Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Über Apartheid und Human Rights

Hadmut
21.10.2016 0:57

Reisen bildet.

Der anderen Meinung zuzuhören bildet noch mehr.

Der geneigte Leser wird mitbekommen haben, dass ich vor ein paar Tagen Urlaub in Südafrika gemacht habe, eine 20-Tages-Tour von Johannesburg in den Nordosten zum Krüger-Nationalpark und dann im wesentlichen an der Küste entlang bis Kapstadt, dabei mit diversen Abstechern Richtung Landesinneres zu weiteren Nationalparks und je zwei Tagen in den Königreichen Swasiland und Lesotho. Vorher noch eineinhalb Tage auf eigene Faust (bzw. einer anderen Tagestour) in Johannesburg, hinterher noch eineinhalb Tage in Kapstadt.

Dominant dabei waren etwa fünf Themen, die sich eigentlich durch die ganze Tour zogen:

Tiere
Afrika eben, Löwen, Elefanten, Büffel, Hyänen, Warzenschweine,… einfach alles. Ich habe mal ausgiebig mit einem ausgewachsenen (aber zahmen) Giraffenbullen geknuddelt (wenn man ihn besonders gut gestreichelt und gerieben hat, hat er sich mit einem Giraffenkuss bedankt: Einmal mit der langen großen festen Zunge rund um den Kopf herum gewischt). Ich war auf etwa 2 Meter an einem riesigen wilden Krokodil dran. Ich wollte in einer Ortschaft nachts fotografieren gehen, weil da nachts Nilpferde, Leoparden und Hyänen in den Straßen und Gärten rumlaufen, hab’s aber bleiben lassen, nachdem die Einheimischen mir versicherten, dazu müsse man entweder sehr, sehr mutig oder sehr, sehr dumm, eigentlich sogar beides sein, und fragten, ob sie dann meine Kamera haben dürften. Falls man sie noch findet. (Das Nilpferd ist das Tier, das in Afrika die meisten Menschen tötet.) Ich war nicht mutig genug. Dafür bin ich anderswo auf einem Strauß geritten.
Müll
In Johannesburg habe ich mich eigentlich wie zuhause in Berlin gefühlt: Liegt ziemlich viel Müll in den Straßen herum. Letztlich liegt in Südafrika viel mehr Müll herum als in Berlin, was aber einzig und allein dem Umstand zu verdanken ist, dass Südafrika eben größer ist als Berlin und deshalb auch mehr Müll reinpaßt. Viele Leute werfen dort wie hier den Müll einfach vor die Tür und warten darauf, dass Wind und Tiere es wegtragen. Man kann dort kilometerweise an Landstrichen vorbeifahren, die links und rechts der Straße auf 100, 200 Meter oder einfach Sichtweite mit Plastikmüll (Tüten, Flaschen,…) dicht vermüllt sind. Und das Zeug vergammelt ja kaum.
Kriminalität
Auch da fühlt man sich als (Pseudo-)Berliner fast wie zuhause, die Kriminalität ist enorm, es gibt No-Go-Areas. Man hat mich sehr davor gewarnt, als Weißer in die Innenstadt von Johannesburg zu gehen, schon gar nicht allein und ohne schwarzen Guide. Ich war mal kurz in einer Gruppe in der Innenstadt. Da hat man auch nichts verpasst. Auf fast der gesamten Reise waren wir immer wieder mit dem Thema konfrontiert, obwohl uns unterwegs eigentlich nichts passiert ist, aber wir eben immer wieder mit den Sicherheitsmaßnahmen und den Warnungen, was man alles nicht tun soll, konfrontiert wurden. In Kapstadt wollte mich einer umrennen um mir die Fototasche wegzunehmen, hat aber die Massenverhältnisse falsch eingeschätzt und ist nur selbst hingefallen.
Armut und Reichtum
Ich war schon in armen und in reichen Ländern. Selten aber liegen extrem arm und extrem reich so dicht beieinander. Mitunter fährt man durch ärmlichste Townships, in denen die Leute in aus Müll gebauten Verschlägen hausen, um kurz darauf oder auch einfach auf der anderen Straßenseite an Reichenwohnungen, teils schönsten Millionärsvillen mit schönen großen neuen Motoryachten vorbeizukommen.
Apartheid und Nelson Mandela
Faktisch ist die Apartheid in Südafrika längst abgeschafft.

Faktisch, politisch, kulturell ist sie – genauer gesagt: Die Abschaffung der Apartheid – aber immer noch und noch auf lange Zeit das wichtigste, prägende, kulturbestimmte und auch staatsgebende Thema und Nelson Mandela die quasi staatsgründende Person.

Ich möchte etwas vor allem über das letzte Thema erzählen.

