Frauen sind auch nur Männer?
3.10.2012 20:53
Ein Leser weist mich gerade auf einen Gender-Artikel in der ZEIT hin. Grauslich.
Irgendwie kommt das gerade immer mehr in Mode und kommt immer häufiger vor, dass Journalisten oder Pseudowissenschaftler, oben eben in Kombination aus beidem, hauptsächlich, aber nicht ausschließlich Frauen, über Gender-Themen schreiben und dabei gleich einem Rant irgendwas schreiben, was der Gender-Ideologie entspricht, was den Gender-Zielen zuträglich scheint, was irgendwie gegen die Geschlechterrollen geht, aber was grundsätzlich ohne jegliche Begründung auskommt. Es wird immer hoffähiger, einfach irgendwas zu behaupten, was einem in den Kram passt.
Mit der Inhaltslosigkeit einher geht, dass man auch Kritik an der Inhaltslosigkeit nicht mehr akzeptiert.
Nachdem ich kürzlich ja einige Blogartikel über das Thema geschrieben habe, gab es bei mir einige Kommentare, E-Mails und persönliche Vorwürfe der Art, dass ich wohl Angst davor haben würde, meine „männlichen Privilegien” zu verlieren. Jegliche Kritik an Gender oder jede andere als die vorgegebene Einheitsmeinung wird da immer auf Angst zurückgeführt um sie zu entwerten. Dass man eine Aussage nicht deshalb nicht akzeptiert, weil man vor dem Ergebnis Angst hätte, sondern einfach deshalb, weil man sie für wissenschaftlichen Quatsch hält und sie jeder Nachvollziehbarkeit entbehrt, geht da in die Köpfe nicht mehr rein (oder wird als Taktik bewusst übergangen). So nach der Logik, wer keine Angst vor Verlust seiner Privilegien hat, der muss für Gender sein.
Diese Denkweise ist nicht neu: Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts gegen Kommunikationsüberwachung, Polizeistaat, Vorratsdatenspeicherung und totale Transparenz. Seltsamerweise fallen viele der Leute, die diese Denkweise bei der Staatsgewalt ablehnen, beim Feminismus drauf rein. Was übrigens die Substanzlosigkeit der Argumentation belegt.
Auch dieser Artikel in der ZEIT ist von dieser Bauart. Fängt schon so an:
Vorab eine Warnung: Weiterlesen könnte Sie unglücklich machen. Jedenfalls dann, wenn Sie bisher Leuten wie Barbara und Allan Pease oder Eva Herman geglaubt haben.
Schon wieder diese Argumentation, Andermeinungen von vornherein abzuwerten. Der Leser weiß noch gar nicht, worum es in dem Artikel überhaupt geht, da wird schon suggeriert, dass eine Andermeinung mit Unglücklichsein zusammenfällt. Wieder so diese Denkweise, dass jeder, der Gender nicht folgt, dies deshalb nicht tun würde, weil es ihn unglücklich machen und sein Weltbild zerstören würde.
Tatsächlich aber taucht in dem ganzen Artikel kein einziges nachvollziehbares Argument auf. Wieder die typische Gender-Argumentation: Nichts wird hergeleitet, untersucht, nachgeprüft, erklärt, erläutert. Sondern es geht nach der Heiligen-Zitat-Methode: Die Person X ist wichtig, und X sagt dass Y, also ist Y wahr.
Natürlich ist es immer so, dass die Personen, die etwas sagen, was einem paßt, gut, richtig, wichtig, wissenschaftlich und die anderen arme Tröpfe und Lügner sind.
»Innerhalb der Geschlechter gibt es weit größere Unterschiede als zwischen den Geschlechtern«, sagt der Biopsychologe Markus Hausmann, der an der Universität Bochum über Männer und Frauen forscht. »Die Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern sind viel größer als die Differenzen.« All die Versuche der letzten Jahrzehnte, die angeblichen »Unzulänglichkeiten« der Frauen auf begehrte Soft Skills umzumünzen, waren also völlig unnötig. Ist gar ein Ende des Geschlechterkampfes in Sicht?
Biopsychologe? Was soll das sein? Gibt’s auch Psychologen, die sich mit mit Biologischem befassen?
