Ansichten eines Informatikers

Subtiles Fehlermarketing

Hadmut
5.11.2026 18:30

Ich hatte das schon mal beschrieben, sie machen es wieder.

In der Kamerabranche hat sich seit einigen Jahren eine Art des subtilen Marketings etabliert.

Früher war das so, dass die Kamerafirmen irgendwann zur Pressekonferenz geladen haben, und dann auf der Pressekonferenz eine neue Kamera vorgestellt haben. Das ist sie. Und dann haben die Fotozeitschriften, die ihre Reporter dahin geschickt hatten, darüber berichtet und jeder wusste, ach, das ist die neue Kamera.

Das funktionierte, als man so alle 10 Jahre ein neues Modell vorgestellt hat, es noch nicht so viele Kameras gab und die Leute sich noch aus Fotozeitschriften informiert haben. Heute funktioniert das aber nicht mehr. Denn erstens kommen Fotozeitschriften viel zu spät und haben inzwischen viel zu wenige Leser. Und zweitens sehen Kameras heute alle irgendwie gleich aus, und wenn pro Jahr ein, zwei neue Modelle pro Marke rauskommen, interessiert das keine Sau mehr, ob das Modell irgendwas jetzt Mark III statt nur Mark II hat.

Vor einigen Jahren ist mal irgendeiner Kamerafirma ein Fehler unterlaufen, sie haben versehentlich Bilder und Informationen über eine neue Kamera zu früh, vor der Vorstellung, auf einen Webserver gelegt. Was normalerweise ein Grund wäre, den Mitarbeiter zu feuern, stellte sich als Vorteil heraus. Auf einmal nämlich verbreitete sich die Geheiminformation wie ein Lauffeuer, jeder wollte dann wissen, ob die „geleakte“ Information stimmt und geiferte nach der – eigentlich stinklangweiligen – offiziellen Produktvorstellung.

Seitdem gibt es eine regelrechte Flut von „bedauerlichen Pannen“, bei denen immer wieder „versehentlich und ungewollt“ schön kleingeschnittene Informationsfetzchen in schönen Zeitabständen an die Öffentlichkeit geraten, um einen schönen Spannungsbogen aufzubauen. Und so Winke mit dem Zaunpfahl.

Nikon ist da besonders gut. Die packen nicht einfach so einen neue Kamera auf die Webseite. Neue Webseiten einzukopieren wäre eine Sache von 20 Sekunden, und dann erledigt. Nein, die machen da Drama, kündigen vorher groß Downtime an, dann ist der Server für Stunden down, damit jeder merkt „Oh, da ist was Großes im Gange“.

Dann hat irgendwo irgendeine Nikon-Niederlassung irgendwo am Arsche der Welt „versehentlich“ schon neue Produktinformationen „kurzzeitig“ auf ihrer Webseite, was sich dann natürlich wie ein Lauffeuer verbreitet.

Demnächst ist wieder eine neue APS-C-Kamera fällig. Weiß jeder, erwartet jeder, ist notwendig, weil sie die DSLR-Ära beenden wollen und dafür entsprechenden Ersatz bei den Spiegellosen anbieten müssen. Interessant ist eigentlich nur noch die Frage, ob sie Z70 oder Z80 heißen wird, und das ist eigentlich völlig egal.

Neulich schon tauchte aber irgendwo „versehentlich“ ein Hinweis auf die Z70 auf. Ich weiß nicht mehr, was es aber, aber in irgendeiner technischen Beschreibung tauchte der Verweis auf eine Kamera auf, die es noch nicht gibt. Das nimmt die Szene natürlich sofort auf. Und so werden da subtile Informationsbröckchen wie Ostereier versteckt und verteilt, damit sich die Aufmerksamkeit über Wochen so langsam aufbaut und die Leute gespannt darauf seien sollen, was da kommt.

Jetzt haben sie das wieder gemacht:

Sie kündigen eine Fernbedienung N2416 an, die den Normalkonsumenten kein bisschen interessiert. Sonder-Spezial-Zubehör für Sonder-Spezial-Profis. Interessiert normalerweise fast niemanden.

Nun ist das Ding aber für das Foto auf eine Kamera installiert. Interessiert auch kein Schwein. Sieht aus, wie alle Nikons und im weiteren alle modernen Digitalkameras aussehen.

Aber, ach: Das Ding ist genau so fotografiert, dass man auf dem Bild nicht nur unbeschriftete Tasten sieht, sondern auch eine ganz seltsame Taste, die bisher keine Nikon-Kamera hat.

Nun könnte man ja sagen: Was interessiert mich die Taste, wenn ich sowieso nicht weiß, wofür sie ist? Oder was interessiert mich einen unbeschriftete schwarze Taste?

Stattdessen gerät aber die Szene in Wallung: Verdammt, was ist das für eine Taste, die wir noch nicht kennen? Die noch nie eine Kamera zuvor hatte?

Und so raunt man über die geheimen Kanäle, dass niemand weiß, was für eine Taste das ist (vielleicht weiß man es noch gar nicht, weil die Software noch nicht fertig ist, aber das Marketing sagte, dass das Ding unbedingt eine neue Taste braucht, von der noch keiner weiß, was sie macht), und sofort ist die noch gar nicht vorgestellte Z70, von der man noch nichts weiß, außer dass sie eine Taste hat, von der niemand weiß, was sie tut, indem man einfach bestätigt, dass niemand weiß, was die Taste macht, weil das mit dieser Taste die noch unbekannte Z70 sei.

Und schon ist jeder gespannt, wann die Z70 endlich vorgestellt wird, weil jeder wissen will, was die verdammte Taste macht und warum die anderen Kameras sie nicht haben. Und was auf den Tasten steht, die auch andere Kameras haben, aber die noch unbeschriftet sind.

So geht subtiles Marketing.

Man stellte eine unbeachtliche Fernbedienung vor und zeigt – so ganz beiläufig und unbeabsichtigt – darunter eine Taste, die keiner kennt.

Denn „Nikon stellt die Z70“ vor, nachdem es schon Z30, Z50, Z50II, Z5, Z6, Z6II, Z6III, Z7, Z7II, Z8, Z9, Zfc, Zf, Zr gibt, würde keine Sau interessieren. Aber „Sie haben einen neue Taste, und niemand weiß, was sie macht“, das ist schon heftig. Das hält keiner aus, nicht zu wissen, was die Taste macht.