Schon bei meiner letzten Reise nach Kapstadt vor einigen Jahren war das Thema dort bestimmend, ich habe Robben Island besucht (die Gefängnisinsel, auf der Nelson Mandela inhaftiert war; eine Engländerin meiner Reisegruppe sagte mal treffend, es sei „rude”, nach Kapstadt zu kommen ohne diese Insel zu besuchen). Ich war (auch jetzt wieder) im District Six Museum, wo sie solche Dinge wie alte Parkbänke, die nur für Weiße erlaubt und auch so beschriftet waren, ausstellen. Und ich habe es an der berühmten Waterfront genossen, auf eben einer Parkbank zu sitzen und zu erleben, wie sich die Leute eben nicht auf eine der freien anderen Bänke, sondern ganz bewusst zu einem auf die gleiche Bank setzen, und habe mich ganz wunderbar mit den Leuten dort unterhalten. Nicht alle, aber viele der Leute dort sind überaus liebenswürdig.

Auf Robben Island hatte mal ein ziemlich junger schwarzer Kerl einen verdammt guten und professionellen Vortrag über Rassismus und Apartheid gehalten, der bemerkenswerterweise vom üblichen Gut-Böse-Schema abwich und auch selbstkritische Töne hatte. Er erklärte damals, dass wenn ein Weißer in einen Laden käme, er als Kunde aufgefasst würde, während ein Schwarzer, der in einen Laden käme, von allen als Ladendieb und nicht als Kunde eingeordnet würde, noch bevor er irgendetwas gemacht habe. Das Perverse daran sei aber, dass das genauso auch dann ablaufe, wenn gar kein Weißer dabei wäre, wenn also Verkäufer, Wachpersonal, andere Kunden alle tiefschwarz seien. Auch dann würde er von allen Anwesenden als potentieller Ladendieb gesehen, nicht als Kunde, der was kaufen will. So sehr habe sich das schon eingeprägt. Die bräuchten für den Rassismus gar keine Weißen mehr, das würden die inzwischen schon selbst machen. Deshalb würden einige wenige schon überlegen, ob es vielleicht doch nicht so viel mit der Hautfarbe, sondern mit wohlhabend-gegen-arm zu tun haben könnte und sich sowas automatisch einstellt, wenn unterschiedliche Bevölkerungsschichten aufeinanderträfen.

Auch dieses Mal war das Thema wieder durchgehend bestimmend. Ich war an einem Mittwoch in Johannesburg angekommen, die Tour startete am Freitag morgen. Also buchte ich für Donnerstag eine Tagestour mit einem örtlichen Veranstalter (eigentlich wollte ich mit einem Anbieter rumfahren, der mir einen Einzel-Guide nur für mich angeboten hatte, habe mich dann aber doch einer anderen Tour mit Leuten aus meinem Hotel angeschlossen; weiß nicht, ob das gut oder schlecht war, sich umzuentscheiden, denn bei dieser Tour war ich fast die ganze Zeit mit anderen Leuten in einen Kleinbus gestopft herumgefahren).

Dadurch kam ich aber dahin, wohin ich eigentlich gar nicht hinwollte, denn ich hatte dabei übersehen, dass diese Tour eigentlich woanders hinging, nämlich nach Soweto. Für Leute ab meinem Alter erinnert das noch an schwere Straßenkämpfe und Randala, tatsächlich aber war es sehr gut, nach Soweto zu fahren und erst abends auf dem Rückweg noch einen kurzen Abstecher nach Johannesburg Innenstadt zu machen. Soweto war nämlich durchaus sehr sehenswert, auch viel friedlicher und weniger kriminell, auch mit Straßenfesten und Leuten, die auf den Straßen grillen und das anbieten. Zwar findet man auch dort noch ärmliche Hütten, aber eben auch die Wohnhäuser der südafrikanischen Prominenz wie eben Nelson Mandele, Winnie Mandela, Desmond Tutu (es ist völlig sinnlos, dahin zu fahren, weil es an den Häusern einfach gar nichts zu sehen gibt, aber sie machen es eben vor lauter Stolz). Dann waren wir in zwei sehr schönen, sehr modernen Museen (beide auch bevölkert von vielen Schulklassen in bunten Uniformen), eines war ein Fotomuseum mit einer Austellung von Bildern aus der damaligen bürgerkriegsartigen Zeit im Streit gegen das Apartheid-Regime, und eben das Apartheid-Museum.