Die Gemeinsamkeiten sind viel größere als die Differenzen. Innerhalb der Geschlechter gibt es größere Unterschiede als zwischen den Geschlechtern. Stimmt alles. Sagt aber überhaupt nichts aus. Denn es bedeutet nicht, dass es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.
Beispiel 100-Meter-Sprint: Da sind die Geschwindigkeitsunterschiede innerhalb der Geschlechter auch viel größer als zwischen den Geschlechtern. Beispielweise liege ich auf 100 Meter viel, viel weiter hinter dem Weltrekord als die Spitzen- oder Durchschnittswerte von Männern oder Frauen voneinander differieren. Trotzdem sind Männer im Mittel und im Maximum schneller als Frauen. Ähnlich bei der Körpergröße: Die Größenunterschiede innerhalb der Männer und innerhalb der Frauen sind weitaus größer als die zwischen Männern und Frauen. Wer mal mit offenen Augen durch die U-Bahn geht, sieht, dass viele Frauen größer als viele Männer sind (Schuhe schon abgezogen). Trotzdem sind Männer im Mittel und im Maximum größer als Frauen. Die Aussage, dass die Schwankungen innerhalb der Geschlechter größer ist als zwischen den Geschlechtern, ist zwar suggestiv und erweckt den Eindruck, dass es keinen Geschlechterunterschied gäbe – der Eindruck ist aber falsch.
Auch die Schlussfolgerungen daraus sind falsch. Denn wenn innerhalb der Geschlechter größere Schwankungen bei Eigenschaften als zwischen den Geschlechtern herrschen, dann dürfte es keine Frauenquote geben, weil dies ja dann ein nachrangiges Kriterium wäre. Dann müsste man Vorstandsquoten nach den Hauptkriterien vorschreiben, etwa die quotenmässige Repräsentanz von Menschen nach Körpergröße oder etwa eine quotenmässige Zusammensetzung nach Technikern, Künstlern, Häuptlingen, Beamtenseelen und leidenschaftlichen Friseuren. Dann nämlich wäre zwar eine Benachteiligung der Frau falsch – eine Frauenquote aus demselben Grund aber mindestens genauso falsch.
Außerdem würde eine solche Aussage sämtliche Statistiken, die als (vermeintlicher) Beleg einer Frauendiskriminierung herangezogen werden, über den Haufen werfen, weil das Simpson-Paradoxon (eigentlich ist es kein Paradoxon, sondern schlicht ein Rechen- und Interpretationsfehler) noch viel stärker zuschlägt. Dann nämlich haben andere Eigenschaften als das Geschlecht einen soviel stärkeren Einfluss auf den Erfolg, dass man aus den Gesamtstatistiken überhaupt keine Aussage auf die Benachteiligung von Frauen mehr schließen kann. Aber Statistik-Fehler haben Genderisten ja auch noch nie interessiert.
Als overinflated, also absolut übertrieben, kritisiert die amerikanische Psychologin Janet S. Hyde Behauptungen wie die von Allan und Barbara Pease. Die Professorin an der University of Wisconsin hat die Daten von insgesamt 46 Metaanalysen über Geschlechterunterschiede verglichen. Rund 7000 Einzeluntersuchungen gingen in die Rechnung ein, über Sprache, mathematische Fähigkeiten, Kommunikationsmuster, Aggression oder Führungsstil.
Ein paar Unterschiede kamen tatsächlich zutage: Frauen werfen nicht so gut. Sie sind weniger aufgeschlossen für One-Night-Stands, neigen nicht so stark zu körperlicher Aggression und masturbieren seltener. Die anderen Differenzen fallen, statistisch gesehen, kaum ins Gewicht.
Eine psychologische Untersuchung, die Bällewerfen, One-Night-Stands, Aggression und Masturbation verglichen hat? Is ja ne tolle Untersuchung. Weil das doch genau die Fähigkeiten sind, die bei der Vorstands-Karriere den Ausschlag geben. Bei anderen Eigenschaften hätte die Studie ergeben, dass es keine Unterschiede gibt? Tja, das hätte viel mehr interessiert, um sich ein Bild über die Studie zu machen. Aber gerade das erfährt man nicht. Der Leser sieht nicht, was sie noch untersucht haben, aber dem Leser wird suggeriert, dass das die vier einzigen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind. Was haben sie sonst untersucht? Seilhüpfen und Kaugummikauen?
