Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Das subtile dpa-Nachrichten-Paradoxon

Hadmut
24.2.2017 21:33

Neulich hat mir ein Journalist mal erklärt, wie die inhaltliche Gleichschaltung der Medien funktioniert.

Es ist schon seltsam. Einerseits wehren sich Journalisten immer energisch, wenn man von zentral gesteuerten Nachrichten spricht. Nein, nein, das sei ja ein ganz böswilliger, infamer Vorwurf und selbstverständlich unwahr, dass Redaktionen irgendwie zentral gesteuert oder ihre Inhalte vorgelegt bekämen, selbstverständlich würden sie alle selbst über ihre Nachrichten entscheiden.

Gleichzeitig aber fällt immer häufiger auf, dass Meldungen nicht nur inhaltsgleich, sondern oft weitestgehend oder sogar gänzlich wortgleich, die selben Schlagworte, Überschriften, auf unzähligen Zeitungswebseiten auftauchen. Man googelt mal nach irgendeiner Meldung und bekommt Dutzende Links auf Webseiten verschiedener Zeitungen, die alle fast oder ganz wortwörtlich dasselbe schreiben.

Wie soll das möglich sein, wenn es doch angeblich keine zentrale Steuerung gibt? Gedankenübertragung?

Ein Journalist hat mir das neulich mal erklärt.

Die Redaktionen müssen heute Nachrichtenagenturen wie dpa abonnieren. Nicht, weil sie dazu gezwungen würden, sondern weil für eine Redaktion lebenswichtige Informationen häufig nur oder lange zuerst über die Agenturen kommen. Man kann gar nicht so viel und so schnell selbst recherchieren. Wer nicht an den Agenturen-Kanälen hängt, ist als Zeitung, die über Politisches und aktuelle Geschehnisse berichten will, schlicht chancenlos. Das Zeitungsgeschäft gäbe es heute auch wirtschaftlich und von der Geschwindigkeit des Wettbewerbs gar nicht mehr her, sowas alles selbst zu recherchieren. Letztlich ist das ja eine Art Out-Sourcing mit Zentralisierung, weil eben nicht mehr von jeder Redaktion ein eigener Reporter hingeht und dann jeder etwas anderes berichtet oder die Dinge anders sieht, sonder da nur noch einer ist, von dem dann alle abschreiben müssen. Im Gegensatz zu früher sei nicht mehr das Ereignis die Nachrichtenquelle, sondern der Agentur-Reporter.

Das noch viel größere Problem sei aber:

Er sagte, die Redaktionen zahlten an dpa und die anderen Agenturen nicht pro übernommenem Artikel (was ja die Neigung, dort abzuschreiben dämpfen würde), sondern sie zahlen Pauschalen. Die müssen da ein Abo abschließen und zahlen pro Monat feste Beträge. Mir wurde da ein Betrag von monatlich 10.000 Euro genannt, ich weiß jetzt aber nicht genau (oder würde es, weil ich es nicht belegen kann, nicht so präzise sagen), auf welche Agentur sich das bezog und ob das fest ist oder von irgendetwas anderem (wie etwa der Auflage) abhängt.

Und das sei für die Redaktionen ein enormes Problem. Denn für viele ließen sich diese Ausgaben mit dem, was sie freiwillig von den Agenturen übernehmen würden, nicht erwirtschaften. Viele Redaktionen seien deshalb wirtschaftlich gezwungen, viele Agentur-Meldungen ohne größere redaktionelle Bearbeitung durchzureichen, um ohne zusätzliche Arbeitskosten Werbeeinnahmen zu erzeugen, weil sie nur so die hohen Kosten reinholen können.

Die zentrale Steuerung der Medien erfolge also wesentlich darüber, dass Agenturmeldungen an Redaktionen im Abo gekauft werden müssten, also sie mit dem für sie notwendigen Teil zum Einkauf auch der anderen Meldungen gezwungen sind, die sie dann durchverkaufen müssen, um die Kosten wieder reinzuholen. Nachprüfen kann ich es jetzt nicht, weil ich dazu keine öffentlichen Informationen gefunden habe. Es gibt einen Text von 2009, in dem jemand beschreibt, dass es für kleine bis mittlere Redaktionen unmöglich sei, ohne dpa auszukommen.

Man könnte sich die Medienlandschaft damit quasi so als verschiedene Marken vorstellen, unter denen dpa auftritt.

Und trotzdem bestreiten Journalisten vehement, zentral gesteuert zu werden.

Und an der Neutralität von dpa habe ich erhebliche Zweifel, seit ich mal mit einer dpa-Reporterin aneinandergerasselt bin. Wer Medien manipulieren will, kann das tun, indem er für dpa schreibt. Und da scheint eben auch nicht alles von allerfeinster journalistischer Qualität zu sein.

So sieht dann wohl die Gleichschaltung der Medien aus. Wobei „Gleichschaltung“ ja eigentlich das falsche Wort ist, weil damit im Prinzip die Redaktionen ja sogar übergangen werden, wenn die Meldungen mehr oder weniger unbearbeitet durchreichen müssen. „Fernsteuerung“ wäre da der treffendere Begriff.

Subtil daran ist, dass die meisten Journalisten wohl wirklich davon überzeugt sind, unabhängig zu sein, weil keiner zur Tür reinkommt und ihnen sagt, was sie schreiben sollen.