimmen andere, wo und wie wir uns einzubringen haben.

Und das ist richtig übel.

Denn erstens waren es ja die Geisteswissenschaftler, die uns diese Politisierungssuppe eingebrockt haben, und die sich damit gerade selbst unbeliebt gemacht haben. Zweitens ist es ein Widerspruch in sich, denn einerseits schimpft er über die Politisierung, sagt aber andererseits, dass sie eine gesellschaftspolitische Rolle hätten, also selbst Auslöser des Problems sind.

Drittens aber, und das erscheint mir am wichtigsten, hat der Mann nicht Ansatzweise verstanden, was Wissenschaft ist. Denn Wissenschaft ist unpolitisch und von Politik stets getrennt. Die Politik kann (und soll) zwar Schlussfolgerungen und Konsequenzen aus wissenschaftlichen Erkenntnissen ziehen, das heißt aber noch lange nicht, dass die Wissenschaften eine politische Rolle hätten. Gerade die Geistes- und Sozialwissenschaften bilden sich immer gerne ein, dass sie mit irgendwelchen Gesellschaftsumbauten und Erziehungen beauftragt seien, was aber falsch ist. Dazu sind Wissenschaft und Universitäten nicht da – und mangels demokratischer Legitimierung auch nicht befugt. (Gewaltenteilung obendrein.) Dieser Irrtum ist konstituierend, denn viele „Geisteswissenschaftler“ bilden sich ein, dass das nun ihre Aufgabe und ihr Wissenschaftsinhalt sei. Wissenschaftlich aber haben sie gar nichts zu bieten. Würde man Geisteswissenschaften zwingen, sich auf ihren wissenschaftlichen Gehalt zu konzentrieren und zu reduzieren, würden ganze Fakultäten implodieren und die einsetzende Suizidrate den Bundes- und die Landeshaushalte spürbar entlasten.

Und jetzt kommt der geistige Salto Mortale ohne Netz:

Der weltweite Aufstieg rechtsnationaler Bewegungen vollzieht seinen Landgewinn auch auf Kosten der angeblich weichen Wissenschaften.

Die Rechten sind an allem schuld, folglich auch daran, dass die Geisteswissenschaftlichen nichts hervorbringen. (Warum haben die Geisteswissenschaften dann schon vor dem Erstarken der Rechten nichts zustandegebracht? Oder ist das jetzt wieder Kausalpedanterie oder rechtsradikale Temporalmechanik?)

Trumps Vorstoß, die zentrale Fördereinrichtung der amerikanischen Geisteswissenschaften, das National Endowment for the Humanities, aufzulösen, ist nur die Spitze eines antiakademischen Ressentiments, das die universitäre Wissenschaft mit einer Mixtur aus Effizienzwünschen und Ideologiekriterien durchforstet. Ziel ist die Beseitigung von ökonomisch Unrentablem und weltanschaulich Abweichendem.

Huahaha! 😀

Ausgerechnet die linken Geisteswissenschaften beschweren sich, dass man das „weltanschaulich Abweichende“ abschaffen wolle – nach dem linken Genderterror und Krieg gegen die echten Wissenschaften, den sie in den letzten Jahren geliefert haben.

Und ausgerechnet Trump soll jetzt dran schuld sein, dass sie nichts leisten.

  1. Warum haben sie vor Trump auch schon nichts geleistet?
  2. Was hat Trump mit Deutschland zu tun? Hier leisten sie ja auch nichts.

Oder geht’s nur wieder um verkapptes Trump-Bashing?

Der Punkt ist ein ganz anderer: Intellektuelle Insolvenzverschleppung. Der Punkt, an dem die Geisteswissenschaftler eine Wissenschaftsinsolvenz hätten beantragen müssen, in der dann alle wissenschaftlich-intellektuellen Nachweisgläubiger zusammenkommen und ein hartwissenschaftlicher Insolvenzverwalter klärt, wer gefeuert wird und wer es weiter versuchen kann, ist längst verstrichen. Sie stehen vor der Pleite. Substanz ist nicht mehr da, alles verplempert.

Umso dringlicher stellt sich die Frage, was die Geisteswissenschaften die ganze Zeit machen: Wo bleibt die überparteilich-differenzierende Stimme der Politikwissenschaften? Schlüge nicht genau jetzt die Stunde einer versachlichenden Religionswissenschaft? Warum schweigt die Germanistik zur politischen Rhetorik des Populismus? Wer äußert sich hörbar aus Kunst-, Bild- oder Medienwissenschaften zu den ästhetischen Strategien der Macht? Und hat die Philosophie außer ein paar TV-Denkern überhaupt noch etwas zu melden?

Ungeachtet der Frage, ob das ihre Aufgabe ist: Weil sie es nicht (mehr) können!