Dann behauptet sie, es gäbe keine biologischen Unterschiede, es sei alles ganz anders. Es gäbe noch einen zweiten Fall neben dem der Reimer-Zwillinge, in dem es genau andersherum gelaufen sei. Sie macht dabei aber gleich drei wissenschaftliche Fehler:
- Sie sagt nicht, welcher Fall das sein soll. Man kann überhaupt nichts nachprüfen oder Fehler aufdecken. Man soll einfach glauben, was sie schreibt.
- Es gibt überhaupt keine Aussage dazu, ob der Umstand, dass angeblicher Mensch hinterher Frau sein wollte, mit der Erziehung zusammenhing oder andere Ursachen hatte, und wie das später weiterging.
- Es ist wissenschaftlich falsch. Denn ein einzelnes Beispiel kann aus logischen Gründen eine These wider- aber nicht belegen. Weil Beispiele keine Beweise für die Allgemeingültigkeit sind, Gegenbeispiele aber sehr wohl Belege für eine fehlende Allgemeingültigkeit ist. Da fehlt es wieder an grundlegendem logischen Denken und Wissen. Diese Denkfehler sind bei den Genderistinnen so massiv verbreitet, dass man fast glauben könnte, dass wissenschaftliches Denken bei Männern doch viel besser ausgeprägt ist. Denn um eine These zu beweisen geht es ja nicht zu wie im Fußballspiel, wo ein Beispiel dafür und eins dagegen einen Punktestand von 1:1 hervorrufen. Ein Beispiel, in dem eine These gilt, kann ein Gegenbeispiel nicht aufwiegen. Wenn man etwa behauptet, dass alle geraden Zahlen auch durch 5 teilbar sind, dann ist 8 ein hervorragendes Gegenbeispiel, dass nicht dadurch entkräftet wird, dass die Aussage bei 10 zutrifft.
Ich habe aber insgesamt – und wie schon ausführlich beschrieben – den starken Eindruck, dass es bei Gender überhaupt nicht um Richtigkeit, Wahrheit, Wissenschaftlichkeit geht, sondern einfach um irgendeine Strömung, in der man einfach irgendetwas daherlabert.
Es ist denkbar, dass Mädchen ein größeres Sprachzentrum entwickeln, weil sie stärker angeregt werden, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren, als Jungen, die schweigend mit Autos spielen.
„Es ist denkbar.” Was soll das für eine Aussage sein? Donald Duck’s Entenhausen ist auch „denkbar”, ich kann das wunderbar denken. Trotzdem ist es falsch und reine Phantasie. Selbst wenn man das uminterpretiert in „Es ist möglich” – dann heißt das auch nur, dass man es untersuchen sollte, nicht dass es wahr ist. Aber auch das ist wieder typisch feministischer Theorie: Es wird einfach irgendetwas postuliert, weil man es denken kann. Übereinstimmung mit der Realität interessiert nicht.
Und so geht der Quatsch eben weiter.
Ich bin gerade unterwegs und habe nicht die Zeit, den gesamten Artikel auseinanderzunehmen. Aber der Leser kann das ja auch selbst. Oder einfach die Kommentare unter dem ZEIT-Artikel lesen, da sind einige gute dabei. Da haben einige Leute deutlich mehr Grips als die Autorin.
Apropos Autorin: Der Artikel stammt von einer „Eva-Maria Schnurr”. Falls das die da ist, wäre sie eine echte Blamage für die Journalistik. Denn solche Fehler, noch in solcher Häufung, dürfen Journalisten einfach nicht passieren. Von der Henri-Nannen-Schule hätte ich auch erwartet, dass sie das besser lehren. Heureka-Preis für Wissenschaftsjournalismus. Ich lach mir nen Ast. Und dann auch noch Dozentin und Lehraufträge an der Uni Hamburg.
Da schließt sich dann der Kreis. Denn wenn junge Journalisten sowas lernen, geht das gerade so weiter, oder in einer Abwärtsspirale nach unten.
Dafür, daß “etwas immer mehr in Mode” kommt, kann der Artikel aber schlecht herhalten, schließlich ist er schon etwas angestaubt. War aber trotzdem – inklusive der Leserkommentare – interessant zu lesen.