Im Apartheid-Museum bekommt man am Eingang unterschiedliche Eintrittskarten, nämlich für Weiße und für Schwarze, und muss dann das Museum durch verschiedene Eingänge betreten, um einem noch einmal so ein bisschen das Gefühl zu geben, wie das so war. Ich hatte eine Karte für Weiße, wenn ich sie richtig verstanden habe, war das aber keine Absicht, sondern einfach Zufall, weil sie die Karten wohl einfach zufällig ausgeben. Betrifft ohnehin nur zwei kurze Gänge von ca. 5 Metern. Drinnen – natürlich – auch eine große Ausstellung über Nelson Mandela. Und eben auch viel über den damaligen Kampf, alte Panzerwagen des Regimes, selbstgebaute Waffen der Aufständischen, Berichte, Urteile, Fotos und so weiter. Etwa die Gewalt der Buren, die einfach auf der Straße willkürlich auf Leute geschossen hätten. Sehr beeindruckend.

Und man fragt sich da schon, was in deren Köpfen vorgegangen sein kann, da einfach in ein fremdes Land zu gehen und sich als Herrenmenschen, als eine übergeordnete Rasse aufzuspielen. Alles so absurd.

Auch der Fahrer dieser Tagestour lebte selbst in einem Township in Soweto und legte großen Wert darauf, uns in den Straßen dort zu zeigen, wo damals was passierte und an welcher Stelle wer von wem erschossen wurde. Wirkt etwas seltsam, weil es heute eine schöne Wohngegend mit ordentlichen Häusern, gepflegten Gärten, sauberen Straßen, Kunstgegenständen und Gedenktafeln ist.

Man merkt ihnen sehr an, dass sie das Thema nicht loslässt, dass sie einerseits immer wieder daran erinnern und das Grauen darstellen wollen, andererseits aber ihren Stolz und ihre Freude darüber ausdrücken wollen, dass das vorbei ist, und noch mehr: Dass sie es eigentlich doch sehr friedlich und vor allem ohne Hass, Rache oder dergleichen beendet haben, was sie vor allem Nelson Mandela zu verdanken haben, der da einfach einen friedlichen Ansatz gewählt hat, dessen Grundtenor da wohl war, dass man einfach mal aufhört mit dem Quatsch und dann einfach nette Menschen sein solle, die sich um Bildung und Aufbau des Landes kümmern. Erstaunlicherweise hat er das ja schon aus dem Gefängnis heraus gemacht. Schon vor seiner Freilassung war Mandela so wichtig und einflussreich geworden, dass man ihn in ein anderes Gefängnis verlegte, um ihn von den anderen zu trennen. Das neue „Gefängnis” war aber schon ein schöner Bungalow auf einem Gefängnisgelände, zwar mit Mauer und Stacheldraht außenrum, aber mit schönem Swimmingpool und „persönlichem” Wärter, der für Mandela kochte, und das angeblich so gut, dass Mandela schon Witze riss, dass der viele politische Besuch, den er da schon empfangen konnte, nicht wegen ihm, sondern wegen des guten Essens käme. Mandela war laut den ausgestellten Bildern auch nach seiner Freilassung weiterhin mit seinem „Wärter” und Leibkoch eng befreundet.

Man hört den Leuten immer wieder an, mit welcher Ehrfurcht und Begeisterung, wie respektvoll sie von Mandela sprechen, davon, dass er eine Ikone sei, dass er im Prinzip das Land neu gegründet habe. Selbst solche Nebensächlichkeiten wie die Kneipe, in der er Winnie Mandela kennengelernt habe, werden fast wie Nationalheiligtümer vorgeführt. Wäre ich auf dem esoterischen Trip, hätte ich das alles mit „unheimlich viel positive Energie” beschrieben. Denn auch irgendwelchen Hass auf Weiße habe ich (jedenfalls dort, anders in der Sache Hexerei, von der ich schon geschrieben habe) nie erlebt, die Leute waren immer freundlich, aufgeschlossen, ich fühlte mich da „welcome”. Schulkinder haben mich angelacht, kokettiert.

Selbstverständlich gibt es viele Gedenktafeln und dergleichen, Mandela ist natürlich auf allen Geldscheinen. Ein Nationalheiliger.

Auch auf der eigentlichen 20-tägigen Tour kam das immer wieder zum Tragen.

Der Reiseleiter und Fahrer war ein junger Mann, hat das überaus gut gemacht, und das Thema auch immer wieder aufgegriffen, sagte aber, dass er sich selbst (so mittlerer Farbton) nicht einordnen könne und wolle. Die Weißen würden ihn nicht als Weißen akzeptieren, weil er zu dunkel sei. Die Schwarzen würden ihn aber auch nicht als Schwarzen akzeptieren. Nicht weil er nicht dunkel genug sei, das wäre denen egal. Sondern weil er Englisch und Afrikaans, also die Sprachen des Weißen Mannes spräche, aber keiner der afrikanischen Stammessprachen fließend. Deshalb sei er eigentlich gar nichts und alle könnten ihm mal den Buckel runterrutschten mit ihrem Schwarz-Weiß-Gelaber.