Das alles sind die Argumente, mit denen dieser Geldverbrennungs- und Streitsuchtverein Geisteswissenschaft seine Daseinsberechtigung begründete. Und jetzt, wo der Ernstfall eingetreten ist, kommt gar nichts. Sie haben uns jahrelang belogen und sind erwiesen zu gar nichts nutze. Verblüffend alleine, dass zumindest manche es sogar merken. Und in Zeiten der Kostenpriorisierungen sind sie mit der Frage konfrontiert:

Denn der Vorwurf, der hier zum Tragen kommt, vollzieht seinerseits einen Angriff auf die Geisteswissenschaften: Könnte man nicht guten Gewissens auf etwas verzichten, das sich jahrzehntelang durch Myriaden zusammengewürfelter Sammelbände, gestelzter Fachaufsätze und katastrophal schlecht besuchter Konferenzen in paradiesischer Selbstgenügsamkeit eingerichtet hat?

Bereits darin liegt die Hybris des Geisteswissenschaftlers: In der maßlosen Selbstüberschätzung, dass es ein „Verzicht“ sei, wenn er nicht mehr da wäre. Die Frage wäre vielmehr: Würde man es überhaupt merken? Streiken Ärzte, Lokführer, Piloten, dann merkt man das. Könnte sich dagegen irgendwer daran erinnern, dass Geisteswissenschaftler schon mal gestreikt hätten, obwohl sie es angedroht haben?

Zumindest fehlt einem nie was. Es fällt immer auf, dass es in den geisteswissenschaftlichen Gegenden der Universitäten viel versiffter und verdreckter als in den MINT-Fächern ist, und wenn die mal nicht da sind, ist es an den Universitäten merklich ruhiger und sauberer. Könnt Ihr Euch noch an die Soziolenbesetzung an der Humboldt-Universität erinnern? Nutzen Null, hinterher musste man das Gebäude renovieren, weil sie gehaust haben, wie die … naja, wie eben Geisteswissenschaftler so hausen.

Die Dinge liegen komplizierter. Denn die Geisteswissenschaften befinden sich in einem strukturellen Teufelskreis. Je stärker sie durch politische Radikalisierungen unter Druck geraten, desto bereitwilliger vertrauen sie auf gängige PR-Maßnahmen: eingeworbene Drittmittel in dieser und jener Höhe, das x-te innovative Kooperationsprojekt, so und so viele Zitationen in highly ranked journals .

Falsch. Die Geisteswissenschaften befinden sich nicht in einem Teufelskreis. Sondern sie sind seit den Siebzigern nichts anderes mehr als PR, Drittmittel und Zitationen, und jetzt tritt es eben zutage.

Deshalb muss man auch mal (vor allem mit Blick auf die temporale Reihenfolge) die Frage stellen, ob dieses Professorchen Hornuff nicht wie fast alle Geisteswissenschaftler Ursache und Wirkung vertauscht: Sind die Geisteswissenschaften durch Trump in der Krise, oder ist Trump eine Folge des Chaos und Schadens, das und den Geisteswissenschaftler angezettelt haben?

Sagen wir es mal so: Trump ist noch nicht mal ein Jahr im Amt, während ich schon über 5 Jahre über den Totalschaden Geisteswissenschaftler blogge. Ich bin der altmodisch-empirischen Auffassung, dass die Ursache vor der Wirkung kommt und man deshalb Ursache und Wirkung an ihrer zeitlichen Reihenfolge erkennen kann. Aber ich bin ja auch MINT-Wissenschaftler.

Rhetorik und PR erkennt man dagegen daran, dass sie auch die Opportunität sich nachträglich bietender Ausreden, wie hier eben Trump, ergreift.

Geisteswissenschaftlich zu forschen und zu lehren kann nur bedeuten, ohne Rücksicht auf die Anwendbarkeit von Erkenntnissen zu argumentieren.

Und das ist sehr gefährlich. Denn Wissenschaft (und Argumentation) beruhen auf Nachprüfbarkeit. Eine der wichtigsten Nachprüfungsmethoden ist die Empirie, und Empirie heißt Anwendbarkeit. Sich ohne Rücksicht auf Anwendbarkeit zu bewegen, heißt in der Regel (sofern man nicht knallharte Nachweismethoden hat wie die Mathematik), auf Beweisbarkeit zu verzichten und damit beliebiges Zeug zu faseln. Wissenschaft ist das jedenfalls nicht mehr.

Erst eine eingeübte intellektuelle Distanz zur praktischen Verwertung verleiht den Geisteswissenschaften die erforderliche gedankliche Unabhängigkeit.

Und der Steuerzahler gibt ihnen dazu die finanzielle Unabhängigkeit. Nie mehr arbeiten im Leben.

Es ist ein beliebter Breitensport, den Geisteswissenschaften verschwurbeltes Auftreten vorzuhalten.

Schuld sind immer die anderen. War noch nie anders.

Vor allem die politisch Radikalen meinen, im Fachvokabular der Geisteswissenschaften den Nachweis ihrer Entbehrlichkeit zu finden.

Falsch. Denn erstens liegt der Nachweis im (mangelnden und mangelhaften) Inhalt. Das Fachvokabular wurde längst als Tarnung dessen entlarvt. Zweitens liegt die Beweislast andersherum. Nicht der Kritiker muss die Entbehrlichkeit nachweisen, sondern der Wissenschaftler seine Erkenntnisse. Und wer das nicht tut, der ist eben entbehrlich. Und gerade dieses Finger-Pointing auf andere zeigt, wie sehr man von der eigenen Leistungslosigkeit ablenken will.

