Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Deutschland in der Postkartenidylle

Hadmut
8.4.2017 11:27

Vergleicht mal.

Ein Leser hat mir diesen Link geschickt, eine Seite mit Postkarten vom Ende des 19. Jahrhunderts.

(Heieiei, heute bekommt man ja schon Ärger, wenn man auf Seiten verlinkt, die urheberechtlich geschütztes Material anbieten, aber ich vermute mal, nach 120 Jahren ist das Urheberrecht abgelaufen. Der Schutz bei Lichtbildwerken im Sinne des § 2 Abs. 1 Nr. 5 UrhG endet 70 Jahre nach dem Tod des Fotografen. Bei Lichtbildern endet dieser Schutz 50 Jahre nach der ersten Veröffentlichung bzw. Herstellung des Fotos. Dazu gibt es noch eine Reihe von Sonderfristen und Unterscheidungen, ob Bilder zeitgeschichtlich sind, außerdem ist es relativ schwierig, heute noch die verschiedenen Änderungen des Urheberrechts nachzuvollziehen. Dazu kommt, dass diese Postkarten keine reinen Fotografien sind, denn Farbfotografie gab es damals noch nicht. Damals wurden Bilder noch handkoloriert, wobei man sich wieder streiten kann, ob das überhaupt eine künstlerische oder nur handwerkliche Tätigkeit ist. Man weiß ja auch nicht, ob das Werk anonym im Sinne des § 66 UrhG ist, weil man nicht weiß, ob der Fotograf auf der Rückseite angegeben war, die man hier ja nicht sieht. Was aber ist, wenn dasselbe Postkartenmotiv auf Postkarten mit und solchen ohne Angabe verkauft wurde? Ist dann dasselbe Foto unterschiedlich geschützt? Im Allgemeinen wäre davon auszugehen, dass das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Schöpfers erlischt. Sind die Fotografen also vor 1947 gestorben?

Wenn die Fotografien – aber wann wurden sie koloriert? – aus dem Ende des 19. Jahrhunderts sind, müssten die Fotografen, weil das damals sehr anspruchsvoll war, damals schon mindestens Mitte 20, eher älter gewesen sein. Dann dürften sie 1947 durchaus mindestens 75 Jahre alt gewesen sein. Wieviele mindestens 75-jährige haben den Krieg überlebt? Wahrscheinlich mehr als die 50-jährigen, weil man die 75-jährigen wohl doch nicht mehr an die Front gezogen hat. Aber was, wenn die Fotografien von Frauen angefertigt wurden? Unwahrscheinlich. Auch wenn mir Feministinnen die Augen auskratzen würden, war das Fotografieren damals Männersache. Das Kolorieren allerdings war dann doch oft wieder Frauensache. Und Frauen werden bekanntlich älter als Männer, vor allem, wenn ein Weltkrieg dazwischen liegt.

Was aber ist, wenn die Urheberrechte noch nicht erloschen sind, es aber keinen Erben gibt? Also das Recht noch existierte, es aber keinen Inhaber mehr hat? Zwar kann der Staat erben, aber auch nur, wenn er davon weiß. Welches Bundesland hätte das dann geerbt? Wo wohnte und starb der Fotograf?

Heißt im Klartext: Man ist als Blogger, Webautor usw. enorm verpflichtet, Urheberrechte total zu prüfen und zu beachten, obwohl man das praktisch gar nicht durchführen kann, weil man überhaupt nicht wissen kann, wie die Rechte sind, also weitgehende Rechtsunsicherheit besteht. Bei 120 Jahre alten Fotos kann man es dann vielleicht mal wagen, die Vermutung einzugehen, dass der Fotograf hinreichend lange tot ist. So sieht das im deutschen Recht heute aus: Nichts genaues weiß man nicht, aber immer feste draufhauen, wenn es schief geht.

Ich wäre ja sehr dafür, dass man das mal an den Stand der Technik anpasst und ändert, nämlich dass es im Allgemeinen nur ein relativ kurzes Schutzrecht von vielleicht 10 oder 20 Jahren gibt, und längere Fristen nur gelten, wenn das Foto in einer zentralen Bildrechtedatenbank angemeldet ist, in der jemand als Inhaber und Ansprechpartner – beispielsweise zum Lizensieren – benannt ist.

Denn kritisch ist auch, etwa im Sinne von Presse-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit, wenn man Bilder nur mit Erlaubnis des Urheberrechtsinhabers nutzen kann, es aber keinen Weg gibt, den zu finden. )

Was ich eigentlich sagen wollte:

Guckt mal, wie schon sauber und ordentlich das damals da war.

Fällt mir immer wieder auf, wenn ich alte Bilder und Filme, auch aus den 1920ern sehe, dass das (abgesehen von damals unvermeidlichem Pferdemist) damals alles irgendwie sauberer, aufgeräumter, gesitteter aussah. Zwar sicherlich auch nur in den Kernbezirken der Städte, aber immerhin. Auf den Fotos sieht man in der Regel keinen Müll. Keine Flaschen, kein Papier. Auch keine Penner oder sonstigen Leute, die rumlungern. Gepflegte Grünanlagen, saubere Denkmäler. Eigentlich auch nichts kaputt.

Freilich alles von niedrigerem Niveau, Plastikflaschen gab es ja noch nicht, Strom und Autos auch nicht oder nur weniger, eine Flasche war noch wertvoll. Arbeitszeit dagegen günstig. Das Leben an sich zwar anstrengend, aber im Prinzip eine einfache Angelegenheit. Körperlich orientiert. Und dann auch schnell und gruselig vorbei (vgl. gerade die Charite-Serie im Ersten, die um 1888 spielt, also ungefähr zu den Postkarten passt). Die Arbeitsbedingungen an sich eine Katastrophe.

Man muss sich aber schon mal die Frage stellen, ob wir uns da in den letzten 100 Jahren wirklich in jeder Hinsicht verbessert haben, oder ob wir nicht die Vorteile durch Nachteile erkauft haben.