Trotzdem (oder deswegen, egal) betonte er immer wieder, wie stolz sie Südafrikaner sowohl auf ihre Natur, als auch auf das politisch Erreichte seien, und dass er selbst zwar auch gerne in andere Länder reiste (er konnte sogar etwas deutsch und sprach wegen des Afrikaans auch ziemlich gut Niederländisch), aber letztlich nirgendwo sonst als in Südafrika leben wolle. Und der reiste als Reiseleiter ja auch in einigen südafrikanischen Ländern herum.

Tragisch war, dass er uns immer wieder ankündigte und versprach, uns abends mal einen Vortrag über Apartheid zu halten, jedesmal aber irgendwas dazwischenkam, und es jeden Tag dann erst „wir haben ja noch genug Zeit” und dann „aber morgen ganz bestimmt” hieß. Der Vortrag wurde (leider) nie gehalten. Ich hätte ihm da gerne mal zugehört.

Auch die Reiseleiterassistentin (ist sie nicht mehr, denn es war ihre letzte Ausbildungsfahrt als Kopilotin, ab jetzt ist sie selbst Hauptreiseleiterin), ein knudelliger Whoopie-Goldberg-Typ aus Simbabwe, so eine Muss-man-einfach-gern-haben, die auch für uns gekocht hat, hat das immer wieder gesagt und wollte eignetlich in den nie gehaltenen Vortrag mit einstimmen.

Mittendrin, so in einer abgelegenen Gegend, dann wieder ein Mandela-Museum. Die Mandela Capture Site. Sogar die Stelle, an der die Polizei damals Mandela gefangen und verhaftet hat, ist zum Monument geworden. Monument ist ernst gemeint, da steht ein sehr beeindruckendes Monument, nämlich so ein Haufen großer eiserner Reliefstangen, die dann, wenn man davorsteht, nur wie ein vertrockneter Wald aussehen. Nur aus der Perspektive von zwei Punkten (einer auf dem Fußweg dorthin und ein zweiter im rechten Winkel von der Schnellstraße, die daran vorbeiführt, damit man es auch aus dem Auto sieht), man muss aber schon genau aus der richtigen Richtung gucken, bilden die Stangen genau das Portrait von Mandela (siehe die Bilderstrecke auf der verlinkten Webseite). Ich muss mir sowas mal als Software für den 3D-Drucker schreiben. Auch ein Mandela- und Apartheids-Museum gibt es da, was aber eher wie Plakatwände im ehemaligen Kuhstall wirkt. Ist ihnen natürlich nicht gut genug, deshalb bauen sie nebendran gerade ein schönes, großes, modernes Museum.

Und auch in Kapstadt findet man das Thema immer wieder. Zum Abschluss haben wir dort eine örtliche Standrundfahrt mit einem örtlichen Veranstalter gemacht, und auch da ging’s wieder – Überraschung – in Townships und ein Apartheid-Museum (wieder District Six Museum).

Man kann es nicht anders sagen:

Es gab dort ein enormes Gewaltregime und eine völlig ungerechte Rassentrennung, und sie haben es zwar mit einer Gewaltphase, aber danach doch im wesentlichen mit friedlichen Mitteln geschafft, da raus zu kommen.

Das ist umso erstaunlicher, als Mandela selbst in jungen Jahren auch kein Engel war und wohl einiges auf dem Kerbholz hatte, und er nach seiner Festnahme eigentlich noch „Glück” hatten, dass die (weißen) Richter mit ihm so „gnädig” waren sich gegen den politischen Wunsch der Hinrichtung zu stellen und zu urteilen, dass die Anklage für eine Hinrichtung einfach nicht ausreicht und ihn „nur” für Jahrzehnte einzubuchten. Nach dem, was man dort erzählte, hat er diese Zeit, dort mit einigen Kampfgefährten allein zu sein, für einen kompletten Charakterwechsel genutzt und sich quasi selbst neu entworfen. Dabei muss er wohl so überzeugend gewesen sein, dass nach einiger Zeit nicht mehr die Wärter über ihn, sondern umgekehrt er über die Wärter bestimmt hat. Er muss schon sehr beeindruckend gewesen sein.

Friede, Freude, Eierkuchen?

Alles so Friede, Freude, Eierkuchen, und wie gut und schön das doch alles seither ist.

Etwas hat mir daran aber irgendwie nicht geschmeckt. Irgendwie hat das beim Schlucken nicht richtig geflutscht. So schön und begeisternd und überzeugend das alles war, es war halt auch immer einseitig, so eine Art Siegerpropaganda.