Tatsächlich ist dieser Vorwurf einer der massivsten Angriffe, mit denen sich Geisteswissenschaften konfrontiert sehen. Denn wie in jeder anderen Wissenschaft auch, verfeinert sich geisteswissenschaftliches Arbeiten über einen Pluralismus der Methoden. Diese aber lassen sich nur durch eine Differenzierung von Begriffen entwickeln.

Nein. Denn Methoden haben ihren Wert darin, dass man sich an sie hält und sie konsequent durchhält. Ein „Pluralismus der Methoden“, präziser formuliert die „Willkür der Methoden“ ist in Wirklichkeit eine Methodenlosigkeit, denn wer immer gerade die Methode wählt, die ihm die genehmsten Ergebnisse zu liefern scheint, arbeitet methodisch falsch und produziert Schrott. Denn das Ergebnis muss ich nach der Methode richten, und nicht die Methodenwahl nach dem gewünschten Ergebnis. Das ist nicht nur unwissenschaftlich, das ist auch eine Charakterschwäche. (Was letztlich auf das gleiche hinausläuft.)

Umso mehr gilt, was der Philosoph Paul Feyerabend den Wissenschaften bereits 1976 ins Gewissen geschrieben hat: “Hier wie anderswo gewinnt man Erkenntnis allein durch eine Vielfalt von Anschauungen, nicht durch verschiedene Anwendung einer bevorzugten Ideologie.”

Das dürfte der zentrale Denkfehler seit den siebziger Jahren sein, Methoden mit Weltanschauungen zu verwechseln. Macht das Professorchen ja auch hier. Genderisten neigen ja auch dazu, Naturwissenschaften als Ideologien anzusehen, und sich dadurch die Rechtfertigung herbeizufaseln, alle möglichen Methoden zu verrühren und sich in völliger Willkür zu ergießen.

Will heißen: Die Geisteswissenschaften können sich als gesellschaftliche Mitspieler empfehlen, indem sie sich als gleichrangiger Bestandteil eines öffentlichen Diskurses begreifen – und der Versuchung widerstehen, aus dem Drechseln von Begriffen eine intellektuelle Überlegenheit abzuleiten.

Quatsch. Mit ihrer bisherigen Arbeitstechnik können sich Geisteswissenschaftler zu gar nichts empfehlen. Und ihr Problem ist, dass das ein paar Leute gemerkt haben.

4. Brisanz: Intellektuelle Distanz, Methodenvielfalt und der Verzicht auf letztgültige Erkenntnisse: das sind Bausteine, aus denen sich das geisteswissenschaftliche Arbeiten zusammenfügt.

Und das ist auch der Grund, warum sie im Sumpf willkürlichen Gefasels absaufen und sowieso alles nur spekulativ, modenabhängig, ungeprüft ist.

Als umso grotesker erweist sich die Idee, die Geisteswissenschaften müssten für Orientierung in einer zunehmend chaotischen Welt sorgen.

Stimmt, ist ja auch umgekehrt. Sie sorgen für Chaos in einer geordneten Welt. Deshalb muss man sie loswerden.

Sobald sich Geisteswissenschaftler jenseits der Universitäten einbringen und beispielsweise in den Medien Stellung beziehen, sind sie Akteure eines gesellschaftlichen Gefüges. In diesem müssen sie ihre Verlautbarungen neu beweisen. Sie können und dürfen sich nicht darauf verlassen, über einen Erkenntnisvorsprung zu verfügen, der ihnen eine intellektuelle Führungsrolle garantieren würde. Im Gegenteil: Agieren Geisteswissenschaftler öffentlich, sind sie auch herausgefordert, die Wirksamkeit ihres geisteswissenschaftlichen Denkens unter den Bedingungen dieser Öffentlichkeit zu belegen.

Das ist jetzt mal eine richtige Aussage.

Aber ein unvollständige. Was fehlt: Was ist, wenn der Nachweis nicht erbracht wird oder jemand anderes den Gegenbeweis antritt? Würden sich Geisteswissenschaftler dann geschlagen geben und den Rückzug antreten? Nein. Wie wir in letzter Zeit gesehen habe, werden sie gewalttätig und verleumden, verfolgen, verprügeln jeden, der sich ihnen in den Weg stellt.

Macht Euch das klar: Solche Leute bezahlt Ihr mit Euren Steuergeldern.

Aber ob man der ZEIT für sowas noch Geld gibt, kann man sich – zumindest beim Kaufpreis, nicht oder nur mittelbar bei den Werbeeinnahmen – überlegen.

Macht Euch vor allem klar, dass die Geisteswissenschaften nach Insolvenzverschleppung auf dem letzten Loch pfeifen. Das kann zur Lawine werden und dann reichen unsere Arbeitsämter und Hartz-IV-Vorräte nicht aus.