Freilich, eine ohne Rache oder Anschuldigungen oder Böse-Weiße, sondern mehr so historisch-Kampf-Befreiung-und-jetzt-alles-so-gut-und-frei. Aber es roch halt irgendwie auch immer so nach etwas Selbstbeweiräucherung des ANC (African National Congress, Sozialdemokratische Partei in der Mandela war). Und selbstlobenden Sozialdemokraten kann man ja auch nichts glauben.

Ich möchte zur Vorbereitung des Folgenden zwei Details einwerfen, die hiermit scheinbar nichts zu tun haben. Zwei Details zur Armut.

Wir haben uns auf der Reise auch immer wieder mal danach erkundigt oder darüber informiert, wie es so mit der Bildung aussieht. Das auch deshalb, weil zwei Rentnerinnen aus der Reisegruppe, eine Amerikanerin und eine Britin, pensionierte Lehrerinnen waren und deshalb natürlich großes Interesse daran hatten. Besonders haben wir uns dann im deutlich ärmlicheren Lesotho darum gekümmert, denn dort haben wir mal eine Schule besucht und den Kindern zu deren riesiger Freude Schulhefte, Kugelschreiber, Buntstifte und so Zeugs mitgebracht, für das wir vorher alle Geld in den Hut geworfen und das in einer Stadt in Südafrika eingekauft hatten. Dafür durften wir die Schule besichtigen, mit dem Lehrer sprechen, die Kinder begrüßen, uns Lieder vorsingen lassen, einen Blick in die Küche werfen und auch eine Viertelstunde im Unterricht zwischen den Kindern auf den Schulbänken sitzen durften. War lustig. Trotz der sehr primitiven Zustände und der Zusammenunterrichtung mehrerer Klassenstufen machen sie da einen sehr passablen und ordentlichen Unterricht.

Auf meine Frage hin sagte mir aber der Lehrer, was ich auch in Südafrika immer wieder gehört habe:

Ja, es gebe eine Schulpflicht für alle.

Und ja, die Schule sei kostenlos, man bekäme alles Material, was man braucht.

Und nein, man müsse keine Überzeugungsarbeit mehr leisten, es hätten alle kapiert, dass Bildung wichtig wäre, Kinder wollen gerne in die Schule, Eltern wollen ihre Kinder hinschicken.

Trotzdem gehen viele Kinder nicht in die Schule.

Warum?

Zwar ist die Schule kostenlos, und auch die nötigsten Materialien bekommt man gestellt, man kommt da ohne Geld durch die Schule. Aber: die Schuluniform müssen die Familien selbst bezahlen. Und das können viele Familien nicht. Das läge weit, weit außerhalb derer finanzieller Möglichkeiten, weil viele arbeitslos sind und es kein Sozialsystem gibt, Arbeitslose einfach gar nichts bekommen. Ich habe gefragt, was so eine Schuluniform kostet. Das wäre unterschiedlich, käme auf die Schule an, läge aber so ungefähr im Bereich von – falls ich mich jetzt recht erinnere – etwa 200 Rand (= ca. 14 Euro). Und diese 200 Rand seien für viele Familien eben völlig unerreichbar, zumal sie ja mehrere Kinder haben.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mal eine moralische Meinungsverschiedenheit aufgreifen.

Ich war bei dieser und auch bei meiner letzten Afrika-Reise immer wieder in Townships, wo die Ärmsten in üblen Wellblech-Verschlägen auf engstem Raum und in erbärmlichen Verhältnissen hausen. Man kann und soll das nicht auf eigene Faust, viel zu gefährlich, zumal die Leute sich da proviziert und begafft wie im Zoo fühlen würden. Es sind immer geführte Touren, und der Guide ist immer jemand aus dem Township, der da lebt, den die Leute kennen. Das kommt ganz anders an, nämlich wie „der Nachbar macht Geschäft” und nicht wie „Weiße kommen zum Gaffen”. Die gehen nämlich auch nicht irgendwohin, sondern klären das vorher mit den Leuten ab, dass die nicht überrascht sind, dass sie einverstanden sind, und die bekommen auch vom Geld was ab, was man da bezahlt, deshalb funktioniert das.

Dazu gehört immer auch, dass man mal Wohnhäuser besichtigt, also in so einen Verschlag reingeht, in dem große Familien auf engstem Raum ohne Boden, ohne Wasser, ohne Strom im Dunkeln und Heißen oder Kalten hausen.

Nun gibt es Leute, beispielsweise in meiner Reisegruppe, aber auch in meinem Freundeskreis, die es ganz schrecklich finden, da in diese Löcher auch noch reinzugehen und den Leuten in die „Schlafzimmer” zu gucken und sie in ihrer Armut noch zu besichtigen. Das wäre unerträglich, unvertretbar, da gehöre man einfach nicht hin. Eine wollte nicht mal ein Foto sehen, das ich drinnen gemacht habe. Das wäre falsch, das dürfe man nicht.

Ich sehe das anders. Nämlich aus anderem Blickwinkel.

Niemand wird da gegen seinen Willen besichtigt. Die Guides klären das vorher ab und besichtigen nur solche Häuser, deren Bewohner darum bitten oder wenigstens damit einverstanden sind. Sie bekommen nicht nur etwas Geld dafür, es ist auch üblich (wenngleich das nicht alle tun, ich habe es getan), beim Verlassen einer solchen Behausung etwas Geld hinzulegen. So 20 oder 30 Rand (= ca. 1 bis 2 Euro) pro Besucher. Man sieht den Leuten an, wie sehr die sich über das Geld freuen, wie erleichtert die sind. Wenn da eine Touristengruppe mit 10 Leuten durchkommt, vielleicht sogar zwei oder drei, bekommen die an einem oder zwei Tagen plötzlich das sonst unerreichbare Geld für eine Schuluniform zusammen und können ein Kind in die Schule schicken. Und es wird eben nicht als Almosen empfunden, sondern als verdiente Gegenleistung.

Ich finde das völlig fair und in Ordnung, wenn Familien da mal für eine Viertelstunde Touristen in ihr „Haus” einladen (zumal sich vor allem die Kinder sehr freuen, dass mal „reiche” weiße Leute von ihnen Notiz nehmen, mit ihnen sprechen, sich um sie kümmern, sie fotografieren. Und wenn’s nur eine Viertelstunde ist, die meisten freuen sich unbändig, andere sind schüchtern), und dafür ein Kind vielleicht für ein Jahr zur Schule kann, weil es eine Uniform kaufen kann.

Ich halte es im Gegenteil für überheblich und herablassend, das nicht zu tun, vor allem, wenn man draußen stehen bleibt und nicht reingeht, weil man die Leute damit auch brüskiert und beleidigt, und damit sagt, Dein Haus ist nicht mal gut genug, dass ich einen Schritt hineintue. So benimmt man sich einfach nicht. Wenn man schon so eine Tour bucht und dann in ein Haus eingeladen wird, dann nimmt man das auch an.

Das zweite Detail ist, dass es schon so eine Art öffentlich geförderten Haus- und Wohnungsbaus in verschiedenen Preiskategorien gibt. Wir haben in einem Township in Kapstadt (neben der Straße zum Flughafen) durchaus auch ganz ordentliche Häuser so im Stil von zweistöckigen Reihenhäusern gesehen, mit denen man sich auch in Deutschland nicht zu schämen bräuchte, die einen guten Eindruck machten, sogar mit Solarheizungen auf dem Dach, die aber nicht billig waren, die man sich nur leisten kann, wenn man einen ordentlichen Job hat.

Wir haben auch das unterste Preisniveau gesehen. Auch diese primitivsten Hütten werden vom Staat angeboten, auch wenn ich nur drei davon gesehen habe. Man kann sich so einen Verschlag auch vom Staat kaufen, so ein „Haus” kostet, wenn ich es recht in Erinnerung habe, zwischen 2000 und 3000 Rand, also etwa 130 bis 200 Euro. Völlig illusorisch und unbezahlbar für Arbeitslose. Wobei „Haus” kaum die richtige Bezeichnung ist, vier Holzpfosten als Ecken und ein Stück (allerdings neues, glänzendes, anscheinend verzinktes) Wellblech außenrum, geschätzt zwei mal vier Meter oder kaum größer, Tür und Fenster nur als ausgesägte Rechtecke, nichts zum Zumachen. Mehr ist es nicht, und das ist schon unbezahlbar. Ich habe mich an manchen Townships gewundert, warum die Leute einfach rumliegenden Müll auf die Dächer legen. Damit das Dach vom Wind nicht wegfliegt. Sie haben nichts anderes zum Beschweren oder Befestigen.

Und was sie uns eben auch erklärten, waren die katastrophalen sanitären Verhältnisse. Sie haben kein Wasser, keien Toiletten in der Nähe, müssen mehrere Hundert Meter gehen, bis da mal zehn solche Plastik-Dixieklos für quasi einen ganzen Stadtteil stehen.

Und Wasser müssen sie ranschleppen. (Ich habe selbst in besseren Gegenden wohlhabendere Frauen gesehen, die vom Einkaufen kommen oder an der Strandpromenade entlangehen und Flasche Mineralwasser freihändig auf dem Kopf stehen haben und damit normal rumlaufen und spazieren, auch unsere Reiseleiterin hat uns das mal vorgeführt, versucht’s mal. Das ist dort einfach kulturell drin, dass die Leute Wasser über weite Strecken herantragen müssen.)

Ich war etwas irritiert, weil sie sagten, dass es dort keinen Strom gebe, ich im Township in Kapstadt aber ein unbeschreibliches Kabelgewirr über den Dächern verspannt haben. Der Guide hat mir das dann erklärt und ich habe es dann auch gesehen: Alles illegal, die haben einfach die Straßenverkehrsampeln angebohrt, aufgebrochen, angezapft, um überhaupt etwas Strom zu haben, und an jeder Ampel hängen dort dann hunderte von Hütten. Die Behörden wissen es, machen aber nichts, weil sie auch nicht mehr bieten können. Solange es die Ampeln aushalten. Dann hat man halt nur Licht, wenn die Ampel gerade rot ist. Oder grün. Für wen nur gelb übrig blieb, hat halt Pech gehabt.

Das einfach mal nur so als Einwurf, damit man ein Gefühl dafür bekommt, auf welchem Niveau die Leute dort leben.

Der Taxifahrer

Ich hatte ja im Artikel über den misslungenen Rückflug schon erwähnt, dass ich vom Hotel mit einem gebuchten Shuttle zum Flughafen gefahren bin. Wie so oft kam es zu einem sehr interessanten Gespräch mit dem Taxifahrer. Und das kam so:

Der kam zwar so ganz unafrikanisch hochpünktlich da an. Auch ein dunkler Farbiger, anscheinend wohnt er auch eher ärmlich, hatte aber dienstlich ein neues Auto, so einen Minivan. Ich als einziger Fahrgast. Ich stand halt mit verdammt viel Gepäck vor dem Hotel, er hielt in der Einfahrt, und nahm mir gleich die Fototasche ab um sie hinten reinzustellen. Riesen-Heckklappe. Und dann habe ich mich sehr unhöflich benommen. Während er nämlich mein ganzes schweres Gepäck ranschleppte, blieb ich am Auto stehen.

Als wir losgefahren sind, habe ich mich deshalb bei ihm entschuldigt und erklärt, dass mir das zu heikel war, mich von der offenen Heckklappe mit der Fototasche zu entfernen, könnte man zu leicht einfach rausnehmen.

Er lachte und meinte, ich hätte ja sehr schnell gelernt, wie das in Kapstadt so läuft und worauf man aufpassen müsse.

Nöh, sag ich, das lernt man in Berlin.

Wieso Berlin, fragt er. In Berlin gäb’s doch keine Taschendiebe.

Hähä.

Ich habe ihm dann mal erzählt, wie das in Berlin läuft. Gerade kurz vorher hatte ich die Meldung gelesen, dass die Polizei das schon gar nicht mehr verfolgt, weil sie nicht hinterherkommen. Ich habe ihm von den Messerstechereien erzählt, von den Banden, davon, dass man mit dem Messer angegriffen wird, wenn man seine Sachen festhält, von den Drogendealern, die einen schier verfolgen, dass ich mal auf 100 Metern von 5 Dealern und in einer U-Bahnstation von dreien angequatscht worden war.

Er war fassungslos.

Das könnte doch gar nicht sein, meinte er ungläubig, das wäre ja schlimmer als bei ihnen. Seine Tochter, erzählte er, habe mal, schon länger her, durch irgendein Austauschprogramm mal zwei Semester in Bremen studiert, und die sei völlig baff, perplex und hin und weg gewesen: In Deutschland könne man einfach so, auch als Frau und alleine und zu jeder Nachtzeit, umherlaufen, und es würde einem nichts passieren, niemand würde einem etwas tun. Das sei für sie ganz außerordentlich und wundersam gewesen, und das habe er doch von Deutschland geglaubt.

Ja, sag ich, war auch mal so, ist aber nicht mehr so. Ich hab ihm vom Kölner Hauptbahnhof zu Silvester erzählt. Oh, Nordafrikaner, ja, meint er, mit denen hätten sie auch Probleme.

Und ohne dass ich den Ortswechsel angesprochen hätte, blubberte es auf einmal aus ihm heraus:

Die Kriminalität in Südafrika

Dann ging’s aber rund. Dann kam ein richtiger Rundumschlag und Rant. Da hat er mal rausgelassen. Und von dem habe ich etwas ganz anderes gehört als man in den Museen erzählt bekommt.

Ja, natürlich waren Apartheid und das Apartheid-Regime Scheiße, und natürlich seien sie froh, das loszusein, aber es stimme einfach nicht, dass es jetzt wirklich besser sei. Vorher hatten sie Rassismus und ein hartes System, aber gewisse Ordnung. Straftäter kamen ins Gefängnis, und das war so, dass man auch merkte, dass es eine Strafe ist, die hätten gewusst und gemerkt, dass sie im Gefängnis seien.

Jetzt sei der ANC an der Macht und kümmere sich um die Human Rights der Straftäter und Gefängnisinsassen, damit die es auch gut haben, aber um die ehrlichen Leute kümmere sich niemand.

Und dann hat der sich so richtig aufgeregt.

Ein Räuber bekäme dort heute eine schöne saubere warme trockene Gefängniszelle, mit genug Platz und Ausgang, ein Bett, Wasser, Strom, Waschbecken, Toilette, vielleicht einen Fernseher, Arzt, medizinische Versorgung, drei Mahlzeiten, warm, und könne da prima leben. Ob ich wüsste, wieviele sowas kostet? Neulich habe man das mal ausgerechnet und herausgefunden, dass der Staat für einen Straftäter 1000 Rand bezahlt. Pro Tag. Pro Person.

Ehrliche Leute, die niemandem was tun, bekämen vom Staat gar nichts.

1000 Rand. Pro Tag. Pro Person. Für Straftäter. Der konnte sich gar nicht mehr einkriegen. (Vergleicht das mal mit den 200 für eine Schuluniform und den 2000 für eine Hütte, die sich viele nicht leisten können, um die Erregung nachzuvollziehen.)

Die würden unter erbärmlichsten Umständen hausen, kein Strom, kein Wasser, kein Bett, keine Heizung, kein Arzt, kein Geld, keine Nahrung. Da, brüllt er, da sind die Townships, die müsste ich mir mal ansehen um zu sehen, wie erbärmlich die ehrlichen Leute hausen, das könnte ich mir nicht vorstellen.

Er wusste nicht und ich habe es auch nicht erwähnt, dass ich zwei Tage vorher nicht nur in eben diesem Township, sondern sogar an genau dieser Stelle war, auf die er zufällig gerade gezeigt hat (links neben der Schnellstraße zum Flughafen). Ich habe die Stelle an den schiefen Klohäusschen wiedererkannt.

Es sei eine Unverschämtheit, wetterte er, dass Straftäter auch noch mit viel besseren Lebensumständen belohnt werden, als ehrliche Leute. Das sei überhaupt keine Abschreckung, sondern eine Belohnung. Und die Kriminalität würde immer schlimmer.

Jeder rede heute von den Human Rights der Straftäter und Gefängnisinsassen.

Was wäre denn mit seinen Human Rights, wenn er kaum noch auf die Straße könne, schon gar nicht abends oder nachts, weil man sofort überfallen und ausgeraubt würde? Seien das keine Human Rights, in Frieden und Würde leben zu können und wenigstens eine erträgliche Wohnung zu haben? Denen seiner Frau, seiner Tochter, seiner Nachbarn, aller Leute in den Townships, die vor lauter Kriminalität nicht mehr frei leben könnten und denen alles gestohlen wird, was sie sich erarbeiten?

Manche würden dort ja sogar nur deshalb Straftaten begehen, damit sie endlich ins Gefängnis kommen, weil sie in den Townships keine Aussicht auf erträgliche Lebensumstände hätten. Es wäre kein Wunder, wenn die Kriminalität explodiere.

Das würde sich jetzt bescheuert anhören und er bittet um Entschuldigung, aber er fand’s vorher besser, er hatte im Apartheids-Regime bessere Lebensumstände. Wäre zwar Scheiße und ziemlich rechtlos gewesen, aber wenigstens hätte man sich da auf den Straßen einigermaßen sicher bewegen und halbwegs leben können.

Heute würde sich die Regierung zwar als die fürsorgliche Regierung der Human Rights ausgeben, faktisch sei sie aber nur eine Lobby der Straftäter, der alle ehrlichen Leute völlig egal wäre, die für normale Leute nichts tun und sie erbärmlich hausen lässt, und die Gefängnisse so ausbaut, dass man dort längst viel besser und komfortabler wohnt als in den Townships, aus denen zu entkommen man keine Chance mehr hätte.

Das ist mal eine andere als die offizielle Sichtweise. Stellt die Sache mal ganz anders dar als in den Museen.

Jemand anderes sagte mir dort übrigens, dass es in Südafrika keine richtige Pressefreiheit gibt, und dass die Presse nicht über Rassenunruhen, Randale und sowas berichten darf. Es gibt sie also, aber man versucht den Anschein von alles gut, alles schön, alles fein aufrechtzuerhalten.

Auf dem Rückflug ging mit das so durch den Kopf. Irgendwie hörte sich das plötzlich nicht mehr nach schön, stabil, Friede, Freude, Eierkuchen an. Das hörte sich nicht nur so an, als ob das bald kracht, das hörte sich an, als sei das schon im Krachen.

Und erinnerte mich irgendwie an Berlin, an Deutschland.

Reisen bildet.

Der anderen Meinung zuzuhören bildet noch mehr.